Das Irrationale gestern und heute

Rede von Umberto Eco auf der Frankfurter Buchmesse 1987

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Die diesjährige Frankfurter Buchmesse wurde mit einer Rede von Umberto ECO eröffnet, die "forum" als erste Luxemburger Zeitschrift integral abdruckt. Eco geht auf die Renaissance des Irrationalen ein, die im Moment auch auf dem Buchmarkt zu beobachten ist und er beleuchtet die Ursachen einer ähnlichen Entwicklung im zweiten Jahrhundert.

In Kürze, wenn wir die Stände der Buchmesse durchgehen, werden wir sehen, dass – als Reaktion auf den Zusammenbruch der grossen rationalistischen Philosophen der Geschichte und angesichts einer Vertrauenskrise gegenüber Technik und Wissenschaft – viele von denen, die in den letzten Jahrzehnten das politische oder wissenschaftliche Handeln als rationales Projekt zur Veränderung der Welt konzipierten, sich nun dem Heiligen und dem Mysterium zuwenden. In den Regalen der Buchhandlungen, wo vor zwanzig Jahren noch Die Zerstörung der Vernunft von Lukács zu finden war, stehen heute Werke von Julius Evola, von René Gurdjieff, von Titus Burckardt und von Meistern des östlichen Denkens, Handbücher der Alchimie, der Astrologie, der Wahrsagerei und der schwarzen Magie. Man hat den Eindruck, dass Chesterton recht hatte, als er sagte: "Seit die Menschen nicht mehr an Gott glauben, glauben sie nicht etwa an nichts mehr, sondern an alles."

Stehen wir vor Erscheinungsformen des Irrationalismus?

Es ist schwer, den Irrationalismus zu definieren, ohne einen philosophischen Begriff der Ratio zu haben. Leider zeigt die ganze Geschichte der west-

westlichen Philosophie, dass die Definition des Irrationalen wechselhaft und kontrovers ist. Eine gegebene Denkweise ist immer irrational, gemessen am historischen Modell einer anderen Denkweise, die sich als rational präsentiert. Die Logik des Aristoteles ist nicht die Logik Hegels, die Termini Ratio, Raison und Vernunft bedeuten nicht immer dasselbe. (Hervorhebungen vom Verfasser).

Ein Weg zum Verständnis der philosophischen Begriffe ist oft der Rekurs auf die Alltagssprache. Wenn ich die abstrakten Substantive verlasse, finde ich als Synonyme für das Adjektiv "irrational" im Deutschen unsinnig, unlogisch, unvernünftig, sinnlos; im Italienischen illogico und assurdo; im Englischen senseless, absurd, nonsensical, incoherent, delirious, farfetched, inconsequential, disconnected, illogic, exorbitant, extravagant, skimble-skamble.

Das scheint etwas zu wenig, um ernstzunehmende philosophische und aesthetische Positionen zu definieren. Dennoch bezeichnen die Ausdrücke etwas, das über die von einer Norm gezogene Grenze hinausgeht. Eines der Antonyme zu unreasonabless (in Roget’s Thesaurum) ist moderateness. Moderat sein

heisst, sich im modus befinden, also in Grenzen und in einem Mass.

Das Wort modus ruft uns zwei Regeln in Erinnerung, die wir von der griechisch-lateinischen Kultur ge- erbt haben: das logische Prinzip des modus ponens und das von Horaz formulierte ethische Prinzip: "Est modus in rebus, sunt certi denique fines quos ultra citraque nequit consistere rectum." (Satiens I, 1, 106-107: Es ist ein Mass in den Dingen, es gibt gewisse Grenzen, jenseits und diesseits derer das Rechte nicht zu bestehen vermag.)

Für den griechischen Rationalismus, von Platon bis Aristoteles und darüber hinaus, heisst erkennen immer erkennen durch eine causa, durch die Ursache dessen, was man erkennen will. Auch Gott zu definieren heisst, eine Ursache zu definieren, hinter der es keine weitere Ursache gibt.

In: Le Monde

Um die Welt kausal erklären zu können, muss man den Begriff einer linearen, einlinigen Kette entwickeln: Wenn eine Bewegung von A nach B geht, kann keine Kraft der Welt bewirken, dass sie von B nach A geht. Um die Linearität einer Kausalkette zu begründen, muss man einige Prinzipien akzeptiert haben: das Prinzip der Identität (A-A), das Prinzip der Widerspruchsfreiheit (es ist unmöglich dass etwas A und gleichzeitig nicht A ist) und das Prinzip des ausgeschlossenen Dritten (entweder A ist wahr, oder A ist falsch, tertium non datur). Aus diesen Prinzipien folgt die für den westlichen Rationalismus typische Argumentationsweise, der modus ponens: wenn p, dann q; aber p, also q.

