„Eine geistliche ,Kapitalanlage‘ erwerben“
Interview mit Georges Hellinghausen, Direktor vom Grand Séminaire du Luxembourg
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Interview mit Georges Hellinghausen,
Direktor vom Grand Séminaire du Luxembourg
Herr Hellinghausen, wird jeder Bewerber zur Priesteramtausbildung zugelassen, oder geschieht eine Präselektion? Wenn ja, nach welchen Kriterien?
Georges Hellinghausen: Neben den nötigen intellektuellen Fähigkeiten ist auch eine menschlich-spirituelle Eignung gefragt. Dies wird ausgelotet in einem oder mehreren Standortgesprächen vor der Aufnahme ins Seminar. Dazu braucht es eine Reihe von Gutachten sowohl aus kirchlichen Kreisen (Heimatpfarrer, Religionslehrer) als auch medizinischer und psychologischer Natur. Alles in allem geht es darum, die Frage der Berufung mit den dazugehörigen Aspekten, besonders den Motivationen, hinlänglich zu klären. Dabei kommt es natürlich vor, dass Kandidaturen zurückgewiesen werden. Hart, sehr hart wird es für alle Betroffenen – mich mit eingeschlossen –, wenn einem Kandidaten nach Beurteilung der Gesamtlage während des Studiengangs, etwa nach dem Propädeutikum, nahegelegt wird, nicht weiterzumachen. Doch auch das kommt vor.
Wer sind überhaupt die Männer, die sich für eine Ausbildung zum Priester melden? Ausschließlich junge Menschen? Auch solche, die schon eine Berufsausbildung hinter sich haben? Oder gar Leute mit langjähriger Berufserfahrung?
G. H.: Heute gibt es alle Varianten – auch in Luxemburg: Jugendliche, die frischfröhlich von der Schule kommen, reifere
Persönlichkeiten mit Lebens- und Berufserfahrung, Männer mittleren Alters, die gänzlich umsatteln, um Priester zu werden.
Welches sind ihre häufigsten Motivationen?
G. H.: Den „klassischen“ Fall gibt es immer noch: Einer will seit seiner Kindheit Priester werden (hat auch als Kind „Messe
Hart, sehr hart wird es für alle Betroffenen, wenn einem Kandidaten nahegelegt wird, nicht weiterzumachen. Doch auch das kommt vor.
gespielt“) und wird es dann tatsächlich, in der Regel geprägt vom Vorbild seines Heimatpfarrers und aus dem Kreis der Ministranten oder Lektoren kommend. Häufig wird angeführt: die Unzufriedenheit mit der momentanen persönlichen Situation (Ausbildung, Beruf, geistig-existenzielle Lage), die Suche nach einem größeren Sinn, den es gilt für sich zu entdecken und an andere weiterzugeben… Nach dem Motto: Ich möchte etwas anderes, Tieferes finden und vermitteln, als das in meinem bisherigen Leben der Fall war. Dann gibt es auch die sehr explizite Motivation, die bei anderen Kandidaten erst nach und nach Form annimmt: Ich will es tun aus Liebe zu Christus und in seine Fußstapfen treten. Umgekehrt gibt es den Fall, dass sich Leute mit noch sehr unpräzisen
Beweggründen melden und geringer religiöser oder kirchlicher Sozialisation. Was sie mitbringen, ist ihr guter Wille, eine edle Gesinnung und eine halbwegs feste Absicht – all dies ist ausbaufähig.
Zur Ausbildung an sich beginnen wir vielleicht mit einer (scheinbar) einfachen Frage: Was soll ein Priester nach abgeschlossenem Studium können?
