- Wissenschaft
Denkräume
Ein Essay über die Bibliotheken der Zukunft
„Das Paradies habe ich mir immer
als eine Art Bibliothek vorgestellt.“
Jorge Luis Borges
Wissensspeicher der Gesellschaft
Seit Jahrhunderten – seit es gelungen war, Wissen auf Papyrus, Pergament oder Papier zu bannen – hat sich eine große Vielfalt von Bibliotheken herausgebildet: Von Privat- und Schülerbibliotheken, Firmen- oder Klosterbibliotheken bis Forschungsbibliotheken ist die Spannbreite enorm. Je nach Funktionszusammenhang sieht die Fachbuchsammlung des Anglerclubs deutlich anders aus als die wissenschaftliche Bibliothek eines Max-Planck-Instituts, aber ungeachtet ihrer Zusammensetzung unterliegen alle – manche früher, andere später – dem Wandel, der mit der Digitalisierung verbunden ist. Bibliotheken eint in der Regel der Wunsch nach einer nachvollziehbaren oder systematischen Ordnung, die das Auffinden von Literatur, den Zusammenhang von Wissensbeständen, den Nachvollzug von Verlust oder Dubletten ermöglicht. In diesem Essay geht es vor allem um wissenschaftliche Bibliotheken, die grundsätzlich auf Pflege und Erschließung von Wissensbeständen und damit auf die Verifizierung und Nachprüfbarkeit von Wissen und Erkenntnisprozessen ausgerichtet sind: Sie bewahren nicht nur die Bücher sondern gleichzeitig die Informationen zur Genese und Sammlungsintention, die Schichten und Wege oder Irrwege der Forschung, also gewissermaßen den Kontext von Erkenntnis. Sie ermöglichen damit die Verortung von Wissen in Zeit und Raum. Das ist keineswegs trivial, denn die lange Geschichte des Buchwissens zeigt deutlich, dass Vergessen und Wiederentdecken zu den treibenden Kräften der Entwicklung gehören. Kurz gesagt, Bibliotheken sind unverzichtbare Wissensspeicher und stehen als Institutionen dafür, dass wir uns in unserem kulturellen Gedächtnis zurechtfinden und nicht immer wieder von vorne anfangen müssen, wie es Hermann Heimpel 1954 paradoxal fasste: „Literaturkenntnis schützt vor Neuentdeckungen.“1
Untrennbar – Wissensordnung und Wissensgenerierung
Die analogen Ordnungssysteme sind entwickelt worden, um eine kritische Einordnung von Wissen aller Art zu ermöglichen. Abstrakt bezogen auf Daten sind Bibliotheken langfristig auf die Hinterfragbarkeit der Daten im Sinne der kritischen Würdigung der Datenqualität ausgerichtet. Im täglichen Gebrauch erscheint die Ordnung des Wissens banal und selbstverständlich zu sein, doch ist sie alles andere als das. Unsere Ordnungssysteme reichen kulturell viele Jahrhunderte, bis weit in das Mittelalter und die Antike zurück. Die Systematisierung und Ordnung von Wissen sind dabei entscheidend, denn erst Ordnung macht Wissen zu Wissen, indem sie Wissenswertes von nicht-Wissenswertem trennt. Es macht einen großen Unterschied, in welchem Fachgebiet, also „wo“ wir unsere Ergebnisse in dem vielgestalten und sich immer weiter ausdifferenzierenden Wissenskosmos als relevant einordnen, weil mit den Disziplinen nicht nur das Erkenntnisinteresse, sondern auch die methodischen Standards untrennbar verbunden sind. Aber vor allem ist Wissensordnung immer hierarchisierend, weil sie Wissensbestände zueinander in Beziehung setzt. Im Mittelalter stand die Theologie als das Wissen um die immateriellen Wirkzusammenhänge in der Welt und im Kosmos an der Spitze der Wissensordnung, weshalb die Bibliotheken in der Regel vornehmlich auf die Theologie hin ausgerichtet waren. Mit dem Durchsetzen des Humanismus als intellektuellem Habitus im 15. Jahrhundert wurde diese Hierarchisierung des Wissens zunehmend in Frage gestellt und schließlich durch neue, aus der Antike geschöpfte Normen ersetzt. Heute beanspruchen die Lebenswissenschaften, Leitwissenschaft zu sein. Eine valide Wissensordnung muss generationenübergreifend funktionieren, damit wir uns kollektiv auf die damit verbundenen Parameter einigen können, aber sie bleibt als Ordnungsprinzip an unsere Zeit und vor allem an den Konsens über das gebunden, was wir als Gesellschaft als relevantes Wissen erachten. Zu jeder Zeit hat man deshalb immer wieder intensiv um die „richtige“ Ordnung des Wissens gerungen, die sich mit der Entwicklung neuer Fachgebiete und der Reform von Bildungssystemen oder mit neuen Anforderungen an eine Gesellschaft und mit jedem Medienwandel wandelt und wandeln muss. Wissensordnung ist deshalb immer auch politisch.
