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Du kennst mich sicher. Als ich getauft wurde, habe ich ganz laut geschrien, und der Pfarrer wurde ganz böse. Damals hast Du sicher geglaubt, daß ich ein böses Kind bin, weil ich die ganze Kirche vollgeschrien habe und das schöne Fest verdorben habe. Nur mein Vati war stolz auf mich. Er hat gesagt, mit meiner lauten Stimme würde ich bestimmt einmal ein guter Chorknabe werden und vielleicht am Oktavsonntag in der Kathedrale singen dürfen. Bitte, lieber Gott, sei mir nicht böse, daß ich damals so unartig war. Aber das Wasser, das mir der Mann mit der weissen Schürze über den Kopf geschüttet hat, war ganz kalt. Und er hat soviel davon über mich geschüttet, daß ich mich fast verschluckte. Das war ja nicht meine Schuld.
Lieber Gott, ich war immer ein braves Kind. Nur einmal habe ich im Religionsunterricht nicht aufgepasst. Und deshalb konnte ich nicht wiederholen, was der Kaplan gesagt hatte. Da musste ich mich vor das Kreuz in unserer Klasse knien und meine Hände ausstrecken. Dann hat der Kaplan mir zwanzig Pfotenhiebe gegeben und jedesmal musste ich wiederholen, was der Kaplan gesagt hatte: "Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst." Und nachher waren meine Finger ganz blau, und ich konnte zwei Tage lang keine Hausaufgaben mehr schreiben. Lieber Gott, da war ich sehr böse mit Dir. Ich habe Dir aber sonst immer gehorcht. Einmal, als ich von einem anderen eine Ohrfeige gekriegt habe, habe ich mich gar nicht gewehrt, weil der Kaplan ja gesagt hat, Du hättest gesagt, man solle jedem, der einen gern schlägt, seine Wange hinhalten. Aber als ich Vati dann erzählt habe, daß
Zeichnung: Jals
R-F. 12/78
ich mich nicht gewehrt habe, hat er über mich gelacht und gesagt, daß ich ein Feigling bin und nie zu etwas im Leben kommen werde, wenn ich mich nicht wehren dürfe. Lieber Gott, warum hat mein Vati, der auch immer in die Kirche geht, über mich gelacht? Ich habe doch nur das getan, was Du mir gesagt hast.
Lieber Gott, ich habe gelesen, daß ganz früher, als es noch Ritter und so gab, die Pfarrer immer die bösen Frauen, die nicht beten wollten, verbrannten. Da war auch ein Bild, und darauf war eine Frau, die hat geweint, weil man unter ihren Füssen Stroh angezündet hatte. Und daneben stand ein Bischof mit einem Kreuz und einem Rosenkranz in der Hand. Lieber Gott, warum hast Du da nicht etwas gemacht? Du hast doch gesagt, daß niemand dem anderen weh tun darf. Oder habe ich das nicht so richtig verstanden?
Lieber Gott, in der Kirche bin ich immer Messdiener. Und am Sonntag sammelt man oft für die hungrigen Kinder in Afrika, und der Pfarrer sagt dann, jeder müsse ganz viel spenden, denn dann komme er leichter in den Himmel. Und nachher ist dann der
Sammelkorb ganz schwer, und ich kann nur mit Mühe tragen. Aber gestern habe ich auf dem Fernseher gesehen, daß immer mehr Kinder in Afrika verhungern. Aber der Bauch von unserm Pfarrer wird immer dicker und er hat sich auch neue Kleider für die Messe bestellt, weil die alten ihm nicht gross genug mehr sind. Und wir haben auch eine neue Orgel in der Kirche. Lieber Gott, wäre es nicht besser, den Kindern in Afrika das Geld für die Kleider zu schicken?
Und der Pfarrer wohnt auch in einem schönen Haus, das viele Zimmer und einen schönen Garten hat. Er hat auch eine Köchin und einen grossen Keller mit vielen Weinflaschen, die er dann in der Messe trinken muss. Aber der Mario, der bei mir in der Klasse ist, und dessen Vater auf dem Bau arbeitet, wohnt auf einer Mansarde und liegt mit zwei Brüdern in einem Bett. Lieber Gott, sag doch dem Pfarrer, daß er Mario sein Haus geben soll.
Lieber Gott, ich bin oft auf Begräbnissen, um dem Pfarrer den Eimer mit dem Weihwasser zu halten. Und da habe ich dann gesehen, wie schön das Begräbnis von Herrn Müller war; da waren ganz viele Kränze und ein schöner Sarg und sehr viel Orgelmusik nachher in der Messe. Aber der Opa von Mario wurde viel schneller und nicht so schön begraben. Ist das, weil Herr Müller immer einen Schein für die hungrigen Kinder
Mir hun, an ech mengen dir och, dax falsch
Virstellunge von der Kierch, déi e wéineg –
looss mer ët roueg son – och vun der Kierch
kommen, well se dax e falscht Bild gët vun
deem wat eigentlech Christus vun der Kierch
erwaart: daß di Gemeinschaft déi d’Wuert Got-
tes opgeholl huet dach nët ëmmer nom Wuert
Gottes gelieft huet, mä ënner de Regele vun
dëser Welt an eben eng Muecht wollt ausüben
an dëser Welt amplaatz di Botschaft vun der
Lëift a vun der Fräiheet a vun der Gereech-
tegkeet weider ze gin. An ech mengen dat as
och geschitt am Lëtzeburger Land.
Bëschof Jean Hengen
Pélé-des-Jeunes 1980
gespendet hat, und der Opa von Mario nur eine Münze?
Lieber Gott, schreib mir schnell, warum das, was
ich Dich gefragt habe, so ist, und auch, wie es dem
Opa von Mario geht, denn sonst bist Du nicht mehr
mein wahrer Freund.
Camille Faber
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