Schon als Kinder haben wir vier Geschwister oft Kleidung getragen, die meine Mutter oder Großmutter für uns genäht haben. Auf den Leib geschneidert, sozusagen. Das kam nicht von ungefähr: Meine Bomi besaß ein Stoffgeschäft in Diekirch, in dem ich viele Stunden verbracht und ausgeholfen habe. Da war es ein natürlicher Schritt, dass meine Bomi mir irgendwann das Nähen beibrachte. Nähen lag immer in der Familie und war für mich nichts Ungewöhnliches. Dass ich viele Jahre später meine Meisterprüfung machen und meinen eigentlichen Beruf als Juristin, mit dem Ziel, maître couturière zu werden, aufgeben sollte, hatte wohl niemand erwartet. Nähen war immer etwas, das mich gleichzeitig begeistert und beruhigt hat. Beim Nähen kann ich mich ganz auf eine Sache konzentrieren und das ist auch ungemein wichtig: Man muss präzise und ordentlich arbeiten – eine Herausforderung, die ich immer gerne angenommen habe und die mich immer noch antreibt.
Auf dem Weg zur Meisterin
Vielleicht hat es mich selbst sogar mehr als meine Familie überrascht, dass ich mich 2012 dazu entschied, neben meiner Arbeit als Juristin, die Meisterprüfung abzulegen. Vorher hatte ich immer mal wieder bei einer Néiesch reingeschaut – aus Spaß an der Sache. Irgendwann schlug sie mir vor, ich solle doch die Kurse zur Meisterprüfung belegen, denn ich hätte das Talent dazu. Mit ein wenig Überzeugungsarbeit ihrerseits habe ich mich tatsächlich für die Meisterprüfung angemeldet und musste feststellen, dass es nicht einfach war, als Vollzeitarbeitende Kurse, Prüfungsvorbereitungen und Examen zu bestehen. Dank der Unterstützung einer engagierten maître couturière konnte ich meine Lehrstunden innerhalb von vier Jahren absolvieren, bestand die Meisterprüfung und kam mit einem Meisterbrief in der Tasche nach Hause. In Luxemburg führt die Ausbildung zur Damenschneiderin in Schulen über einen DAP (diplôme d’aptitude professionnelle). Heute jedoch muss der Gesellenbrief (DAP) im transfrontalier (TRF) gemacht werden, da es zurzeit keine luxemburgische Schule gibt, welche die Kurse anbietet. Der Schüler bzw. die Schülerin geht in Trier oder in Arlon zur Schule (einmal die Woche) und arbeitet bei einem luxemburgischen Arbeitgeber. Die Anmeldung zum DAP erfolgt über die Chambre des métiers und die ausländische Schule. Die Meisterprüfung findet komplett in Luxemburg statt und wird von der Chambre des métiers überwacht. Ich gründete dann mein eigenes Atelier und bot auch Nähkurse an.
Dennoch musste ich 2018, nach Beginn des „Abenteuers Selbstständigkeit“, recht schnell feststellen, dass es mit einem Meisterbrief allein nicht getan war. Ich musste erstmal ein Atelier finden, um mich niederzulassen. Hätte ich noch zusätzlich Miete für das Atelier zahlen müssen, hätte ich meinem Beruf langfristig wahrscheinlich nicht nachgehen können. Ich hatte jedoch das große Glück, mein Atelier im eigenen Haus einrichten zu können. Natürlich war mir von Anfang an bewusst, dass ich mich – meine Arbeit – vermarkten und bekannt machen muss. Auch hat sich mein Gefühl bestätigt, dass ich vielseitig aufgestellt sein muss, um mich mit diesem Beruf finanziell tragen zu können. Deswegen schneidere ich nicht nur, sondern bin ebenfalls zertifizierter colour coach: Ich berate meine Kund*innen, um ihren Farbtyp herauszufinden, und bei der Wahl der Farben, die sie am besten aussehen lassen. In einem gemeinsamen Workshop finden wir durch verschiedene Methoden heraus, welchem Farbtyp sie entsprechen und welche Farben sie ins beste Licht rücken. Denn das senfgelbe Cocktail-Kleid sieht vielleicht wunderschön aus, muss (farblich) aber nicht unbedingt jedem stehen.
