AHA — Überlegungen zum Programm einer neuen Vereinigung

Vor kurzem wurde eine ASBL mit dem Namen „Allianz vun Humanisten, Atheisten an Agnostiker“ — deren Kürzel AHA lautet — in Luxemburg ins Leben gerufen. Sie soll sich einsetzen für die Belange nicht gläubiger Menschen und für eine humanistische Lebensweise, die sich auf ein naturalistisches und rationelles Weltbild gründen soll. Im Folgenden möchte ich einige Öberlegungen zu den Zielen dieser Vereinigung vorstellen, wobei es mir keineswegs darum gehen soll, die Kirche und alle ihre Irrtümer und Verbrechen zu leugnen, zu entschuldigen oder gar zu rechtfertigen, noch darum, irgendeinen allein selig machenden religiösen Glauben — den ich nicht habe — zu verteidigen, sondern ich möchte vielmehr versuchen, einen der Grundsätze der AHA — „Kritisches Denken statt dogmatischen Glauben“ — auf sie selbst anzuwenden.

1. Beginnen wir mit dem Begriff des Atheismus. Grob gesehen kann man mindestens drei Typen von Atheismus unterscheiden. Der praktische Atheist lebt sein Leben so, als ob es für ihn keinen Gott gäbe. Das heißt, Gott ist kein bestimmendes Element seiner alltäglichen Lebenswelt. Der begründungstheoretische Atheist begründet seine Thesen ohne auf Gott zurückzugreifen. Paradigmatisch ist hier Hugo Grotius mit seinem berühmten etiamsi Deus non esse: die natürlichen Gesetze hätten selbst dann Geltung, wenn Gott nicht existieren würde. Der ontologische Atheist behauptet, dass Gott nicht existiert. Von mir selbst würde ich behaupten, dass ich ein praktischer und ein begründungstheoretischer, nicht aber ein ontologischer Atheist bin. Was diesen letzten Punkt betrifft, schließe ich mich den Worten des Protagoras an, wenn er sagt, dass wir nicht wissen können, ob Gott existiert oder nicht.
Doch betrachten wir die Position des ontologischen Atheisten etwas genauer. Insofern er behauptet, er wisse, dass Gott nicht existiert, schließt er jede Möglichkeit eines Irrtums aus. Doch wie weiß er, dass Gott nicht existiert? Was gibt ihm die Garantie, dass er sich hier nicht irren kann?

Eine erste Möglichkeit wäre, den Begriff der Existenz so zu definieren, dass nur Raumzeitliches existieren kann. Insofern Gott per definitionem kein raumzeitliches Wesen ist, kann Gott demgemäß nicht existieren. Hier liegt dann aber ein doppeltes Problem vor. Erstens existiert unter diesen Umständen der Urknall auch nicht, denn Raum und Zeit sind erst durch den Urknall entstanden. Das „Ereignis“ Urknall selbst hat nicht schon im Raum und in der Zeit stattgefunden. Und zweitens wird man fragen können, warum man den Begriff der Existenz nur auf Raumzeitliches beschränken sollte. Der amerikanische Logiker Williard van Orman Quine meint, dass alles als exis­tent zu betrachten ist, was als Wert einer Variablen in einer logischen Funktion eingesetzt werden kann.

Eine zweite Möglichkeit wäre, den Begriff Gott als einen in sich widersprüchlichen Begriff anzusehen. Sofern wir unserer klassischen Logik und Ontologie Glauben schenken dürfen, kann einem in sich widersprüchlichen Begriff keine extramentale Realität entsprechen. Doch inwiefern wäre der Gottesbegriff in sich widersprüchlich? Nun, angenommen Gott sei ewig und allmächtig — und das sind zwei Eigenschaften, die ihm gewöhnlich zugesprochen werden. Kann ein solcher Gott sich selbst zum Verschwinden bringen? Wenn ja, dann ist er nicht ewig. Wenn nein, dann ist er nicht allmächtig. Fazit: Gott kann nicht gleichzeitig ewig und allmächtig sein. Also kann ein ewiger und allmächtiger Gott nicht existieren. Q.E.D.

Doch auch hier gibt es einen Ausweg und zwar mittels der von Bertrand Russell entwickelten Typentheorie. Wir können nämlich als syntaktische Regel festlegen, dass eine Allmachtsaussage über Gott nicht dessen wesentliche Attribute zum Gegenstand haben kann. Unter diesen Umständen wäre eine Aussage wie „Gott kann sich (nicht) selbst zum Verschwinden bringen“ weder wahr noch falsch, sondern regelwidrig und dadurch sinnlos. Man könnte natürlich auch eines der beiden Attribute fallenlassen oder aber behaupten, es sei keine Einschränkung der Allmacht, unfähig zu sein, etwas Widersprüchliches zu tun.

