Das Fressen und die Moral
Nicht so sehr die Lebensmittelsicherheit als vielmehr die wachsende Unsicherheit um diese Lebensmittel liegt der Philosophie der weltweit operierenden Slow-Food-Bewegung zugrunde. Hierzu einige grundsätzliche Öberlegungen aus dem Dunstkreis der Slow Foo
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Robert Garcia
Das Fressen und die Moral
Nicht so sehr die Lebensmittelsicherheit als vielmehr die wachsende Unsicherheit um diese Lebensmittel liegt der Philosophie der weltweit operierenden Slow-Food-Bewegung zugrunde. Hierzu einige grundsätzliche Überlegungen aus dem Dunstkreis der Slow Food Community, die über die technische Sicherung industrieller Agrarprodukte hinausgehen.
Als im Jahre 1992 einige versprengte Überlebende der radikalen Linken Italiens in Paris die Bewegung mit dem emblematischen und provokativen Namen „Slow Food International“ gründeten, waren sie sich nicht bewusst, dass ihr ursprüngliches Ansinnen, das bösartig mit einer Art „Lotta Continua altlinker und ernährungsbewusster Gourmets für bessere Delikatessen“ umschrieben werden könnte, sich innerhalb von 20 Jahren zu einer weltweit agierenden politischen Lobby ausweiten würden.
Vom Produkt zum Produzenten
Alles hatte begonnen mit einer Fressbeilage der links-alternativen Tageszeitung Il Manifesto, „Gambero Rosso“ genannt. Dort schrieben sich Carlo Petrini und Genossen den Frust über die missliche politische Lage in Italien vom anschwellenden Leib und verkündeten eine bessere Welt dank abgebremster Lebensweise und handwerklich produzierter Esswaren. Doch zum Glück sollte der linke Hedonismus nur von kurzer Dauer sein. Die Mutation vom progressiven Gourmetclub zur politischen Lobby verlief denn auch rasant, wenn auch in logischen Schritten. Im zuerst italienweit angelegten Projekt der „Arche“ wurde die Produktzentrierung zugunsten einer aktiven Arbeit mit Produzenten ausgeweitet. Überall in Italien,
und später weltweit, wurden traditionelle Gemüse, Früchte, aber auch Käsesorten und Tierrassen identifiziert, die drohten, durch die Konkurrenz einer reduzierten Zahl normierter Industrieprodukte auszusetzen. Davon ausgehend entstanden sog. „Presidi“, also Partnerschaften zwischen Produzenten, die sich verpflichten, alte Sorten weiter anzubauen, und Konsumenten, die in die Produktion finanziell einsteigen oder den Vertrieb unterstützen.
Stand am Anfang eine etwas unkritische Betrachtung von Regional- oder Terroirprodukten im Fokus der Slowfoodler, so gewinnen in letzter Zeit soziale und ökologische Kriterien mehr an Bedeutung. Obwohl Slow Food in Italien weiterhin von agroindustriellen Unternehmen aus der Liga von Lavazza oder De Cecco unterstützt wird, werden verstärkt Produkte aus biologischem Anbau und fairem Handel bevorzugt. Besonders in den Diskussionen um EU-Weinreglementierungen oder um die Gentechnologie hat sich die Haltung der eher behäbigen Lobbyisten aus Bra im Piemont zusehends radikalisiert. Als vorerst letzte Etappe dieser Politisierung sind die „Terra Madre“-Aktivitäten hervorzuheben. Alle zwei Jahre treffen sich über 5 000 Kleinbauern und -bäuerinnen aus der ganzen Welt, um gemeinsam Strategien für eine bessere Koordinierung ihrer politischen Aktivitäten zu diskutieren.
Slow Food International ist also, ähnlich wie Greenpeace, zu einer politischen Lobby geworden, mit aktivistischen Profis und einem solidarisch spendenden und futternden Fußvolk. Doch auch das Fußvolk wendet sich in zahllosen Lokalgruppen oder Convivien zunehmend vom reinen Hedonismus ab und schreitet zu zaghaftem Aktivismus. In Luxemburg, wo ja so ziemlich alles seinen super-slowen Gang geht, steht das Fressen zwar noch vor der Moral, doch erste Versuche, die beiden nützlich und angenehm miteinander zu verbinden, erfreuen sich wachsenden Zulaufs, wie etwa die thematischen „Hungry Planet“-Veranstaltungen (www.slowfood.lu).