Dieselben Prinzipien verlangen zudem, wenn nicht die Anerkennung einer festen Ordnung der Welt, so doch zumindest einen Gesellschaftsvertrag. Der lateinische Rationalismus übernimmt die Prinzipien des griechischen Rationalismus, aber er verändert und bereichert sie im juristischen und vertragsrechtlichen Sinn. Die logische Norm ist modus, aber modus ist auch Beschränkung und folglich Grenze.

Die lateinische Obsession der räumlichen Grenze entsteht mit dem Mythos der Gründung: Romulus zieht eine Grenzlinie und erschlägt seinen Bruder, weil er sie nicht respektiert hat. Ohne die Anerkennung einer Grenze kann es keine civitas geben.

Horatius Cocles wird ein Held, weil er es vermocht hat, den Feind an der Grenze aufzuhalten, auf einer Brücke zwischen den Römern und den Anderen. Brücken sind Sakrilegien, weil sie den sulcus überqueren, den Wasserkreis, der die Grenzen der Stadt definiert; darum kann ihr Bau nur unter strenger ritueller Kontrolle des Pontifex erfolgen. Die Ideologie der Pax Romana und der politische Entwurf des Augustus beruhen auf Präzisierung der Grenzen: die Kraft des Imperiums beruht im Wissen, auf welchem valium, innerhalb welchem limes die Verteidigung zu erfolgen hat. Sobald man keinen klaren Begriff der Grenzen mehr hat und die Barbaren (d.h. Nomaden, die ihr Ursprungsgebiet verlassen haben und sich auf jeden Gebiet bewegen, als ob es das ihre wäre, immer bereit, es wieder zu verlassen) ihre nomadische Sicht durchgesetzt haben, ist Rom am Ende und die Hauptstadt des Reiches kann überall sein.

Als Julius Caesar den Rubicon überschreitet, weiss er nicht nur, dass er ein Sakrileg begeht; er weiss auch, dass er, sobald er es einmal begangen hat, nicht mehr zurück kann. Alea jacta est. Denn es gibt auch zeitliche Grenzen. Was einmal geschehen ist, kann nicht mehr ausgelöscht werden. Die Zeit ist nicht umkehrbar. Dieses Prinzip wird die lateinische Syntax regeln. Die Richtung und Ordnung der Zeit, die eine kosmologische Linearität ist, wird zum System logischer Subordinationen in der consecutio temporum. Das Denken kann die Fakten nur dann erkennen, aufreihen und "betrachten", wenn es zuvor eine Ordnung gefunden hat, die sie miteinander verbindet. Und bedenken wir schliesslich jenes Meisterwerk an Fakten-Realismus, das der ablativus absolutus darstellt: er legt fest, dass etwas, nachdem es einmal geschehen oder vorausgesetzt worden ist, nicht mehr in Frage gestellt werden kann.

Bei Thomas von Aquin gibt es eine quaestio quodlibetalis (V,2,3), in der er sich fragt, "utrum Deus possit virginem reparare", d.h. ob Gott eine Frau, die ihre Jungfräulichkeit verloren hat, in ihren ursprünglichen Status zurückversetzen kann. Thomas gibt eine dezidierte Antwort: Gott kann der Frau verzeihen und sie somit in den Stand der Gnade zurückversetzen, er kann ihr auch durch ein Wunder die körperliche Unversehrtheit wiedergeben. Aber nicht einmal Gott kann das Geschehene ungeschehen machen, denn eine solche Verletzung der Zeitgesetze wäre seiner Natur zuwider. Gott kann das logische Prinzip nicht verletzen, demzufolge die Sätze "P ist geschehen" und "P ist nicht geschehen" als widersprüchlich erscheinen würden. Alea jacta est.

Dieses Modell des Rationalismus ist es, das noch heute die Mathematik, die Logik, die Naturwissenschaft und die Computerprogrammierung beherrscht. Doch es schöpft nicht aus, was wir das griechische Erbe nennen. Griechisch ist Aristoteles, aber griechisch sind auch die Mysterien von Eleusis. Die griechische Welt fühlt sich ständig zum apeiron hingezogen: zum Unendlichen. Das Unendliche ist das, was keinen modus hat. Es entzieht sich der Norm.

