„Täterarbeit führt zu Opferschutz“

Interview mit Gilbert Pregno, Psychologe und Familientherapeut sowie Leiter in der Stiftung Kannerschlass

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Interview mit Gilbert Pregno, Psychologe und Familientherapeut sowie Leiter in der Stiftung Kannerschlass

Der Skandal um Kindermissbrauch und -misshandlung in der katholischen Kirche hat weltweit hohe Wellen geschlagen. Auch in Luxemburg kam es zu Fällen physischen und psychischen Missbrauchs durch kirchliche WürdenträgerInnen. Die Kirche reagierte und richtete im April 2010 eine Hotline ein unter der Leitung des vor kurzem verstorbenen CSV-Abgeordneten Mill Majerus. Im November desselben Jahres wurde ein umfangreicher Abschlussbericht der Öffentlichkeit vorgestellt. Herr Pregno, wie kommt es, dass es ausgerechnet in den Reihen der katholischen Kirche so viele TäterInnen gibt?

Gilbert Pregno: Lassen Sie mich etwas weiter ausholen. Im Umgang mit Misshandlungen gibt es eine historische Entwicklung. Den Anfang machten Frauenbewegungen in den USA, später auch in Europa: Viele Frauen berichteten von sexuellen Übergriffen in ihrer Kindheit. Man stellte schnell fest, dass der Täter meist kein Fremder war, sondern der Vater, der Onkel oder der Opa. Viel später erfuhren wir, dass es auch in Institutionen zu Missbräuchen und Übergriffen kommt. Das ist besonders dann der Fall, wenn durch die Umstände bedingt ein starkes Abhängigkeitsverhältnis besteht, wie beispielsweise in Gefängnissen, psychiatrischen Anstalten, Kinderheimen und -internaten. Dieses Bewusstsein um das grenzüberschreitende Verhalten von Autoritätspersonen in Institutionen, die eigentlich zum Ziel haben, Menschen in Not zu helfen, dringt nur sehr langsam in den Fokus unserer Aufmerksamkeit: Man hat da schon mit einem blinden Fleck zu tun. Die rezente Missbrauchswelle hat weiter in den Vordergrund gestellt, dass

die Opfer nicht nur Mädchen oder Frauen sind, sondern auch Jungen und Männer. Eines der letzten Tabuthemen, das erst jetzt aufgegriffen wird, ist die Tatsache, dass auch Frauen Täterinnen sein können. Um aber auf Ihre Frage zurückzukommen: Der Missbrauch in der Kirche ist als ein allgemeineres Phänomen zu verstehen, das ich unter den

Ein Täter übt über eine Machtbeziehung Druck auf ein Kind aus, um es gefügig zu machen und missbrauchen zu können. Macht ist aber auch ein zentrales, unkritisch betrachtetes Thema in der katholischen Kirche […]

Oberbegriff von Missbrauch und Misshandlungen in Einrichtungen setzen würde. Wir sprechen von struktureller Gewalt, deren Auslöser auch institutionelle Gründe hat. Es ist keineswegs so, dass die kirchlichen Einrichtungen das Monopol auf Missbrauch haben. Nur ein Beispiel: vor Monaten meldete sich ein Mann bei uns, der erzählte, wie er um 1955 im Kannerschlass Suessern von einem bei der Gemeinde Esch angestellten Handwerker öfters missbraucht wurde.

80 % der gemeldeten Übergriffe liegen in den Jahren zwischen 1950 und 1980. Haben die damaligen gesellschaftlichen Verhältnisse Missbrauch und Misshandlung begünstigt?

