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Im Geographieunterricht wird Thailand als Land vorgestellt, das sein Geld im Ausland durch den Export von Reis, Zucker, Maniok, Teak, Kautschuk und Zinn verdient. Kaum ein Wirtschaftszweig hat sich aber in den letzten zwei Jahrzehnten so entwickelt wie der Fremdenverkehr. Die jährliche Besucherzahl liegt bei zwei Millionen, und die Deviseneinnahmen dürften mittlerweile die Höhe von einer Mrd.Dollar erreichen. Will Thailand allerdings seine Position als führendes Touristenziel in Südostasien nicht einbüssen, müssen Alternativen zu Bangkok, Pattaya, Phuket und Chiangmai geschaffen werden.

Noch steht nicht fest, ob die Weltbank und andere Finanziers dem TAT (Tourist Authority of

Thailand) die Mittel für grosszügige Investitionen bewilligen werden, weil deren Experten in den Entwicklungsländern dringlichere Bedürfnisse festgestellt haben als den Bau von Nobelherbergen und anderer touristischer Infrastruktur, die für 95% der Bevölkerung keinerlei Vorteile bringt.

Wie anderswo auch, pflegt die Touristik-Branche in Thailand darauf hinzuweisen, dass der Ausbau der touristischen Einrichtungen Devisen bringe, Arbeitsplätze schaffe, Einkommen verbessere usw.

WIE SIEHT DIE WIRKLICHKEIT AUS?

Das jährliche Durchschnittseinkommen liegt immer noch bei 17000 Lfr.: es hat sich auch seit dem

touristischen Boom der siebziger Jahre nicht wesentlich verbessert. Die wirtschaftlichen Erfolge, die in dieser Zeitspanne zweifellos erzielt wurden, gingen an der Masse der Bevölkerung spurlos vorüber. Daran wird sich auch nichts ändern, wenn den Touristik-Promotern keine Auflagen gemacht werden, die den Arbeitsmarkt zugunsten einheimischer Arbeitnehmer regulieren.

Seit Jahren sind ausländische Reiseagenturen z.B. verpflichtet, Thais als Reiseführer einzustellen. Die Regelung wird auch befolgt, jedoch wird ein Thailander gegen geringes Entgelt nominell beschäftigt, während ein europäischer, amerikanischer oder japanischer Mitarbeiter der Agentur den Job tatsächlich verrichtet – mit weitaus höherem Gehalt, versteht sich. So hat man der Forderung nach Schaffung von Arbeitsplätzen Genüge getan, nimmt aber dem nominell eingestellten Thai jede Qualifizierungsmöglichkeit.

Dazu kommt, dass Arbeitsplatz nicht gleich Arbeitsplatz ist. Die Führungskräfte, an die mehr als die Hälfte des Lohnvolumens bezahlt wird, sind meist Ausländer, während die als Hilfsköche, Kellner, Zimmermädchen oder Wachpersonal eingestellten Einheimischen Löhne beziehen (in der Regel 3000 Lfr. monatlich), die keinerlei Kaufkraft haben.

Ein weiteres Problem stellen die grossen Hotels dar. Längst vorbei sind die Zeiten, als das Oriental Hotel sowie das Erawan die einzigen Luxushotels waren. Heute stehen allein in Bangkok mehr als 20 dieser Paläste (mit je 400-600 Zimmern), die schon beim Bau ungeheure Geldmittel verschlangen, so dass viel ausländisches Kapital benötigt wurde. Das bedeutet wiederum, dass mehr als die Hälfte der Einnahmen, die erzielt werden, wieder in Form von Importen, Zinsen, Gewinnen usw. ins Ausland abfliessen.

Soweit der rein wirtschaftliche Aspekt. Kritik anderer Art wird laut, wenn es um die soziale und ethische Komponente geht, vor allem in Gestalt der Fremdenverkehrsprostitution, die deutlich neokolonialistische Züge trägt. Es stellt sich die Frage, welche psychologischen und sozialen Folgen dieses Phänomenen für Thailand haben wird, das einen permanenten Rufmord seiner nationalen Würde hinnehmen muss. Ab und zu wird das Thema auch in der einheimischen Presse aufgegriffen.

"Ist Tourismus eigentlich Hurismus, und macht er uns zu einer Nation von Kellnern?" fragte beispielsweise einmal die Bangkok Post.

Versteckt oder offen wird mit sexuellen "Abenteuerferien" geworben, und -nach landläufiger Meinung- gehören Mädchen (als Konsumartikel) zu Thailand wie ein Skiurlaub zu den Alpen. Kein Klischee hält sich hartnäckiger, und so wird weiterhin der Urlaubswert dieses beliebten Ferienlandes auf die Service-Qualitäten eines Bordells reduziert.