Fasziniert vom Unendlichen entwickelt die griechische Kultur, neben dem Begriff der Identität und Widerspruchsfreiheit, die Idee der fortwährenden Metamorphose, symbolisiert durch Hermes. Hermes ist ungreifbar, volatil, doppelgesichtig, Patron aller Künste, aber auch Gott der Diebe, juvenis und senex, Jüngling und Greis zugleich. Im Mythos von Hermes werden die Prinzipien der Identität, der Widerspruchsfreiheit und des ausgeschlossenen Dritten negiert, die Kausalketten winden sich um und über sich selbst zu Spiralen, das Nachher geht dem Vorher voraus, der Gott kennt keine räumlichen Grenzen und kann in

verschiedenen Formen an verschiedenen Orten gleichzeitig sein.

Hermes triumphiert im Laufe des zweiten Jahrhunderts n. Chr. Das zweite Jahrhundert ist eine Epoche der politischen Ordnung und des Friedens, und die Völker des Reiches scheinen vereint durch eine gemeinsame Sprache und Kultur. Die Ordnung ist so gefestigt, dass niemand mehr hoffen kann, sie durch irgendeine militärische oder politische Operation zu verändern. Es ist die Epoche, in welcher sich der Begriff einer enkyklos paideia bildet, einer umfassenden Erziehung, mit dem Ziel, die Figur eines vollkommenen und in allen Disziplinen versierten Menschen hervorzubringen. Doch dieses Wissen beschreibt eine perfekte und kohärente Welt, während die Welt des zweiten Jahrhunderts ein Schmelztiegel von Rassen und Sprachen ist, ein brodendes Gewimmel von Völkern und Ideen, in dem alle Götter toleriert werden. Jede dieser Gottheiten hatte einst für das Volk, das sie verehrte, eine tiefe Bedeutung gehabt, aber im selben Moment, in dem das Reich ihre Ursprungsländer auflöst, löst es auch ihre Identitäten auf: es gibt keine Unterschiede mehr zwischen Isis, Astarte, Demeter, Kybele, Anaitis und Maia.

Das kulturelle Universum des zweiten Jahrhunderts ähnelt ein wenig der Buchmesse, auf der demokratisch alle Bücher akzeptiert werden: alle Beschreibungen aller möglichen Welten, alle im Widerspruch zueinander. Wir kennen die Legende von jenem Kalifen, der die Zerstörung der Bibliothek von Alexandrien befahl, mit dem Argument: Entweder sagen diese Bücher dasselbe wie der Koran, und dann sind sie unnütz, oder sie sagen etwas anderes, und dann sind sie falsch und schädlich.

Der Kalif kannte und besass eine Wahrheit, auf deren Grundlage er die Bücher beurteilte. Der Hermetismus des zweiten Jahrhunderts dagegen sucht eine Wahrheit, die er nicht kennt, und besitzt nur Bücher. Deswegen stellt er sich vor oder hofft, dass jedes dieser Bücher einen Funken Wahrheit enthält und dass sie alle einander bestätigen. In dieser synkretistischen Dimension tritt eines der Prinzipien des griechischen Rationalismus in die Krise, nämlich das des ausgeschlossenen Dritten. Vielerlei Dinge können gleichzeitig wahr sein, auch wenn sie einander widersprechen.

Wenn die Bücher nun aber die Wahrheit sagen, auch wo sie einander widersprechen, dann ist jedes ihrer Worte eine Anspielung, eine Allegorie. Sie besagen etwas anderes als das, was sie zu sagen scheinen. Jedes von ihnen enthält eine Botschaft, die keines von ihnen allein je enthüllen kann. Um die mysteriöse Botschaft, die in den Büchern steckt, zu verstehen, muss man nach einer Offenbarung jenseits der menschlichen Reden suchen, nach einer, die durch Verkündung der Gottheit selbst kommen müsste, durch die Modi der Vision, des Traums oder des Orakels. Doch eine unerhörte, nie zuvor vernommene Offenbarung wird von einem noch unbekannten Gott und einer bisher noch nicht vernommenen Wahrheit sprechen müssen. Eine geheime Weisheit ist eine tiefe Weisheit (denn nur, was unter der Oberfläche liegt, kann auf lange Sicht unbekannt bleiben). Infolgedessen wird nun die Wahrheit mit dem gleichgesetzt, was nicht gesagt wird, oder was auf dunkle Weise gesagt wird und jenseits des Scheins und der Wörtlichkeit zu verstehen ist. Die Götter sprechen (heute würden wir sagen: das Sein spricht) durch hieroffiziische und enigmatische Botschaften.