Diese beiden — gescheiterten — Beweise der Nicht-Existenz Gottes sind rein analytischer Natur — und deshalb an sich belanglos. Gibt es einen synthetischen Beweis für die Nicht-Existenz Gottes? Und zwar einen Beweis, der nicht mehr den geringsten Platz für Zweifel lässt? Vielleicht wird ein Kohärenztheoretiker der Wahrheit behaupten, dass in einem naturalistischen Weltbild kein Platz für Gott ist und dass dies Beweis genug ist, dass Gott nicht existiert. Dazu zwei Bemerkungen. Erstens kann niemand wissen, ob das naturalistische Weltbild wahr ist. Wie heißt es schon bei Shakespeare — ich zitiere aus dem Gedächtnis: „There are more things in heaven and on earth, Horatio, than can be dreamt of in your philosophy.“ Zweite Bemerkung: In einem rein naturalistischen Weltbild ist kein Platz für Menschenwürde, für Freiheit, für Verantwortung, für Liebe, etc. Dies hatte schon Immanuel Kant richtig gesehen, und wer davon nicht überzeugt ist, sollte doch das kleine Büchlein von Frederick Burrhus Skinner mit dem vielsagenden Titel Beyond freedom and dig­nity lesen.

Fazit der Geschichte: Wer behauptet, er wisse, dass Gott nicht existiert, steht nicht besser da als wer behauptet, er wisse, dass Gott existiert. Wie sagte schon Kant: In religiösen Fragen muss das Wissen dem Glauben Platz machen. Nun lautet aber eines der Grundprinzipien von AHA „Wissen statt Glauben“. Dazu kann ich nur sagen: Der ontologische Atheist der sagt, er wisse dass Gott nicht existiert — und nicht bei dem bescheideneren „Ich glaube nicht, dass Gott existiert“ stehen bleibt —, verletzt einen anderen Grundsatz von AHA, nämlich „Kritisches Denken statt dogmatischen Glauben“. Er stellt seinen bloßen Glauben als Wissen dar und deutet damit an, dass er es nicht als kritikanfällig ansieht.

2. Ein anderes Grundprinzip von AHA lautet „Ethik statt Moral“. Was kann nur damit gemeint sein? Die beiden Begriffe von Ethik und Moral sind heute derart polysemisch, dass alles und nichts damit gemeint sein kann. „Du sollst nicht lügen!“ ist eine moralische Norm, und ich sehe nicht ein, wieso unsere Gesellschaft auf sie verzichten sollte. Außerdem möchte ich AHA darauf aufmerksam machen, dass es so etwas wie eine theologische Ethik gibt und dass es innerhalb dieser theologischen Ethik eine christliche, eine islamische, eine jüdische, etc. Ethik gibt. Was soll also „Ethik statt Moral“ eigentlich bedeuten? Wahrscheinlich „Nicht-religiöse statt religiöse Fundierung der moralischen Normen“. Wenn das gemeint sein soll, dann sollte es auch gesagt werden. Das von AHA geforderte kritische Denken setzt sprachliche Präzision voraus, nicht gutklingende aber nichtssagende Slogans.

3. Dann heißt es auch „Selbstbestimmung statt religiöser Fremdbestimmung“. Schön und gut. Doch möchte man hier fragen, ob es heute nicht weitaus gefährlichere Formen von Fremdbestimmung gibt als die religiöse? Und auch: Sollte man nicht einen Unterschied machen zwischen religiöser und klerikaler Fremdbestimmung? Der Protestant, der nur seinem Gewissen folgt, ist ein religiös selbstbestimmter Mensch. Er benutzt lediglich die Bibel, um sein eigenes Gewissen zu bilden. Andere benutzen Kant, andere Marx, andere Bakunin usw. Es kann religiöse Selbstbestimmung ebenso gut geben wie nicht-religiöse Fremdbestimmung. Die Frage ist immer, ob man sich die Quelle, von der man sich inspirieren lässt, kritisch aneignet oder nicht. Und eine religiöse Quelle kann man sich genauso kritisch aneignen wie eine nicht-religiöse Quelle. Wie heißt es doch bei AHA: „Kritisches Denken statt dogmatischem Glauben“.

4. Ein anderes Prinzip von AHA lautet „Humanismus statt Religion“. Der Humanismus setzt den Menschen in den Mittelpunkt, die Religion Gott. Also schließen sie sich beide aus. Oder doch nicht? Warum kann ein religiöser Mensch nicht an einen Gott glauben, der von uns verlangt, dass wir den Menschen in den Mittelpunkt setzen. Aber ist das nicht an sich widersprüchlich? Würde das Gott nicht aus dem Mittelpunkt nehmen? Wieso? Was eigentlich im Mittelpunkt steht ist das göttliche Gebot, den Menschen zu achten. Indem man Gottes Gebote achtet, achtet man auch den Menschen, und indem man den Menschen achtet, achtet man Gottes Gebote. Dass nicht jeder Klerus die Sache so sieht, stimmt vielleicht. Aber dann hätte es vielleicht heißen sollen „Humanismus statt Klerikalismus“.

