Der Zug ist abgefahren
Interview mit Marcel Bamberg, Marie-Paule Maurer-Hetto und Christiane Tonnar-Meyer
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Interview mit Marcel Bamberg,
Marie-Paule Maurer-Hetto und
Christiane Tonnar-Meyer
"forum": Von der neuen Fibel erwartete man eine
Förderung der benachteiligten Kinder. Kommt diese
Fibel denn nun den ausländischen Kindern z.B. ent-
gegen?
Der Anfang des Simsalabim kommt in der Tat aus-
ländischen Kindern entgegen. Dadurch, daß das
Tempo langsamer ist, als in der alten Fibel, haben sie
weniger Schwierigkeiten, zu folgen. Es bleiben ihnen
zwar noch genug Probleme. Das, was an Sprachver-
ständnis verlangt wird, ist enorm hoch. Wenn man
mit den Kindern z.B. die Bilder bespricht, dann ist
dazu ein sehr großer Wortschatz erfordert, der von
den Ausländern sicher nicht beherrscht wird. Hinzu
kommt noch eine wichtige Unterscheidung: die Fibel
ist gedacht zum Lesen- und Schreiben-Lernen, nicht
zum Sprache-Lernen. Diese Unterscheidung muß
man unbedingt machen.
Neben der Fibel gibt es noch sogenannte Sprachpro-
jekte. Diese sollten, zumindest wenn ich das Konzept
richtig verstanden habe, dazu dienen, die Sprache zu
lernen. Soweit ich weiß, gibt es zum jetzigen Zeit-
punkt nur mehr wenige Lehrer, die diese Sprachpro-
jekte noch machen, so daß die Dimension des
Sprache-Lernens auch von der Fibel abgedeckt
werden muß, und dazu war sie ja nicht gedacht. Im
Lehrer-Handbuch gibt es zwar immer Hinweise zur
Spracharbeit, doch ich frage mich, wie ein ausländi-
sches Kind soweit kommen soll, diese Aufgaben zu
machen. Sprachunterricht kann mit Hilfe der Fibel
nur bedingt gemacht werden, er wird vorausgesetzt.
Auf diese Erkenntnis müßte man nun aufbauen
können und gezielte Maßnahmen ergreifen, um die
erkannten Sprachdefizite der Ausländerkinder zu
beheben. Dies ist sicher nicht einfach.
Es ist erstaunlich festzustellen, daß ausländische
Kinder im Rechtschreibetest nicht so viel schlechter
abschneiden als ihre luxemburgischen Kameraden.
Dies, obwohl sie teilweise überhaupt nicht verstehen,
was sie da schreiben. Man müßte also die Akzente
verlagern und mehr auf das Leseverständnis und das
Aneignen der Grundlagen einer Sprache pochen.
"forum": Die neue Fibel, so wird immer wieder be-
hauptet, würde die Kinder nun doch zu wenig
fordern, besonders wenn man an die luxemburgi-
schen Kinder denkt. Sind Sie auch dieser Meinung?
Wenn man sich anschaut, was in der Rechtschrei-
bung offiziell gefordert wird (welche Wörter im da-
zugehörenden Wörterbuch gelb unterstrichen sind),
dann ist das vergleichsweise wenig, aber ich habe vor
kurzem mit einem Inspektor gesprochen, der sagte:
Man muß natürlich mehr verlangen als dieses offi-
zielle Minimum. An das offiziell Vorgesehene hält
sich kaum jemand. Die Unterscheidung zwischen
Wörtern, die zu lesen sind und anderen, die zu schrei-
ben sind, wird in der Praxis nicht durchgehalten. Das
kommt vielleicht aus der Bim-Tradition, wo es diese
Unterscheidung noch nicht gab. Alles was man lesen
konnte, wurde auch geschrieben.
Unterfordert sind die Kinder aber sicher nicht, denn
die Ergebnisse der Tests zeigen ja fast keinen Unter-
schied zwischen Bim- und Simsalabimkindern. Das
Kriterium für die Leistungsmessung ist normalerweise
die Rechtschreibung. Was das Leseverständnis an-
belangt waren die Ergebnisse mit der Bim-Fibel nicht
besonders gut und mit der neuen Fibel sind die Er-
gebnisse nicht besser. Höchstwahrscheinlich, weil in
der Schule nicht genügend Wert hierauf gelegt wird.
Wenn man das Hauptziel des Unterrichts darin sieht,
Titelbild von forum
Nr 44 (Dez.1980)
daß die Kinder nachher 1000 Worte richtig schreiben können, wird man andere Dimensionen, die für das Verständnis vielleicht wichtiger sind, weniger betonen.
"forum": Kommt das aber auch nicht daher, daß das Lehrpersonal nicht ausreichend über die neuen Methoden informiert ist. Man bekommt als Lehrer die neue Fibel in die Hände gedrückt, mitsamt dem Lehrerbegleitband, dem sog. Telefonbuch, das viele praktische Hinweise enthält, aber nicht unbedingt darüber aufklärt, daß Sprache und Schrift nicht auf derselben Ebene laufen müssen.
Eigentlich steht vieles drin, aber oft steht es zwischen den Zeilen. Die vier Dimensionen Hören, Sprechen, Lesen und Schreiben werden z.B. nicht genau genug getrennt, und man sieht auch nicht, daß hier eine Stufung besteht, eine Art Pyramide mit dem Hören unten, dem Sprechen auf der zweiten, dem Lesen auf der dritten Stufe und dem Schreiben ganz oben. In den Klassen wird aber oft so gearbeitet als ob die drei Dimensionen gleich ausgedehnt wären. Übrigens muß man auch hervorheben, daß sehr viele Vorbereitungskurse zum neuen Simsalabim, über das ganze Land verteilt, stattfanden. Alles natürlich, während der Freizeit der Lehrer!