Historische industrielle Leistungen
Es ist sicherlich einfach, etwas undifferenziert über die finsteren Machenschaften der Agrarlobby herzuziehen. Doch sollten zum besseren Verständnis der hartnäckigen Langlebigkeit des Mythos der Lebensmittelindustrie die historischen Leistungen dieses Industriezweiges nicht verschwiegen werden. Immerhin waren Jahrtausende menschlicher Zivilisation von Hun-
Robert Garcia arbeitet zwar im Bereich der Kultur, beschäftigt sich aber privat (zu) viel mit der Eigenproduktion bzw. der Fremdbeschaffung ökologisch und sozial gesicherter Lebensmittel.
gersnöten und Epidemien geprägt, deren Ursachen nicht nur, wie heute, in einer ungleichen Verteilung, sondern schlicht im Mangel an Lebensmitteln zu suchen sind. Ein Jahrhundert industrielle Landwirtschaft mit chemischem Dünger, giftigen Pestiziden und Fungiziden, flächendeckender Mechanisierung und mit einer Eliminierung ineffizient und unhygienisch wirtschaftender Höfe, hat zwar zu fatalen Fehlentwicklungen geführt, doch nicht alles ist negativ. Der Hunger wurde aus der Realität der Industrieländer weitgehend eliminiert, sogar Überproduktion gehört zur Normalität. Auch an der erhöhten Alterserwartung hat der Agrarwandel einen Anteil, nicht zuletzt weil auch verschiedene Seuchen und Volkskrankheiten in dessen Gefolge ausradiert werden konnten. Dafür wurden natürlich neue Volkskrankheiten in Kauf genommen, als deren Ursachen die umweltmedizinische Forschung mehr und mehr die Kombination von Agrarchemie, Umweltverschmutzung und Lebenswandel identifiziert.
Natürlich wurde weder durch die Mechanisierung noch durch die Überproduktion und schon gar nicht dank des letzten Wundermittels der Agrarindustrie, der Gentechnologie, der Hunger aus der Welt geschafft. Zwischen 200 und 300 Kinder werden an den Folgen des Hungers gestorben sein, bis Sie diesen Artikel zu Ende gelesen haben. Bleiben Sie trotzdem dran. Es sind ja mehr die Besitzverhältnisse der Produktion und des Vertriebs, wie Marx sagen würde, die das Problem darstellen, als die technischen Errungenschaften der Agrarwissenschaften.
Unter anderem ist es den gigantischen Subventionen der gemeinschaftlichen Agrarpolitik der EU zu verdanken, dass der Anteil von Lebensmitteln im Warenkorb der Haushalte drastisch gesunken ist. Wurden bis in die 1950er Jahre noch 30 % und mehr des Einkommens für Lebensmittel ausgegeben, so ist dieser Anteil auf rund 10 % gesunken (in Frankreich etwas mehr, in Deutschland etwas weniger, wen wundert’s). Wasser auf die Mühlen der industriellen Landwirtschaft hat auch der soziale Wandel gegossen, vor allem durch die veränderte Gewichtung von Lohnarbeit, Hausarbeit und Freizeit. In jüngster Zeit setzt sich allenthalben ein
städtischer Lifestyle durch, der den direkten und umständlichen Umgang mit frischen Lebensmitteln zugunsten eines stetig wachsenden Anteils von Convenience Food einschränkt. Dies obwohl Bestsellerautoren von Kochbüchern und unsägliche TV-Kochshows das Gegenteil suggerieren könnten. In der Woche mit dem BMW zu Aldi und mit KollegInnen in die Kantine oder zum Fastfood-Italiener, am Wochenende ein Festessen mit Delikatessen aus dem Feinkostladen oder Call-a-Pizza vor der Glotze, so oder ähnlich scheint, leicht verzerrt dargestellt, der Alltag in der schönen neuen Convenience-Welt auszusehen.
Nach dem Sieg der Industrie
Die Agrarindustrie hat also gesiegt, mit tatkräftiger Unterstützung der Politik und der Wissenschaft und mit dem weitgehenden Einverständnis der Verbraucher.
