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Kardinal Dr. Franz König (Wien)
Atomkrieg ist kein Krieg
Wir reden vom Frieden. Haben wir nicht immer vom Frieden geredet? „Die Waffen nieder!“ rief Bertha von Suttner. „Nie wieder Krieg!“ schrien die Menschen nach dem Ersten Weltkrieg. Was ist davon geblieben? Die Skepsis, daß alles schon einmal dagewesen ist? Das müde Lächeln der alten Menschen, wenn ihre Enkel und Urenkel heute sagen, sie würden einfach nicht
hingehen, sie würden den Krieg allein lassen? Welchen Krieg?
Wir reden vom Krieg, wie die Menschen seit Jahrhunderten vom Krieg geredet haben. Wir reden vom Krieg, weil wir kein anderes Wort haben. Aber ist das, was uns heute droht, in aller Furchtbarkeit droht, nur ein Krieg? Kann man
das noch als Krieg bezeichnen? Im Krieg hat es immer Vernichtung gegeben. Aber immer ist noch jemand dagewesen, um nachher zu weinen, zu klagen, die Toten zu bestatten und wieder neu anzufangen über Trümmern, Schutt und Rauch. Doch nach der totalen Vernichtung wird es niemand mehr geben, der klagen kann und neu beginnen. Der Mensch kann sich das nicht vorstellen. Es fällt ihm auch schwer, sich die totale Vernichtung vorzustellen. Darum nennt er noch immer Krieg, was nicht Krieg ist.
Krieg und „Atomkrieg“ können und dürfen nicht miteinander in Verbindung gebracht werden. Mit Atombomben und Atomstrahlen kann man keinen Krieg führen, damit kann man nur die gesamte Menschheit ausrotten. Kriegführen und der Einsatz von Atomwaffen widersprechen einander von Grund auf. Nicht nur deswegen, weil die Zahl der Toten alle bisherigen Vorstellungen übersteigen würde, sondern weil gleichzeitig alle Gebäude, alle Transportmittel und die gesamte gesellschaftliche Struktur zerstört würden. Es gäbe weder eine medizinische noch eine dem Lebensunterhalt dienende Versorgung. Die Verbreitung radioaktiven Materials würde auf weiten Gebieten, auf ganzen Kontinenten nicht nur fast alle Lebewesen töten, sondern außerdem alle Arten von Krankheiten, besonders Krebs, bei den wenigen noch Lebenden verursachen. Der Chef eines internationalen Unternehmens zur friedlichen Auswertung der Atomkraft sagt mir kürzlich folgendes: „Es steht fest, daß das gesamte international einsatzbereite Atommaterial, in normalen Sprengstoff umgerechnet, soviel ergibt,
daß für jeden Menschen auf der Welt 3.000 Kilogramm Sprengstoff zur Verfügung stehen, um ihn zu töten.“
Wenn wir erkennen, daß die große Vernichtung nicht als Krieg bezeichnet werden kann, dann fällt auch alles weg, was Menschen sich ausgedacht haben, um Kriege zu „regulieren“, zu „moralisieren“, zu „domestizieren“. Es fällt weg der so lang verwendete und so oft mißbrauchte Begriff vom gerechten Krieg. Was heißt hier noch gerechter Krieg? Auch das Wort vom Verteidigungskrieg ist in diesem Zusammenhang ein sinnloses Wort geworden. Was soll und von wem verteidigt werden?
Ein anderer Gesichtspunkt fällt heute besonders ins Gewicht. Die Möglichkeit eines Atomkrieges nimmt nicht ab, sondern wächst. Ja, nicht nur die sogenannten Supermächte sind im Besitz von Atomwaffen, sondern auch kleinere Staaten haben heute bereits Atomwaffen oder können sie herstellen. Die Möglichkeit, daß etwas passiert, wächst ständig. Terroristen und Narren sind überall und immer zu allem fähig. Dazu kommt noch eine weitere Gefahr. Es wird davon gesprochen, daß man die Möglichkeit vom „begrenzten“ Atomkrieg in Rechnung stellen müsse. Das heißt, daß taktische Kernwaffen bei militärischen Aktionen zum Einsatz kommen können. Abgesehen vom direkten Effekt eines solchen Einsatzes, abgesehen von der dadurch ausgelösten Radioaktivität, ist zu bedenken, daß ein solcher Einsatz fast naturnotwendig sich ausweitet und aus einer begrenzten militärischen Aktion ein allgemeiner vernichtender Atomschlag würde.
