Anziehungskasten Fernseher
Die Sorge der Pädagogen und die Freuden der Kinder
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Anziehungskasten Fernseher
Die Sorge der Pädagogen und die Freuden der Kinder
Die häusliche Wohnlandschaft, von den Eltern nach ihrem Geschmack eingerichtet, von den Kindern zum ambivalenten Tummelort erklärt, gibt für manchen Pädagogen Rätsel auf, die allzuoft in düsterem Horizont abgewrackt werden. Schuld an dem ganzen Dilemma scheint ein Kasten zu haben, dem man allzu Wunderliches nachsagt: der Fernseher.
Die Kindheit oder gar die ganze Wirklichkeit soll verschwinden, dazwischen bleibt angeblich nur mehr eine Zeitspanne, in der wir uns zu Tode amüsieren. (1)
Da winkt er, nicht wie die geballte Faust versteckt in der Hosentasche, sondern ganz offen, der belehrende Zeigefinger. Er soll zum Nachdenken anregen und die Unmündigen wieder auf den rechten Weg führen. Bis heute aber hat eine derartige Pädagogik, welche vornehmlich als Erziehung gedacht, meist Schiffbruch erfahren müssen. Nicht nur von älteren Jahrgängen kommt der Ruf nach pädagogischen Massnahmen aus der guten alten Zeit, wo es noch Recht und Ordnung gab, sondern auch unter dem jüngeren Nachwuchs sind normative Ansätze noch in. Aus der Geschichte könnte man hingegen entnehmen, dass die Gewaltverhältnisse vergangener Generationen dennoch nicht das Gute aus dem Menschen zu prügeln vermochten.
Welche Erwachsenengeneration hatte keine Probleme mit ihren Nachkommen? Viele Lösungsversuche wurden
Poleus
unternommen. Waren die Ansätze auch noch so gegensätzlich formuliert, so gab es dennoch zwischen konservativ-bewährend und kritisch-emanzipatorischer Medienpädagogik meist einen gemeinsamen Faden: Ihre Thesen und praktischen Bemühungen setzten die Medienkonsumenten – mit Vorliebe Kinder und Jugendliche – als unmündig und ohnmächtig der All-
macht der Medien gegenüber. Hinzu kommt selbst bei linken Kreisen ein Kulturkonservatismus, der traditionelle, präelektronische Medien begünstigt und herkömmliche Bildungsideale hegt und pflegt. Angeblich stören Fernseher oder Computerspiele die Kommunikationsstrukturen d.h. die zwischenmenschlichen Beziehungen, sie vereinsamen, Bücher dagegen sind okay. Also ich lese zumindest kein Buch während ich mit anderen spiele oder rede. Ein historischer Rückblick auf medienpädagogische Bestrebungen zeigt einen ständigen Kampf der Pädagogen gegen neue Medien und gegen Schautz und Schund. Da war der Kampf gegen die Massenliteratur, dann gegen den Film, später gegen Fernseher und Comics und heute gegen Videos und Computerspiele. Hier ist eine markante Kontinuität in den Ansätzen festzustellen. Die Pädagogik war medienzentriert, die Rezipienten spielten nur die zweite Garnitur, sie waren die Objekte, an denen man laborieren konnte. Besonders durch die Möglichkeiten massenhafter Reproduzierbarkeit von Medieninhalten wurde die Medienordnung gewaltig durchgerüttelt und hat massenweise Pädagogen auf die Bühne gerufen. Viele von ihnen fühlten/fühlen sich berufen, die Heranwachsenden zu beschützen oder, falls es bereits zu spät ist, den Job der Feuerwehr zu übernehmen. Den Überblick, die Kontrolle bewahren. Alles was sich dem widersetzt, macht Angst. Das Fernsehen – um das noch Lieblingskind der Kulturkritik als Beispiel anzuführen – entzieht sich weitgehend dieser Kontrolle und dringt in die Privatsphäre ein. Vor allem für diejenigen, die die Reproduktion traditioneller Kulturwerte garantiert wissen wollen, stellt dieser Eindringling durch seine unkontrollierbare, unberechenbare Wirkung eine Gefahr dar. Was mag da wohl ablaufen? Über Fragebogen und Strichellisten wurden Durchschnittswerte ermittelt und Aussagen über das Verhalten von Zielgruppen in aller Munde gelegt. Die Orientierung am