Befehlen oder Diskutieren?

Kommunikation am Familientisch

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Befehlen oder Diskutieren?

Eine Gesprächssequenz zwischen Georges und seinem Vater Vic¹:

Georges: lo lauschter mer mol no …

Vic: «Lo lauschter mer mol no …» A soss hues de keng Péng?

Georges: Ech soën dat, wells de ni nolauschters. Also … Et gët hei am Haus eppes, wat nët auszehalen as, dat as déng … déng onwaarscheinlech … Selbstherrlechkeet. Du hues ëmmer recht, all déi aner sin ëmmer am Feler … Lauschter mol gutt, wat ech der soën. Ech sin zwanzeg Joër al.

Vic: Bal zwanzeg!

Georges: Ech sin en erwuessene Mënsch. Ech si groussjäereg. Du hues mer iwerhaapt näischt méi ze soën. Op alle Fall, ech brauch mer näischt vun dir bidden ze loossen.

Vic: Ech och nët vun dir, datt s de dat weess.

Georges: O.k.! Da looss een deen anere mat Rou!

Vic: Ech kann awer viru fir dech suergen … Paus. Soën däerf ech awer näischt zum Här!

Auch wenn es, wie in diesem Beispiel, nicht immer danach aussieht, so hat sich das Verhältnis der Eltern zu ihren Kindern in diesem Jahrhundert tiefgreifend verändert. Eltern versuchen vermehrt, sich in die Bedürfnisse ihres Kindes einzufühlen und sie zu erfüllen. Durch die Akzeptanz des Kindes als eigenständiges, gleichberechtigtes Individuum ist das Eltern-Kind-Verhältnis zunehmend partnerschaftlicher geworden. Die Erziehungsziele haben sich gewandelt. Dominierten noch vor 30 Jahren Pflicht- und Akzeptanzwerte (z. B. Ehrlichkeit, Sauberkeit und Gehorsam), so werden heute eher Selbstentfaltungswerte (wie Selbständigkeit, Selbstvertrauen und Autonomie) angestrebt.

Kommunikation und Verhandlungen

Familienentscheidungen werden zunehmend im Gespräch zwischen allen Mitgliedern getroffen,

so dass die Kommunikation im Familienbund kontinuierlich an Bedeutung zugenommen hat. Die Diskussionen ermöglichen es, Meinungsverschiedenheiten, Konflikte oder emotionale Spannungen anzugehen. Ein günstiges familiäres Kommunikationsmilieu kann ein entwicklungsförderndes Lern- und Erfahrungsfeld sein, in dem Kompetenzen erlangt werden, die dann wiederum in anderen Bereichen, in denen Menschen interagieren (wie z. B. in Verhandlungen), zum Tragen kommen können.

Angeregt durch diese Überlegungen entstand am Pädagogischen Institut der Universität Fribourg (Schweiz) eine Studie, welche sich mit dem Einfluss beschäftigt, den das Kommunikationsmilieu in der Familie möglicherweise auf die Art und Weise hat, wie Jugendliche verhandeln². An der Untersuchung waren 87 männliche und 105 weibliche Jugendliche im Alter zwischen 12 und 17 Jahren beteiligt. Das Kommunikationsmilieu wurde anhand von fünf

Dominierten noch vor 30 Jahren Pflicht- und Akzeptanzwerte (z. B. Ehrlichkeit, Sauberkeit und Gehorsam), so werden heute eher Selbstentfaltungswerte (Selbständigkeit, Selbstvertrauen und Autonomie) angestrebt.

Dimensionen definiert: Wertschätzung, Vertrauen, Partizipation, Perspektivenübernahme und Diskursivität. Aufgrund ihrer Einschätzungen konnten die Jugendlichen in drei Gütegruppen aufgeteilt werden: solche mit einem weniger günstigen, solche mit einem ziemlich günstigen und solche mit einem sehr günstigen familiären Kommunikationsmilieu.

Um die Verhandlungskompetenzen der Jugendlichen zu untersuchen, wurde eine Verhandlungssituation entworfen, in der multiple Verhandlungskomponenten und -einflüsse berücksichtigt wurden und verschiedene Handlungsalternativen möglich waren. Das Ziel war, Erkenntnisse zu sammeln, wie Jugendliche vorgehen, wenn sie mit einer Situation konfrontiert werden, in der zwei Jugendliche miteinander verhandeln sollen. Dabei mussten sie abwechselnd eine stärkere/günstigere und schwächere/ungünstigere Verhandlungsposition einnehmen. Es wurde u. a. untersucht, ob die Jugendlichen eher kooperativ oder kompetitiv verhandelten. Kooperativ meint, die Positionen beider Parteien auf einen gemeinsamen Nenner bringen zu wollen, indem versucht wird, die Perspektive der Gegenseite einzunehmen und zu verstehen, während kompetitiv bedeutet, sich gegen die andere Partei durchsetzen oder ihr nachgeben zu wollen, ohne dass deren Perspektive berücksichtigt wird.