G. P.: Bis in die 1980er und 1990er Jahre galten andere Vorstellungen von Erziehung: Autorität und Hierarchie waren die Säulen,

auf die sich das erzieherische Handeln basierte, und dies wurde demnach nicht hinterfragt. Kinder mussten sich dem fügen. Schlagen, Demütigen und Zurechtweisen gehörten zu den gängigen Methoden, auch in Familien. Im Heim glaubte man zudem, man könne ein Kind psychisch so beeinflussen, dass es seine familiären Bindungen abkappen und einen anderen Lebensweg einschlagen würde. Eltern und Familie dieser Kinder wurden eher als Giftfaktor für die Entwicklung der Kinder betrachtet. Eltern waren keine Partner, sondern von ihnen ging eher eine Kontaminationsgefahr aus. Heute ist dies noch immer die Ausrichtung des Jugendschutzgesetzes in Luxemburg, das sich über die letzten Jahrzehnte nie den zeitlichen Gegebenheiten angepasst hat. All dies sind Erklärungen, die aber nicht davon abhalten sollten, die Verantwortlichkeit der Einzelnen – in welchen Rollen auch immer – sowie der ganzen Gesellschaft in den Mittelpunkt zu stellen.

Diese Erziehungsmethoden wurden auch von der katholischen Kirche nicht angezweifelt?

G. P.: Nein! Ich wollte fast sagen: Die Kirche hatte keinen Grund dazu! Aber zusätzlich und als fördernden Faktor gilt es zu wissen, dass überall dort, wo es Missbrauch gibt, Macht eine große Rolle spielt. Ein Täter übt über eine Machtbeziehung Druck auf ein Kind aus, um es gefügig zu machen und missbrauchen zu können. Macht ist aber auch ein zentrales, unkritisch betrachtetes Thema in der katholischen Kirche: Wir finden bei dieser Institution sehr rigide, unbewegliche Autoritätsstrukturen.

Eugen Drewermann, ehemals Theologe und Kirchenkritiker, gab noch kürzlich in der Wiener Zeitung ein prägendes Bild, wie die Kirche sich selbst erlebt: „… als Institution (…) von Gott gesetzt, vom Geist geleitet und in ihren Entscheidungen unfehlbar.“ Wichtig ist in diesem Kontext auch, dass Missbrauch nur dort stattfinden kann, wo Geheimhaltung herrscht, sonst funktioniert es nicht: Dies fördert das Wegschauen und Ausblenden.

Aus dem Abschlussbericht der Hotline geht hervor, dass 60 % der Gesprächspartner, die Übergriffe gemeldet haben, Männer waren, 40 % waren Frauen. Sind Jungen tendenziell stärker von Missbrauch durch Geistliche betroffen als Mädchen?

G. P.: Allgemein könnte man denken, dass der Missbrauch an Jungen ausgeprägter in Institutionen ist, in Familien sind öfters die Mädchen betroffen. Ich bin aber trotzdem vorsichtig mit meinen Aussagen, weil Männer sehr wenig über den Missbrauch reden. Das wird sich wohl in Zukunft ändern.

Fast alle Heime bzw. Internate in Luxemburg waren in dem Zeitraum, aus dem die meisten Übergriffe stammen, katholisch. Doch nicht nur die kirchliche Hierarchie hat weggeschaut, was in diesen Heimen vor sich gegangen ist, sondern auch der Staat hat sich nicht wirklich für diese Kinder interessiert.

G. P.: Ja, das stimmt. Die Heimunterbringung wird noch heute sehr oft von Kinder- oder Jugendrichtern durch ein Urteil veranlasst. Die Richter sind jedoch in der Pflicht, die Ausführung ihres Urteils zu überprüfen. Leider wurde das in der Vergangenheit zum Teil versäumt, sodass nicht nur die Verantwortung bei den Tätern und den Institutionen liegt, sondern auch bei der Gesellschaft. Auch wenn die Täter die Hauptverantwortung tragen, kann man von fahrlässigem Verhalten der Gesellschaft sprechen, welches den Missbrauch, wenn nicht duldete, so doch begünstigte.

Die meisten der Ordensmänner und -frauen in den im Abschlussbericht genannten Institutionen, in denen es zu Übergriffen kam, hatten wohl keine pädagogische Ausbildung?

