„Keine Standardrezepte“
Im Interview mit forum erläutert der Bildungswissenschaftler Daniel Tröhler den historischen Wandel der Kooperation zwischen Eltern und Lehrkräften
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Im Interview mit forum erläutert der Bildungswissenschaftler Daniel Tröhler den historischen Wandel der Kooperation zwischen Eltern und Lehrkräften
Die Partnerschaft zwischen Eltern und Schule ist ein rezentes Phänomen. Wann ist sie entstanden und aus welchem Kontext heraus, als Bottom-up-Projekt oder aus politischem Willen?
Daniel Tröhler: Die Eltern haben sich schon immer für die Schule interessiert, haben aber in der Regel nur dann eingegriffen, wenn die Meinung vorherrschte, die Lehrerin oder der Lehrer würde ihren oder seinen Beruf nur sehr schlecht ausüben – in den Archives Nationales gibt es eine Reihe von Petitionen an die nationale Unterrichtskommission, in denen sich die Eltern über die Lehrer beschwerten. In der Regel war aber für sehr lange Zeit der Respekt vor dem Lehrer so groß, dass an eine „Zusammenarbeit“ nicht zu denken war. Zwar gibt es seit ungefähr 60 Jahren Initiativen zur systematischen Kooperation von „Schule und Elternhaus“, wobei diese Initiativen in der Regel von Elternvereinigungen ausgingen. Zusammenarbeit im Sinne von Partnerschaft ist ein jüngeres Phänomen, das auch damit zusammenhängt, dass der allgemeine Bildungsstand der Bevölkerung in den letzten 40 Jahren massiv gehoben wurde, und damit das Selbstverständnis stieg, sich auch als „Experte“ in Sachen Bildung und Erziehung zu verstehen – dies verständlicherweise nicht immer zur Freude der Lehrerschaft.
Es ist deshalb nicht erstaunlich, dass in einer Umfrage die Luxemburger Eltern die heute per Schulgesetz vorgeschriebene
[…] Partnerschaft ist ein jüngeres Phänomen, das auch damit zusammenhängt, dass der allgemeine Bildungsstand der Bevölkerung […] gehoben wurde, und damit das Selbstverständnis stieg, sich auch als „Experte“ in Sachen Bildung […] zu verstehen
Zusammenarbeit mit der Schule viel mehr begrüßen (über 70 %) als die Lehrkräfte (21 %).
Denken Sie, dass sich die Skepsis der Lehrer durch die Praxis künftig legen wird? Wie sind hier die Erfahrungswerte in Ländern wie etwa Schweden oder Finnland?
D. T.: So weit ich sehe, liegen die Fälle in Schweden und Finnland recht weit auseinander und sind wiederum verschieden von Luxemburg, weshalb weder die Erfahrungen aus Schweden noch die aus Finnland wirklich dazu geeignet sind, Prognosen für Luxemburg zu stellen. In Schweden waren es vor allem Elternvereinigungen, die schon um 1950 in gewerkschaftlicher Manier Mitsprache in den Schulen „er-
kämpften“, wobei es in den 1960er und 1970er Jahren offenbar schon über 1 000 lokale Elternverbände gab, die erfolgreich an jeder Schule eine Kooperationsstelle einrichteten und so Einfluss ausüben konnten. Seit den 1990er-Jahren schwand allerdings die Mitgliedschaft in diesen Vereinigungen drastisch und entsprechend nahm auch der Einfluss auf die Schule ab. In Finnland dagegen wurde – in diesem Sinne vergleichbar mit Luxemburg – die Kooperation von Familie und Schule im Schulgesetz von 1998 eingeführt. Dabei geht es aber weniger um Schulpolitik als um die präzise Abstimmung auf das einzelne Kind als lernendes Individuum, wobei in diesem Zusammenhang ganz explizit an den elterlichen Erziehungsauftrag erinnert wird – umgekehrt wird den Eltern das Recht eingeräumt, laufend informiert zu werden. Wenn ich das richtig interpretierte, wurden die Erfahrungen in der Regel zwar als positiv verstanden, wobei sich in der jüngsten Zeit insofern Probleme ergeben haben, als die Lehrkräfte die sehr unterschiedlichen Lebensformen der Familien ihrer Schulkinder zusehends als Belastung empfinden, was der Wirksamkeit der Kooperation natürlich Grenzen setzt.
Wollen überhaupt alle Kinder, dass sich ihre Eltern fortlaufend über das Schulgeschehen
informieren oder wünschen sich nicht auch einige Kinder, dass ihre Eltern dem Schulgeschehen fernbleiben? Wie wichtig sind Freiräume – auch im Hinblick auf die sich mehrende Kritik an überreifrigen Eltern, die für ihre Kinder eine umfassende Förderung (von Musik- bis erweitertem Sprachunterricht) fordern?
