„Ein tiefer Bruch“
Interview mit Herfried Münkler, Autor von Der Große Krieg, über die Bedeutung des Ersten Weltkriegs für die europäische Geschichte und möglichen Analogien zu heute
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Interview mit Herfried Münkler, Autor von Der Große Krieg, über die Bedeutung des Ersten Weltkriegs für die europäische Geschichte und möglichen Analogien zu heute
Die Geschichtswissenschaft ist sich nahezu einig, dass der Erste Weltkrieg als „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“ zu verstehen ist, eine Bezeichnung die auf den US-amerikanischen Historiker und Diplomaten George F. Kenan zurückgeht. Auch Sie greifen diesen Begriff in ihren Büchern auf und argumentieren ferner, dass der Krieg die Welt nachhaltig und dramatisch veränderte. Bedeutet dies im Umkehrschluss: ohne Attentat in Sarajewo kein Hitler?
Herfried Münkler: Mit letzter Sicherheit lässt sich kaum sagen, dass es nicht zum Faschismus in Italien oder zum Nationalsozialismus in Deutschland gekommen wäre, wenn Gavrilo Princip am 28. Juni 1914 in Sarajewo den österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand nicht erschossen hätte. Es ist ja nicht auszuschließen, dass ein anderes Ereignis mit einer entsprechenden Verkettung von Zufällen zum großen Krieg geführt hätte. Aber man wird doch sagen können, dass dieser Krieg nicht determiniert war, dass er sich hätte vermeiden lassen, wenn die Politik klüger und geschickter agiert hätte, und dass bei einer Vermeidung dieses Krieges die Geschichte des 20. Jahrhunderts in Europa grundlegend anders verlaufen wäre. Das gilt dann im Übrigen nicht nur für die Vermeidung Hitlers, sondern auch für die Lenins und Stalins, also für den dann nicht an die Macht gekommenen Bolschewismus in Russland usw.
Der Erste Weltkrieg war aber nicht nur darum die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts, weil er ausgebrochen ist und sich nicht auf den Balkan hat begrenzen lassen, sondern er war es vor allem, weil es nicht gelungen ist, ihn nach einigen Monaten wieder zu beenden. Die Folge war, dass er sich tief in die
sozialen Strukturen und die wirtschaftliche Ordnung Europas hineingefressen und diese zerstört hat. Das betrifft nicht nur die Millionen Gefallenen dieses Krieges, sondern auch die Verwandlung dessen, was man mit dem Historiker Reinhart Koselleck den Erfahrungsraum und Erwartungshorizont Europas nennen kann: Nach diesem Krieg war das Vertrauen der Menschen in einen kontinuierlichen Fortschritt, der zu einer Mehrung des Wohlstands führte, zerstört. Die Gewalt bekam bei der Neuordnung der politischen Strukturen und der gesellschaftlichen Ordnung von vielen, auch der politischen Rechten wie der Linken, eine Bedeutung zugesprochen, die sie zuvor nicht gehabt hatte. Das 19. Jahrhundert war, wenn wir es im Jahre 1815 mit dem Wiener Kongress beginnen lassen, ein wesentlich friedliches Jahrhundert, und die Kriege, die während des Jahrhunderts in Europa geführt wurden, waren räumlich begrenzt und haben auch nicht lange gedauert. Auch deswegen wurde der Erste Weltkrieg zum tiefen Bruch: Er wurde als Erschöpfungskrieg geführt, und das erst hat die Ordnung Europas so tiefgehend verändert.
War der Erste Weltkrieg ein Modernisierungsfaktor oder ein Entwicklungsbremsen?
H. M.: Natürlich lief der Krieg in mancher Hinsicht auf einen ungeheuren Entwicklungsschub hinaus, vor allem bei der Waffentechnik: Das gilt nicht nur für Panzer und Giftgas, sondern auch für die Seekriegführung, etwa die forcierte Weiterentwicklung von U-Booten, vor allem aber für den Luftkrieg, bei dem Jagdflugzeuge entwickelt wurden, aber auch strategische Bomber. Die Militarisierung des
Herfried Münkler, Der Große Krieg. Die Welt 1914–1918, Berlin, Rowohlt, 2013, 928 Seiten
Amerikanische Truppen in Luxemburg am 21. November 1918 (CC-BY-SA, André Schoup)
Satire zur Luxemburger Hungerkrise 1916 (CC-BY-SA, D. Heltemes)
Luftraums hat eine Entwicklung in Gang gesetzt, die eine räumliche Begrenzung des Krieges auf so genannte „Kriegsschauplätze“ unmöglich machte. Erst durch den Luftkrieg hat der Krieg alle bisherigen Fesselungen abgeworfen. Zweifellos ist das strategische Bombardement erst im Zweiten Weltkrieg in seinem ganzen Schrecken entfesselt worden, aber die Voraussetzungen dafür sind allesamt bereits im Ersten Weltkrieg gelegt worden.