In Luxemburg steht das Fressen zwar noch vor der Moral, doch erste Versuche, die beiden nützlich und angenehm miteinander zu verbinden, erfreuen sich wachsenden Zulaufs.
Wer sich bereits in den 1960er Jahren für Alternativen einsetzte, wie die ersten Biobauern, war lange Zeit als ewig gestriger Wurzelsepp verschrien. Seit dem medialen Durchbruch von Greenpeace, Slow Food und der weltweiten Bewegung für den biologischen Landbau ist jedoch die Infragestellung der industriellen Landwirtschaft salonfähig geworden. Vor allem die Bedrohung des ökologischen Gleichgewichts und der kleinbäuerlichen Landwirtschaft durch die Gentechnologie und die regelmäßig auftretenden Lebensmittelskandale haben ihren Beitrag dazu geleistet.
Es genügt allerdings nicht, mit dem Finger auf die bösen Onkels der Agrarindustrie zu zeigen. Es geht auch und vor allem darum, realistische Perspektiven für eine nachhaltige Landwirtschaft aufzuzeigen. Derzeit gibt es weltweit eine Überproduktion an Lebensmitteln. Die steigende Zahl an Hungernden ist nicht auf mangelnde Ressourcen, sondern auf die politisch und wirtschaftlich begründete Verteilung bzw. Nicht-Verteilung zurückzuführen.
Trotzdem muss die Frage beantwortet werden, ob eine Abkehr von der industriellen Landwirtschaft nicht das Risiko einer Rückkehr zu Zeiten des Mangels und des Hungers in sich trüge. Die Frage nach der eigenen Nahrungsmittelsicherheit beantworten Ölstaaten und Schwellenländer, indem sie riesige Landkäufe in den ärmsten Ländern tätigen. Damit können sie auf eventuelle Lebensmittelkrisen mit einem Rückimport aus diesem Hinterland reagieren, zum Schaden der lokalen Bevölkerung.
Bereits 1980 hatte eine Studie des US-amerikanischen Landwirtschaftsministeriums errechnet, dass die biologische Landwirtschaft in der Lage wäre, die zu jener Zeit lebende Weltbevölkerung zu ernähren (Krauth/Lünzer: Öko-Landbau und Welthunger, Rowohlt 1982). Seither haben sich vielleicht die Eckwerte der Versorgung mit Lebensmitteln nicht grundsätzlich verändert, zumindest in Bezug auf die unterversorgten Teile des Globus. Doch sind neue Herausforderungen in den Vordergrund getreten. Die entstehen weniger aus dem oft an erster Stelle angeführten Problem eines unkontrollierten Wachstums der Weltbevölkerung. Diese Perspektive fällt heute weniger in die Waagschale als damals angenommen. Immer mehr Analysten nehmen an, dass das Thema angesichts des relativen sozialen Fortschritts in den größten Schwellenländern am Ende nicht so dramatische Ausmaße annehmen wird wie Malthusianisten jeglicher Couleur sie an die Wand malen. Vielmehr sind inzwischen neue Bedrohungen für das Weltklima in den Vordergrund gerückt. Nicht mehr die früheren Sünder Industrie und Energie stehen am Pranger, sondern die für die Herstellung und den Vertrieb von Lebensmitteln relevanten Bereiche Fleischproduktion und Transport.
In der Tat, als vor einigen Jahren eine Studie der FAO (Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen) – immerhin einer Organisation, die kaum radikaler Thesen verdächtigt werden kann – hervorhob, dass die industrielle Produktion von Fleisch die Liste der das Weltklima schädigenden menschlichen Aktivitäten anführen würde, so wurde die Aussage von den Steak fressenden „Stakeholders“ in Politik, Wirtschaft und Medien
mit ungläubigem Staunen registriert und, wen wundert’s, geflissentlich ignoriert. Die Analogie zum privaten Kraftfahrzeug ist eindeutig: während jenes die Befreiung der Proletarier von der Beschwerlichkeit der mit menschlicher oder tierischer Energie betriebenen, reichlich eingeschränkten Mobilität bedeutete, steht die im wahrsten Sinne des Wortes heilige Kuh des Fleischkonsums als Symbol für die Ausradierung von Hunger, Elend und Armut und die Verdrängung von Schwarzbrot und Haferbrei aus den Kriegsjahren in die Archive dunkler Prähistorie.