G. H.: Sie meinen wohl am Ende seiner Seminarzeit… Intellektuell muss er so auf der Höhe und gewappnet sein, dass er sich die hauptsächlichen theologischen Inhalte existenziell angeeignet hat und sie pastoral umsetzen kann. Das setzt eine vorherige geistig-kulturelle Auseinandersetzung damit voraus – wozu ja das eigentliche Studium dient. Geistlich gesehen wird erwartet, dass er durch die über Jahre praktizierten Gebets- und liturgischen Übungen sowie Begegnungen und Gespräche ein spirituelles Fundament erworben hat, eine Art geistliche „Kapitalanlage“, die tragfähig ist, um Kraft und Motivation für die Ausübung des Amtes zu geben. Menschlich ist vorausgesetzt, dass der neue Priester eine emotionale Ausgeglichenheit und Maturität entwickelt hat, die ihn zugleich zu einem bedingt bindungsfähigen und zölibatären Leben befähigt – was er ja auch während Jahren bereits in der Seminarzeit erproben konnte. Nicht unwichtig ist eine angemessene Kirchlichkeit (sensus Ecclesiae), um sich mit der real bestehenden und nicht einer imaginären Kirche identifizieren zu können, was selbstver-
ständlich kritischen Geist mit einschließt. Pastoral wird er die nötigen Kenntnisse und Fertigkeiten mitbringen, die ihm einen Einstieg in das seelsorgliche Leben ermöglichen und eine Fortentwicklung – zunächst in Begleitung eines erfahrenen Pfarrers während einiger Jahre – gewährleisten. Dazu gehören: Umgang mit Macht und Autorität, Teamfähigkeit, Leitungsqualifikationen, Fehlermanagement, Konfliktbewältigung, alles Dinge, die in speziell dafür vorgesehenen Kursen auch praktisch eingeübt werden. Dasselbe gilt fürs Predigen (durch Homiletik-Kurse), Erteilen von Religionsunterricht und Sakramentenkatechese (Kurs Religionspädagogik mit entsprechendem Schulpraktikum). Was in Zukunft immer mehr anzustreben sein wird, bedingt durch die raschen Umwälzungen in Kirche und Gesellschaft: die Veränderungsfähigkeit als Schlüsselkompetenz. Sowieso kann nicht alles während der Ausbildung antizipiert werden. Irgendwo gehört auch der Sprung ins kalte Wasser dazu, so wie in anderen Berufen auch.
Wird dem Seminaristen, über die liturgische Ausbildung hinaus, der tägliche Umgang mit Menschen und deren Problemen beigebracht? Ist dieser überhaupt erlernbar?
G. H.: Die liturgische Ausbildung ist wichtig, aber bei weitem nicht die wichtigste. Das Leben im Seminar, das heißt ja in einer Hausgemeinschaft mit Gleichgesinnten, hat als solches formativen Charakter: durch Beziehungen und Freundschaften, Sicheinbringenmüssen und Sichreiben, Klarkommen mit unterschiedlichen Meinungen und Auffassungen, Verantwortungsübernahme etwa in Form von „Hausämtern“. Von großer Bedeutung ist die pastorale Kompetenz, die von Anfang an, dann aber besonders im letzten Ausbildungsabschnitt, im Pastoraljahr, erworben wird, nicht zuletzt durch ein einsemestrielles Pfarrpraktikum. Doch gibt es auch bereits im Propädeutischen Kurs, der ersten Ausbildungsetappe, Schnupperpraktika im kirchlich-sozialen Umfeld (Tricentenaire, Caritas usw.). Zur Ausbildung gehören sodann während der mittleren Studienphase, die ja im Ausland geschieht, drei Praktika in Luxemburg; ein Sozial- oder Betriebspraktikum, ein Klinikpraktikum und ein Pfarreipraktikum.
Séminaristes au Séminaire de l’Archevêché de Luxembourg 1950-2010
| Situation au 1^{er} août | 1950 | 1960 | 1970 | 1980 | 1990 | 2000 | 2008 | 2009 | 2010 |
| — | — | — | — | — | — | — | — | — | — |
| Séminaristes | 47 | 50 | 29 | 21 | 12 | 3 | 4 | 5 | 6 |
$^{1}$ Avant 1988 situation au 1$^{er}$ janvier
Source : Archevêché
Le portail des statistiques – Grand-Duché de Luxembourg
Quelques données statistiques sur l’archidiocèse de Luxembourg (octobre 2010)
Total des prêtres incardinés en 1998 : 212
Total des prêtres incardinés en 2010 : 148
Prêtres ordonnés entre 2001-2010 : 5
Prêtres démissionnaires entre 2001-2010 : 4
Prêtres défunts entre 2001-2010 : 54
(Source : Archevêché)
Ziel ist das Kennenlernen der einheimischen Wirklichkeit mit ihrem hauseigenen „Stallgeruch“ sowie spezifischer Milieus, mit denen der Priester später konfrontiert sein wird; diese gilt es jetzt zumindest ansatzweise zu ergründen, damit für nachher Berührungsängste abgebaut und Kontakte mit den betroffenen Menschen sowie das Meistern entsprechender Situationen erleichtert werden.