Außerdem wird man fragen können, ob der Humanismus nicht ebenso gefährlich werden kann wie die Religion. Stalin war meines Wissens kein besonders religiöser Mensch und hätte sich wahrscheinlich als einen großen Humanisten bezeichnet.

5. Bei AHA heißt es auch „Fortschritt statt Erstarrung“. Sprich: „Fortschritt mit dem Humanismus statt Erstarrung mit der Religion“. Als ob die Religion in der Vergangenheit immer nur mit Erstarrung und der Humanismus immer nur mit Fortschritt gereimt hätte. Wem verdanken wir einen großen Teil unserer modernen Rechtskultur? Den Theologen des Mittelalters, allen voran Gratian. Wer hat die ersten Gedanken zum modernen internationalen Recht entwickelt? Die spanischen Theologen des 16. Jahrhunderts. Wer hat grundlegende Elemente zur Geburt der modernen Demokratietheorie entwickelt? Die Konziliaristen des 15. Jahrhunderts — als Konziliaristen bezeichnet man jene Theologen, die im ausgehenden Mittelalter das Konzil über den Papst stellten. Wem verdanken wir die Protoformulierung der subjektiven Rechte? Einem englischen Theologen namens William of Ockham. Und um dann ein viel banaleres Beispiel zu wählen: Die Agrikultur, und vornehmlich die Pflanzenzucht, aber auch die Kräuterheilkunde haben von den Versuchen der Mönche in den mittelalterlichen Klöstern profitiert.

Damit soll selbstverständlich nicht gesagt werden, dass Religion immer nur Fortschritt bedeutet hat, ganz im Gegenteil, sondern unseren Atheisten, Humanisten und Agnostikern soll nur ans Herz gelegt werden, auch manchmal wissenschaftliche Literatur zu lesen anstatt immer nur Deschner, Onfray, etc. Wer schon ein wissenschaftliches Weltbild propagieren will, sollte mit der der wissenschaftlichen Methode charakteristischen Rigorosität vielleicht zuerst bei sich selbst anfangen.

6. Ich möchte dann noch einen weiteren Slogan herausgreifen: „Lebensfreude statt Gewissensqualen“. Das klingt wunderbar, nur möchte ich keinen Politiker an der Macht haben, der keine Gewissensqualen hat, wenn er etwa Soldaten zu einem militärischen Einsatz schickt, um die Zivilbevölkerung zu schützen. Sollte man den Politikern, die bei den Massakern von Srebrenica zugeschaut haben, wirklich die gute Nachricht verkünden: Lebensfreude statt Gewissensqualen? Gewiss nicht, was zeigt, wie unausgegoren der Slogan ist. Das menschliche Leben ist nun einmal kein großes Fest, wo es immer Friede, Freude und Eierkuchen gibt. Viele Menschen stehen oft vor sogenannten — im ursprünglichen Sinn des Wortes — tragischen Situationen. Sie müssen in solchen Situationen zwischen zwei Öbeln wählen. Und wenn es durchaus vernünftig ist zu sagen, dass ihr Gewissen ihnen das Leben nicht zur Hölle machen darf, so dass sie unfähig werden, Gutes zu tun oder überhaupt zu handeln, so kann man doch nicht einfach sagen: Lebensfreude statt Gewissensqualen. Vielleicht sollte es hier besser heißen: „Lebensfreude trotz Gewissensqualen“.

Man könnte noch Stunden über die schon fast skandalös unkritisch, und das heißt hier in erster Linie undifferenziert anmutenden Slogans von AHA dissertieren. Die mir hier gesetzten Schranken erlauben dies allerdings nicht, so dass ich mit dem Gedanken aufhören möchte, dass es heute wichtiger denn je ist, das revolutionäre Potential eines jeden, und somit auch des religiösen Diskurses zu achten und vor allem zu bewahren. Durch den völligen Ausschluss des religiösen Diskurses aus der öffentlichen Sphäre geht zwar sicherlich einerseits dessen konservative Dimension verloren, zugleich aber auch sein revolutionäres und damit emanzipatorisches Potential. Dieses zu bewahren muss heute, angesichts eines sich immer mehr auf die Eindimensionalität seines hedonistischen Daseins reduzierenden Menschseins, höchste Priorität sein. Das christliche Welt- und Menschenbild hat wesentliche Elemente zur Herausbildung des modernen Menschenrechtsdiskurses beigetragen. Man sollte sich dabei immer zu Gemüte führen, dass es ganz oft nicht so sehr auf die Wahrheit einer Hypothese ankommt als auf ihre Fruchtbarkeit. So hat etwa die Hypothese des Gottesgnadentums der Könige diesen erlaubt, sich von Rom zu befreien und eine rein säkulare politische Macht zu errichten.