- Zeit
Byung-Chul Hans Theorie von der Atomisierung der Zeit
Viele Menschen klagen heutzutage darüber, dass die Zeit schneller vergeht denn je, und das obwohl man doch eigentlich mehr Zeit haben müsste, dank diverser technischer Errungenschaften, die das alltägliche Leben einfacher machen und das Erleben verschiedenster Momente und Ereignisse ermöglichen.
Für den deutsch-südkoreanischen Philosophen und Kulturkritiker Byung-Chul Han ist das Gefühl der Zeitbeschleunigung, das viele Menschen heute empfinden, nur eines der Symptome der Atomisierung der Zeit. Der 1959 in Seoul geborene Han studierte in Freiburg im Breisgau und in München Philosophie, deutsche Literatur und katholische Theologie und war Professor an der Universität der Künste in Berlin. In seinen zahlreichen Veröffentlichungen setzt er sich mit der Stellung des Menschen in der heutigen Gesellschaft auseinander, die für ihn von Leistung, Zeitdruck und Entfremdung gekennzeichnet ist.
Für Han bedeutet die Atomisierung der Zeit, dass die Zeit zur „Punkt-Zeit“ zerfällt und halt- und richtungslos im Raum schwirrt. Diese Zeitzerstreuung hat weitreichende Konsequenzen für das Leben der Menschen, die Han in seinem 2009 erschienenen Essay Duft der Zeit. Ein philosophischer Essay zur Kunst des Verweilens1 beschreibt. Die Zeitkrise ist für ihn vor allem eine Identitätskrise, aus der der Mensch aber auch wieder herausfinden kann, wenn er das kontemplative Verweilen wiederentdeckt.
Lange Zeit hatten die Menschen vorrangig ein mythisch-zyklisches Zeitverständnis und lebten in einem festen Tages-, Monats- und Jahresrhythmus. Das Rad der Zeit drehte sich beständig und unaufhaltsam weiter und alles nahm seinen scheinbar vorgeschriebenen Lauf. Dieses zyklische Zeitverständnis gab den Menschen Halt und dem Leben eine Richtung. Der einzelne Mensch fügte sich in ein Ganzes ein, in einen gewissen Ablauf der Dinge, in den sogenannten Lauf des Lebens und der Welt. Veränderung oder Beschleunigung würden in dieser Welt- und Zeitvorstellung gar keinen Sinn ergeben. Erst ein lineares Zeitverständnis, wie es zunehmend vorherrscht, macht Veränderung und Fortschritt möglich.

„Alles ist Prozeß, der entweder Fortschritt oder Verfall bedeutet“, sagt Han. Die Gegenwart ist nur ein Übergangspunkt zwischen Vergangenheit und Zukunft, hat aber selbst keinen Inhalt. Die Ausrichtung der Zeit auf die Zukunft erzeugt einen Sog nach vorne, der als Beschleunigung wahrgenommen werden kann. Das Ziel verleiht der Zeit Sinn und Richtung. Der Mensch lebt auf einer Zielgeraden, die kein Verweilen im Augenblick zulässt. Die moderne Technik entfernt ihn von der Erde, deren Anziehungskraft nachlässt. Die schwindende Gravitation verwandelt die Dinge in Atome, die frei von Sinn im Raum wirbeln. Die Beschleunigung ist somit vor allem ein Verlust von Halt und Stabilität.
Das mythische Weltbild wurde von der Geschichtsschreibung abgelöst und die Erzählung durch Informationen ersetzt. Doch Informationen besitzen keine erzählerische Spannung oder struktur- und sinnstiftende Weite. Während Geschichtsschreibung Ereignisse in eine Erzählung einordnet, schafft die „Punkt-Zeit“ weder Kontinuität noch Zusammenhänge. Die atomisierte Zeit und die „Entzeitlichung“ führen dazu, dass jene Elemente verschwinden, die die Zeit in Abschnitte und Übergänge strukturieren.
Zwischen den einzelnen Punkten bestehen leere Räume, Zonen des Vergessens, des Verlustes und der Angst, aber auch der Hoffnung, der Sehnsucht und der Erwartung. Das Übermaß an Unbestimmtheit erzeugt ein Gefühl der Unruhe und der Scheu vor dem Unbekannten. Die Zwischenzeiten dienen auch der Vorbereitung auf das kommende Geschehen, doch da der Mensch diese als unangenehm empfindet, versucht er, sie so schnell wie möglich zu überbrücken und sein Leben mit neuen Ereignissen zu füllen. Da letztere jedoch ohne erkennbare Logik aufeinander folgen, wird der Mensch ständig überrascht und vom Geschehen überrumpelt.
„Die Zeit stürzt fort, ja überstürzt sich, um einen wesentlichen Mangel an Sein auszugleichen, was ihr jedoch nicht gelingt, denn die Beschleunigung allein erzeugt keinen Halt.“
Diese „Beschleunigung der Schnitt- und Ereignisfolge“ greift auf alle Lebensbereiche über. Der Mangel an Kontinuität führt dazu, dass soziale Strukturen und Praktiken, die Dauer stiften und Verbindlichkeit schaffen, wie Versprechen oder Treue, an Bedeutung verlieren. Tiefe Freundschaften oder gar Liebesbeziehungen setzen Dauerhaftigkeit voraus, die die atomisierte Zeit nicht zu schaffen vermag. Die Halt- und Bindungslosigkeit des Menschen macht ihn auch nicht freier, denn gerade Geborgenheit in Freundschafts- und Liebesbeziehungen verschafft Freiheit. So ist das Leben des modernen Menschen bestimmt von Hast, Hektik, Unruhe, Nervosität und einer unbestimmten Angst. Die Zeitzerstreuung führt zu einer Pluralität der Zeitläufe, die den Einzelnen überfordern und überreizen. Ohne die ordnende, selektierende Kraft der Gravitation droht eine „Vermassung von Ereignissen und Informationen“.