D. T.: Obwohl es keine umfassenden Befragungen von Kindern hinsichtlich der Beteiligung der Eltern in der Schule gibt, kann man mit Fug annehmen, dass für Kinder eine zu enge Kooperation eher unerwünscht ist. Die Schule ist nach der Familie der erste Ort, in welchem Kinder in einem größeren Gefüge eine soziale Rolle finden, und diese Rolle in der Schulklasse kann eine sehr andere sein als jene in der Familie. Das kleine – weil das jüngste – Kind in einer Familie kann in seiner Klasse eine sehr wichtige soziale Rolle mit hohem Ansehen einnehmen, oder ein eher ruhiges Kind zu Hause kann in der Schule lebendig sein – und umgekehrt; Kinder, die zu Hause nicht ernst genommen werden, können mit ihren Leistungen plötzlich glänzen und Selbstvertrauen gewinnen. Die Schule bietet also die soziale Möglichkeit, Facetten einer Persönlichkeit mit multiplen Identitäten zu entwickeln, die zu Hause nicht gefördert werden, und das ist gut so. Wir dürfen nicht vergessen, dass auch wir bei der Arbeit, mit Freun-
den, in der Partnerschaft, mit den Eltern, im Sportverein, im Chor oder in der Kirche oder wo auch immer stets jeweils „ein bisschen anders“ sind, ganz einfach deswegen, weil unterschiedliche soziale Kontexte jeweils andere Eigenschaften in uns abrufen, die genau so zu uns gehören wie die Eigenschaften, die in anderen Kontexten wichtig sind. Das muss erlernt werden, und die Schule ist ein sehr geeigneter Ort dazu, und die Kinder schätzen das. Vor diesem Hintergrund wird von den Kindern eine zu starke Beteiligung der Eltern in der Schule in der Regel eher wenig geschätzt.
Welche Faktoren können dazu beitragen, dass eine Elternpartnerschaft zwischen allen Beteiligten gelingen kann? Welche Anpassungen sind hierfür strukturell vonnöten?
D. T.: Es gibt keine Standardrezepte, die überall Gültigkeit beanspruchen können; Lösungen sind immer Resultate von Aushandlungsprozessen, die von Kultur zu Kultur verschieden sind. Einigkeit dürfte darin herrschen, dass Eltern gut über die Fortschritte ihrer Kinder informiert werden sollen, mindestens durch (Zwischen-) Zeugnisse und möglichst einmal im Jahr durch Gespräche mit den Lehrpersonen – im Einzelgespräch oder aber in Gruppen („Elternabende“). Tatsache ist aber auch, dass in den letzten Jahrzehnten Eltern ge-
genüber Lehrkräften sehr „selbstbewusst“ geworden sind und allfällige Enttäuschungen über die Leistungen ihrer Kinder den Lehrpersonen ankreiden. Auch dies ist mitunter ein Grund für die Einführung einer professionellen Schulleitung, damit bei Bedarf ein Medium zwischen Eltern und Lehrkräften eingeschaltet werden kann und letztere entlastet. Für die Ebene der Schulleitung, die Ebene der eigentlichen Schul(haus)politik also, stellt sich die Frage, ob die Elternvertretung sinnvoll ist oder nicht – zum Beispiel per Wahl – kommunale Vertreterinnen bzw. Vertreter die Öffentlichkeit in der Schulfrage repräsentieren sollten. Man darf nicht vergessen, dass die Schule eine Volksschule ist, so dass „das Volk“, zumal das kommunale, eigentlich für seine Anliegen und Interessen eine Stimme haben sollte. Aber solche Vorschläge sind, wie gesagt, stets Resultate öffentlicher Verhandlungen, die in Luxemburg im internationalen Vergleich eher wenig ausgetragen werden. ♦
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Das Interview wurde per E-Mail geführt und fand zwischen dem 14.8. und 21.8.2014 statt. Die Fragen stellte Stephanie Majerus.
Erfahrungsbericht III
Mir hunn d’Gefill, dass eng Kooperatioun mat den Enseignanten net méiglech ass. Esou wollten mir beispillsweis een Schoulfest organisieren, mee keen vum Schoulpersonal huet partizipéiert. Ausserdem hunn mir gefrot op eng Eltereversammlung kéint ofgehal ginn, mee et ass keng organiséiert ginn. Och hate mir d’Gefill, dass beim Ausschaffen vum Plan de Reussite Scolaire keen eis nogelauschtert huet, déi meescht Elteren sinn och net vum Schoulpersonal iwwert den PRS an Kenntnis gesat ginn. Allgemeng baut d’Léierpersonal net op Kooperatioun, Bréwer vun engagéierten Elteren iwwert Informatiounsversammlungen ginn z. B. net weidergereecht.
Erfahrungsbericht IV
Als Eltern von drei Söhnen haben wir die Erfahrung gemacht, dass die von den Lehrern ausgesprochene Orientatierung empfohlene Einstufung von der Grundschule zur Sekundarschule in keinem der drei Fälle zutreffend war. Alle haben heute (entgegen der Prognosen der Lehrer) einen Hochschulabschluss (von sog. Eliteuniversitäten), den sie unter anderem auch deswegen erreicht haben, weil wir als Eltern ihre Fähigkeiten richtig eingeschätzt haben und sie ermuntert haben, ihren Weg trotz gegenteiligen Empfehlungen weiter zu verfolgen.
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