Der Luxemburger Altertumsverein im 19. Jahrhundert

Mitgliederstruktur und Zielsetzung im transnationalen Vergleich

Die 1845 gegründete Société pour la recherche et la conservation des monuments historiques dans le Grand-Duché de Luxembourg, ab 1868 auch Section historique de l’Institut (royal) grand-ducal genannt, unterschied sich von vielen anderen Geschichts- und Altertumsvereinen Europas in ihrer Mitgliederstruktur und Zielsetzung:1 So war der Verein von Anfang an in der Mitgliederaufnahme sehr elitär und befasste sich noch bis Ende des 19. Jahrhunderts, als schon viele derartige Vereine nur noch mittelalterliche und frühneuzeitliche Quellenforschung betrieben, weiter auch stark mit der Vor- und Frühgeschichte des transnationalen luxemburgischen Raumes, wie im Folgenden auszuführen sein wird. Beide Spezifika hatte die Archäologische Gesellschaft auch mit dem geografisch am nächsten liegenden Altertumsverein, der Gesellschaft für nützliche Forschungen zu Trier, gemeinsam. Sogar der Untersuchungsraum der beiden überschnitt sich. Im Folgenden soll Letzterer als Vergleich herangezogen werden, wenn der Charakter des Vereins und exemplarisch dessen archäologischen Forschungen in den Blick genommen werden. 

Der luxemburgische Altertumsverein – eine staatsnahe Institution? 

Die Wurzeln des wissenschaftlichen Vereinswesens in Europa liegen in der Zeit der Aufklärung des 18. Jahrhunderts. Daher rührt auch, dass nicht mehr der Geburtsstand, sondern Bildung entscheidend für die Mitgliedschaft in wissenschaftlichen Vereinen war. Dennoch blieben gerade die Geschichts- und Altertumsvereine stark von Adeligen und Staatsbeamten geprägt. Vereine galten im 19. Jahrhundert als anerkannte Möglichkeit, das umzusetzen, was den Einzelnen überfordert hätte. Die Auffindung lokaler historischer und die Ausgrabung archäologischer Quellen, deren Zugänglichmachung in Museen und Editionen und nicht zuletzt der persönliche und überregionale Austausch waren Aufgaben der Altertumsvereine, die in ganz Europa im Laufe des Jahrhunderts entstanden. Offenbar gab es ein historisches Orientierungsbedürfnis in den gesellschaftlichen Eliten des 19. Jahrhunderts und dieses wurde auch von den regio­nalen oder nationalen Autoritäten, die ja für die Zulassung von Vereinen zuständig waren, gefördert und in Bahnen gelenkt.2 

Frühneuzeitliche Darstellung der Stadt Luxemburg, des Mansfelder Schlosses und des antiken Monuments in Igel, einem damals luxemburgischen Dorf nahe Trier15  

Die Initiative „von unten“ zur Gründung eines Luxemburger Altertumsvereins ist mit dem Namen des Arztes Auguste Neyen (1809-1882) verbunden, der jahrelang bei Gouverneur Gaspard-Théodore-Ignace de la Fontaine (1787-1871) für ein solches Projekt geworben hatte. Jedoch dauerte es bis zum September 1845 bis dreizehn Gründungsmitglieder, unter denen die meisten nicht wie Neyen einem freien Beruf, sondern der Beamten- oder Lehrerschaft ange­hörten, zusammentrafen, um eine Ver­einsgründung unter dem Protektorat Großherzog Wilhelms II. zu vollziehen. Das Amt des Vereinspräsidenten besetzten in den folgenden Jahren abwechselnd hohe Beamte und Geistliche. Die wichtigere Funktion des Sekretär-Konservators, der für die Verwaltung des Vereins und des anzulegenden Museums im damaligen Athenäum zuständig war, hatte bis 1868 der Gymnasiallehrer und Bibliothekar Antoine Namur (1812-1869) inne. In demselben Jahr, in dem Namur sein Amt abgab, wurde der Altertumsverein mit dem Naturwissenschaftlichen Verein und dem Medizinischen Verein zum Großherzoglichen Institut zusammen­geschlossen und hieß seitdem nur noch Historische Sektion dieses Instituts, was den staatsnahen Charakter bestätigte, aber an der Vereinsverfassung wenig änderte.3