G. P.: Das war zum Teil der Fall. Bei uns im Kannerschluss etwa zählte bis in die 1980er

Jahre hinein zu den Einstellungskriterien: „Frau über 40, ledig oder verwitwet.“ Das Heim stellte eine Art Familienersatz dar, und man ging davon aus, dass wenn dieser Familienersatz gut gestaltet war, man keine zusätzlichen pädagogischen Fähigkeiten bräuchte. Leiter waren ein Lehrerpaar, das eine für diese Zeit fortschrittliche pädagogische Einstellung hatte. Professionalität hat sich ab Mitte der 1980er Jahre eingestellt durch die Reformbewegung, die vom Staat ausging und der sich dann viele Heime anschlossen.

In einem Interview mit AHA (Allianz von Humanisten, Atheisten und Agnostiker Lëtzebuerg) erklärt der US-Amerikaner Richard Sipe, ehemaliger Benediktinermönch und Experte für Kindmissbrauch, dass etwa 90 % der Priester den Pflichtzölibat nur periodisch einhalten. Er ist außerdem der Meinung, dass die Machtstrukturen das Verschweigen von Missbrauchsfällen begünstigt haben, weil selbst hohe Würdenträger sexuell aktiv sind und natürlich kein Interesse daran haben, dass dies bekannt wird. Das eine deckt das andere. Ich weiß nicht, inwiefern diese Behauptungen auch auf Luxemburg zutreffen könnten. Wovon man aber wahrscheinlich ausgehen kann, ist, dass der hierarchische Apparat als solcher eine wichtige Rolle gespielt hat.

G. P.: Die Hierarchie und der Umstand, dass nur Männer in der Kirche das Sagen haben, spielen eine wichtige Rolle. Es ist dramatisch, dass auch noch im 21. Jh. die Hälfte der Menschheit von den Ämtern der katholischen Kirche ausgeschlossen ist. Der Umgang mit der Sexualität ist ebenfalls ein

wichtiger Punkt: Sexualität ist nicht der Feind im Menschen, den es zu bekämpfen gilt, damit das Geistliche zum Tragen kommt. Menschen, die gesunde Signale ihres Körpers verdrängen, tun sich Gewalt an. Liegt da nicht auch eine Wurzel von sexuellen Übergriffen, bedingt durch ein respektloses Verhalten anderen, aber auch sich selbst gegenüber? Ich frage mich außerdem, inwiefern große Einsamkeit und mangelnder Austausch bei Priestern oder Ordensleuten nicht auch zur Geheimhaltung führen können.

Inwiefern könnte der Pflichtzölibat bei den Missbrauchsfällen eine Rolle spielen?

G. P.: Aus meiner beruflichen Erfahrung heraus kann ich Ihnen da keine Aussage machen. Forscher und Gutachter gehen davon aus, dass es generell keinen kausalen Zusammenhang zwischen Zölibat und Missbrauch gibt.

Im Hotline-Bericht steht, dass es sich bei vielen Tätern wohl um Erwachsene handelt, „die in ihrem emotionalen, affektiven und psychosexuellen Reifungsprozess gescheitert sind“ und „gravierende Defizite“ in ihrer Beziehungsfähigkeit aufweisen. Warum fühlen sich solche Menschen von der Institution Kirche angezogen?

G. P.: Sie fühlen sich von der Kirche angezogen, weil sie dort einen Hafen finden, der sie aufnimmt und wo sie eine gewisse Sicherheit erfahren, die sie sonst nicht haben. Das Bedürfnis nach Sicherheit ist etwas, was oft unterschätzt wird. Indem sich Menschen in den Schoß der Kirche begeben, geben sie

Leitlinien für den Umgang mit sexualisierter Gewalt

Die Erzdiözese Luxemburg veröffentlichte kürzlich einen Leitfaden für den Umgang mit sexualisierter Gewalt an Minderjährigen im kirchlichen Bereich und kommt somit einer der Empfehlungen des Abschlussberichts von „Hotline Cathol“ nach.

