„Der Elfenbeinturm soll zum Leuchtturm werden“

Interview mit Britta Schlüter, Verantwortliche der Abteilung Kommunikation der Universität Luxemburg, über das Spannungsfeld von Wissenschaft und Öffentlichkeit

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Interview mit Britta Schlüter, Verantwortliche der Abteilung Kommunikation der Universität Luxemburg, über das Spannungsfeld von Wissenschaft und Öffentlichkeit

Die Universität Luxemburg musste bei ihrer Gründung vor 10 Jahren gegen Widerstände ankämpfen. So gab Premierminister Juncker 1997 gegenüber forum zu Protokoll, er wehre sich „mit einem unbegrenzten Fanatismus gegen eine luxemburgische Universität“. Er fürchte, diese führe zur „Betriebsblindheit junger Luxemburger“. Stimmen, die die Existenz der Uni in Frage stellen, hört man heute seltener. Ist sie inzwischen akzeptiert?

Britta Schlüter: Im Frühling 2013, also rund 16 Jahre nach seiner Aussage im forum, gab der Premier im Luxemburger Wort zu Protokoll, er habe sich damals in seiner Einschätzung geirrt. Auch in seiner Rede zur Lage der Nation 2012 hatte Juncker erklärt: „D’Uni ass Deel vum Lëtzebuerger Zukunftsprogramm“. Der Sinneswandel des Regierungschefs steht beispielhaft für den vieler Luxemburger: Nur zehn Jahre nach ihrer Gründung ist die Universität meiner Ansicht nach heute ein fester Bestandteil des Großherzogtums.

Der Erfolg hat die diversen Bedenken gegen das Projekt längst widerlegt – auch das von der „Betriebsblindheit“. Die Uni zielt ja nicht darauf, Luxemburger vom Auslandsstudium abzuhalten. Sie versteht sich als zutiefst internationale Uni für Studierende und Forscher aus der ganzen Welt. Das ist kein Selbstzweck, sondern Erfolgs-

faktor aller guten Universitäten. Und der chinesische Kommilitone von heute ist vielleicht der Geschäftspartner von mor-

Ob Schulreform, Mehrsprachigkeit, Verfassung oder Identitäten: Die Uni liefert die kritisch-neutrale, undogmatische wissenschaftliche Perspektive zu den polarisierten politischen Positionen.

gen. Wer lieber im Ausland studiert, soll das tun. Wer nicht, hat jetzt wenigstens die Wahl.

Mit dem Pflichtsemester im Ausland für alle Bachelorstudenten an der Uni Luxemburg hat der Gesetzgeber für Auslandserfahrung gesorgt. Ich kenne Luxemburger, die sich bewusst bei uns einschreiben, weil sie dank unserer weltweiten Partner Chancen auf ein Semester in Universitäten haben, in die sie es auf eigene Faust nicht schaffen. Fazit: Die Uni vor der Haustür macht nicht blind, sondern bietet zusätzliche Perspektiven.

Darüber hinaus gibt es zahlreiche Indikatoren für das wachsende Vertrauen in die Universität: die Unterstützung durch die Regierung, die öffentlichen Finanzmittel,

die steigenden Studierendenzahlen, die zunehmenden Drittmittel und die immer häufigeren Anfragen für Zusammenarbeit in Forschung und Lehre. Allein lokal zählen wir nun rund 40 Partner – Unternehmen, Forschungsinstitute, Ministerien, Kammern, Verbände. Das sind klare Signale.

Ein weiteres Indiz aus Sicht der Öffentlichkeitsarbeit ist die zunehmende Medienberichterstattung. Eine erste lokale Medienresonanzanalyse, geleistet von einer Studentin in ihrer Masterarbeit, belegt diesen Trend klar. In den Anfangsjahren kam die Uni in der Presse kaum vor. Heute können wir uns über ein mangelndes Medienecho nicht beklagen – quantitativ wie qualitativ. Artikel in der Wochenzeitung Die Zeit, im Figaro oder in Times Higher Education zeugen von Interesse auch jenseits der Großregion. Unser Ziel für die nächsten Jahre ist nun, verstärkt über Forschungsaktivitäten zu kommunizieren.