Während in vielen Altertumsvereinen, insbesondere im preußischen Trier, der Anteil der aktiven Personen, die zwar in der Region lebten, ihr aber nicht entstammten, hoch war, wirkten im Luxemburger Verein fast ausschließlich gebürtige Landeskinder.4 Auch blieb die Anzahl der ordentlichen Vereinsmitglieder beschränkt auf 20, was den Verein von den meisten anderen Altertumsvereinen unterschied.5 Neumitglieder konnten nicht einfach in den Verein eintreten, sondern mussten in geheimer Wahl von der Mehrheit der aktuellen Mitglieder aufgenommen werden und das hat sich bis heute nicht geändert. Eine ähnliche Exklusivität gab es anfänglich auch im Trierer Altertumsverein. Doch Letzterer öffnete den Kreis der außerordentlichen Mitglieder später für breitere Bevölkerungsschichten und erhob anders als der Luxemburger Verein einen Mitgliedsbeitrag. Zwar war der Altertumsverein unter den ersten Vereinen im Großherzogtum, die regelmäßige staatliche Subsidien erhielten.6 Doch besaß er nie genug Mittel, um eigene archäologische Grabungen durchzuführen, was regelmäßig beklagt wurde. Und im Unterschied zum preußischen Trier wurden fast nie Grabungskampagnen mit außerordentlichen Subsidien unternommen. Die verfügbaren Mittel flossen in die Publikation der Zeitschrift und die Verwaltung der Sammlung. Sowohl die äußerst restriktive Mitgliederaufnahme als auch die finanzielle Abhängigkeit von staatlichen Subsidien lassen den Luxemburger Verein als sehr viel staatsnäher und elitärer erscheinen als andere Vereine dieser Zeit. 

Die Zielsetzungen der Altertumsforschung – national oder transnational?

Die Dokumentation und Publikation der von staatlicher, kommunaler und privater Seite gemeldeten Zufallsfunde war die Kernaufgabe des Vereins. Immer wieder bot sich die Gelegenheit, auch in der antiken Geschichte Orientierung für die Gegenwart zu suchen. So stellte Antoine Namur anlässlich der Luxemburgkrise 1867, als Annexionsgelüste der Nachbarstaaten abgewehrt werden mussten, die Frage: „[Q]uelle a été la nationalité primitive du peuple Luxembourgeois?“7 Seine Abhandlung über die luxemburgische Ethnizität seit der Vorzeit kommt zu dem Schluss, dass die historische Verbindung mit Deutschland nur gering sei. Zwei Jahre nach der Lösung der Luxemburgkrise war es der Sprachforscher Michael Stronck (1833-1901), der die bei Caesar erwähnten belgischen Stämme in solche, die eher keltisch und solche, die eher germanisch seien, unterteilte.8 Den Stamm der Treverer, der angeblichen Vorfahren der Luxemburger und Trierer, erklärte er dabei aufgrund widersprüchlicher Aussagen in den antiken Quellen zu einem „Mischvolk“ – seinerzeit nicht nur eine wissenschaftliche Deutung, sondern auch eine politische Verortung zwischen den verfeindeten Nationen Frankreich und Deutschland.9