Nach einer Bestimmung der Begriffe „sexualisierte Gewalt“ und „kirchlicher Bereich“ wenden sich die Leitlinien den Zuständigkeiten des/der ständigen Missbrauchsbeauftragten der katholischen Kirche zu. Es folgen Bestimmungen über das Vorgehen nach Kenntnisnahme eines Missbrauchshinweises und Maßnahmen, die bis zur Aufklärung des Falles zu treffen sind. Weitere Kapitel befassen sich mit den Hilfsangeboten für die Opfer und die betroffenen kirchlichen Einrichtungen sowie mit den Konsequenzen für den Täter. Abschließend geht das Dokument auf Fragen der Prävention im Hinblick auf die Auswahl kirchlicher Mitarbeiter sowie in Bezug auf deren Aus- und Weiterbildung ein.

Der vollständige Text ist zu finden unter www.cathol.lu/Leitlinien-der-Erzdiosee.html

dem Gefühl der Unreife und Verunsicherung, das sie erleben, einen Halt, eine Art Anker. Wobei es aber ungerecht und falsch wäre zu behaupten, jeder Priesterkandidat sei von einer sexuellen Unreife betroffen. Man muss gut aufpassen, dass man nicht eine ganze Gruppe verurteilt. Überhaupt stellt sich die Frage, was eine sexuelle, sowohl physische wie auch psychische, Reife ist und ab wann man sie erreicht hat.

Können Sie uns ein Täterprofil erstellen?

G. P.: Täter sind Menschen, die sehr gut manipulieren können, d. h., sie legen sich intelligent an, um die Psyche eines Kindes zu instrumentalisieren: Dieser Prozess, der zum Missbrauch führt, nennen wir „grooming“ und kann bis zu 3 Jahren dauern. In der Psyche des Kindes werden die Widerstandskräfte abgebaut und dadurch wird Missbrauch möglich. Es ist bekannt, dass sich Täter in Familien dasjenige Kind aussuchen, dem es schlecht geht: Sie benutzen seine Schutzbedürftigkeit und missbrauchen sein Vertrauen. Wir sagen auch, dass Täter Kinder wie eine Tankstelle benutzen, um ihr lädiertes Selbstwertgefühl zu reparieren. Täter manipulieren auch sehr stark ihr Umfeld. Sie tun alles, damit der Missbrauch nicht auffällt und können andere Menschen so beeinflussen, dass sie es geheim halten. Dazu gehört auch, dass es sich bei Tätern oft um Männer handelt, die sozial sehr engagiert und gut integriert sind, also ein positives Bild von sich abgeben.

Ein anderer Aspekt, der im Bericht angesprochen wird, ist, dass viele Täter scheinbar nicht von ihrer Veranlagung her pädophil sind.

G. P.: Es gibt unterschiedliche Theorien zum Thema Täter (cf. Kasten). Ein Mann, der ein Kind missbraucht, hat erstens nicht unbedingt eine krankhafte Persönlichkeitsstruktur und ist zweitens nicht unbedingt pädophil veranlagt. Es ist jemand, der in einem bestimmten Kontext ein Kind zu seiner sexuellen Befriedigung benutzt, und um das zu realisieren, bedient er sich seiner Macht, die er als Vater, Großvater, Lehrer, Priester usw. besitzt. Das Umfeld blendet das Wirken des Täters oft aus, kann oder will sich nicht vorstellen, was passiert. Es ist einfacher für die Menschen, sich in der falschen Gewissheit zu wähnen, sie hätten es mit krankhaften Persönlichkeiten zu tun.

Wie können Priester, die sich an Kindern vergreifen, ihr Handeln mit den Lehren der Kirche vereinbaren? Die Tat steht doch im krassen Widerspruch dazu…

G. P.: Menschen haben die Fähigkeit, ihre Psyche zu spalten, d. h. in Fächer/Schubladen aufzuteilen. Dadurch entstehen zwei oder mehrere „Welten“, die nebeneinander funktionieren. So kann es beispielsweise sein, dass ein Priester sonntags Nächstenliebe predigt und sich später an einen Messdiener vergreift. Interessant, aber schwierig nachzuvollziehen ist, dass die Täter nicht mitbekommen, nicht spüren, welches Leid sie eigentlich anrichten. Sie haben demnach