Durchschnittsmenschen wurde zur Norm erkoren. Hieraus liessen sich auch leicht Genies und Versager ableiten. Was aber im konkreten Menschen ablief, seine Lebensweise aufgrund seiner Biographie zu verstehen, wurde allzuoft vergessen. Selbstverständlichkeiten, Ritualisierungen, Alltäglichkeiten des Handelns mögen hierbei eine Hilfe sein. Zu fragen ist nach den Gebrauchswerten, den die Medien für die Kinder haben können. Allgemein scheint es wichtig zu sein, den TV-Konsum nicht aus dem gesamten Interessens-, Kommunikations- und Lebensalltag der Kinder herauszulösen. Hierbei darf nicht unberücksichtigt bleiben, dass die Kinder, die wir heute meinen, einer Generation angehören, die mit einer Vielfalt an Medien aufgewachsen ist. Für diese Multi-Media-Generation haben Medien einen anderen Stellenwert als noch für ihre Eltern und Grosseltern, zu denen auch der Grossteil der Pädagogen zu zählen ist. Der Umgang mit Medien und Technik scheint ein erstes Auseinandertreten der Erfahrungen zwischen heutigen Kindern und Erwachsenen aufzuzeigen. (Ein Fakt, der besonders stark bei der Computertechnologie zu Tage trat.) Siegfried Zielinski (2) hat darauf hingewiesen, dass die heute 14-19jährigen mit vier die ersten Jagd- und Schlagszonen von Tom und Jerry vorgesetzt, mit sechs die ersten Bonanza-Schlägereien, mit zehn die ersten Pakete Kojak und mit zwölf die ersten tausend Leichen in den TV-Nachrichten zum Abendessen serviert bekamen. Man könnte wohl vermuten, dass diese nun Jugendlichen ein grösseres Aggressionspotential aufweisen, als frühere Jugendgenerationen und womöglich hieraus auch ihr Verlangen nach härterer Kost, d.h. Action mit Köpferollen und spritzenden Gedärmen, abzuleiten ist. Zombies haben Hoch-
konjunktur womöglich auch deshalb, weil die gesellschaftliche Gewalt auf gleichem Niveau steht. Viele Medienkritiker tun sich da leichter und markieren Faustschläge, Hiebe und Tritte usw. am Bildschirm anhand von Strichellisten, woraus sie dann Bestimmungen zum Jugendschutz ableiten lassen. Hierbei sticht ein Phänomen besonders hervor: Je aggressiver die Erwachsenenwelt geworden ist, je mehr wurde versucht, für Kinder eine Gegenwelt zu fixieren, eine Welt, in der all die bösen Zwänge, die von den Erwachsenen kommen, von den Kindern ferngehalten werden. Es wird versucht, sozusagen einen Schutzzaun um die Kinder zu ziehen, um diese von der Erwachsenenwelt herauszugrenzen. Andererseits aber wurde damit versucht, einen Raum zu schaffen, um die Kinder behutsam auf das spätere Leben vorzubereiten, sie sozusagen unter Kontrolle zum gewünschten Ziel zu führen. Natürlich zum Wohle der Kinder. Eine Aussage der Vielseher-Studie von Michael Buss (3) wäre hier zu konkretisieren, nämlich, dass man Vielseher in bestimmten Lebensbereichen und -situationen für die Dauer dieser äusseren Lebensumstände wird. Bezogen auf den vorigen Zusammenhang wäre diese Aussage Erklärungbasis für den Umgang mit Medien.
Mal ganz abgesehen von offensichtlichen Kindesmisshandlungen, wäre es idealistisch, an die heile Kinderwelt im trauten Heim zu glauben. Es bedarf des Fernsehers nicht, damit ‚äussere Verhältnisse‘ ins Familienleben geraten, die Eltern und die Kinder stehen in ständiger Wechselbeziehung zur Gesellschaft. Für die Kinder gibt es im Alltag genügend Erfahrungspunkte mit Gewaltsituationen: Eltern, Elternhaus, Ort/Stadt, Freunde, Schule, …
In diesem Karussel der Medienpädagogik kann man nun das Steckenpferd des Drüber-Stehenden spielen wollen, oder aber sich dorthinbegeben, wo man nie erwachsen genug sein kann und sich mit den Betroffenen und ihrer Lebensweise auseinandersetzen, sie verstehen lernen. Der Standpunkt des Besser-Wissenden erweist sich nicht selten als überheblich, vor allem aber mangelt es ihm an Entwicklungsfähigkeit.