Die öffentliche Meinung ist sich dieser großen Gefahr noch immer zu wenig bewußt. (…)
Bei Diskussionen in diesem Zusammenhang muß künftig folgendes beachtet werden:
a) Kernwaffen dürfen niemals als Kriegswaffen bezeichnet werden. Das, was man bisher als Möglichkeit eines Atomkrieges bezeichnet hat, wurde mit größter Wahrscheinlichkeit zur Vernichtung der gesamten Menschheit führen.
b) Den Einsatz von Kernwaffen jeder Art durch irgendeinen Staat bei irgendeinem künftigen Konflikt muhte man wegen der irreparablen Folgen als „Verbrechen gegen die Menschheit" bezeichnen.
c) Regierungen in Ost und West mußten mit größtem Nachdruck veranlaßt werden, die Zahl der Atomwaffen zu reduzieren. Zur Zeit sind mehr als 50.000 Atombomben einsatzbereit.
d) Die dringendste Aufgabe ist es, in den Abrüstungsverhandlungen die Zahl aller Arten
von Atomwaffen zu reduzieren und diese Abrüstung zu kontrollieren. Je größer die Spannungen in der Welt sind, desto dringender ist dieses Vorhaben.
Die größte Gefahr, mit der sich die Menschheit heute auseinandersetzen muß, ist noch lange nicht das Hauptanliegen der öffentlichen Meinung geworden. Daran ändern auch Friedensdemonstrationen nichts. Die öffentliche Meinung muß einen immer stärkeren Druck auf Politiker und Regierungen ausüben, im Westen ebenso wie im Osten, um militärische Überlegungen zu revidieren, das Freund-Feind-Verhältnis neu zu überprüfen, die Möglichkeiten eines „begrenzten“ Atomkrieges als vollkommen irreal auszuschließen und die Rüstungsindustrie auf Friedensproduktion umzurüsten.
Wir sitzen auf einem Pulverfaß. Jeder Narr, jeder Verbrecher kann zünden. Was tun wir? Wir haben Angst, aber wir schaufeln immer noch mehr Pulver in dieses Faß. Wir haben Angst und wollen mit noch mehr Rüstung unsere Angst vertreiben. Aber Angst kann man nicht wegrüsten. Wir reden von Sicherheit und schaufeln immer noch mehr Pulver in das Faß. Aber
Sicherheit kann man nicht errüsten. Wir reden von Sicherheit und meinen unsere Sicherheit. Wir reden von Abrüstung und meinen die Abrüstung der anderen. Aber die Sicherheit ist immer auch die Sicherheit des anderen und die Abrüstung auch immer unsere eigene. Es geht hier nicht um Theorien und Strategien, nicht um Ausgewogenheit und Gleichgewicht, es geht ums Leben, um unser aller Leben. Es gibt keinen Atomkrieg, es gäbe nur die allgemeine Vernichtung.
Seit dem Friedensgesang der Engel auf den Feldern um Bethlehem ist das Bemühen jedes Christen um die „pax christiana“ Auftrag und Verpflichtung. Dies haben etwa die Bischöfe Österreichs auf ihrer Herbsttagung dieses Jahres ausdrücklich betont: „Der Einsatz für den Frieden hat seine Wurzel im Evangelium Christi, der seinen Jüngern den Auftrag zur Brüderlichkeit gegeben und diese durch seine Menschlichkeit neu begründet hat.“
„Frankfurter Allgemeine Zeitung“
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