Ein Mann, der ein Kind missbraucht, hat erstens nicht unbedingt eine krankhafte Persönlichkeitsstruktur und ist zweitens nicht unbedingt pädophil veranlagt.

auch kein schlechtes Gewissen oder Mitleid. Täter banalisieren die Schmerzen, die sie anderen Menschen zufügen. Das ist schon sehr beeindruckend. Würden die Täter das Leid nachvollziehen, wäre es wohl auch für sie unerträglich. Die Psyche übernimmt eine Strategie des Nichtfühlens, um nicht vom Schmerz der anderen Person überwältigt zu werden. Dadurch wird auch die Wirklichkeit verzerrt.

Menschliches Mitgefühl fehlt diesen Menschen komplett?

G. P.: Als uns immer mehr bewusst wurde, wie viele Kinder in Luxemburg missbraucht wurden, begannen wir Weiterbildungen. Ich habe viel gelernt, indem ich versucht habe zu verstehen, wie Täter vorgehen und wie es in ihnen aussieht. Es ist sehr schwer, diese ihre Realität nachzuvollziehen und sich in ihre Psyche hineinzupüren. Man muss im Grunde genommen viele eigene Empfindungen und Erlebnisse ausblenden, um auf diese Ebene zu gelangen. Es erschreckt mich immer wieder festzustellen, wie einsam und gefühlsam Täter sind. Die Gefahr ist, diese Menschen auf ihr Täterverhalten zu reduzieren, aber dadurch wird das Menschliche bei ihnen ausgeblendet. Wir dürfen aber niemandem das unveräußerliche Recht auf Würde absprechen.

Wir haben bisher nur von Männern gesprochen, aber auch Frauen, Ordenschwestern, sind hierzulande stark in die Missbrauchsfälle involviert. Im Bericht ist von Sadismus, systematischer Erniedrigung, Züchtigung, Vernachlässigung bis hin zu Totschlag die Rede.

G. P.: Der Missbrauch durch Frauen ist immer noch ein Tabu, hat eine andere Qualität, und es gibt dazu nur wenig Literatur. Man geht davon aus, dass die psychische Komponente beim Missbrauch durch Frauen ausgeprägter ist als die physische. Alles deutet jedoch darauf hin, dass die Zahl der Täterinnen niedriger ist als diejenige der Täter. Hier spielt wohl auch unser Verständnis von Männer- und Frauenrollen mit und wie sich die Macht zwischen diesen Rollen verteilt. Was die Schwestern angeht, so fällt es eher in den Bereich der Misshandlung im Kontext einer Heimstruktur, und ich habe bereits vorhin erwähnt, dass die Erziehungsmethoden bis in die 1980er Jahre u. a. auf Demütigung, Züchtigung und Prügel ausgerichtet waren. Es gab weniger Kontrollinstanzen und pädagogische Konzepte, daher waren die Kinder diesen Menschen auch stärker ausgeliefert. Seitdem gab es jedoch viele Entwicklungen. Dank der Kinderrechtsbewegung sind solche Übergriffe in dem Ausmaß nicht mehr möglich, zumindest nicht hier in Luxemburg.

Die Kirche hat die Opfer in den Mittelpunkt gerückt. Ihnen gelte ihr volles christliches Mitgefühl. Aber wie reagiert sie auf die Täter?