"forum": Viele Lehrer begrüßen zwar diese neue Methode – im Französischunterricht stellen sich übrigens die gleichen Probleme – klagen aber darüber, daß dann der Übergang ins dritte Schuljahr schwer zu bewältigen sei.
Leute, die über fehlendes Niveau klagen, argumentieren vom 3. Schuljahr her, und hier gibt es in der Tat Probleme. Die ersten beiden Jahre arbeitet man schön langsam, aber der Lehrer befindet sich vor einem Dilemma, denn er weiß, daß viele seiner Kollegen im dritten Schuljahr sagen werden: Jetzt müssen wir was tun, und dann werden ganze Texte diktiert aus dem alten Buch.
"forum": Worin liegt nun eigentlich für Sie die Wichtigkeit dieser Studie?
Wir finden es besonders wichtig, daß wir beweisen konnten, daß verschiedene Auffassungen auf die man immer wieder stößt, nicht stimmen. Nicht die Nationalität ist verantwortlich für die schlechten schulischen Leistungen der ausländischen Kinder, sondern ihre soziale Herkunft, so wird behauptet. Aber es stimmt nicht.
Ausländische Kinder, die unsere Spielschulen besucht haben, haben später in der Grundschule keine Problem mehr, wird behauptet. Auch dies stimmt nicht. Es muß also etwas unternommen werden. Es ist falsch zu behaupten, die Probleme der ausländischen Kinder würden sich von selbst lösen, wenn sie hier geboren sind. Die weitaus meisten von ihnen, die heute in unsere Schule gehen, sind hier geboren, und ihre schulischen Probleme sind nicht gelöst. Wir können die Hände nicht in den Schoß legen. Wir müssen etwas tun. Wir – damit meinen wir nicht nur die einzelnen Lehrer, die tun oft schon alles was sie tun können. Wir meinen damit hauptsächlich die politisch Verantwortlichen im Ministerium.
Damit sind wir im politischen Zentrum der Untersuchung. Wir untergraben die gängigen Rechtfertigungen für unsere Schulsituation indem wir zeigen, daß sie nicht stimmen.
"forum": Das Echo auf Ihre Ergebnisse war ja auch nicht besonders begeistert.
Die Gefahr ist groß, daß man von einem neuen Buch Wunder erwartet. Und wenn diese dann nicht eintreffen, dann ist man enttäuscht, dann stellt man die Untersuchung in Frage, obschon man wissen müßte, es liegt weder an der Untersuchung noch am Buch, es liegt an vielen anderen Faktoren, die man auch berücksichtigen müßte.
Die Fibel an sich schneidet ja recht positiv ab, aber die dafür Verantwortlichen erhoffen sich davon sicherlich auch die Lösung für das Problem der Chancenungleichheit, wenigstens im Untergrad. Die Enttäuschung ist jetzt verständlicherweise sehr hoch. Man muß jedoch bedenken, daß kein Buch dieses Problem lösen wird.
"forum": Was kommt jetzt ’nach‘ der Fibel? Inwieweit wird diese Studie die Arbeiten für den weiterführenden Deutschunterricht (3. Schuljahr) beeinflussen?
Zuerst will ich noch das umfangreiche Material, das von Lehrergewerkschaften zur Fibel produziert wurde, unter die Lupe nehmen. Da gibt es zwei Vorbehalte anzumelden:
Es ist nicht in Absprache mit den Autoren der Fibel geschrieben worden, die verschiedene eher bedenklich fanden, und zweitens ist die Ausländerproblematik auch hier nicht angegangen worden.
Aber eigentlich ist dies ja auch nicht die Aufgabe der Gewerkschaften. Es wäre die Aufgabe des Ministeriums, diese Materialien zu erstellen. Aber von dieser Seite wird immer nur ein Minimum an Personal und Mitteln zur Verfügung gestellt. So werden neue Bücher erstellt (mit engagierten Freiwilligen), kleine Reformen angegangen, aber der politische Wille fehlt, um die eigentlichen Probleme anzugehen.
"Deen neie Leierplang soll énnert anerem ermeiglechen, dass d’Auslännerkanner d’Méiglechkeet kréien, fir an eiser Schoul besser mat virun ze kommen"
M. Fernand Boden,
an der Chamber den 23.2.83
Nun zurück zur Frage: Die Gruppe, die den neuen Lehrplan für den Deutschunterricht zu entwickeln hatte, hat Anfangs gesagt: Wir können nicht arbeiten, wenn wir nicht das Gesamtkonzept und die Gesamtunterrichtsorganisation für die Primärschule kennen, wenn wir nicht wissen, welche Stelle den ausländischen Kindern zugewiesen wird. Sie haben ihre Arbeit für vier Monate niedergelegt, aber man hat ihnen ans Herz gelegt weiter zu arbeiten und, da die Zeit drängte, haben sie ihr Programm ausgearbeitet, ohne daß das Problem der Ausländer gelöst war, und
Nicht die soziale Herkunft, sondern die Nationalität ist für die schulische Leistung ausschlaggebend.
jetzt liegt ein Papier auf dem Tisch, in dem die Ausländer ausgeklammert sind. Das Problem ist aber, wie schon gesagt, sehr kompliziert, und liegt außerhalb des Kompetenzbereichs der einzelnen Mitarbeiter am neuen Lehrplan.
Dieser neue Lehrplan ist jetzt fertiggestellt, die Gelegenheit, etwas für die Ausländerkinder zu unternehmen, ist verpaßt worden, der Zug ist abgefahren, mindestens für die nächsten 20 Jahre.
Das Gespräch führte für "forum": christ, ff und serge
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