Aufbruch

Name und Programm einer basiskirchlichen Bewegung in der Schweiz

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"Aufbruch" wollte von Anfang an nicht nur der Titel einer neuen kirchenkritischen Zeitschrift sein und bleiben, die bald nach der Ernennung von Wolfgang Haas zum Bischofs-Koadjutor von Chur ins Leben gerufen worden war. "Aufbruch" sollte zu einer Bewegung unter den KatholikInnen der Kirche in der Schweiz werden, die sich dem "aggiornamento" Johannes XXIII. verpflichtet wissen und zu einem Programm, das eine starke spirituelle Herausforderung in sich birgt. Nachdem sich "Aufbruch" als Zeitschrift weitgehend konsolidiert hatte, konnte man es wagen, mit dem Aufbau der Bewegung zu beginnen. Auf der Generalversammlung des "Aufbruch"-Förderkreises anfangs März 1991 wurde ihr Leitbild vorgestellt und verabschiedet. Darin heißt es:

"Die "aufbruch"-Bewegung versteht sich als ganzheitliche Denk- und Suchbewegung an der Basis der Kirchen der Schweiz, auf dem Weg in eine mystisch-spirituelle, politisch-prophetische und geschwisterlich-ökumenische Kirche. Mystisch-spirituell soll sie sein, weil die Kirche nur daseinsberechtigt ist und Kraft und Zukunft hat, wenn sie im Geheimnis Gottes verwurzelt ist und auch bewußt und selbstkritisch bereit ist, auf der Basis des Evangeliums sich immer wieder zu erneuern.

Politisch-prophetisch soll sie sein, weil Gott uns in den biblischen Texten als "hochpolitischer" Gott begegnet, der sich leidenschaftlich für das Leben einsetzt. Eine politische Kirche bemüht sich, das Zusammenleben der Menschen gerecht zu ordnen, einen lebendigen Frieden zu verwirklichen und die gute Schöpfung Gottes zu bewahren. Gegen unterdrückerische Machtmechanismen in der Gesellschaft setzt sie sich prophetisch zur Wehr.

Geschwisterlich-ökumenisch soll sie sein, weil die Kirche im Sinne des Evangeliums und der jungen Kirche ein Raum des herrschaftsfreien, geschwisterlichen Umgangs miteinander sein soll und so die Alternative Gottes zu den "Herrschaften dieser Welt" sein kann. Dieser geschwisterlich-ökumenische Geist will sowohl die Spaltung der Kirche in verschiedene Konfessionen überwinden, sowie auch die aktive, gleichberechtigte Teihabe von Frauen an allen Entscheidungsprozessen und Aufgaben fördern und unterstützen."

Um diesem Ziel tatkräftig entgegenzuarbeiten, wurden Arbeitsgruppen gebildet. Zur Zeit (1992) sind es folgende:

Gruppe Theologie: Sie sorgt dafür, daß die "aufbruch"-Bewegung theologisches Profil und Tiefgang bewahrt. Eine ihrer besonderen Aufgaben besteht darin, die "gefährliche Erinnerung" wachzuhalten an die Beschlüsse großer Kirchenversammlungen (II. Vatikanisches Konzil, Ökumenische Weltversammlungen, Synode 72, Schweizerische Evangelische Synode). Insbesondere studiert sie die meist unbekannten Konvergenzergebnisse von zwischenkirchlichen theologischen Kommissionen und macht sie der Öffentlichkeit bekannt. Dasselbe gilt für Erkenntnisse der feministischen Theologie.

FORUM FÜR
EINE OFFENE
KIRCHE

Gruppe Veranstaltungen: Sie plant "aufbruch"-und Fortbildungsanlässe sowie ökumenische Kirchentage, bereitet sie vor und führt sie durch.

Das erste ökumenische Kirchenfest unter dem Motto "Damit die Hoffnung nicht stirbt", an dem sich gegen 800 Christinnen und Christen, Frauen und Männer

aus allen Generationen und Konfessionen, auch viele Jugendliche, beteiligten, fand Mitte September 1990 in Olten statt. Es war eine ernst-heitere Versammlung "wider das schleichende und weitverbreite Gift der Resignation" in der Kirche: ernst in den 35 Ateliers, in denen die Auseinandersetzung mit brennenden Glaubens- und Zeitfragen im Mittelpunkt stand; und heiter-festlich bei Musik, Tanz und Gesang, wie auch in den ökumenischen Gottesdiensten, besonders im abschließenden "Morgenmahl" (nach Johannes 21) bei dem es darum ging, den Morgen einer neuen Zukunft zu feiern. – Ökumenische Kirchenfeste sollen inskünftig alle zwei Jahre gefeiert werden.