Im Verein interessierte man sich nicht nur für die Geschichte Luxemburgs in den Grenzen von 1839, sondern auch für historische und archäologische Objekte mit Bezug zum „ancien pays de Luxem­bourg“.10 Aus einem solchen auf die alte Größe des Territoriums bezogenen Natio­nalismus entsprang dann auch eine gewisse transnationale Orientierung, wie folgendes Beispiel zeigt: Im Dorf Igel an der Mosel im Regierungsbezirk Trier findet sich noch heute ein antikes Grabmonument der gallo-römischen Tuchhändlerfamilie der Secundinier. Dieses wurde im Mittelalter aufgrund der Fehldeutung eines Reliefs als christliche Heiligendarstellung verehrt und überdauerte so ziemlich unbeschadet die Jahrhunderte. In der Frühen Neuzeit gehörte Igel zum luxemburgischen Territorium und wurde unter anderem in einer Stadtansicht Luxemburgs aus dem 17. Jahrhundert mitabgebildet (siehe Abbildung). Erst 1815 wurde das Dorf Igel Preußen zugeschlagen. Aber noch 1866 versprach der Trierer Bildhauer Heinrich Schaeffer (1837-1884), damals Grabungsleiter in Nennig und außerordentliches Mitglied sowohl im Trierer als auch im Luxemburger Altertumsverein, den Historikern in Luxemburg eine „Erläuterung des Kenotaphiums zu Igel nach den neuesten hier zu Nennig gewonnenen Anhaltspunkten […], da das Monument doch früher zu Luxemburg gehörte.“11 Eine solche Publikation war durchaus willkommen, waren doch schon Jahre zuvor antike Funde aus Igel in den PSH behandelt worden.12 Dass Schaeffers Publikation nie erschien, ist wahrscheinlich nur dem Umstand geschuldet, dass derselbe sich bald darauf als Antikenfälscher herausstellte.13  Heute wird die Igeler Säule – wie Michel Pauly feststellt – nicht mehr „für die Luxemburger Geschichte beansprucht“.14

Ende des 19. Jahrhunderts erklärte der damalige Präsident des Vereins, der Domkapitular Johann Peters (1831-1897), dass ein erster „hochpatriotischer“ Zweck des Altertumsvereins die Erforschung der Quellen der Vergangenheit sei, damit die Luxemburger erführen, was sie „dem Herrscherhause“ schuldig seien. Ein „zweiter Zweck“ sei es aber, die „Alter­thümer, die unser Land und Boden aufzuweisen haben“, aufzuspüren. Diese seien „namentlich auch für die Frage nach den Anfängen des Christentums in unseren Gegenden, von hervorragender Bedeutung.“16 Während also die Beschäftigung mit der mittleren und neueren Geschichte eindeutig nationalen Zielsetzungen folgte, war die Altertumsforschung durchaus religiös und damit auch transnational motiviert. Entsprechend gab es aber auch immer wieder Konflikte zwischen geistlichen Vereinsmitgliedern und solchen, die eine antiklerikal-liberale Haltung vertraten. Nicht zuletzt aufgrund solcher internen Konflikte stellte der Verein zu Beginn des 20. Jahrhunderts seine bis dahin, verglichen mit anderen Vereinen der Region, überaus produktive Publikationstätigkeit im archäologischen Bereich vorerst ein. Die in diesen Publikationen zur vor- und frühgeschichtlichen Forschung im 19. Jahrhundert enthaltene Identitätserzählung vom Mischvolk der Treverer, von der frühen Christianisierung des Raumes und den damit verbundenen transnationalen Bezügen insbesondere ins Trierer Land, ließ sich in die nationale Meistererzählung eingliedern, die es auch weiterhin kritisch zu hinterfragen gilt. 


Alexander Hilpert, wissenschaftlicher Mitarbeiter der „Lernwerkstatt Geschichtsunterricht digital“ an der Universität des Saarlandes, hat über die regionale Archäologiegeschichte gearbeitet und über Fälschungen im 19. Jahrhundert promoviert. 


1 Diese genauer zu untersuchen, forderte schon: Marc Thiel, „Faits associatifs et sociabilité autour de 1848. Une discussion sur une structure sociale essentielle du 19e siècle“, in: forum 185 (1998),
S. 25-29, hier 27. 

2 Vgl. Gabriele B. Clemens, Sanctus Amor Patriae. Eine vergleichende Studie zu deutschen und italienischen Geschichtsvereinen im 19. Jahrhundert, Tübingen, Niemeyer, 2004, S. 1f. 

