War beim Aufbau des ersten deutschen Architekturmuseums in Frankfurt, dem Gründungsmythos zufolge, der Verlust eines Modells der Auslöser einer Initiative, eine Sammlung aufzubauen, die unsere gebaute Umwelt dokumentiert, so war es in Luxemburg der Verlust des Großteils von 40 Jahren Arbeit eines einflussreichen lokalen Büros, ausgelagert in einen roten Lamesch-Container. Dies ist und bleibt das traurige Los vieler Architekturzeichnungen und -modelle nach Aufgabe, Übergabe oder Umzug des Architektur- oder Ingenieurbüros. Die Erben oder die Nachfolger sind überfordert von der Masse an Planrollen und Modellen, die manchmal ganze Dachböden füllen.
Die Sprache des Architekten drückt sich nachhaltig in seinen Bauten aus. Seine Kommunikation hingegen manifestiert sich in den Architekturzeichnungen. Diese werden lediglich als Hilfsmittel betrachtet, was sie anfangs auch sind. Sie sind das unerlässliche Bindeglied zwischen allen am Bau
Beteiligten. Und so werden sie später behandelt: Der Bau steht, also weg damit.
Ein Modell sagt mehr als tausend Bilder. Dem Architekten dient es zum Entwickeln seiner Idee, dem Bauherrn macht es das Projekt erlebbar. „Sie sind Versprechen auf etwas, was es vielleicht niemals geben wird“, sagt Oliver Elser, Kurator am Deutschen Architekturmuseum. Manche sollen durch ihre suggestive Kraft Aufträge ermöglichen, manche sind in erster Linie auf Förderung von Image und Prestige ausgelegt. Meist haben sie aber praktische und pragmatische Funktionen. Ihr Wert erschöpft sich darin, als Ersatz zu dienen, weil sie die gebaute Realität vorwegnehmen, bis sie vom Baufortschritt eingeholt werden, denn bei der Fertigstellung des echten Gebäudes verliert das Modell seine Bedeutung. Doch echte Gebäude werden selten für die Ewigkeit gebaut.
„Dass sich Architektur in gebauter Form nicht sammeln lässt wie Armbanduhren, Oldtimer oder Meissner Porzellan, kann sowohl als Vor- als auch als Nachteil gesehen werden. Der Vorteil ist, dass Architektur kein leicht bewegliches Spekulations-objekt darstellt, das wie Kunst auf dem Kunstmarkt zwischen Sammlern, spezialisierten Galerien und Museen in einer auf ökonomische Interessen abgestimmten Mechanik herumgereicht und dabei kontinuierlich im Wert gesteigert werden kann. Aus ihrer Eigenschaft als ‚Immobilie‘ resultiert für die Architektur jedoch andererseits der Nachteil, dass sie innerhalb eines Museums sehr viel schwerer als Kunst, Design oder Graphik zu präsentieren und zu vermitteln ist.
Denn nur bei gebauten Ausstellungen im Außenraum, wie etwa die Weißenhofsiedlung in Stuttgart, kann ein Besucher die wirkliche und unmittelbare Erfahrung von Architektur machen, wobei er zumeist auf die Besichtigung von außen angewiesen ist und somit doch nur einen Teil dessen erfassen kann, wofür Architektur geplant ist. Bei der Präsentation von Architektur im Innenraum ist der Kurator daher auf sekundäre und referenzielle Objekte angewiesen. Diese kann er sammeln, lagern und in verschiedenen thematischen Zusammenhängen präsentieren. Sekundäre Objekte wie Architekturzeichnungen, Renderings, Fotomontagen oder Modelle verweisen auf den Entwurfs- oder Denkprozess geplanter Architektur. Referenzielle Objekte sind Fotographien, Videos, nachgebaute Modelle, die gebaute Architektur ganz oder in Teilen abbilden, aber von dieser abhängig sind und ebenfalls keine reale Erfahrung von Architektur vermitteln“, schreibt Andres Lepik, Direktor des Architekturmuseums der Technischen Universität München.1
„An vielen Orten der Welt wird Architektur gesammelt und ausgestellt. Nicht als gebaute Artefakte, als dreidimensionale, begehbare oder besuchte Räume, sondern als gedachte und zu Papier gebrachte bzw. im Modell anschaulich gewordene Architektur. Mit ihr lässt sich auf Reisen gehen, sie ist Idee wie Dokument zugleich. Und sie wird gesammelt und hergezeigt, in wissenschaftlich betreuten Archiven und Museen, in publikumsträchtigen Ausstellungen und in kleinen Galerien.“2
Architektursammlungen sind zunächst auch gar nicht mit dem Ziel öffentlicher Ausstellungen entstanden. Anfangs wurden sie zur Ausbildung angelegt: Gipsabgüsse von Reliefs, Skulpturen und Modelle oder Vorlageblätter.