Andererseits muss man auch festhalten, dass dieser Krieg Entwicklungen gebremst oder unterbrochen hat: Das Niveau der ökonomischen Verflechtung der Staaten als Indikator der Globalisierung vor 1914 wurde erst in den 1970er Jahren wieder erreicht. Nach dem Krieg zogen sich die Volkswirtschaften gleichsam auf sich selbst zurück, man suchte wirtschaftliche Autarkie, kapselte sich gegeneinander ab und blockierte so eine dynamische wirtschaftliche Entwicklung. Allerdings muss man aber auch sagen, dass es im Gefolge des Krieges zu einem gewaltigen Schub der Sozialstaatsentwicklung gekommen ist. Der moderne Sozialstaat, wie wir ihn in Europa kennen, ist in dieser Form wesentlich das Ergebnis des Krieges, in dem die Staaten den Familien die Ernährer genommen haben, um sie ihnen dann als Todesanzeige oder als Krüppel zurückzuerstatten. Also musste der Staat jetzt für die Familien sorgen. Unter diesen Umständen wurde 1918 der Kriegführungsstaat in den Sozialstaat verwandelt, d. h. der grausame Staat nahm nun Züge von Fürsorglichkeit an. Er wurde zum „Vater Staat“.
Inwieweit gibt es Parallelen zwischen 1914 und 2014? Können wir aus der Beschäftigung mit dem Großen Krieg lernen?
H. M.: Ich würde nicht von Parallelen sprechen, sondern eher von Analogien, die man ziehen kann, um im Feld der Ungewissheit, in dem sich Politik gelegentlich bewegt, Hinweise zu bekommen, was man vielleicht besser nicht tun sollte. Wir haben heute, wie vor 100 Jahren, das Problem, dass das westeuropäische Modell des Nationalstaats auf Mittel- und Ostmitteleuropa nicht ohne Weiteres passt, d. h., dass hier Territorium und Nationalität nicht ohne Weiteres zur Deckung zu bringen sind. Das hat sich bereits in den jugoslawischen Zerfallskriegen gezeigt, zeigt sich seit längerem in der Kaukasusregion und hat nun auf die Ukraine übergegriffen. Dazu gehört auch, dass die politisch-militärische Führung in Moskau heute von ähnlichen Niedergangsängsten und Einkreisungsobsessionen geplagt ist, wie die meisten Akteure vor 1914. Und wenn wir nach Ostasien blicken, sehen wir China in der Position des wilhelminischen Deutschlands, ein politisch tapsiger Akteur, der eine ungeheuer dynamische ökonomische Entwicklung an den Tag gelegt hat. Er wird von seinen Nachbarn misstrauisch beobachtet und neigt dazu, sich gegen sie in einer Weise zu positionieren, dass diese Nachbarn antihegemoniale Koalitionen schließen: Die Folge sind dann abermals Einkreisungsvorstellungen, in diesem Fall bei China. Das größte Problem scheint mir aber darin zu liegen, dass die Chinesen seit ihrer Verwandlung aus einem Agrarland in eine Industriemacht von Rohstoffzufuhren über See und vom Export der Fertigprodukte über See abhängig geworden sind, und das bringt sie in zunehmende Distanz zur führenden Seemacht: eine Rolle, die 1914 die Briten und heute die USA inne haben. Das Deutsche Reich hat in den beiden Jahrzehnten vor dem Krieg eine Kriegsflotte aufgebaut, mit der die Briten herausgefordert wurden, und
Wir haben heute, wie vor 100 Jahren, das Problem, dass das westeuropäische Modell des Nationalstaats auf Mittel- und Ostmitteleuropa nicht ohne Weiteres passt […]
man kann die jüngsten Investitionen der Chinesen in ihre maritime Rüstung durchaus ähnlich sehen, dieses Mal als Herausforderung der USA. Das sind Analogien, aber keine Parallelen, weil wir ja noch nicht wissen, wie die Dinge weitergehen werden.