Die Uni darf allerdings kein kurzfristiger „Hype“ sein. Die hohen Erwartungen der Gesellschaft, die auf ihr lasten, sind auch eine Bürde. Der Rektor wird manchmal gefragt, wie viele Firmen und Jobs dank unserer Forschung schon geschaffen worden seien. So schnell geht es nicht! Damit verbunden ist eine zweite Sorge – die, auf

den ökonomischen Nutzen reduziert zu werden. Bleibt zu hoffen, dass Luxemburg Geduld mit seiner Uni hat und weiter zu ihr steht, in guten wie in schlechten Zeiten.

Während die Uni seit Kurzem im Kontext der Diversifikation als ein potentielles Standbein der Luxemburger Wirtschaft gepriesen wird, fällt auf, dass das Thema „Universitätspolitik“ das politische Personal in Chamber und Regierung kaum interessiert. Gibt es hier ein Defizit an öffentlicher Debatte?

B. S.: Das ist Ansichtssache. Die Uni steht in der Tat nicht im Zentrum heißer politischer Debatten und sie ist kein Wahlkampfthema, aber das ist auch gut so. Was Sie als Desinteresse interpretieren, sehe ich eher als ein Zeichen von Konsens. Es sind sich über die Parteien hinweg viele Politiker einig, dass ein Land, das sich zu einer Wissensgesellschaft weiterentwickeln, seine Jugend besser qualifizieren und seine Wirtschaft durch Forschung besser aufstellen will, schlicht und einfach eine Uni braucht. Mehr Debatte und Zeit zur Reflexion wünschen wir uns allerdings in Hinsicht auf die geplante Änderung des Hochschulgesetzes.

Wie verhält sich das Bestreben, eine internationale und forschungszentrierte Uni aufzubauen, zu ihrer Beteiligung an gesellschaftlichen Debatten hierzulande?

B. S.: Das eine schließt das andere nicht aus. Die Forschungsprioritäten der Universität haben ja stets auch einen Bezug zu Luxemburg – ob Finanzwissenschaft, ICT-Sicherheit, Europarecht, Mehrsprachigkeit oder Systembiologie, letzteres als Teil des „Aktionsplans für Gesundheitswissenschaften“ der Regierung. Es ist erklärter Wille der Universität, in den kommenden Jahren eine noch wichtigere Rolle in der Luxemburger Gesellschaft zu spielen, zu einem starken „local driver“ und einer Plattform der Reflexion zu reifen. Der Elfenbeinturm soll zum Leuchtturm werden – und ist es schon lange.

Luxemburgs Uni versteht sich wie die meisten Hochschulen als Speerspitze der Innovation, auch der gesellschaftlichen. Ob Schulreform, Mehrsprachigkeit, Verfassung oder Identitäten: Die Uni liefert

© Le Fonds Belval

die kritisch-neutrale, undogmatische wissenschaftliche Perspektive zu den polarisierten politischen Positionen. Hier das Gleichgewicht zu finden und die Uni lokal einzubringen, ohne das Ziel der internationalen Relevanz aus den Augen zu verlieren, ist Sache der Universitätsleitung.

Sind Sie mit Anfragen aus der Zivilgesellschaft und von den Medien konfrontiert, die die Expertise der Uni in Anspruch nehmen wollen? Wenn ja, zu welchen Themen? Wie verhalten sich die Forscher gegenüber solchen Anfragen?

B. S.: Die zentrale Abteilung Öffentlichkeitsarbeit und unsere Kommunikationskollegen in Fakultäten und Forschungszentren haben im vergangenen Jahr gut 300 Medienanfragen erhalten, ein Fünftel aus dem Ausland, Tendenz steigend. An Spitzentagen, etwa in der Regierungskrise oder der Diskussion um das Bankgeheimnis, kontaktieren uns schon mal ein Dutzend Journalisten hintereinander, vom britischen Guardian über Presseagenturen und Brüsseler Korrespondenten internationaler Medien bis zu Radio Vatikan.

Neben der Kommentierung aktueller Ereignisse in Politik und Gesellschaft durch akademische Experten sind Fragen des Studierendenlebens wie z. B. studentisches

Wohnen, das Studienangebot und die Erfahrungen internationaler Studierender in Luxemburg beliebte Themen, aber immer mehr auch unsere Forschungsprojekte und -resultate.

Generell erlebe ich die Wissenschaftler an unserer Universität als offen und interessiert an Medienkontakten. Natürlich gibt es Berührungsängste. Mancher muss erst lernen, wie Medien arbeiten, und hat seine Mühe mit den kurzen Deadlines. Doch insgesamt steigt das Kommunikationsbewusstsein, und auch der Druck: weil sich teure öffentliche Forschung vor dem Steuerzahler erklären sollte, weil öffentliche Gelder knapper werden und Wissenschaftler sich aktiv um Drittmittel bemühen müssen, weil Bürger kritischer gegenüber Forschung und Institutionen geworden sind.