Gruppe Regionale Vernetzung: Durch sie soll in verschiedenen Regionen der deutschen Schweiz eine Art "Drehscheibe" oder "Plattform" zustandekommen, die es "aufbruch"-Lesern und -Leserinnen und Gruppen, die auf der ideellen Linie von "aufbruch" liegen, ermöglicht, regelmäßig zusammenzukommen, Anregungen und Vorschläge einzubringen, von konkreten Initiativen zu berichten und im gemeinsamen Feiern des Glaubens das Bewußtsein "Wir sind Kirche" zu stärken. Bis heute ist es gelungen, in fast allen geschaffenen (25) Regionen – möglichst natürlichen geographischen Räumen mit einem größeren Zentrum – die nötige Anzahl Kontaktpersonen für den Aufbau der Regionalgruppen zu gewinnen.

Gruppe Internationale Vernetzung: Sie strebt eine enge Zusammenarbeit an mit Basis-Reformkräften in anderen europäischen Ländern. Auf ihre Initiative und Einladung trafen sich im August 1991 in Eschborn bei Frankfurt Vertreterinnen und Vertreter der niederländischen "Acht-Mai-Bewegung", der deutschen "Initiative Kirche von unten", der österreichischen Gruppierungen "Kirche sind wir alle" (Vorarlberg) und "Forum für eine offene Kirche" (Salzburg),

der Schweizerischen "aufbruch"-Bewegung sowie belgische und luxemburgische Reformkatholiken und gründeten das Europäische Netzwerk "Kirche im Aufbruch", einen Dachverband nationaler katholischer Reformbewegungen die dem "Aggiornamento" treu bleiben und es weiterentwickeln wollen. Im Januar 1992 fand in der Schweizer Bischofsstadt Chur, einem nicht zufällig gewählten Ort, das 2. Vernetzungstreffen des Netzwerkes statt.

Gruppe Menschen- und Christenrechte in der Kirche: Sie ist dabei, den schweizerischen Zweig einer auf europäischer Ebene bereits starken Bewegung – der Europäischen Konferenz für Menschenrechte in der Kirche – aufzubauen und beteiligte sich mit Delegierten an der 2. und 3. Konferenz (1991 in Eschborn b. Frankfurt, 1992 ebenfalls in Chur).

Die "aufbruch"-Bewegung will mit so wenig Strukturen wie möglich und so viel Strukturen wie nötig auskommen. Führungsorgan ist der Koordinationsrat, der zur Zeit aus den Leiterinnen und Leitern der verschiedenen Arbeitsgruppen gebildet wird. Er kommt zum regelmäßigen Informationsaustausch zusammen, gibt Impulse in die Arbeitsgruppen und steuert die Richtung der Bewegung gemäß dem Leitbild. Bei aktuellen gesellschaftlichen und kirchlichen Ereignissen nimmt er im Namen der ganzen Bewegung öffentlich Stellung.

"aufbruch" – eine Zeitschrift und eine Bewegung auf dem Weg

"aufbruch" sowohl als Zeitschrift als auch Bewegung befindet sich in einem permanenten Werde-Prozeß. Zur Zeit wird das Konzept der Zeitschrift "aufbruch" einer Revision unterzogen (Ausweitung auf monatliches Erscheinen, Umstellung auf Magazin-Format, Aufbau eines Korrespondentennetzes usw.). Daneben gilt es, die "aufbruch"-Bewegung noch stärker in der kirchlichen und gesellschaftlichen Landschaft der Schweiz zu verankern. Bestehende und sich im Aufbau befindliche kirchliche und andere Basisinitiativen, Aktionsgruppen, Organisationen und Gemeinschaften, die heute weitgehend unvernetzt nebeneinander existieren und sich mit dem "aufbruch"-Leitbild identifizieren können, sollen motiviert werden, Mitglieder der "aufbruch"-Bewegung zu werden. Wir sind der Ansicht, daß dadurch sowohl sie selber als auch die Bewegung bestimmenderen Einfluß auf den Gang der Dinge in Kirche und Gesellschaft nehmen könnten.

Am Anfang der "aufbruch"-Geschichte standen keine Akzeptanz-Studien, keine Vernehmlassungen, keine Finanzplanung, keine Statuten… Zu Gevatter stand ihr "lediglich" die unbändige Hoffnung "wider alle Hoffnung", daß das Leben sich gegen Erstikkungsmaßnahmen von oben, gegen den reaktionären Versuch, den pfingstlichen Aufbruch der Konzilskirche zu stoppen, durchsetzen werde. Die vielen erwachten und nun aufbrechenden Christinnen und Christen haben diese Hoffnung nicht zuschanden werden lassen.

Kurt Bucher

Carlo Schneider

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