Der Erste Weltkrieg nimmt eine sehr unterschiedliche Rolle in den jeweiligen Erinnerungskulturen der europäischen Nationen ein. Während einige Nationen einen sehr offensiven nonchalanten Umgang mit dem Ersten Weltkrieg pflegen, haben andere Nationen Schwierigkeiten eine einheitliche Erinnerungspolitik zu formulieren. Welche Gründe machen Sie aus, dass sich einige europäische Nationen so schwer tun im Umgang mit dem Großen Krieg?
H. M.: An den Krieg wird sich in den europäischen Ländern unterschiedlich erinnert, weil er für sie eine unterschiedliche Rolle gespielt hat: Deutsche und Franzosen sind sich darin ähnlich, weil sie beide auf längere Sicht unter dem Krieg und seinen Folgen furchtbar gelitten haben – und zwar unabhängig davon, ob sie militärisch nun Sieger oder Verlierer waren. So herrscht in beiden Ländern eine melancholische Grundstimmung vor. Vielleicht kann man die Belgier auch noch zu dieser Gruppe rechnen, auch die Luxemburger.
In Großbritannien sieht es in vieler Hinsicht anders aus: Da gibt es auf der einen Seite die eher kleinere Gruppe derer, die darauf hinweisen, dass sich mit dem Eintritt in den Ersten Weltkrieg der Niedergang des Empire beschleunigt hat und Großbritannien, das als der Gläubiger der Welt in den Krieg eintrat, als Schuldner der USA herauskam. Aber dieser Sicht steht die große Gruppe derer gegenüber, die das nicht wahrhaben will und deswegen umso mehr von einem Sieg spricht bzw. von einem guten Krieg, indem sie Kaiser Wilhelm II. und Adolf Hitler ganz nah aneinander rücken – was historisch falsch ist.
Und schließlich gibt es noch die Staaten Mitteleuropas, die als Nationalstaaten im Gefolge des Ersten Weltkrieges wieder entstanden sind, Finnland, die baltischen Staaten, Polen und die vielen Länder, die aus der Donaumonarchie hervorgegangen sind. Die sehen den Krieg auf ihre eigene Weise, jedenfalls dann eher positiv, wenn sie sich im Gefolge des Krieges als Nation politisch konstituiert haben und haben halten können. Insofern kann und wird es keine einheitliche europäische Erinnerung an diesen Krieg geben, aber es gibt eine deutsch-französische Gemeinsamkeit, in der das Ringen um die europäische Hegemonie als Verhängnis begriffen wird und aus der heraus die deutsch-französische Achse als zentrales Element der europäischen Union einen Teil ihrer politischen Überzeugungskraft bezieht.
Deutsche Truppen verlassen Luxemburg am 20. November 1918 (CC-BY-SA, André Schoup)
Sehen Sie die Möglichkeit, dass der Erste Weltkrieg zu einem gemeinsamen europäischen Erinnerungsort werden könnte?
H. M.: Nein, eigentlich sehe ich die Möglichkeit nicht. Wie gesagt, es gibt aber eine gemeinsame Erinnerung, einen Erinnerungsort in dem von Ihnen angesprochenen Sinn, bei Deutschen, Franzosen, vielleicht auch Luxemburgern, vermutlich auch Belgiern. Aber das ist eben nur ein Teil des Krieges, sozusagen die deutsche Westfront, und nicht der ganze Krieg. Aber Europa ist inzwischen auch politisch, sozial, wirtschaftlich und kulturell viel zu heterogen, als dass es einen einzigen Erinnerungsort haben könnte. Für das europäische Zentrum jedoch ist diese gemeinsame Erinnerung wichtig, eigentlich unverzichtbar, und da kommt es nicht darauf an, dass sich in London oder Sarajewo des Krieges auf unterschiedliche Weise erinnert wird. ♦
Das Interview fand per E-Mail statt, die Fragen stellte Pol Schock.
Alle Fotos stammen von http://www.europeana1914-1918.eu.
Erster Weltkrieg in Echtzeit
Wer den Ersten Weltkrieg im Internet per Live-Ticker hundert Jahre später verfolgen möchte, kann die Adresse @realtimeWW1 auf Twitter verfolgen. Im Rahmen eines mehrsemestrigen Projektseminars erzählen Studenten des Historikers Benoît Majerus der Universität Luxemburg die Geschichte des Ersten Weltkriegs in jeweils 140 Zeilen. Über die nächsten vier Jahre werden die Studenten die Ereignisse aus unterschiedlicher Perspektive in Kurznachrichten verpacken und zum entsprechenden Datum veröffentlichen.
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