Denkanstöße

Das Recht ein anderer zu werden

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Es gibt einen Masstab für Schuld … nämlich die Liebe. Dieser Masstab ist unbedingt und unendlich, wer immer sich auf ihn einlässt, der findet sich als Schuldigen vor. Wir haben nie genug geliebt. Nur wer weiss oder ahnt, was Liebe ist, sein könnte und wie die Welt aussähe, in der Liebe sichtbar wäre, der kann verstehen, was Schuld ist und warum wir nicht aufhören können, den Mangel an Liebe als die einzige aber zugleich allgemeine Schuld anzusehen …

Der Masstab ist allgemein. Jeder Leidende ist unser Bruder- und jeder klagt uns an. Wir können zwar die Liebensunfähigkeit eines Menschen auf seine Erziehung und auf die gesellschaftlichen Umstände zurückführen, aber damit haben wir nur die Sache konsequent an uns selber weitergegeben: wir haben ihn zu dem gemacht, der er nun ist. Wir haben niemanden daran gehindert, ihn zu dem zu machen, der er nun ist. Wir haben die Verhältnisse befürwortet oder doch zugelassen, die Menschen kaputtmachen. Wir haben geschwiegen. Am Leiden anderer erwacht unsere Scham darüber, glücklich zu sein, und über das Mitleiden hinaus fühlen wir uns mitverantwortlich, ja mitschuldig, auch dann, wenn der Zusammenhang zwischen unserm Glück und Unglück des anderen nicht unmittelbar klargemacht werden kann …

Dorothee Sölle Das Recht ein anderer zu werden

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