- Kultur
Braucht die Literaturkritik Gebote?
Eine Antwort auf Jérôme Jaminets Beitrag „Klasse für die Masse – Zehn literaturkritische Gebote“ in forum Nr. 363 und Nr. 364.
Schon diese Überschrift „Zehn literaturkritische Gebote“ hat bei mir exorbitante Irritationen hervorgerufen. Wie passen Literatur und Gebote zusammen? Die zehn Gebote – eine archaische Auflistung teilweise moralinsaurer, pseudo-pädagogischer Regeln, wobei die Hälfte der Gebote der individuellen Selbstbestimmung widersprechen und Unterwürfigkeit fordern – und gerade den Literaturbesprechungen sollen Imperative aufgezwungen werden, die bei Nichtbeachtung womöglich bestraft werden? Natürlich mag Jerôme Jaminet diese Verordnungen provokativ, vielleicht auch ironisch meinen, doch der Inhalt und die Sprache werden mit solch einem Bierernst auferlegt, dass auch nur der kleinste Gedanke an Humor sich beim Lesen verflüchtigt.
Nun, der Literaturpapst ist tot, an seine Stelle ist nun Gott getreten und hat seine Gebote in Stein, pardon, auf profanes Papier gemeißelt… Und genau in dem Sinne lesen sich die Postulate… Ich habe seinen Dekalog nämlich mit Spannung gelesen und die Lektüre ließ mich dann doch etwas frustriert zurück. Nichts Neues unter dem grauen Kritikerhimmel. Den BuchbesprecherInnen wird die alte Leier vorgetragen: Sie sind nicht objektiv, es mangelt an Zivilcourage, mal mit der Faust auf den Tisch zu hauen und den AutorInnen gehörig die professionelle, unvoreingenommene Meinung zu geigen, sie spicken bei angesehen(er)en und meinungsmachend(er)en KollegInnen, langweilen die LeserInnen mit angeberischen Fach- und Fremdwörtern, sind nicht imstande, Buchtitel vom Inhalt zu unterscheiden und noch weniger einen Thomas Pynchon von einem Stephen King. Sie sind konservativ im Lesen, Schreiben, Entdecken, Urteilen… Summa summarum: Sie sind fremd- und selbstgefällig, faul und entwicklungsresistent, regelrechte Sünder… und solche benötigen halt göttliche Gebote…
Jaminet sieht die BuchbesprecherInnen in der Pflicht, die LeserInnen zu erziehen, sie zu führen. Er entmündigt die Leserschaft, predigt vom hohen Altar längst bekannte Dogmen, die nicht nur in ihrer Form, sondern auch in ihrer Aussage fragwürdig sind. Jede Literatur, solange sie nicht zur Missachtung der Menschenwürde aufruft, hat ihre Daseinsberechtigung. Wer sind die LiteraturkritikerInnen, dass sie das Recht haben, zu entscheiden, ich zitiere „Ist das gute Literatur – oder kann das weg?“ Solche Aussagen sind nicht nur unbedacht, sondern sogar gefährlich, denn sie bewegen sich sehr nahe am schlammfarbenen Ufer und sollten nicht so leichtsinnig niedergeschrieben werden, auch dann nicht, wenn sie ganz harmlos, wohl an Dennis Schecks Methode, „schlechte“ Bücher in den Papierkorb zu werfen, angelehnt sind.
Es ist auch nicht die Aufgabe der Literaturkrit-kerInnen, den Geschmack der postadoleszenten LeserInnen zu prägen. Die BesprecherInnen haben keinen pädagogischen Auftrag, den haben die LehrerInnen und die Eltern. Auch diese sollten, im Idealfall, die Heranwachsenden zum differenzierten Betrachten und Denken motivieren.
Genau so wenig ist es ihre Bestimmung, Menschen davon abzuhalten, die Twighlight-Saga zu lesen oder ihnen den Genuss an Fifty Shades of Grey zu untersagen. Die mündigen LeserInnen haben ein Recht auf ihren (schlechten) Geschmack und ihre (anspruchslose) Lektüre. LiteraturkritikerInnen sollen viel eher auf die Schwachstellen solcher Bücher aufmerksam machen, Diskussionen und Denkprozesse auslösen, sie sollen bewerten, verreißen und sich ärgern, den LeserInnen aber nicht vom hohen Podest aus süffisant und allwissend predigen, um diese auf die erhabenen Pfade der Literaturtugend zu führen. Die LeserInnen entscheiden doch selbst, was sie lesen, und wenn es den KritikerInnen gelingt, von der Ästhetik eines Werkes zu überzeugen, so haben sie ihren Job gut gemacht. Wie der in der Pädagogik längst überholte und abgedroschene Satz „die SchülerInnen sollten dort abgeholt werden, wo sie stehen“, auf die lesenden Massen transferiert werden kann, bleibt mir auch nach nächtelangem Grübeln schleierhaft.
Nach welchen Kriterien wird Literatur bewertet? Zu dieser Frage kann man so manche LiteraturwissenschaftlerInnen und -theoretikerInnen bemühen (was ich jetzt hier nicht tun werde), doch spätestens seit Arno Schmit und Julia Kristeva sind die Kriterien, die ein Werk erfüllen muss, um in die Kategorie der Hochliteratur eingestuft zu werden, relativ bestimmt. Trotzdem ist Literatur keine präzise Wissenschaftsdomäne. Auch wenn sämtliche objektiven Kriterien erfüllt sind, kommt, ganz trivial, der persönliche Geschmack hinzu. Mögen Gottfried Kellers Werke zur Hochliteratur zählen, sie langweilen mich zu Tode und ich werde den Teufel tun, seine endlosen Beschreibungen von Blümchen und Blättchen und Bienchen als unterhaltsame Lektüre zu loben. Und hier sollen die LiteraturkritikerInnen „klar und deutlich urteilen“? Würden diese „Gebote“ eingehalten werden, so dürfte es keine Meinungsverschiedenheiten geben. Alle Bücher, welche den Kriterien der Hochliteratur entsprechen, müssten unisono in einem literarischen Wort zum Sonntag propagiert werden. Dann hätte ein Reich-Ranicki einen Robert Musil niemals als einen grauenhaften Autor verschreien dürfen, jede Diskussion wäre hinfällig. Und mitnichten sehe ich es als Aufgabe der LiteraturkritikerInnen, den AutorInnen zu helfen. Die SchriftstellerInnen sollen ihren Job machen und die BesprecherInnen den ihren.
Gute Literatur ist lebendig, vielfältig, überraschend und unterhaltend und sie ist vor allem frei. Das ästhetische Empfinden ist, trotz aller definierten Grundlagen, subjektiv, Freude am differenzierten Lesen soll gefördert werden, aber nicht mit Geboten, denn diese brauchen weder die Literatur, noch die KritikerInnen und damit benötigen die LeserInnen auch keine Literaturgötter. Schon gar nicht solche, die sich zu ernst nehmen.
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