Dabei gebietet die Endlichkeit der Ressourcen der Erde in allen Bereichen der Wirtschaft eine Abkehr vom Wachstumsmodell, sei es bezüglich fossiler Energien, sei es in den Konsummustern der Weltbürger. Würden alle Bewohner der Erde pro Kopf so viel Energie verbrauchen und so viel Fleisch konsumieren wie die Nordamerikaner oder Westeuropäer, so bedarf es nicht viel Phantasie, um sich die Konsequenzen für die Überlebensfähigkeit des Planeten auszumalen. Banale Erkenntnisse, die elegant vom Tisch gefeigt werden.
Will man also in den nächsten Jahrzehnten eine qualitativ hochwertige Landwirtschaft erhalten und ausbauen – und dabei muss es nicht einmal im Bereich der biologischen Landwirtschaft sein –, so sind die drei Faktoren Fleischproduktion, Ressourcenverbrauch und Transportwege in erster Linie zu berücksichtigen. Natürlich steht diesem hehren Ansinnen ein weiterer Mythos im Wege, nämlich der des unendlich weiterzuführenden Wachstums. Wie hartnäckig sich dieser Mythos selbst in „grünen“ Kreisen hält, kann man sich an den kriegerischen Auseinandersetzungen in Frankreich zwischen den Jüngern der „Décroissance“ (über die gleichnamige Zeitschrift) und den Grünen (hier verteidigt der rote Dany ein „nachhaltiges“ Wachstum) mit Staunen und Verwunderung vor Augen führen.
Wenn die Wachstumsillusion auch morgen noch nicht vom Tisch sein wird, so sei an dieser Stelle trotzdem die Hoffnung erlaubt, die schrittweise und weltweite Einführung anderer Bewertungskriterien des Wohlstands der Nationen und des qualitativen Wachstums sei in abzusehen-
den Zeiträumen noch ins Auge zu fassen. Dies scheint umso realistischer, als aus jeder seriösen Langzeitanalyse hervorgeht, dass quantitatives Wachstum im besten Falle noch für die „nachholende Entwicklung“ blauäugig regierter Schwellenländer eine Übergangslösung sein mag. Sowohl für die entwickelten als auch für die ärmsten Länder der Welt ist Wachstum mehr denn je eine Fata Morgana. Zurzeit wird denn auch zumindest auf der Ebene der ökonomischen Theorie ebenso fieberhaft wie versprengt daran gearbeitet, neue Indikatoren zu entwickeln, um das dominierende Bruttosozialprodukt nicht nur als Messinstrument, sondern auch als normativen wirtschaftspolitischen Maßstab
Auf freiwilliger Basis scheint einem leicht schmackhaft gemachten Umdenken das entsprechende praktische Umschwenken nur zögerlich folgen zu wollen.
der Volkswirtschaften durch ein nachhaltiges Konzept zu ersetzen. Ein normativer wirtschaftlicher Maßstab impliziert denn auch, dass durch die praktischen Instrumente dieses Maßstabs gewisse Herstellungsverfahren von Produkten entweder gefördert oder im Gegenteil diskriminiert oder gar sanktioniert werden, vor allem mit Hilfe entsprechender regulatorischer und steuerlicher Maßnahmen.
In dem ebenso fundierten wie amüsanten Taschenbuch von Duncan Clark The Rough Guide to Green Living (Penguin Books 2009) finden sich eine Vielzahl von anschaulichen Beispielen dafür, in welchem Maße die drei Faktoren Landbau, Fleischanteil und Transportwege die Nachhaltigkeit von Produkten determinieren. Das Buch basiert im Wesentlichen auf dem Konzept des „ecological footprint“, dem vielleicht noch eine gewisse Feinmechanik fehlt, der aber über die Langzeitfolgen unterlassener Politiken Aufschluss gibt. Da erfahren die staunenden LeserInnen, dass z. B. der ökologische Fußabdruck von Schafsfleisch aus biologischer Viehwirtschaft in Neuseeland, das per Schiff nach London transportiert wird, besser ist als der von entsprechender Ware aus einem konventionellen Betrieb in Schottland.