Ist ein universitäres Studium der Theologie für alle Seminaristen Pflicht? Ist das für den pastoralen Einsatz unabdingbar?
G. H.: Im Prinzip wird bei jedem Kandidaten ein abgeschlossenes Universitäts- oder Hochschulstudium erwartet. Einen Sonderstatus hat der so genannte „Dritte Bildungsweg“. Kandidaten mit abgeschlossener Berufsausbildung und Berufspraxis und mindestens 25 Lebensjahren können dieses Studium in Lantershofen bei Bonn absolvieren. Hier geht es in der Regel um Spätberufene, die vorher schon einen anderen Beruf ausgeübt haben und nun eine komplett neue Piste in Angriff nehmen. Doch auch sie müssen sich à propos Glaube und Vernunft bewähren, um nachherigen Anforderungen gewachsen zu sein.
Eine kurze Zwischenfrage: Welchen Platz nehmen Frauen in der Ausbildung ein? Gibt es im Séminaire überhaupt Kurse, die von Frauen gehalten werden? Verbringen die zukünftigen Priester nicht ihre Lehrjahre
Nombre de moines : 12
Nombre de nonnes : 434
Moyenne d’âge des effectifs du clergé : 66 ans
in einer (mehr oder weniger) geschlossenen Männergesellschaft?
G. H.: Gerade für Luxemburg kann ich behaupten, dass diese abgeschlossene Männergesellschaft so nicht existiert, weder bei den Studierenden noch bei den Ausbildnern. Die Kandidaten kommen sowieso zunächst einmal aus gemischten Gymnasiumsklassen (oder Berufsverhältnissen). Nehmen wir dann ihr erstes Jahr im Seminar, das Propädeutische Jahr: Es geschieht derzeit in Artikulation mit dem Katechetischen Institut, wo die meisten der Studierenden Frauen sind. Auch werden einzelne Kurse bzw. Module von Dozentinnen gestaltet. Das gilt im Übrigen auch für das Ausland. In Lantershofen ist eine Frau sogar Studienpräfektin. In Trier begegnen die Seminaristen mit größter Selbstverständlichkeit Studentinnen an der Theologischen Fakultät (was an allen Theologischen Fakultäten der Fall ist). So kann die Thematik Nähe und Distanz zu Frauen auch im Praktischen gelebt und eingeübt werden, und das tagtäglich.
Gehört das Thema Zölibat und Sexualität zur Ausbildung? Und, wenn ja, wie gestaltet sich diese Ausbildung konkret?
G. H.: Darüber gibt es wohlverstanden keine akademische Vorlesung an der Uni, seminarintern wird das Thema aber angegangen unter dem Stichwort „psychosexuelle Reife“. Dazu gehören die Dimensio-
Schlussprozession Oktave 2010, © Archiv Luxemburger Wort, Fotograf: Serge Waldbillig
nen der Körperlichkeit, der Gefühle, der Relationalität, der sexuellen Entwicklung, des religiösen Verständnisses und der praktischen Lebbarkeit. Dies ist Inhalt von speziellen Gruppenmodulen wie Zölibatswochenenden oder Recolletionen, von psychologisch und gruppendynamisch ausgerichteten Reflexionskursen über Identitätsfindung und Lebensplanung, Inhalt auch von Gesprächen mit dem spirituellen Begleiter oder unter Kollegen in der jeweiligen Hausgruppe. Im Pastoraljahr wird es ebenfalls unter dem Aspekt Priesterspiritualität thematisiert, da Zölibat ja von sich aus als religiöse Kategorie im Sinn der Nachfolge Christi zu begreifen und folglich auch zu beleuchten ist. Letztlich soll der Priester nachher, wie sich der Pastoraltheologe Andreas Wollbold ausdrückt, „ehelos, aber beziehungsreich“ leben können.
Welche menschliche Begleitung bietet das Séminaire? Sind Momente vorgesehen, in denen die zukünftigen Priester offen über ihre Ängste, Fragen und Zweifel diskutieren?