Im täglichen Gebrauch erscheint die Ordnung des Wissens banal und selbstverständlich zu sein, doch ist sie alles andere als das.
Läuft man in den Lesesälen der Bibliotheken an den Bücherregalen vorbei, von der Zoologie, Mikrobiologie, Botanik, bis hin zum gesuchten Handbuch für Farne und Moose, erschließen sich dem Nutzer die Wissensgebiete sozusagen im Vorbeigehen. Man kann den nach Disziplinen geordneten Wissensraum durchwandern, erkunden und ermessen, hier steht die Medizin, dort die Astronomie, die Geschichte, die Soziologie und die Politik. Auf diese Orientierung im Wissensraum können wir auch in Zukunft nicht verzichten. Sie ermöglicht dem Einzelnen nicht nur eine Standortbestimmung und Orientierung im Wissenskosmos, die vielleicht wertvoller und notwendiger werden, je mehr Literatur, Quellen, Objekte oder Erkenntnis zu digitalen Daten transformieren, sondern vor allem kann eine haptisch erfahrbare und offengelegte Ordnung reflektiert und hinterfragt werden. Eine digitale Wissensordnung ist demgegenüber im Nachteil, weil sie für den Nutzer im Wesentlichen implizit ist und ein scheinbar additives Nebeneinander digitaler Medien suggeriert, deren Ordnung bzw. Zugänglichkeit aber in Wirklichkeit in ganz massiver Weise durch Suchmechanismen, Verschlagwortung und Algorithmen generiert wird, die ursprünglich vielleicht für kommerzielle Nutzung entwickelt wurden. Wir finden mit Suchmaschinen wie Google oft schneller und präziser, aber wissen nur, was wir finden und nicht, was wir nicht finden. Eine digitale Wissensordnung und Suchsysteme zu entwickeln, die ihre Parameter offenlegen und damit hinterfragbar machen, ist eine zentrale Herausforderung für die Forschung und Wissenschaft, die uns noch lange beschäftigen wird. Sie eröffnet aber gleichzeitig neue und innovative Verknüpfungsmöglichkeiten der Wissensbestände und Disziplinen. Hier liegt eine große Chance, wenn es gelingt, dass Bibliotheken und Wissenschaft in enger Zusammenarbeit zukunftsweisende und tragfähige Lösungen entwickeln.
Es hat seine Gründe, dass die Bücher in den Leseräumen der Bibliotheken zunehmend zur Kulisse werden. Die Digitalisierung macht das Wissen nicht nur ortsungebunden zugänglich, sondern die partielle, aber zunehmend ermöglichte Entgrenzung des Wissenzugang bedeutet gleichzeitig eine Informationsfülle, die durch quantitative Forschung und digitale Daten weiter enorm expandiert. Über Jahrhunderte haben Individuen und Gesellschaften unendliche Mühen und Kosten darauf verwandt, Wissen für die nachfolgenden Generationen zu bewahren und ihnen damit die Basis für Entwicklung zu sichern. Dabei war Wissen rar und der Wissenszugang privilegiert. Zugänglichkeit und Pluralisierung von Bibliotheken sind deshalb eng mit der Literalisierung von Gesellschaften verbunden. Auch wenn die Erfindung des Buchdrucks in dieser Hinsicht einen Meilenstein des Medienwandels darstellte, der die Verfügbarkeit von Literatur entscheidend vergrößerte, war Wissen dennoch grundsätzlich limitiert, weil es an den materiellen Wissensträgern verblieb. Die Digitalisierung ändert diese grundlegenden Rahmenbedingungen der Wissensgenerierung radikal. Zwar bleibt die Rarität partiell bestehen, doch steht dem jetzt eine rasant wachsende Fülle von Informationen gegenüber. Diese Situation fordert dazu heraus, neue Erschließungs- und Findmethoden, mit neuen Formen der Visualisierung und Verknüpfung von Wissen zu entwickeln. Auf Normdaten zur Ordnung und Durchdringung unseres immateriellen und materiellen Wissensraums werden wir nicht verzichten können. Der Digitale Wandel hat bereits unsere disziplinäre Wissensordnung gewandelt und wird sie zusammen mit der disziplinären Verfasstheit unserer Wissenschaftslandschaft weiterhin umfassend ändern und revolutionieren. Wie kann eine neue digitale Wissensordnung aussehen? Was muss sie leisten können? Diese spannenden Fragen sollten wir nicht außerwissenschaftlichen Anbietern überlassen, deren Algorithmen Priorisierungen für kommerzielle Zwecke bereithalten. Auch hier können die Wissenschaften tragfähige und nachhaltige Antworten nur in einem gemeinsamen Dialog mit den Bibliotheken entwickeln, auf deren lange Erfahrung in der Wissensverwaltung wir aufbauen können.