Wenn aber die Suche nach einer anderen Wahrheit aus einem Misstrauen in das zeitgenössische Wissen entspringt, dann muss diese Weisheit uralt sein: die Wahrheit ist eine Sache, in deren Nähe wir seit dem Anbruch der Zeiten leben, nur haben wir sie vergessen. Und wenn wir sie vergessen haben, muss jemand sie für uns bewahrt haben, jemand, dessen Worte wir nicht mehr verstehen. Also muss diese Weisheit auch eine exotische sein. C.G. Jung hat uns erklärt, dass wir, wenn uns ein beliebiges Götterbild allzu vertraut geworden ist und jedes Geheimnis verloren hat, uns an Bilder anderer Kulturen wenden müssen, da nur die exotischen Symbole eine sakrale Aura bewahren. Für das zweite Jahrhundert hätte demnach die geheime Weisheit ihren Ort entweder bei den Druiden haben müssen, den keltischen Priestern, oder bei den Weisen des Orientes, die unverständliche Idiome sprachen. Der klassische Rationalismus identifizierte die Barbaren mit denen, die nicht richtig sprechen konnten (die Etymologie von barbaros ist ebendiese: Barbar ist, wer ‚brbr‘ stammelt). Nun jedoch wird genau das vermeintliche Gestammel der Fremden zur heiligen Sprache voller Verheissungen und verschwiegener Offenbarungen. Galt für den griechischen Rationalismus als wahr, was erklärt werden konnte, so gilt jetzt nur als wahr, was sich nicht erklären lässt.

Doch welcher Art war das mysteriöse Wissen, das die Priester der Barbaren besassen? Die weitverbreitete Meinung war: Sie kannten die verborgenen Bande, welche die geistige Welt mit der astralen Welt und diese mit der sublunaren Welt verbinden, weshalb man durch Einwirkung auf eine Pflanze den Lauf der Sterne beeinflussen kann, der Lauf der Sterne das Schicksal der irdischen Wesen beeinflusst und die magischen Operationen, die wir an einem Bild der Gottheit vornehmen, diese Gottheit zwingen, unseren Willen zu befolgen. Wie unten, so oben. Das Universum wird zu einem grossen Spiegeltheater, in dem jedes Ding alle anderen spiegelt und bedeutet. Von universeller Sympathie und Aehnlichkeit kann man jedoch nur sprechen, wenn man das Prinzip der Widerspruchsfreiheit verwirft. Die universelle Sympathie ist Ergebnis einer Emanation Gottes in der Welt, doch am Ursprung der Emanation steht ein nicht erkennbarer Einer, der als solcher der innerste Ort des Widerspruchs ist. Das neuplatonisch-christliche Denken wird zu erklären versuchen, dass wir Gott nicht eindeutig definieren können, weil unsere Sprache dafür nicht geeignet ist. Das hermetische Denken sagt, dass unsere Sprache, je ambivalenter, je polyvalenter sie ist, je mehr sie sich in Symbole und Metaphern kleidet, umso besser geeignet ist, einen Einen zu benennen, in dem sich die Koinzidenz der Gegensätze verkörpert. Doch wo die Koinzidenz der Gegensätze triumpiert, da fällt das Identitätsprinzip. Tout se tient. Infolgedessen ist die Interpretation unendlich. Im Versuch, einen letzten, unerreichbaren Sinn zu erfassen, akzeptiert man ein unaufhaltsames Wegschlittern des Sinns. Eine Pflanze wird nicht anhand ihrer morphologischen und funktionalen Eigentümlichkeiten definiert, sondern anhand ihrer Ähnlichkeit, sei diese auch nur partiell, mit einem anderen Element des Kosmos. Aehnelt sie vage einem Teil des menschlichen Körpers, so hat sie Sinn, weil sie auf den Körper verweist. Aber der betreffende Teil des Körpers hat Sinn, weil er auf einen Stern verweist, und dieser hat Sinn, weil er auf eine Tonleiter verweist, und diese wiederum, weil sie auf eine Hierarchie von Engeln verweist, und so weiter ad infinitum.

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