Das Gleiche gilt für eine Flasche biodynamischen Wein, die aus Chile mit dem Schiff in die Regale der Supermärkte gelangt, die wesentlich besser abschneidet als das entsprechende Industriegesöff, das mit Lastwagen aus dem Veneto oder der Mancha in die Metropolen der Wein schlürfenden Bobos gekarrt wird.
Jenseits des anekdotenhaften Charakters solcher Beispiele zeigt dieses unterhaltsame Büchlein aber auch, dass nachhaltige Konsummuster durchaus machbar sind. Voraussetzung ist natürlich, dass die (wirtschafts)politischen Rahmenbedingungen stimmen. Deshalb gehört dieses Buch, neben einer ergänzenden Analyse der Welternährung, beispielsweise von Jean Ziegler oder Jean Feyder, unter Ihren Weihnachtsbaum (aus ökologisch zertifizierter Forstwirtschaft).
Neben den entscheidenden ökologischen Rahmenbedingungen einer künftigen „Lebensmittelsicherheit“ sind jedoch mindestens zwei weitere Faktoren zu berücksichtigen: die Qualität an sich der Lebensmittel, also die eigentliche „Lebensmittelsicherheit“, und last but certainly not least, die soziale Nachhaltigkeit der Lebensmittelproduktion.
Was letzteren Aspekt angeht, so werden die unbequemen Wahrheiten über die Zerstörung der Lebensgrundlagen von Kleinbauern in der Dritten Welt von den zahlreichen in Luxemburg arbeitenden NGOs hinreichend thematisiert. Aber vielleicht predigen die vor allem vor bereits konvertierten Konsumsündern. Von daher bloß noch ein Wort zur unsäglichen Gentechnologie: ähnlich wie bei der Atomenergie stellen auch hier deren Gegner die gesundheitliche Gefährdung in den Vordergrund. Weil den Konsumenten die Haut näher ist als das Hemd, ist das ziemlich schlüssig. Doch sollte darüber nicht vergessen werden, dass beide Technologien hier und jetzt vor allem Arbeitsplätze und Lebensgrundlagen zerstören. Bei der Gentechnologie sind die Risiken vielleicht noch umstritten, unbestritten ist jedoch die Tatsache, dass die Ausbreitung der Gentechnologie letztendlich nur der industriellen Landwirtschaft zugute kommt und die Kleinbauern im Endeffekt von der Landkarte wegradiert.
Ein weiteres Hindernis für die Wahrnehmung der sozialen Dimension der kleinbäuerlichen Landwirtschaft ist das Fehlen objektiver Bewertungskriterien. Im fairen Handel sagen Labels wie Trans-Fair oder Max Havelaar wenigstens noch etwas Handfestes und Nachvollziehbares über die Produkte aus. Begriffe, die in der europäischen Landwirtschaft hochgehalten werde, wie „Regionalprodukte“ oder „Terroir“, sind dagegen beliebig. Sie informieren nicht einmal über die wahre Herkunft, wie Ökotest kürzlich nachweisen konnte. Über die Qualität der Herstellung und des Endprodukts sagen solche Labels gar nichts aus. Auch ein Mastbetrieb mit Millionen von Schweinen oder Hühnern kann Terroir-Produkte vertreiben. Sicherlich, Verbände wie die Confédération paysanne in Frankreich und ihr verlängerter Arm im EU-Parlament unter Federführung des Viandener José Bové bemühen sich, ein neues und kohärentes Weltbild für die Bauern von morgen zu entwickeln, dies an der Schnittstelle von nachhaltigem Bewirtschaften und sozialer Überlebensfähigkeit. Oft ist es jedoch die Mehrheit der verbliebenen Minderheit von Bauern, die selbst als Klotz am Bein einer neuen Agrargesellschaft fungieren. Falls sie nämlich nicht bereit sind, den riskanten Schritt in biologisch und kooperativ wirtschaftende Betriebe zu wagen, bleibt ihnen kaum eine andere Alternative als ins Messer der Agrarindustrie zu laufen (siehe hierzu den Dokumentarfilm Bauereblues von Sophie Schroell, der derzeit in den Kinos läuft).