Ist das Buch veraltet? Auf keinen Fall. Selbst wenn die Bibliotheken jetzt vielfach das Hosting digitaler Forschungsdaten, Datenbanken und digitaler Projekte aller Art übernehmen, ist die Frage des nachhaltigen Zugangs, der sich nicht in Jahren sondern Jahrzehnten und Jahrhunderten bemisst, alles andere als geklärt. Auf das Buch als nachhaltigem, frei zugänglichem und nicht durch Lizenzvergabe privilegiertem und mit Blick auf die Energiekosten ökonomischem Wissensspeicher werden wir weiterhin nicht verzichten können und wollen. Das Buch hat sich zudem als außerordentlich widerstandsfähig erwiesen. Die digitale Welt ist fragil, Krieg, Ressourcenknappheit oder Umweltkatastrophen können jetzigen, unbegrenzt erscheinenden Möglichkeiten leicht ein unvermutetes Ende bereiten. Den Bibliotheken wird die Aufgabe zufallen, das Ineinandergreifen und die Verknüpfung von Buchwissen und digitalen Wissensbeständen nachvollziehbar und begreifbar zu machen. Ihnen fällt die anspruchsvolle Aufgabe zu, die historische Tiefendimension des über Generationen gewachsenen Wissensraums auch im digitalen Wissenskosmos sichtbar zu machen, um eine Orientierung des Denkens zu bieten und eine Standortbestimmung in Raum und Zeit zu ermöglichen.
Gesellschaftliche Reflexions- und Denkräume
Wie still muss eine Bibliothek sein? Ungestörte Denkräume, die den Dialog über die Generationen hinweg mit Augustinus oder Astrid Lindgren, mit Hildegard von Bingen oder Heisenberg ermöglichen, sind unendlich wertvoll. Aber gerade weil das Buchwissen Konkurrenz erhalten hat, muss die Bibliothek der Zukunft mehr leisten als die Bereitstellung von Wissen als Serviceleistung. Die Oodibibliothek in Helsinki ist eine Ode an die Gemeinschaft. Sie bietet viel, Raum zum Lesen, zum Denken aber auch zum Bügeln und Filme anschauen, Raum für Kinder und Erwachsene, zum Alleinsein, aber auch Coworking-Spaces und Gruppenarbeitsräume. In der Bibliothek Oodi heißt es auf einer Tafel im ersten Stock: „Jeder hat das Recht, in der Bibliothek zu sein. Herumhängen ist erlaubt, ja sogar erwünscht. Rassismus und Diskriminierung haben in dieser Bibliothek keinen Platz. Oodi ist unser gemeinsames Wohnzimmer.“ Öffentliche Bibliotheken sind nicht nur unser kollektives Gedächtnis, wo wir verhandeln können, was wir als Gesellschaft wissen und was wir vergessen möchten. Sie sind auch ein wichtiger Bestandteil des öffentlichen Raums und der gesellschaftlichen Integration, die mit ihren alten Büchern den Horizont gleichermaßen in eine vielgestaltete Vergangenheit öffnen, so wie mit digitalen Modellen in die Zukunft verweisen. Optimalerweise kann auch heute eine Bibliothek der attraktivste Raum einer Stadt sein, die dem einzelnen und einer Gesellschaft ermöglicht, sich zu treffen, in den Dialog mit der Vergangenheit zu treten und mit dem Raum für Reflexion zukunftsfähig zu werden.
Prof. Dr. Eva Schlotheuber ist seit 2010 Professorin für Mittelalterliche Geschichte an der HHU Düsseldorf. Zu ihren Forschungsschwerpunkten gehören die Geschichte der Kultur- und Lebenswelt der religiösen Frauengemeinschaften, die mittelalterliche Bildungsgeschichte sowie die Verfassungsgeschichte und politische Theorie des Spätmittelalters.
Dieser Beitrag wurde erstmals in dem Sammelband Bibliothek. Forschung und Praxis, 47 (1), 2023, S. 14-17 im De Gruyter Verlag publiziert.
1 Hermann Heimpel, „[Rezension zu] Friedrich August Freiherr von der Heydte: Die Geburtsstunde des souveränen Staates […]“, in: Göttingische Gelehrte Anzeigen, 208 (1954), S. 197–221, hier S. 210.
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