G. P.: Täter sind keine Monster, es sind Menschen. Das Abschotten und Demütigen von sexuellen Tätern hat wohl damit zu tun, dass wir ihr Handeln nicht nachvollziehen können. Wir verdrängen nicht nur die Tat, sondern auch den Täter, den wir am liebsten auf einen anderen Planeten schicken würden. Im März 2010 hat Generalvikar Mathias Schiltz in einem Interview mit dem Luxemburger Wort das Matthäus-Evangelium zitiert: „Wer einen von diesen Kleinen, die an mich glauben, zum Bösen verführt, für den wäre es besser, wenn er mit einem Mühlstein um den Hals im tiefen Meer versenkt würde.“ Das ist eine vorsintflutliche Art, Recht zu verstehen. Es gilt der Leitsatz, dass Täterarbeit zu Opferschutz führt. Zudem habe ich nicht den Eindruck, dass die Kirche und ihre Träger es geschafft haben, zu analysieren, welche strukturellen

Umstände in der Institution „Kirche“ diese Vorgänge, wenn nicht unbedingt geschaffen, so doch begünstigt haben. Wenn wir den Ablauf eines Missbrauchs in einer Familie rekonstruieren, untersuchen wir immer auch, wie es im Kontext dieser Familie zu einem Missbrauch kommen konnte. Die Familie wird also nicht bei der Untersuchung ausgeklammert. Was aber macht die Kirche? Sie entwickelt Haltungen von Buße und Entschuldigung den Opfern gegenüber und verurteilt die Täter. Der nächste Schritt aber wäre, ebenso wie bei den Familien, zu schauen, was diese Handlungen im Institutionsgefüge favorisiert haben. Daher wäre es angebracht, dass die Kirche sich mit ihren Strukturen als einen Teil des Problems verstehen würde. Die nächste Etappe wird noch kommen. Menschen vertrauen der Kirche, wenn sie beispielhaft in ihrer Haltung ist. Spiritualität ist ein wichtiger Teil der Persönlichkeit der Menschen, die nach Orientierung suchen.

Wie beurteilen Sie als Außenstehender die „Hotline Cathol“ und den Abschlussbericht?

G. P.: Als die Diskussion anfang und Hotline Cathol gebildet wurde, war ich kritisch und fand, es sei eine PR-Maßnahme. Ich musste mich aber nach der Lektüre des Abschlussberichtes korrigieren. Ich finde den Bericht sehr aufrichtig. Das, was ich dort an Beschreibung von Misshandlung und Missbrauch gelesen habe, gehört zu den ganz schlimmen Sachen, die ich kenne. In dem Sinne ist es nicht berechtigt zu sagen, dass die an diesem Bericht Beteiligten irgendwie versucht hätten, die Wahrheit zu verstecken. Im Gegenteil, ich bin voller Bewunderung für den Einsatz dieser Arbeitsgruppe.

Was kann in der Ausbildung unternommen werden, um für diese Probleme zu sensibilisieren? Erzbischof Fernand Franck meinte etwa in seiner öffentlichen Entschuldigung, man bräuchte eine verstärkte Prävention in der Auswahl und Ausbildung der Priesterkandidaten.

G. P.: Das ist eine gute Idee, ich behaupte aber, dass dies nicht reicht. Laut einer amerikanischen Studie über Täter in der Kirche waren 40 % der Täter, vor Aufdeckung des Missbrauchs, irgendwann in Therapie, und niemand hätte gedacht, dass sich diese Priester an Kindern vergreifen. Therapeuten, die solche Täter behandelt haben,

meinten bei vielen, alles sei jetzt wieder in Ordnung – und dann fand doch wieder Missbrauch statt. Ich zweifle daher, dass im Vorfeld anhand psychologischer Tests vorherbestimmt werden kann, ob eine Gefahr besteht oder nicht. So eine Mächtigkeit sollte man sich nicht anmaßen. Diese Maßnahmen werden den Missbrauch wohl in beschränktem Maße reduzieren, mit großer Wahrscheinlichkeit jedoch nicht verhindern. Ich bin eher der Meinung, dass der Weg über eine strukturelle Veränderung in der Kirche führen muss.

Bekanntlich wurden ja 114 Fälle an die Staatsanwaltschaft weitergeleitet. Was könnte dabei herauskommen?

G. P.: Der Impakt auf Ebene der Strafverfolgung wird wohl eher sehr begrenzt sein, wenn nicht inexistent. Es ist schon richtig, dass die Kirche die Fälle an die Staatsanwaltschaft weitergeleitet hat, ich glaube jedoch nicht, dass jemals einer der präsümierten Täter verfolgt werden wird. Manche sind ja auch in der Zwischenzeit bereits verstorben.