Mode nach Maß
Neben dem Schneidern auf Maß gebe ich Nähkurse in Kulturzentren und in meinem eigenen Atelier in Bonnevoie. Denn Schneidern auf Maß hat seinen Preis und es gibt keine unermessliche Anzahl an Kund*innen in Luxemburg, die bereit sind, diesen Preis zu zahlen. Dabei bin ich nach wie vor der festen Überzeugung, dass es sich lohnt, einmal in ein hochwertiges Kleidungsstück zu investieren, um lange etwas davon zu haben. Ich denke, dass das begrenzte Interesse an maßgeschneiderten Kleidern auch einer der Gründe ist, warum es immer weniger klassische Schneider*innen in Luxemburg gibt. Früher war es viel selbstverständlicher, sich Kleidung auf Maß schneidern zu lassen. Einfach, weil es Prêt-à-porter in dem Ausmaß gar nicht gab. Mir liegt es fern, Prêt-à-porter zu verteufeln. Doch ich wünsche mir, dass sich mehr Gedanken darüber gemacht werden, wo die Kleidung herkommt, die wir tragen. Welchen realen Preis hat sie? Auf wessen Kosten wird sie hergestellt, damit wir sie so günstig kaufen können? Wie „haltbar“ ist eigentlich die meiste Kleidung, die wir billig einkaufen? Dennoch sehe ich mich selbst nicht in der Position, eine Art Erziehungsarbeit zu leisten. Das kann man sich als einzelne*r Handwerker*in nicht leisten. Dafür müsste erst einmal ein Umdenken in der Gesellschaft stattfinden, bei dem generell hinterfragt wird, wie viel Konsum eigentlich gut für uns ist. Ich glaube jedoch, dass sich das Bewusstsein hierfür langsam einen Weg bahnt.
Problem Corona
In meinen drei Jahren mit eigenem Atelier habe ich festgestellt, dass für bestimmte Events wie Hochzeiten, Familienfeste oder sonstige besondere Anlässe immer noch gerne auf Schneider*innen wie mich zurückgegriffen wird – was mich natürlich sehr freut! Dies hat mich allerdings in der COVID-19-Pandemie in eine reale Problemsituation gebracht: Die Events fielen aus, die Aufträge blieben aus, und durch den Lockdown konnte ich keine Nähkurse mehr anbieten. Noch weit über den Lockdown hinaus hat dies meine Kurse eingeschränkt, da lange nicht klar war, unter welchen Bedingungen diese stattfinden konnten. Überdies hatten viele Teilnehmer*innen zu viel Angst, sich in Zeiten einer Pandemie in einem Nähkurs einer Gefahr auszusetzen. Seit Juni 2021 normalisiert sich die Situation langsam wieder und es kommen vermehrt Aufträge für Maßanfertigungen bei mir an. Einen positiven Effekt scheint die ganze Pandemie für meine Berufssparte allerdings auch gehabt zu haben: Immer mehr Menschen haben durch mehr Freizeit ihre Vorliebe fürs Nähen entdeckt und die Nachfrage für Kurse ist derzeit riesengroß. Dennoch hat mich die ganze Situation zum Nachdenken gebracht und mir wieder einmal verdeutlicht: Ich muss vielseitig aufgestellt sein, worauf mich die Meisterprüfung nicht unbedingt vorbereitet hat. Selbstverständlich gehört viel Idealismus dazu, heutzutage die Berufslaufbahn des oder der Schneider*in einzuschlagen. Doch ich denke, dass es sich lohnt, ihn aufzubringen.
Um die in diesem Beruf gegebene Vielfältigkeit weiter zu entfalten, suche ich gerade nach Wegen, den Stoff, den ich verarbeite, auf natürliche, ökologische Art und Weise selbst zu färben: mit Hilfe von Pflanzen. Mein Traum wäre es, dadurch eine komplett lokale Produktion gewährleisten zu können: Ich könnte mit einer*m Stoffproduzent*in direkt zusammenarbeiten und über Design und Farben selbst entscheiden und gezielt produzieren – so, dass keine Reste übrigbleiben. Mir ist allerdings bewusst, dass dies nicht unbedingt rentabel ist, beziehungsweise sein kann. Das Produkt darf am Ende nicht so teuer sein, dass ich keine Kund*innen finde, die ihr Kleidungsstück damit produzieren lassen möchten. Da stellt sich mir die Frage, ob nicht eventuell Subventionen sinnvoll wären, um Kleinunternehmer*innen wie mich bei nachhaltigen Projekten wie diesem zu unterstützen?
Ich glaube, dass es genau diese Herausforderungen sind, die mich in nicht ganz so einfachen Momenten die Freude an meinem Beruf nicht verlieren lassen. Es muss immer eine Lösung geben, damit es weiter geht. Denn auch wenn ich bereits 2018 als Schneiderin angefangen habe, hat diese kurze Zeit vor der Pandemie nicht gereicht, um mir einen großen Kund*innenstamm aufzubauen. Ich sehe es allerdings eher als eine antreibende, positive Herausforderung, mir Gedanken darüber zu machen, wie ich diesen Stamm nun ausbauen kann. Und da denke ich, dass die Tatsache, dass ich verschiedene Standbeine habe, mir weiterhilft.