Dass die Thais mit Verachtung auf die zahlreichen Verbindungen zwischen "Farangs" (weishäutige Ausländer) und Mädchen aus dem Amüsiergewerbe blicken, und Mädchen "aus gutem Hause" sich wegen der üblichen konservativen Moralvorstellungen nie auf ein Verhältnis mit einem Ausländer einlassen würden, bleibt dem oberflächlichen Beobachter der Szene verborgen.

Cartoon: Pepsch Gottscheber

Direkte Folgen der Fremdenverkehrsprostitution sind natürlich steigende Kriminalität, Schlepper-tum und das Grassieren von Geschlechtskrankheiten. Was das für die Volksgesundheit der Thai bedeutet, und welche Kosten der Volkswirtschaft dadurch entstehen, findet man in keiner Rentabilitätsrechnung des TAT.

Die soziokulturellen Folgen der "touristischen Erschliessung" Thailands sind am augenscheinlichsten in Chiangmai und Umgebung (Nordthailand). In das Meo-Dorf Doi Pui beispielsweise fallen Touristenscharen wie Heuschreckenschwärme ein. Im Regeren Safari-Look und mit schussbereiten Kameras begutachten sie die "unverfälschte Kultur" der Bergstämme. Ob man die Ansammlung von Souvenirläden noch als Dorf bezeichnen kann, sei dahingestellt. Richtiges Dorfleben gibt es längst nicht mehr; alles ist auf die Interessen und Bedürfnisse der Besucher ausgerichtet.

Genau wie bei den Bootsfahrten zu den "Schwimmenen Märkten" in der Umgebung Bangkoks sind auch hier Touristen die Hauptakteure, die Meos in ihren farbenprächtigen Trachten wirken wie Statisten.

Den Gipfel des Zynismus stellen bestimmt touristische Einrichtungen wie das "Old Chiangmai Cultural Center" dar, wo die misslungene Kopie eines Bergstamm-Dorfes errichtet wurde. Damit die "ethnologisch" interessierten Touristen wissen, wen sie vor sich haben, wurden die einzelnen Hütten mit Aufschriften wie "Lahu", "Meo", "Akha", "Lhisu" versehen – wie die Regale im Supermarkt.

Auf einer Plattform aus Beton müssen die Bergvölker allabendlich eine Tanz- und Gesangs-Show abziehen, was jedem von ihnen etwa 1000 Lfr. monatlich einbringt. Hauptattraktion des Abends war einmal ein zwölfjähriger Meo, der auf dieser Bühne "Hänsches Klein" sang – gleich in zehn verschiedenen Sprachen, und natürlich unter dem tosenden Beifall der europäischen Zuschauer!

Leider findet sich diese Pervertierung kultischer Tänze und religiöser Zeremonien zu blossen Folklore Shows nicht nur in Chiangmai.

Die grosse Nachfrage nach handgemachten, landestypischen Souvenirs (Bronzebestecke, Silber-, Niello- und Lackarbeiten, Celadon-Töpferei, Thai-Seide, Khon-Masken, Teakholz-Schnitzereien usw.) belebt zwar traditionelle Fertigkeiten wieder, die in Vergessenheit geraten waren, führen aber

DOSSIER

Zu deutlichem Qualitätsverlust durch stereotype Serienfertigung.

Schliesslich muss auf die Akkulturationsprobleme hingewiesen werden, die durch verschiedene Lebensweisen der Thai und Ausländer entstehen. Das Auftreten der Urlauber suggeriert oft Leben in Luxus und Nichtstun, das zum erstrebenswerten Vorbild genommen wird und zu Unzufriedenheit, vielen Missverständnissen und tiefen Konflikten führt.

In kaum einem Land Asiens hat sich ein derartig, vielfältiges und komplexes System von sozialen und kulturellen Traditionen und Konventionen erhalten wie im nie kolonisierten Thailand. So hat denn die Mehrheit der 2 Mio. Touristen, die

jährlich über Thailand herfallen, ausgiebig Gelegenheit, tagtäglich mehr als fünfzig Tabus zu verletzen, in ihrer Ahnungslosigkeit überall anzuecken und in alle möglichen Fettnäpfchen zu treten.

Potentiellen Besuchern des Landes, die das von vornherein vermeiden möchten, sei die Lektüre des hervorragenden Taschenbuchs "Culture Shock Thailand" (1) wärmstens empfohlen.

Frank Bour

(1) Culture Shock Thailand… and how to survive it. Robert and Nanthapa Cooper, 1982 Times Books International Singapore

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