Was nun die eigentliche Sicherheit oder die Unbedenklichkeit von Lebensmitteln angeht, so vermittelt die Publikumszeitschrift Ökotest ein weitgehend getreues Bild darüber, wie es letztlich um die Sicherheit der alltäglich verzehrten Konsumgüter steht. Zwar muss eingeräumt werden, dass die eigentlichen Tests dieser Zeitschrift sich hauptsächlich auf die stoffliche Qualität der Produkte konzentrieren und, außer der Verpackung, wenige außerstoffliche Elemente, und schon gar keine sozialen Parameter berücksichtigen. Doch aller Unkenrufe zum Trotz hat die Zeitschrift (die kurioserweise im Besitz einer SPD-Holding ist, Marktwirtschaft lässt grüßen) in mehr als 25 Jahren noch keinen der zahllosen Prozesse verloren, mit denen Produzenten abgewerteter
Produkte sie zu ersticken versuchen. Interessant, oder vielmehr beängstigend ist die Tatsache, dass trotz laufender Fortschritte bei der Lebensmittelsicherheit noch vieles im Argen liegt. Im Vergleich zu Kosmetika, wo vor allem die Analysen von teuren Markenprodukten Ungeheuerliches ans Tageslicht befördern, warten Bewertungen von Nahrungsmitteln sogar aus industrieller Produktion oder aus den Regalen von Diskountern mitunter mit angenehmen Überraschungen auf (Leckermäuler wird’s freuen, dass z. B. die legalen Alltagsdrogen „Nutella“ und „Mon Chéri“ als unbedenklich eingestuft wurden). Doch im Großen und Ganzen ergeben viele Tests ein recht desaströses Bild der Lebensmittelsicherheit, selbst wenn man nur die offiziellen Grenzwerte der nationalen und transnationalen Behörden in Betracht zieht. Berücksichtigt man darüber hinaus die Tatsache, dass die meisten Grenzwerte unter dem Druck der starken Agrarlobbies allzu großzügig ausgefallen sind, so verdüstert sich das Bild noch mehr. Es ist oftmals nicht übertrieben, von einer regelrechten Agrarmafia zu reden, die ungestraft die Gesundheit und die Existenz von Millionen Erdenbürgern gefährdet.
Was tun, was essen?
Die schier aussichtslose Perspektive, der internationalen Agrarlobby kurzfristig das Handwerk legen zu können, sollte nicht
als Vorwand herhalten, im Privatbereich resigniert zur Tagesordnung überzugehen. Ebenso wenig wie die Illusion genährt werden darf, der Einkauf im Naturkostladen oder ab Hof könnte als Eigenbeitrag ausreichen, die reale Welt der übrigen 99 % zu verändern. Es ist also weiterhin ungemein nützlich, die einschlägigen Lobbys, von Greenpeace bis Slow Food, nicht nur moralisch, sondern auch materiell zu unterstützen. Sich im Sofa zurückgelehnt, eine Import-Corona oder einen höchst unfair gehandelten Nespresso in der Hand, über Landküfe von Konzernen und Ölstaaten in Afrika aufzuregen oder gratis Grundwasser für jeden zu fordern, mag zwar die eigene linke Seele besänftigen, ändert aber rein gar nichts an der Welt, wie sie heute ist. Solange beispielsweise nicht einmal 1 000 von 500 000 Sparern in unserem Schlaraffenländle auch nur einen Teil ihres Gesparten in soziale und ökologische Projekte von „etika“ und anderen investieren, statt bei spekulativ agierenden Großbanken zu hinterlegen, bleibt Antiglobalisierung eine leere Geste.
Prüfsteine alternativer Agrarpolitik sind die Akzeptanz höherer Preise und ein veränderter Warenkorb. Es würde den Rahmen dieses Beitrags sprengen, mit gewissen Vorurteilen aufzuräumen, z. B. dass nur Reiche sich Bioprodukte leisten können. Dazu nur so viel: Es ist nicht im Bobo-Viertel von London, wo der
höchste Anteil von Bioprodukten im Warenkorb der Bevölkerung festgestellt wurde, sondern in den am wenigsten betuchten Stadtvierteln der ärmsten Großstadt Westeuropas. Das ist natürlich Berlin, doch dort haben sich die Preise der Bioprodukte den Konsumenten angepasst und nicht umgekehrt. Mehr noch, einige Langzeitstudien haben auch gezeigt, dass Durchschnittsfamilien, die ausschließlich oder vornehmlich in Bioläden einkaufen, nicht mehr, sogar eher weniger Budget für ihren Privathaushalt ausgeben müssen als Kunden von Supermärkten. Das liegt vor allem an den wesentlich niedrigeren Ausgaben für Fleisch und Convenience Food. Wer sich allerdings den zunehmenden Einfluss von Convenience Food in Naturkostenläden ankuckt, kann sich fragen, ob dem heute noch so ist.