3 Vgl. Joseph Goedert, De la Société archéologique à la Section historique de l’Institut Grand-Ducal. Tendances, méthodes et résultats du travail historique de 1845 à 1985 (PSH, 101), Luxembourg 1987, S. 20-52, 140-146; Michel Pauly, „Un regard grand-ducal sur l’histoire de la Belgique à travers les Publications de la Section historique et la Hémecht”, in: Hémecht 76 (2024), S. 301-312, hier 301-307.

4 Vgl. Alexander Hilpert, Archäologie im Grenzraum Saar-Lor-Lux. Altertumsforschung, Vernetzung und Identitätskonstruktion in den regionalen Geschichtsvereinen des 19. Jahrhunderts, Trier, Kliomedia, 2016, S. 74. 

5 In Deutschland ist dies auch bei Historischen Kommissionen so, vgl. Michel Pauly, „Regionalgeschichte als Nationalgeschichte. Traditionen, Institutionen und Perspektiven in Luxemburg“, in: Sigrid Hirbodian, Christian Jörg, Tjark Wegner (Hg.), Zwischen Region, Nation und Europa. Landesgeschichte in europäischer Perspektive, Ostfildern, Thorbecke, 2022, S. 71-91, hier 74-75.

6  Vgl. Gilles Genot, „Sozial- oder Kulturpolitik? Die Herausbildung der Vereinssubsidien in Luxemburg (19. und frühes 20. Jahrhundert)“, in: Gilles Genot (Hg.), Sociabilité au Luxembourg, Luxemburg, Lëtzebuerg City Museum, 2023, S. 59-131, hier 74. 

7 Antoine Namur, „Rapport sur les travaux de la Société archéologique pendant l’année 1866-1867“, in: PSH 22 (1867), S. XI-XIX, hier S. XII.

8 Vgl. Michael Stronck, „Historisch-philologische Studie über das belgische Gallien und die in demselben entstandenen Sprachgrenzen unter besonderer Berücksichtigung des Luxemburger Dialektes“, in: PSH 24 (1869), S. 271-294, hier 282. 

9 Zur Selbstverortung als „Mischkultur“ als Teil der Nationalidentität im 20. Jahrhundert vgl. Pit Péporté, Sonja Kmec, Benoît Majerus, Michel Margue, Inventing Luxembourg. Representations of the Past, Space and Language from the Nineteenth to the Twenty-First Century, Leiden/Boston, Brill, 2010, S. 261-265.

10 Vgl. Johann Engling, Antoine Namur, „Règlement“, in: PSH 11 (1856), S. III–VII, hier V.

11 Landesdenkmalamt Saarland, Ortsakte Nennig, Kopie eines Briefes von Schaeffer an Namur vom
1. November 1866. 

12 Vgl. Bastgen, „Zwei römische Grabsteine, gefunden bei Igel“, in: PSH 16 (1861), S. 123.

13 Dazu erscheint im Juni 2025: Alexander Hilpert, Der Fälscher Heinrich Schaeffer. Strategien der Grenzüberschreitung und Authentisierung im 19. Jahrhundert, Berlin, De Gruyter, 2025. 

14 Michel Pauly, „Was unterscheidet die Muschelkette aus Waldbillig von der Igeler Säule? Von der trans- zur metanationalen Perspektive in der Nationalgeschichte am Beispiel Luxemburgs“, in: Connections. A Journal for Historians and Area Specialists, 22.06.2007. https://www.connections.clio-online.net/debate/id/fddebate-132181, (letzter Aufruf 12. Februar 2025). 

15 Georg Braun, Urbium Praecipuarum Mundi Theatrum Quintum, [Köln, 1640], S. 117.

16 Peters zitiert nach: Nicolas van Werveke, „Rapport du secrétaire-conservateur de la Section historique de l’Institut G.-D. de Luxembourg“, in: PSH 45 (1896), S. I-LXXXVI, hier Xf. 

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