Können Sie uns einige Negativbeispiele von Erfahrungen nennen, die die Uni beim Gang an die Öffentlichkeit gemacht hat?

B. S.: Aus dem vergangenen Jahr fällt mir die Podiumsdiskussion auf Campus Walferdange rund um das „Fracking“ ein, die umstrittene Gewinnung von Schiefergas aus dem Erdreich. Der Uni wurde damals mangelnde Ausgewogenheit in der Wahl der Experten vorgeworfen. Natürlich

© Le Fonds Belval

müssen stets die Standards der Wissenschaftlichkeit und der offenen Diskussion gewahrt werden; eine Forderung nach inhaltlicher Ausgewogenheit jeder einzelnen Veranstaltung steht jedoch im Widerspruch zur Wissenschaftsfreiheit. Die Veranstaltungen in ihrer Summe sorgen für die Vielfalt der Positionen.

Negative Reaktionen können im Umkehrschluss nicht bedeuten, dass wir potentiell delikate Themen aus unseren Konferenzen oder gar aus der Forschung ausschließen. Kritische Debatten tun not und entsprechende Erfahrungen sind in diesem Sinne sogar positiv. Im Übrigen ist die Uni heute souverän genug, negatives Feedback auch einmal auszuhalten.

Der Umgang mit Medien ist für Forscher oft ungewohnt. Bietet die Universität ihnen Medienberatung oder -training an?

B. S.: Sowohl der „Fonds National de Recherche“ als auch die Abteilung Öffentlichkeitsarbeit der Uni bieten regelmäßig Medien- und Kameratrainings für Wissenschaftler an. Das Echo ist enorm; die Termine sind immer sofort ausgebucht. Wir bieten auch individuelle Beratung an und geben nützliche Tipps etwa zur Vorbereitung auf Interviews oder fürs Schreiben allgemeinverständlicher Texte

im Web. Albert Einstein soll einmal gesagt haben: „Man hat etwas erst dann wirklich verstanden, wenn man es seiner Großmutter erklären kann.“ Das ist auch unsere Maxime: Forschung so darzustellen, dass sie für eine 80-Jährige wie auch für einen 18-Jährigen verständlich ist.

Dabei stehen Medien einerseits und Wissenschaftler andererseits in einem Spannungsfeld, das man nicht völlig auflösen kann. Medien müssen verkürzen, vereinfachen, unterhalten – Wissenschaftler dagegen legen Wert auf exakte und vollständige Darstellung eines Sachverhaltes. Ich sehe es auch als Aufgabe der Abteilung Öffentlichkeitsarbeit, die Funktionsweise von Medien zu erklären, zwischen den Seiten zu vermitteln und so nach und nach hausintern eine Kommunikationskultur aufzubauen.

Wie viele freie Zuhörer (auditeurs libres) sind an der Uni eingeschrieben? Fördern sie solche oder andere Formen der Demokratisierung von Forschung und Lehre?

B. S.: Im vergangenen Semester waren 175 Gasthörer eingeschrieben, was uns sehr freut. Das Angebot für Gasthörer ist Teil eines Programms der Uni zur Förderung des Wissenstransfers unter Leitung von Prof. Massimo Malvetti.

Mit Information allein ist es in der Tat nicht mehr getan: Wer eine Wissensgesellschaft will, muss Teilhabe zulassen. Der Trend geht in Richtung Dialog und Partizipation. Der Bürger kommuniziert heute auf Augenhöhe mit den Forschern, auch dank der Social Media, und erwartet Infotainment, freilich mit Inhalten.

Dem versuchen wir Rechnung zu tragen, soweit es die Ressourcen erlauben – nicht nur mit Facebookseiten und Webvideos, sondern auch mit öffentlichen Vortragsreihen und Rundtischgesprächen, mit Summer schools für Schüler, Weiterbildung für Sekundarschullehrer, Science Cafés und Kinderuni, Wissenschaft in der Stadt – da gibt es viele Beispiele. Zum 10. Geburtstag startet übrigens „Uni héich zéng“ – eine ganze Vortragsreihe rund um die Zahl Zehn!

Vielen Dank für Ihre Antworten! ♦

Das Interview wurde per E-Mails zwischen dem 27. August und dem 10. September geführt. Fragen: Bernard Thomas.

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