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Über die Absurdität des wissenschaftlichen Alltags

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Die Chambre de Commerce ist ein feines Haus. Groß, edel, man verliert sich in der Architektur. Im Flur macht ein luxemburgisch-chinesischer Wirtschaftskongress Pause, 200 schwarze Anzüge, Fischhäppchen. Daneben mein Ziel: eine Gruppe von Wissenschaftlern, die in der Forschung tätig sind, oder sich das wünschen. Selbstgeschnittene Frisuren, manch ein abgetragener Pullover.

Heute ist CORE Information Day – Unterrichtung zukünftiger Antragsteller für wissenschaftliche Forschungsprojekte. Gelder für diese Projekte werden verwaltet vom „Fonds National de la Recherche Luxembourg“ (FNR). Die normalerweise auf 2 bis 3 Jahre befristeten Projekte, die dann an Forschungsinstitutionen wie der Universität durchgeführt werden, sind inzwischen eine übliche Form der Forschungsfinanzierung – anstelle unbefristeter Arbeitsverträge. In Luxemburg ist die Bewilligungsrate dabei noch höher als in den meisten anderen Ländern.

Wie sagte unser Universitätsrektor neulich zu den Mitarbeitern? You are the brain. Aber alle großen Worte sind ein Kontrast zur prekären Situation vieler Wissenschaftler heute. Die meisten sorgen sich wegen ihrer Zeitverträge. Eine Familie dauerhaft ernähren wollen? Selber schuld! Soll man doch:

  • a) reich erben,
  • b) reich heiraten oder
  • c) Wissenschaft ins Kloster verlegen, wie früher.

Die Teilnahme am universitären Welcome Day der Abteilung human resources ist obligatorisch. Wenn aber Verträge auslaufen, wird noch am selben Tag das E-Mail-Konto gesperrt. Dahinter steckt Angst vor dem Einklagen von Festanstellungen, denn Kettenverträge sind arbeitsrechtlich verboten. Im Hochschulbereich sind sie aber – nicht nur in Luxemburg – die gängige Praxis. Um diese zu verschleiern, werden Zwangspausen verordnet. Eine Freundin, Verfasserin einer exzellenten Dissertation, sagte mir neulich, sie würde gerne weiter in der Forschung arbeiten, aber sie gehe nun in den Schuldienst. Warum? „Ich möchte irgendwann nicht mehr davon abhängig sein, ob Leute den Daumen über mich heben oder senken.“ Sie hat Recht. So verlassen viele Wissenschaftler die Forschung dann, wenn sie am besten ausgebildet sind.

Networking sei heute entscheidend, so ein Credo der FNR-Veranstaltung. Schwierig, wenn eine beständige E-Mail-Adresse verweigert wird. Gewollt sei scientific excellence. Mein Vordermann ist promoviert, jetzt will er wissen, ob man auch ohne festen Arbeitsvertrag ein Projekt leiten könne. Der Principal Investigator (PI, sprich: „Pi Aii“) müsse seine Vertragssituation erst mit der Forschungsinstitution klären, erfährt er. The selection process wird beschrieben. Excellent und ambitious sollen die Projekte sein. Ein abgelehntes Projekt könne ja wiedervergelegt werden, man müsse halt dann ein bisschen warten, sagt freundlich der Leiter des FNR. Viele Zuhörer im Raum sehen allerdings nicht so aus, als könnten sie anderthalb Jahre Arbeitslosigkeit mit ungewissem Ausgang überbrücken. Die deadlines werden erklärt und die final selection.

Feedback erwünscht?

  • a) auch englische Floskeln bedürfen einer sprachkritischen Prüfung
  • b) schlechte Wörter bleiben schlechte Wörter – auch wenn sie englisch sind

High impact – das sei das Wichtigste, wenn Forschungsprojekte bewilligt werden sollen. Was genau heißt nochmal impact? „Ich glaube ‚Inhalt‘ oder ‚sowas‘“, mutmaßt meine Nachbarin. „Ach nein, jetzt hab ich’s ‚Schlagkraft‘, high impact heißt meine Wimperntsuche.“ Jetzt ist Englisch auch für die Forschungsanträge in Luxemburg Pflicht, Luxemburgisch, Französisch oder Deutsch darf im Antrag nicht benutzt werden. Auch dann nicht, wenn es sich beispielsweise um ein romanistisches Projekt handelt und alle Fachgutachter Französisch vermutlich besser als Englisch verstehen. Diese Mode einer Informationssprache, von den meisten unvollkommen beherrscht, wurde von Philologen schon verspottet: „Eine Lingua franca als Lingua fracta, sie wäre Goethe als Rückkehr der Barbarei vorgekommen“.

Gut, dass es inzwischen die research facilitators an der Universität gibt. Sie helfen den Wissenschaftlern, die application guidelines einzuhalten. So ähnlich wie die Hochschulteams beim Job Center, im Arbeitsamt. Anträge sind nämlich eine Wissenschaft für sich. We wish you high impact – äh – good luck!

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