Auf Grund der fehlenden Struktur der Zeit ist es dem modernen Menschen nicht mehr möglich, ein Zeitgefühl und ein Gespür für die „rechte“ Zeit zu entwickeln. Der Mensch eilt vielmehr von Gegenwart zu Gegenwart, was zu einer fatalen Hyperaktivität führt. Auf diese Weise altert er, ohne wirklich alt zu werden und es bleibt ihm verwehrt, ein erfülltes Leben zu führen. Er stirbt zur „Unzeit“, denn „wer nie zur rechten Zeit lebt, kann nur zur unrechten Zeit verenden“.
Flüchtige Erlebnisse füllen die neu gewonnene Freizeit, Dinge werden schnell konsumiert und durch neu geschaffene Produkte und Bedürfnisse ersetzt
Hinzu kommt, dass der Mensch sich nicht mehr als Teil einer Gemeinschaft wahrnimmt, einer größeren Einheit. Die Atomisierung seines Lebens führt zu einer atomistischen Identität. Der Mensch kennt nur noch sich selbst und schrumpft auf sein kleines Ich zusammen. Die Vielzahl der flüchtigen Bindungsmöglichkeiten führt letztendlich zur Bindungslosigkeit. Dadurch verliert er an räumlicher und zeitlicher Weite. Der Verlust der narrativen Spannung macht es unmöglich, eine Erzählung, auch die des eigenen Lebens, sinnvoll zu beenden. Geschehnisse folgen schnellstens aufeinander, ohne dass eine Entwicklung, ein Prozess stattfindet.2 „Erfüllung und Sinn lassen sich nicht mengentheoretisch begründen.“ Denn es ist nicht die Anzahl der Ereignisse, die ein erfülltes, gutes Leben ausmachen, sondern die Auswahl von prägenden Momenten. Wenn keine Selektion von bedeutenden Ereignissen mehr stattfindet, wenn es also nicht mehr möglich ist, zu unterscheiden, was bedeutsam ist und was nicht, dann verliert alles an Bedeutung.
Doch wie kann der Mensch der Bedeutungslosigkeit und der Rastlosigkeit der Zeitzerstreuung entkommen?
Han plädiert für eine Revitalisierung der vita contemplativa, die eine Praxis der Dauer ist. Für Aristoteles war das kontemplative Verweilen, die Zuwendung zu den Dingen, die unvergänglich und unveränderlich sind, die Quelle des höchsten Glücks. Allein die kontemplative Hingabe an die Wahrheit bringt die Menschen den Göttern näher. Notwendig für die Kontemplation sei jedoch die Muße, ein Zustand der Freiheit und Zwanglosigkeit, der es dem Menschen erlaubt, sich zu sammeln. Die Muße ist das eigentliche Wesen der menschlichen Existenz, alle anderen Tätigkeiten sind diesem Zustand untergeordnet. Arbeit hingegen macht unfrei, weil sie unter dem Zwang der Lebensnotwendigkeit erfolgt. Auch im Mittelalter genießt die vita contemplativa noch Vorrang, allerdings gewinnt die Arbeit an Bedeutung im Zuge der Reformation. So erhebt der Calvinismus den wirtschaftlichen und beruflichen Erfolg zu einem Zeichen der göttlichen Auserwähltheit. Die vita activa gewinnt in den darauffolgenden Epochen immer mehr an Bedeutung und verdrängt die vita contemplativa.
In der heutigen Konsumgesellschaft ist für das kontemplative Verweilen, das die Dauer erfahrbar macht, kaum mehr Platz. Flüchtige Erlebnisse füllen die neu gewonnene Freizeit, Dinge werden schnell konsumiert und durch neu geschaffene Produkte und Bedürfnisse ersetzt. Die Verabsolutierung der vita activa und die Degradierung des Menschen zum animal laborans droht, die Erfahrung von Dauer unmöglich zu machen. Zusammen mit dem Drang, das Leben zu beschleunigen, riskiert der Mensch, an seinem eigenen Tun, seiner Hyperaktivität zu ersticken. Es ist, laut Han, deshalb notwendig, dem kontemplativen Verweilen wieder mehr Raum zu geben, in der Hoffnung, dass der Mensch aufs Neue in sinnvolle Zeitstrukturen zurückfindet. Und so womöglich die „Leichtigkeit des Schwebens“ entdeckt und den „Duft der schwebenden Zeit“ erleben kann. Denn Duft setzt Dauer voraus, nur in der Dauer kann der Duft sich entfalten.
Andrée Wietor hat Philosophie, deutsche Literatur, Europastudien und Jura studiert und arbeitet zurzeit im öffentlichen Dienst. Ihr Interesse an philosophischen Fragestellungen und an den Auswirkungen der Digitalisierung auf Mensch und Gesellschaft brachte sie vor einigen Jahren in Kontakt mit den Texten Byung-Chul Hans.
1 Byung-Chul Han, Duft der Zeit. Ein philosophischer Essay zur Kunst des Verweilens, Bielefeld, transcript Verlag, 2009, 5. unv. Aufl., 2012.
2 Die gewisse Langsamkeit, die nach Baudrillard nötig ist, damit sich Ereignisse zu sinnvollen Geschichten formen und festigen und zu Erfahrungen werden, ist nicht gegeben.
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