Zunächst unterscheiden sich die Architekturzeichnungen rein formal vom üblichen Aktenschriftgut. Sie sind oft großformatig, manchmal farbig, und selbst für schriftunkundige sind sie über Sprach- und Zeitgrenzen hinweg verständlich. Gerne werden sie für Ausstellungen und Präsentationen herangezogen.
Ihr besonderes Format birgt aber auch Risiken: Entweder sind sie in die Aktenordner integriert, dann mehrfach gefaltet und an den Knickstellen eingerissen. Oder sie sind gesondert als Großformat gelagert. Bevor es in den Archiven großformatige Karten- oder Planschränke gab, wurden sie oft gerollt aufbewahrt; dadurch kann der Farbauftrag abblättern. Oder sie lagerten offen, waren dadurch eine ideale Ablagerungsfläche für Staub und Dreck und bleichten aus. Selbst das Material auf dem die Pläne gezeichnet sind, kann Risiken bergen. Das bei Architekten beliebte Pergaminpapier zersetzt sich chemisch sehr stark.
Für Prof. Vittorio Magnago Lampugnani hebt die Architekturzeichnung den Unterschied zwischen Ausgeführtem und Unausgeführtem auf. Die Verwirklichung, die meist unmittelbar von der jeweiligen ökonomischen Situation abhängt, ist nicht mehr conditio sine qua non für Architektur. Dadurch dass in der Zeichnung architektonische Gedanken ganz unmittelbar festgehalten werden können, ist es möglich vieles zu retten, was in der Realisation unterginge. Dies ist deshalb von Bedeutung, weil nicht selten ‚Schubladenarchitekturen‘ künstlerisch und historisch ebenso wegweisend sind wie das was tatsächlich umgesetzt wurde. Das Archiv des typischen Architekten oder Bauingenieurs des 20. oder 21 Jahrhunderts weist inhaltlich bestimmte Merkmale auf und erfordert deshalb große Sorgfalt. Ein solcher Nachlass besteht unter anderem aus Dokumenten, die über die einzelnen Planungs- und Bauphasen der Bauwerke Aufschluss geben. Dazu gehören: Entwurfs- und Ausführungspläne, Skizzen, technische Zeichnungen, ferner schriftliche Aufzeichnungen und Modelle, Fotografien, amtliche Schreiben, aber auch Dokumente aus der Buchhaltung und Teile des Schriftverkehrs. Das können detaillierte Entwurfszeichnungen sein, die auf hochempfindlichen Medien gespeichert sind, aber auch wahre Kunstwerke, etwa Temperaarbeiten, druckgrafische Reproduktionen, Ölbilder, Prototypen, Modelle, Glasarbeiten: Medien und Techniken, die sehr empfindlich sind.3
Wie und wo ausstellen ist eine weitere wichtige Frage.4 Die Auseinandersetzung mit der Theorie und Geschichte der Architekturausstellung erlebt in den letzten Jahren eine intensive Zuwendung durch wissenschaftliche Kongresse und Publikationen. Eigene Räume für die Architekturpräsentation heißen nicht automatisch ein eigenes Haus. Im räumlichen und inhaltlichen Dialog mit den anderen Disziplinen wie Kunst, Design und Graphik zu stehen, hat auch Vorteile. Und zudem kann die Architektur in der Öffentlichkeit eine weitaus höhere Aufmerksamkeit finden als in einem monothematischen Haus. Diese Konstellation bietet die Möglichkeit zu interdisziplinären Projekten und Ausstellungen (vgl. Architekturmuseum München in der Pinakothek der Moderne oder die laufende Art Déco-Ausstellung im MNHA auf dem Fischmarkt).
Dokumentation, Erforschung, Förderung und Vermittlung der Baugeschichte Luxemburgs, aktueller und historischer Themen ist das Ziel einer solchen Sammlung. Für einen umfangreichen Überblick zur Architekturgeschichte des Großherzogtums bilden Planmaterial und Modelle der Architekten und Ingenieure neben den Bauten an sich die Basis. Auf Grund der Skizzen, Zeichnungen, den Holz- und Gipsmodellen der Architekten H. Ritter, H. Hentrich und H. Heuser u.a. konnten schon mehrere Artikel publiziert werden, die einen Einblick in die urbanistischen und kulturellen Vorhaben der Nationalsozialisten in Luxemburg geben. Ohne diese Unterlagen, welche bis vor kurzem zum größten Teil noch auf Dachböden verstaubten, wäre dies nicht möglich gewesen.
- Landesarchiv Baden-Würtenberg, Archivnachrichten 45/2012
- Show & Tell. Architektur sammeln, hg. v. Andres Lepik, Architektur Museum der TU München und Hatje Cantz Verlag 2014
- Architektur austellen. Zur mobilen Anordnung des Immobilen, hg. v. Carsten Ruhl, Chris Dähne, Jovis Verlag 2015
- Eva-Maria Barkhofen, Baukunst im Archiv. Die Sammlung der Akademie der Künste, DOM publishers Berlin 2016.
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