Eines ist klar: Auf freiwilliger Basis scheint einem leicht schmackhaft gemachten Umdenken das entsprechende praktische Umschwenken nur zögerlich folgen zu wollen. Das Sein bestimmt nicht erst seit Marx das
Bewusstsein, und so ist es nicht erstaunlich, dass in einem Steuerparadies, das bis dato noch in einer quasi „antiglobalisierenden“ Nischenstrategie die direkten und kollateralen Schäden der globalen Krise abgefedert hat, wenig Handlungsbedarf in der Bevölkerung zu bestehen scheint. Selbstversorgung? Hierzulande sind quasi alle Hausgärten, zumindest im urbanen Raum, umgeschwenkt von der kleingärtnerischen Subsistenzwirtschaft auf die denkmalpflegerische Kultivierung von chemischem Rasen, dauergrünen Thuja- und Bambushecken und neuerdings die eigene Grabstätte ankündigenden Kiesanlagen. So mag eine rezente Triumphmeldung der französischen Zeitschrift Les 4 saisons du jardinage bio verwundern. Dort erlebt die Produktion von Lebensmitteln aus dem Hausgarten – oder im städtischen Bereich in Schreber- oder Community-Gärten – einen spektakulären Boom. Das liegt sicherlich weniger an einer Selbstversorgerromantik, wie man sie ja ohnehin bei unseren pragmatischen Nachbarn kaum vermutet, sondern entspringt einer schie-
ren Notwendigkeit. In der realen europäischen Welt hat die Krise nämlich nicht nur die bereits vorher bestehende Schicht von Armen erreicht, sondern auch die Mittelschichtfamilien, für die selbst die Lebensmittel in Großmärkten und Discountern zu teuer werden und die Eigenproduktion sich teilweise zu lohnen beginnt.
Nun, wozu nach Frankreich blicken, auch hierzulande erwacht die Garden Community. Im Rahmen der „Transition Town“-Aktivitäten von Energie positive – wohlgemerkt, keine Sekte, sondern eine Initiative von Stadtplanern – und vom Center for Ecological Learning (CELL) in Beckerich, ist die Schaffung von „Community Gardens“ angedacht, welche die Idee der Schrebergärten zeitgemäß „reloaden“ und ihren kleinen, aber richtungsweisenden Beitrag zu mehr Eigenproduktion von lebenswichtigen Mitteln zur Neugründung des Gesellschaftlichen leisten will (www.energiepositive.lu, www.cell.lu). Avis aux amateurs, die die Lebensmittelsicherheit eher praktisch angehen möchten! ♦
Verfassungsreform
public forum im EXIT07
CarréRotondes, 1, rue de l’Aciérie, Luxemburg-Hollerich
Die Zeitschrift forum lädt im Rahmen ihrer Veranstaltungsreihe public forum herzlich zu einer Diskussion über die geplante Verfassungsreform ein.
Warum ist eine Reform notwendig? Geht es nur um die Rolle des Großherzogs? Könnten nicht auch Kinderrechte, der Denkmalschutz, der Ombudsmann… in der Verfassung verankert werden? Sollen auch Nationalsprache und Nationalflagge hineinkommen? Wie stehen die Chancen für einen baldigen, parteiübergreifenden Verfassungstext? Warum stockt die Diskussion? Bleibt die Verfassung eine Sache ausschließlich für Juristen?
Diese und andere Fragen wird das Publikum gemeinsam mit
**Colette Flesch (DP), Alex Bodry (LSAP), Paul-Henri Meyers (CSV)
diskutieren können. Die Moderation übernimmt Michel Pauly.
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