Ist das Böse banal?
Margarethe von Trotta setzt die Kontroverse um Hannah Arendts Reportagen über den Eichmann-Prozess in Szene
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Die deutsche Regisseurin Margarethe von Trotta ist bekannt dafür, geschichtsträchtige Frauenfiguren auf der Leinwand wieder zum Leben zu erwecken. Nach Rosa Luxemburg und Hildegard von Bingen porträtiert sie in ihrem neuesten Film mit Hannah Arendt (1906-1975) die bedeutendste politische Theoretikerin des 20. Jahrhunderts. Dabei steht jedoch nicht die Nacherzählung von Arendts bewegter Lebensgeschichte im Mittelpunkt, sondern die Entwicklung ihres Denkens. Dies gelingt von Trotta, indem sie sich auf die Jahre rund um die Entstehung von Arendts umstrittenster Veröffentlichung, ihre Reportagen über den Eichmann-Prozeß von 1961, konzentriert. Dabei nutzt sie geschickt den ausgedehnten Arendtschen Briefwechsel für dialogische Sequenzen; zugleich schreckt sie auch nicht vor Arendts Vorlesungen zurück und bietet so der Hauptdarstellerin Barbara Sukowa die Gelegenheit, das Arendtsche Denken ungefiltert auf der Leinwand zu entfalten. Filmisch kommt dies einer Entschleunigung gleich: Der Handlungs- und Spannungsbogen entwickelt sich in einer solchen Langsamkeit, dass dies geläufigen Sehgewohnheiten in bisweilen irritierender Weise zuwider läuft.
Inhaltlich gelingt dem – teils in Luxemburg gedrehten und in den Nebenrollen auch mit mehreren bekannten luxemburgischen Schauspielern besetzten – Film ein eindringliches Porträt der deutsch-jüdischen Exilgemeinschaften in New York und
Jerusalem. Nicht zuletzt aufgrund der Sympathien von Trottas für ihre Hauptfigur kippt die Darstellung von Arendts Denken aber bisweilen ins Einseitige. Die Konzentration auf Arendts moralphilosophische Überlegungen sowie ihre persönliche Integrität verstellen den Blick auf die scharfsinnige politische Theoretikerin. Dies gilt insbesondere für die Analysen zum Nationalsozialismus. Arendts Opus Magnum Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft, das sich thematisch gut in die Debatte um Eichmann hätte integrieren lassen, ignoriert der Film leider fast völlig. Dafür enthält er mehrere irritierende Rückblenden, die ohne rechten Zusammenhang mit dem Rest der Handlung Arendts Beziehung zu Martin Heidegger schildern.
Allerdings hat sich Hannah Arendt, was im Film nur bedingt deutlich wird, vor allem als politische Theoretikerin, nicht als Philosophin verstanden. Die Differenz zwischen Philosophie und Politik ist ein Schlüssel für ihr Denken. Der Unterschied liegt im jeweiligen Gegenstand: In der Philosophie geht es traditionellerweise darum, die Wahrheit und das Wesen der Dinge zu bestimmen. Das Politische hat es hingegen mit dem Handeln der Menschen in der gemeinsamen Welt zu tun. Es beinhaltet immer die Anerkennung der Pluralität der Menschen und eine Auseinandersetzung darüber, wie gemeinsam gehandelt werden soll. Anders als in der Philosophie und der Wissenschaft können die Ergebnisse des Handelns weder aus allgemeinen Gesetzen abgeleitet noch berechnet werden. Die Politik erfordert von den Beteiligten, sich über die verschiedenen Optionen ein Urteil zu bilden. Im gemeinsamen Handeln im Feld des Politischen realisiert sich Freiheit. Hannah Arendt zählt damit zu den modernen Vertreter-Innen
Heike Mauer
Nicht auf die Ausmaße der Verbrechen selbst, sondern auf jene Figur des Schreibtischtäters münzte Arendt die Formulierung von der „Banalität des Bösen“.
eines republikanischen Politikverständnisses. In ihren Büchern wie Über die Revolution oder Vita Activa zeigt sich gleichermaßen eine Verbundenheit mit dem emphatischen Politikbegriff der alten Griechen wie dem modernen Freiheitsideal der amerikanischen Revolution. Im politischen Tagesgeschäft mag Arendts Vorstellung, dass das Politische notwendigerweise mit dem Urteilen und der Freiheit verknüpft ist, heute antiquiert erscheinen. Hannah Arendt würde allen Versuchen, politische Entscheidungen aus vermeintlichen Sachzwängen abzuleiten, vehement widersprechen. Egal ob es um die Eurokrise, die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit oder die Kontrolle der Geheimdienste geht, das Politische entsteht immer erst durch die Möglichkeit, eine Entscheidung über reale Alternativen zu treffen.