Ergebnisse der Studie

In einer schwächeren Verhandlungsposition zeigte sich, dass tendenziell mehr Jugendliche aus einem optimalen familiären Kommunikationsmilieu kooperative Strategien vorzogen. Neun von 10 Jugendlichen aus einem sehr günstigen, aber nur drei von vier Jugendlichen aus einem ungünstigen familiären Kommunikationsmilieu versuchten in einer schwächeren Verhandlungsposition, die wechselseitigen Bedürfnisse auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen. Sehr gute Kommunikationsbedingungen in der Familie scheinen sich also in ungünstiger Stellung in einem Verhandlungsprozess durch eine stärkere Befürwortung von kooperativen Strategien bemerkbar zu machen.

Eine stärkere Verhandlungsposition erfordert es nicht unbedingt, die gegenseitigen Interessen aufeinander abzustimmen. Auf den ersten Blick übte das familiäre Kommunikationsmilieu keinen entscheidenden Einfluss auf die Anwendung von kooperativen Strategien in einer ungünstigen Verhandlungsposition aus. Erstaunliches offenbarte hingegen eine Analyse der ange-

wandten kompetitiven Strategien. Ein Gruppenvergleich zeigte, dass die Ablehnung von Fremdveränderungsstrategien (Strategien, welche darauf abzielen, dass ausschliesslich die Gegenpartei ihre Position verändert) bei der Gruppe mit einem sehr günstigen Kommunikationsmilieu in der Familie im prozentualen Vergleich höher war als bei den beiden anderen Gruppen. Und bei den Selbstveränderungsstrategien (Strategien, welche so angelegt sind, dass nur die eigene Position verändert wird) war es ebenfalls die Gruppe mit optimaler familiärer Kommunikation, die solchen Strategien prozentual betrachtet am meisten zustimmte. Ein sehr günstiges familiäres Kommunikationsmilieu drückte sich folglich in einer vorteilhafteren Verhandlungsposition einerseits durch eine deutlichere Ablehnung der Strategien, welche die Gegenseite dazu zwingen sollen ihre Ziele aufzugeben und andererseits durch eine höhere Zustimmung zu Selbstveränderungsstrategien aus.

Die Ausgangsfrage der Studie lautete, ob sich die Güte der Kommunikation in der Familie auf die Verhandlungskompetenzen der Jugendlichen auswirke. Die Auswertungen hatten ergeben, dass Jugendliche aus einem sehr günstigen familiären Kommunikationsmilieu entweder die gleichen oder aber höhere Ergebnisse bezüglich des strategischen Verhandlungsvorgehens erreichten. Es konnte festgestellt werden, dass eine grössere Anzahl Jugendlicher aus wahrgenommenen optimalen kommunikativen Verhältnissen über elaborierte Verhandlungskompetenzen verfügte. Das strategische Vorgehen eines bzw. einer Jugendlichen in einer Verhandlung wird zwar nicht ausschliesslich vom Kommunikationsmilieu in der Familie beeinflusst, doch nach den Befunden liegt die Vermutung nahe, dass sich dieses bei der Wahl der Strategien bemerkbar macht.

Mit kooperativen Strategien zum Erfolg?

Die Frage stellt sich, ob jemand wirklich kompetent und gut verhandelt, wenn er oder sie (a) kooperative Strategien anwendet, (b) Strategien der Veränderung der Position der Gegenseite ablehnt und (c) Selbstveränderungsstrategien bevorzugt?

Diese Frage kann je nach Handlungsbereich unterschiedlich beantwortet werden. In Politik und Wirtschaft wird vieles ausschliesslich am Ergebnis gemessen. Verantwortungsbewusstsein und Kooperationswille sind zwar sozial

In Politik und Wirtschaft wird vieles ausschliesslich am Ergebnis gemessen. Verantwortungsbewusstsein und Kooperationswille sind zwar sozial verträglich, aber nicht im Sinne einer Gewinnmaximierung.

verträglich, aber nicht im Sinne einer Gewinnmaximierung. Sollen die gesteckten Ziele erfüllt werden, dann müssen sie u. U. durch einen konsequenten Verhandlungsstil umgesetzt werden. Der Erfolg misst sich in diesem Fall am herausgeholten, optimalen Ergebnis und nicht am Wohlergehen der Gegenseite.