G. H.: Konstitutiv gehört die menschlich-spirituelle Begleitung zum „System Seminar“ dazu. Dabei geht es einerseits um entsprechende Ausbildungseinheiten und Seminare, die komplementär zum Theologie-Studium laufen. Andererseits um die persönliche Begleitung des einzelnen Kandidaten: durch einen spirituellen Begleiter, wie bereits erwähnt, und durch regelmäßige Auswertungsgespräche mit dem Seminarleiter. In den verschiedenen
Häusern gibt es zusätzlich Hausgruppierungen von Studenten, in denen existenzielle Fragen durchdiskutiert werden. Auf all diesen Ebenen kommt Tiefmenschliches, auch Sorge n und Nöte, zur Sprache – dazu sind sie gedacht und geplant. Nicht zu vergessen auch die jährlichen Exerzitien, die angeboten werden zwecks spiritueller Verifica und Vertiefung. Wir in Luxemburg raten auch an, ohne es zu urgieren, jeder Seminarist möge vor den Weihen die 30-tägigen Exerzitien des hl. Ignatius, Entscheidungsexerzitien also, machen. Aufs Ganze gesehen würde ich sagen: Mir ist eigentlich keine Ausbildung bekannt, die neben dem Professionell-Inhaltlichen, das sie vermitteln will, so viel Wert auf ganzheitliche Bildung und Persönlichkeitsentfaltung legt wie die Priesterausbildung.
Das Séminaire entlässt – meist noch relativ junge und unerfahrene – Männer in die Pfarrgemeinden, in denen sie von Anfang an recht viel Autorität haben. Wie werden die Priesteramtkandidaten auf diese Situation vorbereitet?
G. H.: Früher war in der Tat die Anlaufzeit viel länger, heute ist das nicht mehr möglich. Umso wichtiger ist, dass die Leute von vornherein gut ausgerüstet sind. Das versuchen wir zu erreichen durch einerseits die Praktika, andererseits die systematische Hinführung zur Luxemburger Realität, kirchlich und gesellschaftlich gesprochen. Diesem Zweck dienen etwa die regelmäßig über das Jahr verteilten gemeinsamen
Kurseinheiten und Begegnungen (zum Teil mit den in Ausbildung befindlichen Laientheologen) aller unserer Priesterkandidaten in Luxemburg, so zum Willibrordusfest im November, zu Weihnachten, zu Oktave und Springprozession, dazu eine ganze Woche im September usw. Sowohl im Propädeutikum als auch im Pastoraljahr – die beiden Ausbildungsetappen, die in unserem Seminar geschehen – ist ein Kurs „Pastoral/Ortskirche“ vorgesehen, bei dem es um das Kennenlernen der konkreten Wirklichkeit vor Ort geht (soziale Problematik und Institutionen, kirchliche Dienststellen usw.). Es trifft sich rein zufällig, dass ich selbst als Radiopfarrer jeden Sonntag in eine andere Pfarrei zwecks Radiomesse fahre. Da nehme ich die Seminaristen mit, damit sie sozusagen hautnah Reichtum und Armut der respektiven Gemeinschaften, den Pfarrer, Gesangverein, den Kirchenbau usw. kennen lernen und so einen Überblick über die religiöse Landschaft in Luxemburg gewinnen. Gerade von den Priestern erfahren sie dann auch dies und das an pastoralen Belangen, Sorgen und Problemen.
Was hat sich nach dem Bekanntwerden der Missbrauchsfälle in der Weltkirche an der Priesterausbildung konkret geändert?
G. H.: In den Priesterseminaren, so etwa in den deutschen, wo unsere Leute studieren, sind in verstärktem Maß Studientage und Formationseinheiten zum Thema Missbrauch eingeführt worden. Die Trierer Ausbildung sieht ein Modul vor über psychosexuelle Reifung und das Thema „Nähe und Distanz“, gestaltet von Pastoralpsychologen. Bei uns selbst gibt es zwei Neuerungen: Bei Neueintritten fordern wir ab jetzt – so ist es in den vom Erzbistum ausgearbeiteten Leitlinien zum Thema Missbrauch vorgesehen – ein entsprechendes psychologisches Gutachten, um Kandidaten mit pädophilen Neigungen von vornherein auszuschließen. Im Pastoralkurs, also dem letzten Ausbildungsjahr, ist eine Einheit mit der Missbrauchsbeauftragten eingeschaltet.
Vielen Dank für das Interview! ♦
(Das über E-Mail geführte Interview fand zwischen dem 11. und 18. April statt.)
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