Unternehmen wir mal einen ‚walk on the wild side‘ – muss man ja nicht gleich so lied-wörtlich nehmen
Für Kinder scheint die Welt viel flüssiger, und sie bewegen sich zwischen den Räumen. Sie können sich oft nur schwer mit den von den Erwachsenen zugestellten Funktionsräumen abfinden. Ihr Auflehnen gegen diese Formen stösst schnell auf Grenzen. Sie kommen meist nicht zu Wort, relevante Anliegen werden unter den Tisch gekehrt, Lösungen bleiben aus. Die Medien bieten sich geradezu an, hier als Ersatzabwehr zu fungieren. Der Fernseher, wie
DOSSIER
heute bereits auch andere Medien, ist alltäglich vorhanden und bietet die einfachsten Möglichkeiten, "kleine Fluchten" zu realisieren. Für Kinder kommt ein wesentlicher Punkt hinzu. Sie wollen emotional angesprochen werden, ihnen geht es zunächst nicht darum, Handlungen zu verstehen. Es geht vielmehr um Affekte, ums Überwältigtwerden, um Sinnlichkeiten und Spannungen. Erwachsene haben zu diesen Erfahrbarkeiten ein viel zwiespältigeres Verhältnis und kämpfen dagegen an, woraus meist eine Verlagerung der Affekte in Ansprüche resultiert. Dazu kommt die Frage: Was ist mit der Kreativität? Um es kurz zu machen: Vielleicht doch nur das, was die Erwachsenen drunter verstehen wollen.
Was für viele Erwachsene ziemlich bescheuert scheint, ist der Umgang der Kinder mit Zeit. Durch die Wiederholung, durch das immer wieder Nachspielen aufs Neue wird die Zeit ausser Kraft gesetzt, verschafft das Kind seiner eigenen Zeitwahrnehmung Gültigkeit, vor allem der Videorekorder scheint sich bei solchen Wiederholungspielen sehr zu eignen. Die Kinder finden derartige Wiederholungen schön. Hier mögen Träume und Phantasiewelten Platz finden, oder wer ist nicht schon mal aus einem schönen Traum erwacht und hätte sich gewünscht, er würde noch anhalten oder gar versucht, ihn weiterzuträumen?
Der alltägliche Medienkonsum (4) aller Altersgruppen verbirgt gewiss noch viele Geheimnisse, auf
die an dieser Stelle nicht mehr eingegangen werden soll. Bei der Schlussetzung sollen hingegen noch zwei Gedanken Platz finden. Einerseits, will man die Betroffenen ernst nehmen, und will man in ihrem Interesse handeln, dürfen die Verwertungsinteressen wissenschaftlicher Untersuchungen nicht hinter dem Rücken oder gegen die Betroffenen eingesetzt werden. In diesem Sinne kann dies auch Verzicht auf Publizierung oder auf die Untersuchung selber heissen, vielleicht besonders in einer Zeit, wo Datenschutz klein geschrieben wird, die Daten selber hingegen vielfältigste Abnehmer finden. Zum zweiten geben Theorien Auskunft über ihr Menschenbild. In diesem Sinne vermitteln die Kindheitsdefinitionen der Erwachsenen Einblicke in die eigenen Ängste und Projektionen. Leider überschatten sie damit allzuoft die Erfahrungen der Kinder. Erstens …
Jean-Paul NILLES
(1) Neil Postman, Das Verschwinden der Kindheit; F/M 1983.
Neil Postman, Wir amüsieren uns zu Tode; F/M 1985.
Hartmut v. Hentig, Das allmähliche Verschwinden der Wirklichkeit; München 84.
(2) Siegfried Zielinski, Der Videorekorder als Durchlauferhitzer; medium 2/84.
(3) Michael Buss, Die Vielseher; F/M 1985 (Media Perspektiven Bd4)
(4) Franz Dröge, u.a., Der alltägliche Medienkonsum; F/M, NY 1979.
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