Und was halten Sie von der geforderten Verlängerung der Verjährungsfristen, die auch von der Politik aufgegriffen wurde?

G. P.: Das Verlängern der Verjährungsfristen wird nicht viel bringen. Das Parlament sollte sich anderen Aufgaben widmen. Warum werden Täter nicht überführt? Viele bleiben unbestraft, weil der Missbrauch nicht aufgedeckt wird. So wie es zurzeit läuft, werden Kinder durch die Täterverfolgung oft noch ein zweites Mal „missbraucht“. Im Falle einer Anklage suchen Gerichte nach materiellen Spuren – die gibt es aber nur bei ca. 15 % der Taten. Zum aktuellen Wissensstand der Richter und deren Beweisführung gehört auch, dass ein Täter ein Pädophiler sein muss. Kommt der Gutachter nicht zu diesem Schluss und ist man sich sicher, dass Missbrauch stattgefunden hat, dann wird der Übergriff als Ausrutscher abgetan. Bei laufenden Prozessen berichtet die Presse ungefiltert über die Aussagen von Richtern, Angeklagten und Anwälten. Das trägt wesentlich dazu bei, dass der Missbrauch in unserer Gesellschaft umgedeutet und banalisiert wird: Kinder werden so zum Verursacher, da sie den mutmaßlichen Täter verführt haben, und die Täter werden zu armen, naiven, unglücklichen Menschen profiliert.

Herr Pregno, vielen Dank für das Gespräch. ♦

(Das Interview fand am 8.4.2011 statt. LH)

Priester als Täter mit unterschiedlichen Profilen

Der Abschlussbericht der „Hotline Cathol“ zieht im Kapitel „Priester als Täter mit unterschiedlichen Profilen“ (S. 54-56) vier mögliche Täterprofile in Betracht. Demnach sei ein „Teil der als Sexualtäter inkriminierten Priester […] sicherlich pädophil“. Aufgrund des Alters der Opfer geht der Bericht weiter davon aus, „dass eine relativ hohe Zahl der beschuldigten Priester ephebophil veranlagt war“. D. h., diese Täter fühlen sich sexuell zu pubertierenden oder älteren Jugendlichen im Alter zwischen 15 und 18 Jahren hingezogen. Beim dritten Täterprofil handelt es sich um Erwachsene, „die in ihrem emotionalen, affektiven und psychosexuellen Reifungsprozess gescheitert sind“ und daher „in ihrer Beziehungsfähigkeit gravierende Defizite“ aufzeigen (z. B. Missbrauch ihrer Position, fehlende Empathie, Narzissmus, Dominanzverhalten, Gewaltbereitschaft …). Das vierte und letzte Profil passe laut Bericht „wohl zur häufig vertretenen These, der Pflichtzölibat fördere den sexuellen Missbrauch. Manche Täter wirken vereinsamt, überfordert und ausgebrannt, scheinen mit ihrem Amt und ihrem Leben insgesamt nicht zu Recht zu kommen.“

Bezüglich des Zölibats bei den drei ersten Täterprofilen notiert der Bericht, dass eine pädophile oder ephebophile Neigung nicht aus dem Pflichtzölibat resultieren. Möglicherweise sei eine Institution jedoch „attraktiv“ für Menschen, welche geschlechtliche Beziehungen zu (gleichaltrigen) Erwachsenen ablehnen. Auch beim dritten Täterprofil könne man den Zölibat generell nicht „als Ursache oder Auslöser einer blockierten psychischen Entwicklung ansehen“, die Kirche müsse sich jedoch der Frage stellen, „inwiefern sie u. a. auch über das Gebot des Zölibats psychisch kranke Menschen“ anziehe und ob das Auswahlverfahren der Priesteramtskandidaten „so ausgerichtet sei, dass seelisch unreife und beziehungsunfähige Aspiranten vorzeitig ausgesondert werden“.

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