Man kann diesen empathischen Begriff des Politischen bei Hannah Arendt nur durch ihre Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus verstehen. Die Frage, wie es zur großen Katastrophe des 20. Jahrhunderts, der Vernichtung der europäischen Jüdinnen und Juden, kommen konnte, war für sie auch eine Herausforderung allen bisherigen Denkens über Geschichte und Politik. Indem die totale Herrschaft alle klassischen Herrschaftstypologien sprengt und diese Arendt zufolge gerade keine weitere Form der Tyrannie war, vollzieht sich durch totale Herrschaft ein unheilvoller Traditions- und Zivilisationsbruch.
Konsequent analysiert Arendt vor allem den Nationalsozialismus in ihrem Buch Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft als eine Form der Antipolitik. Die Möglichkeit zum gemeinsamen Handeln wurde darin radikal zerstört. In der extremsten Form geschah dies in den Konzentrationslagern. Vor ihrer physischen Vernichtung wurden die Menschen dort
„überflüssig“ gemacht. Der erste Schritt auf diesem Weg zur Vernichtung bestand Arendt zufolge darin, Menschen rechtlos zu machen. Die antisemitische Weltanschauung diente dazu, die spezifische Verfolgung der Jüdinnen und Juden zu begründen. Zugleich löste sich der Antisemitismus immer stärker von jeglicher tatsächlich gemachter Erfahrung ab. Die Wirklichkeit wurde der Weltanschauung angepasst: Weil die nationalsozialistische Ideologie von einer Verschwörung des Weltjudentums phantasierte, agierten die Nationalsozialisten so, als ob diese tatsächlich existierte. Auf diese Weise immunisierte sich die totale Herrschaft gegenüber jeglicher Realität und Erfahrung. „An die Stelle des Prinzips des Handelns“, so Arendt, trat die „Präparierung der Opfer“.
Um die im Film beleuchtete Kontroverse zu verstehen, die Arendts Buch Eichmann in Jerusalem – Ein Bericht von der Banalität des Bösen auslöste, lohnt es, sich in die 1960er Jahre zurückzuversetzen. Damals war das Sprechen über die Shoah, die nationalsozialistische Judenvernichtung, ein Tabu. Die Überlebenden kämpften nicht nur damit, ihre persönlichen Erlebnisse zu verarbeiten, sondern auch mit der realen Angst, eine solche Katastrophe könnte sich jederzeit wiederholen. Das Schockierende des moralischen Zusammenbruchs, für den Auschwitz steht, liegt ja gerade darin begründet, dass sich Verbrechen von solch unermesslichem, grauenvollem Ausmaß mitten in Europa, im modernen, „zivilisierten“ Deutschland ereignen konnten.
In der Bundesrepublik bestand Anfang der 1960er Jahre kaum Interesse an einer konsequenten strafrechtlichen Verfolgung des nationalsozialistischen Unrechts. Fritz Bauer, der hessische Generalstaatsanwalt und Initiator der Auschwitz-Prozesse, die ab 1963 in Frankfurt verhandelt wurden, beschrieb das damalige Klima in Deutschland sehr eindringlich: „Wenn ich mein Zimmer verlasse, betrete ich feindliches Ausland.“
Als es dem israelischen Geheimdienst 1960 gelang, den ehemaligen SS-Mann Adolf Eichmann, der im Reichssicherheitshauptamt die Deportationen der europäischen Jüdinnen und Juden in die Vernichtungslager organisiert hatte, in Argentinien zu verhaften und nach Israel zu verbringen, stellte die BRD trotz eines Antrags von Fritz Bauer keinen Auslieferungsantrag. Hannah Arendt nahm am folgenden Prozess in Jerusalem als Beobachterin teil und veröffentlichte ihre Eindrücke als Artikel in der Zeitschrift The New Yorker, die kurz darauf als Buch erschienen. Ihr Bericht von der Banalität des Bösen löste vor allem in der US-amerikanischen und der israelischen Öffentlichkeit eine bislang ungekannte Kontroverse aus, die auch vor Arendts engerem
Hannah Arendt (Barbara Sukowa) mit ihrem Jugendfreund Hans Jonas (Ulrich Noethen) in der New Yorker New School (© Heimatfilm)
Freundeskreis nicht Halt machte. Der Film veranschaulicht dies unter anderem durch den Bruch zwischen Arendt und Hans Jonas.