Unter sozialen und pädagogischen Gesichtspunkten dagegen könnte eingewendet werden, dass die Haltung, weder Verhandlungsprozesse einfach über sich ergehen zu lassen, noch einseitige Forderungen an das Gegenüber zu stellen. Grundvoraussetzungen darstellen, die eine gütliche Einigung überhaupt erst ermöglichen. Sich selbst als wirksam erleben und dadurch es wagen können, im Verlauf einer Verhandlung die eigene Position kritisch zu hinterfragen, sind individuelle Fähigkeiten, die das Potential in sich tragen, verfahrenen Auseinandersetzungen eine konfliktlösende Richtung zu geben. Die Grenze liegt wohl dort, wo das Erreichen der eigenen Ziele zu stark in Gefahr ist und die unternommenen Bestrebungen auf ein einseitiges Aufgeben der Interessen hinauslaufen würden.

Falls die Verhandlungen nicht die Beziehungen zwischen den Verhandelnden belasten oder gefährden sollen, dann müssen soziale Aspekte mitberücksichtigt werden. Wenn beide Parteien das Anliegen haben, die gegensätzlichen Positionen aufeinander abzustimmen und einsehen, dass dazu auch ein Überdenken der eigenen Beweggründe und Interessen angezeigt ist, dann wird eine Einigung nicht nur wahrscheinlicher, sondern es entsteht die Chance eines längerfristigen Kooperationsverhältnisses (wie z. B. in Freundschaften). Dessen Fundament würde auf Kompromissen, gemeinsamen Vorstellungen, gegenseitiger Anerkennung, aber auch auf der Achtung vor einem selber beruhen.

Solche Werte können in der Familie erlernt werden. Dieser Prozess ist aber alles andere als einfach. Rufen wir uns das Beispiel von Georges und seinem Vater Vic in Erinnerung. Welche Eltern kommen nicht hin und wieder an ihre Grenzen, insbesondere dann, wenn ihr Sohn oder ihre Tochter einfach nicht ihr noch so gut gemeintes Argument verstehen oder akzeptieren will? Und welche Jugendlichen haben sich nicht schon über das Unverständnis oder die Hartnäckigkeit ihrer Eltern beklagt? Nicht aus Zufall sind diverse Ratgeber, welche die Kommunikation zwischen Eltern und ihren Kindern erleichtern sollen, zu wahren Bestsellern geworden. In den Medien wird dies häufig als "Kapitulation vor dem Erziehungsauftrag"

interpretiert. Dass sie so massiv gekauft werden, könnte aber gerade ein Indiz für eine bewusste Auseinandersetzung mit Erziehungsfragen sein.

Mangelnde Kommunikation in der Familie, so belegen unzählige Studien, kann die Entwicklung eines Jugendlichen negativ beeinträchtigen. Wer nicht zu Hause lernt, über Probleme zu reden und seiner Wut und Enttäuschung verbal Luft zu machen, dem fehlen wichtige Erfahrungen für den Umgang mit seinen Mitmenschen. Wem nie zugehört wird und wer sich der Macht des Stärkeren beugen muss, der wird in Konfliktsituationen versuchen, sich auf Biegen und Brechen durchzusetzen. In einer Zeit, in welcher der Konkurrenzkampf um Arbeitsplätze und die Jugendarbeitslosigkeit zunimmt, die Kluft zwischen Arm und Reich sich vergrössert, die sozialen Probleme immer offensichtlicher werden, wird die Frage zunehmend drängender, auf welche Wertvorstellungen hin Eltern ihre Kinder erziehen sollen. Angesichts der heutigen Veränderungen im sozialen und wirtschaftlichen Leben ist der Erziehungsauftrag der Eltern also weiterhin von hoher gesellschaftlicher Bedeutung, bei dem sie nicht auf sich alleine gestellt bleiben sollten.

Yves Cocard

1 aus: Wagner, Guy (1988): Helleg Famill. Iechternach: Phi, S. 31
2 Cocard, Yves (1998): Kommunikation und Verhandeln. Eine Studie über das familiäre Kommunikationsmilieu und die Verhandlungskompetenzen Jugendlicher. Köniz: Soziothek.

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