Coronavirus und Klimawandel
Parallelen zwischen zwei Krisensituationen
Dieser Kommentar soll ein Denkanstoß sein. In Analogie zum Coronavirus könnte man formulieren, hat sich unser Planet schon vor einiger Zeit mit dem „Carbonvirus“ infiziert. Natürlich sind COVID-19 und der Klimawandel zwei unterschiedliche Themen, aber es lohnt sich durchaus, die Reaktionen der Gesellschaft in diesen zwei verschiedenen Krisensituationen zu vergleichen.
Parallele 1
Die verletzlichen Bevölkerungsgruppen sind am stärksten gefährdet. Gegen Anfang der Coronakrise sind einige „starke“ Menschen entschlossen vor die Tür getreten, um gegen die Panik anzukämpfen und der Bedrohung des Virus ins Auge zu schauen. Das sind wohl edle Verhaltensweisen nach Situationen wie Terrorattacken, wo die Menschen sich nicht verstecken sollten. In der gegenwärtigen Situation mit COVID-19 ist dies jedoch eine gefährliche Haltung: Die Sterblichkeitsrate mag generell niedrig sein, jedoch gibt es besonders verletzliche Gruppen, denen diese Einstellung schaden kann. Es sind die älteren Menschen und jene mit Vorerkrankungen, die um jeden Preis in Schutz genommen werden müssen. Analog dazu werden die Folgen des Klimawandels nicht die westlichen Länder (die „Starken“) am härtesten treffen, sondern die Entwicklungsländer (die „Verletzlichen“), obwohl erstere historisch betrachtet für die meisten CO2-Emissionen verantwortlich sind. Nach Schätzungen der Weltbank wird es bis 2050 150 Millionen Klimaflüchtlinge (verglichen mit 25 Millionen Flüchtlingen heute) geben. Diese Menschen müssen geschützt werden. Solidarität vor Egoismus ist gefragt, in der aktuellen Coronakrise ebenso wie beim Klimawandel.
Parallele 2
Die Lösung des Problems erfordert globale Koordination und Verzicht. Der Kampf gegen das Coronavirus erfordert globale Koordination. Die nächsten Wochen werden geprägt sein von sozialer Distanz: jeder zuhause, keine öffentlichen Veranstaltungen, keine unnötigen Reisen. Kurz gesagt: Wir müssen auf viele lieb gewonnenen Gewohnheiten verzichten. Diese Restriktionen wurden global von vielen Regierungen verhängt und ohne nennenswerte Widerstände von der Bevölkerung aufgenommen. Verzicht wird auch von Klimaaktivisten gefordert: weniger fliegen, weniger Fleisch essen, weniger konsumieren. Denn individuelle Verhaltensänderungen sind ein wichtiger Beitrag zur Reduzierung der CO2-Emissionen. Oft gibt es hierbei jedoch Widerstand in der Bevölkerung oder nicht genügend politisches Engagement. Der Unterschied besteht darin, dass das Coronavirus bereits heute eine akute Bedrohung darstellt. Das Gefühl von Angst und Ungewissheit ist allgegenwärtig. Das Virus kann Familienmitglieder oder jeden persönlich treffen. Hier in Luxemburg. In den nächsten Tagen oder Stunden. Die Folgen des Klimawandels treffen uns, zumindest in Luxemburg, nicht heute, sondern erst in einigen Jahrzehnten. Unser heutiges Verhalten ist jedoch entscheidend, um die Folgen des Klimawandels zu mildern.
Parallele 3
Skeptiker leugnen alles, aber es ist nur eine Frage der Zeit, bis sie hinter der Wissenschaft stehen. „Es ist nur eine Grippe“: bis vor kurzem haben einige Politiker die Coronakrise belächelt. Inzwischen wurde das Coronavirus zur Pandemie erklärt. Wenn Politiker sich vor kurzem uneinig waren, stehen sie heute kollektiv hinter der Wissenschaft und ergreifen Maßnahmen zur Verlangsamung der Ausbreitung: #flattenthecurve. Ähnliche Aussagen gibt es im Bereich des Klimawandels: „Der Klimawandel ist ein Schwindel“. Leider vertrauen viele Politiker der Wissenschaft noch immer nicht. Die vorhergesagten Folgen klingen wie unfassbare Schreckensszenarien und sind nicht greifbar, da einzelne Wetter-Ereignisse nur schwer auf den Klimawandel zurückzuführen sind. Es ist hoffentlich nur eine Frage der Zeit, bis sich Politiker auch in diesem Bereich hinter die Wissenschaft stellen.
Parallele 4
Es ist an der Zeit, jetzt zu handeln. Zeit ist entscheidend, um die Ausbreitung von COVID-19 zu begrenzen. Eine Verzögerung der Einführung von „social distancing“-Maßnahmen um nur einen Tag kann dazu beitragen, dass es zehntausende vermeidbare Neuinfektionen gäbe. Jeder gewonnene Tag mit sozialer Distanz ist daher wichtig. Rasches Handeln ist auch im Sinne des Klimawandels. Wenn die Menschheit weiterhin im heutigen Rhythmus CO2 ausstößt, wird sich der Planet bis 2028 um 1,5°C erwärmen. Nach 2028 müssten die globalen CO2 Emissionen auf null sinken. Ein utopisches Ziel, denn weltweit kommen nur 20 Prozent der Energie aus erneuerbaren Quellen. Erneuerbare Energien und Verhaltensänderungen sind für die Bekämpfung des Klimawandels von gleicher Bedeutung wie soziale Isolation für die Eindämmung von COVID-19. Aufgrund der Tragweite der Veränderung können wir nicht noch einige Jahre warten, bevor wir handeln.
Parallele 5
Das öffentliche Wohl ist wichtiger als finanzielle Rendite, wenn es ums Überleben geht. COVID-19 hat bereits zu schweren Krisen an den internationalen Finanzmärkten aufgrund der erheblichen Einschränkungen im alltäglichen Leben geführt. In einer von Konsum und Produktivität besessenen Gesellschaft, in der wir 16 Stunden pro Tag auf den Beinen sind, kommt diese Verlangsamung wie ein „Crash“. Parallel fürchten viele Geschäftsleute, dass Maßnahmen wie globale CO2-Emissionsmärkte oder -Steuern die Weltwirtschaft bremsen würden. Wesentliche Maßnahmen zur Rettung des Weltklimas werden deshalb nicht ergriffen. Es wäre jedoch unerlässlich, eine Übergangsphase zu durchlaufen, nach der die Wirtschaft mit dekarbonisierten Technologien regenerativ und nachhaltig wachsen würde.
Blick nach vorne
Der Klimawandel ist eine der wichtigsten, globalen Herausforderungen unserer Zeit und wird in den kommenden Jahrzehnten globales Handeln erfordern. Die Menschheit braucht ein ähnliches Maß an Mobilisierung wie in der gegenwärtigen Coronakrise, um die Gefahren des Klimawandels abzuwenden. Vielleicht ist der Ausbruch des Coronavirus eine Art Weckruf, den die Welt gebraucht hat, um die Situation einer existenziellen Krise greifbar zu machen.
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