Dabei muss die Debatte um Arendts Formulierung über die Banalität des Bösen, ihre Position zu den Judenräten und ihr Vorwurf, der Staat Israel instrumentalisierte den Prozess, primär als eine innerjüdische Kontroverse verstanden werden. Viele der Beteiligten ließen sich von der Frage leiten, wie eine jüdische Position in der Auseinandersetzung mit dem nach wie vor virulenten Antisemitismus gestärkt werden könnte. Wie diese Position genau auszusehen habe, darüber stritten sich Arendt und ihre Freunde. Die Notwendigkeit sich als Jüdin zu verteidigen, wenn man als solche angegriffen wird, erkannte Hannah Arendt dabei stets an. Bezüglich der Herausforderung, diese innerjüdische Dimension für die heutige, mehrheitlich nichtjüdische, Öffentlichkeit in Luxemburg, aber auch in Deutschland nachvollziehbar zu machen, offenbart der Film seine größte Schwäche. So bleibt etwa Arendts Analyse der Verweigerungshaltung der deutschen Öffentlichkeit, die NS-Verbrechen als Unrecht anzuerkennen, im Film gänzlich unerwähnt. Indem von Trotta den historisch verbürgten Ereignissen und Originalzitaten von Arendt auch eine frei erfundene Szene hinzufügt, in der Arendt vom israelischen Geheimdienst genötigt werden soll, von einer weiteren Veröffentlichung ihres Berichts abzusehen, trägt der Film auch zu einem Ressentiment-geleiteten Israelbild bei.
Doch mit was genau erregte Hannah Arendt in der damaligen Öffentlichkeit Anstoß? Erstens sah Arendt in Eichmanns Person nichts Monströses, sondern nur Durchschnittlichkeit und Mittelmäßigkeit. Für Arendt war Eichmann kein fanatischer Judenhasser und es war nicht primär sein Antisemitismus, sondern seine schiere Gedankenlosigkeit, seine Unfähigkeit zu denken und über die Konsequenzen seines eigenen Handelns zu urteilen, die Eichmann zu einer solch maßgeblichen Figur bei Durchführung der Judenvernichtung werden ließen. Nicht auf die Ausmaße der Verbrechen selbst, sondern auf jene Figur des Schreibtischtäters münzte Arendt die Formulierung von der „Banalität des Bösen“. In den Augen der Opfer klang dies dennoch nach Verharmlosung und Verniedlichung. Dass die NS-Täter nichts Übermenschliches, Dämonisches an sich hatten, barg zugleich eine sehr beunruhigende Einsicht. Es zeigte sich, dass ganz normale Männer willens und fähig waren, sich an einem „Verwaltungsmassenmord“ (Arendt) zu beteiligen. Und obwohl die historische Forschung Eichmanns Auftreten vor Gericht mittlerweile als eine Verteidigungsstrategie entlarvt hat und inzwischen Belege für seinen glühenden Antisemitismus vorliegen, ist Arendts Analyse
des Typus des „Schreibtischmörders“ bis heute von beklemmender Aktualität.
Zweitens wurde Arendts Bericht dafür kritisiert, dass sie die Rolle der sogenannten Judenräte und der jüdischen Gemeindevorstände, die als Ansprechpartner der Nationalsozialisten in Deutschland, in den besetzten Gebieten und insbesondere in den Ghettos gedient hatten, als „Kooperation“ bezeichnete. So schrieb sie: „Wäre das jüdische Volk tatsächlich unorganisiert […] gewesen, […] die Gesamtzahl der Opfer hätte schwerlich die Zahl von […] sechs Millionen Menschen erreicht.“ Diese Formulierung löste vor allem unter den Überlebenden eine ungeheure Empörung aus. Hannah Arendt wurde vorgeworfen, den Juden eine Mitschuld an ihrer eigenen Vernichtung zu geben. Betrachtet man nur das Eichmann-Buch ist es schwierig, diesen Vorwurf zu entkräften, weil Arendt ihre Aussagen darin nicht kontextualisiert und nicht die Bedingungen schildert, unter denen die Judenräte gezwungen waren, ihre Entscheidungen zu treffen. Sie differenziert auch nicht stark genug zwischen den verschiedenen Phasen der NS-Vernichtungspolitik. Hingegen entlarvte Arendt in Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft die moralischen Dilemmata der Opfer als Teil der nationalsozialistischen Herrschaftsstrategie: „In der Schaffung von Lebensbedingungen, in denen Gewissen schlechthin nicht mehr ausreicht und das Gute unter keinen Umständen mehr getan werden kann, wird die bewusst organisierte Komplizität aller Menschen an den Verbrechen totalitärer Regime auch auf die Opfer ausgedehnt und damit wirklich ‚total‘ gemacht.“ Auf diese Spannungen im Arendtschen Denken geht der Film jedoch nicht ein und inszeniert Arendt stattdessen als einzig Aufrechte, die es wagt, auch unbequeme Wahrheiten auszusprechen. ♦
Hannah Arendt (Barbara Sukowa) im Pressesaal während des Eichmann-Prozesses in Jerusalem (© Heimatfilm)
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