Vermessene Heimat

Die Erfindung der kulturfreien Stadt

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Guy Rewenig Text Guy W. Stoos Cartoons

Die Erfindung der kulturfreien Stadt

Ende September treffen sich im Escher Stadttheater etliche nimmermüde Kombattanten der Kultur. Sie sind vom Direktor geladen, über ein schwieriges Thema mit zahllosen Verzweigungen und Verknötungen, sicher auch Verknörpelungen und Verwachsungen zu diskutieren: "Europe culturelle 2000". Die Teilnehmer am Kolloquium kommen aus halb Europa. Eine ihrer gewichtigen Hausaufgaben heißt: "La fin des utopies ou la nécessité de nouvelles visions?" Zum Debattieren dieses Themas eignet sich die Stadt Esch vorzüglich. Die Stadtführer glänzen neuerdings durch außerordentlichen Fleiß beim Zertrümmern der Utopien und beim mutwilligen Verhindern der Visionen. Esch wird langsam eine kulturfreie, globale Fußgängerzone. Es herrscht das überlebensgroße Schattenkabinett der Händler und Kommerzanten. Nicht der denkende Bürger ist gefragt, sondern der kaufgeile Geldausgeber. Dem tumbens Konsumenten ohne Widerstand wird der rote Teppich ausgerollt, architektonisch und moralisch. Attraktivität ist mittlerweile nichts anderes als Kaufkraft plus Vernunftbereinigung plus ein bißchen Zinglabum für motivationsmüde Käufer. Esch ist eine außerordentlich attraktive Stadt. Das Stadttheater ist inzwischen von der schönen, raumgreifenden, endlosen Fußgängerzone umzingelt. Mitten im Kommerz bäumt sich die Kultur. Vielleicht gerät das Kolloquium zur schrägen Veranstaltung. Vielleicht finden sich in der geplanten "Résolution d’Esch-sur-Alzette", Manifest für das angebrochene Jahrzehnt, wirklich ein paar wundervoll rücksichtslose und freiheitliche Absichtserklärungen. Vielleicht gerät sogar die Stadt Esch selber ins Kreuzfeuer der Querulanten. Schön wär’s. Und überaus notwendig dazu. Aber drinnen ist drinnen, und draußen regiert der schnöde Mam-

mon. Drinnen wird debattiert und kunstvoll sinniert. Draußen, vor aller Augen, räumen die Stadtväter auf mit dem bloßen Gedanken an Kultur. Das Stadttheater ist eine Wagenburg. Da dürfen die freien Narren der Freiheit ein Ständchen bringen.

Da ist ein Bürgermeister, der die Teilnehmer am internationalen Kolloquium zum Empfang ins Stadthaus lädt. Selbstverständlich wird er eine Ansprache halten, die das Herz aller Kulturliebhaber höher schlagen läßt. Es werden geradezu erotisierende Verben durch den Raum schwirren: Emanzipation, Gleichheit, geistige Ressourcen, intellektuelles Potential, friedliche Zukunft. Aber zugleich führt dieser Bürgermeister Krieg gegen das Fundament der Kultur. Das Fundament der Kultur ist die Freiheit der Menschen, ungestört ihre eigenen Ansichten und Anschauungen zum Ausdruck zu bringen. Neulich hat dieser Bürgermeister seine Polizeitruppe auffahren lassen gegen eine Handvoll friedlicher Demonstranten. Mitglieder des "Mouvement écologique" hatten wie jedes Jahr die "Journée française" – eine Waren-Peepshow des städtischen Geschäftverbandes- genutzt, um auf die ständige Gefährdung der Escher Bürger durch die atomare Schrottmühle von Cattenom hinzuweisen. Der Bürgermeister gab den Ordnungshütern den Befehl, Transparente abzureißen, Schrifttafeln zu konfiszieren und anschließend zu verbrennen. Das ist im Lande Luxemburg ein beispielloser Vorgang. Mit den Insignien und Symbolen der Demonstration wird die Demonstration liquidiert. Der Demonstrant ist nur mehr ein unliebsamer Störenfried im Reservat der Konsumbesessenen. Formal ist der Bürgermeister selbstverständlich auch gegen Cattenom. Aber der Protest soll bitte nichts Konkretes haben. Er soll keinen Namen tragen und vor allem kein menschliches Gesicht. Er soll sich jeder Identifizierung versperren, anonym bleiben und ineffizient. Auf diese Weise läßt sich wunderbar protestieren im vollen Einverständnis mit jenen, die der Protest visiert. Die französische Diplomatie soll nicht verschreckt werden. Der Escher Geschäftsverband noch weniger. Der Bürgermeister ist ein mutiger Mann. Er hält seine Stadt frei vom Schmutz der Kontestation. Die Kulturarbeiter im alten Schlachthof sind für ihn nichts anderes als Stadtstreicher, die sich als Kunstmacher tarnen. Vielleicht wird er verordnen, die Fußgängerzone radikal auszudehnen, über die "Kulturfabrik" hinweg und alle anderen Erker und Winkel der autonomen Kultur. Der Fußgänger mit dem stets lockeren Geldbeutel und dem stets warenhungrigen Blick wird vermutlich der Kulturträger par excellence im Jahr 2000 sein. Mit diesem Bürgermeister kommt er schneller zu seinem Recht.

Im Stadttheater wird also über die europäische Freiheit ein beeindruckender Diskurs geführt. Vermutlich wird Europa auftreten als Phantom und Attrappe. Denn in seinen Einzelteilen ist Europa dabei, den Geist aufzugeben. In Esch beispielsweise, jener winzigen Partikel Europa, und doch immer gültig als pars pro toto, wird neuerdings vorgeführt, wie man dem freien Bürger den Garaus macht. Vielleicht werden die Kolloquiumgäste sich näher ansehen, wie in einer kleinen, luxemburgischen Stadt die Generalprobe für ein unfreies, kulturentsorgtes Europa 2000 aufgezogen wird. Vielleicht werden sie ernüchtert heimfahren und schlußfolgern, daß der produktive Gedankenstreit immer mehr zum Zeremoniell der Ohnmacht gerät. Vielleicht gönnen sie den Escher Stadtführern nicht die Genugtuung, sich die schöne Tagung der Narren après coup ans Revers zu heften für den nächsten, kulturschwangeren, verlogenen Wahlkampf.

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