Auf Tuchfühlung gehen
Mir war von Anfang an klar, dass ich mich nicht nur auf herkömmliche maßgeschneiderte Kleidung beschränken will und kann. Dafür ist die Nachfrage in Luxemburg zu klein. Und so ergeben sich erfreulicherweise immer wieder Projekte, die mich in ganz neue Situationen bringen und mich kreativ fördern, wie etwa beim Herstellen von Kostümen für Theaterproduktionen oder historische Inszenierungen. Das verlangt eine akribische Recherche sowie die Bereitschaft, ein Verständnis für das jeweilige Projekt aufzubauen, und geht weit über das reine Schneidern hinaus. Ich bin dadurch in meiner Arbeit nicht auf einen Bereich limitiert, sondern lerne immer etwas dazu und kann meine ganz eigenen Impulse in die verschiedenen Projekte einbringen, was ganz klar zu meiner persönlichen Zufriedenheit beiträgt. Ob es nun die Herstellung von Kostümen, eines Kleides oder eines Mantels auf Maß ist – für mich ist es immer ein Abenteuer, von der Ursprungsidee bis zum fertigen Produkt zu kommen. Ein Abenteuer, auf das sich die Kund*innen natürlich auch einlassen müssen. Von der Idee bis zum fertigen Kleidungsstück gibt es viele Faktoren, die den Werdegang beeinflussen: Welcher Stoff wird gewählt? Schon durch die Erfahrungen im Stoffgeschäft meiner Bomi habe ich gelernt: Auf „Tuchfühlung“ mit dem Stoff zu gehen, ermöglicht es zu verstehen, ob es genau der Stoff ist, der zum Projekt passt. Welcher Schnitt ist der Beste? Und vielleicht besteht anfangs nur eine vage Idee für ein Kleidungsstück, die man selbst nicht ganz greifen kann – doch am Ende kommt hoffentlich genau das dabei heraus, was der oder die Kund*in sich vorgestellt hat. Das ist ja gerade das Faszinierende bei der Arbeit als Schneider*in: Für mich ist es ein Beruf, der die richtige Balance zwischen Handwerk und Kunst findet. Das Design der Kleidung ist für mich der kreative, der künstlerische Teil und die Herstellung eben das Handwerk, das gelernt sein muss. Die Kunst ist, genau das zu kreieren, was der oder die Kund*in sich vorstellt – oder zumindest ganz nah an diese Vorstellung heranzukommen. Die Bezeichnung Meisterschneider*in fasst genau dieses Zusammenspiel und diese Balance zusammen.
Der Wert der Mode
Das alles kostet natürlich Zeit – zwischen der Idee, dem ersten Anprobieren, der zweiten Anprobe und der Fertigstellung liegen mindestens drei Wochen. Das überrascht immer noch viele meiner Kund*innen und hat mich schon darüber nachdenken lassen, sie vielleicht einfach mal zu fragen: Wie viel ist Ihnen diese Arbeit wert? Damit auch ein Verständnis dafür entsteht, wie viel Stundenlohn für mich am Ende dabei herauskommt, ohne Materialkosten. Ich denke, dass meine Kund*innen, wenn sie so eine Herstellung auf Maß von Anfang bis Ende miterleben, ein Gefühl dafür entwickeln. Daher wäre es mein Wunsch, dass mehr Menschen in Luxemburg ausprobieren, wie es ist, ein Kleidungsstück auf Maß herstellen zu lassen und dadurch eine (neue) Wertschätzung für das entwickeln, was sie tragen.
Es ist spannend zu sehen, dass sich in den letzten drei Jahren trotz all der Schwierigkeiten in meiner Berufssparte immer mehr Menschen dafür interessieren, die Meisterprüfung als Schneider*in abzulegen. Während es zu meiner Zeit noch ein Prüfling pro Jahrgang war, sind es nun bereits drei. Interessanterweise handelt es sich dabei um immer mehr Quereinsteiger*innen, die sich entscheiden, diesen Weg zu gehen. Ähnlich wie ich. Ich glaube, dass es mir durch meinen Werdegang etwas leichter fällt, mehrere Standbeine aufzubauen und man als Quereinsteiger*in eventuell eine andere Sichtweise mitbringt. Auch unter ihnen finden wir vereinzelt Designer*innen, die das Handwerkliche vertiefen wollen. Doch egal, ob Quereinsteiger*in oder nicht: Ich bin überzeugt davon, dass es sich selbst heute noch lohnt, Schneider*in zu sein. Und dass mit mehr Interessenten mehr Betriebe entstehen können, die ein generelles Interesse an maßgeschneiderter Kleidung steigern und ein Bewusstsein für unsere Textilien und deren Konsum in der Gesellschaft fördern.
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