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Vor dem Umsturz hörte man, wenn man auf die Not in Polen hinwies: «Die sollen zuerst mehr arbeiten und nicht dauernd streiken!» Aber das trifft nicht den Kern der Sache. Im November 1981 veröffentlichte die polnischsprachige Monatszeitschrift «Kultura» in Paris ein einzigartiges Dokument, das Referat, das Marian Rajski als Delegierter auf der städtischen Parteikonferenz von Gdingen (Gdynia) am 16. Mai 1981 gehalten hatte. Dieser Bericht enthüllt einen Devisenbetrug von gigantischem Ausmass. Vier Jahre lang missbrauchte die UdSSR den Partner ihrer Wirtschaftsgemeinschaft dazu, sich eigene Auslagen in harter Währung zu ersparen. Der Altkommunist Marian Rajski wurde nach seinem Referat sofort aus der KP ausgeschlossen und unmittelbar nach dem Militärputsch durch die Junta verhaftet.
Einige Auszüge aus seinem Bericht lauten: «Am 31. Dezember 1975 betrug die Verschuldung Polens gegenüber der Dollarzone nur 3,8 Mia. $, und die Zahlungsbilanz gegenüber der Rubelzone war stark positiv. Wir hatten damals eine Rückzahlungsfähigkeit (durch Exporte) von 3 Mia. $ jährlich, ohne dass unser Binnenmarkt darob aus den Fugen geriet… Bis 1976 funktionierte der Transfer-Rubel als Verrechnungseinheit, weil der Handelsaustausch innerhalb der Rubelzone auf Clearinggrundlage erfolgte. Der grosse Betrug hat begonnen, als Polen gezwungen wurde, Waggons, Schiffe, Flugzeugeinrichtungen und andere hochspezialisierte Endprodukte, für deren Bestandteile wir dem Westen in harten Devisen bezahlt hatten, ohne Devisenverrechnung in die Sowjetunion zu exportieren, woraus Milliardenverluste in $ entstanden! Polen als Transitland bezahlte ständig den Unterschied zwischen Geldwert und Verrechnungswillkür.
Russland bezahlt dem Westen bei direkten Importen für 1 $ 2 Rubel. Dieser «Industrierubel» wird nach «Angebot und Nachfrage» jeweils neu ausgehandelt, z. B. für Importe von Getreide, Computern, Autoblechen usw.
Russland bezahlt den Polen für deren Importe aus dem Westen, also für polnische Fertigprodukte mit westlichem Material und westlicher Technik, für 1 $ nur 0,62 Rubel.
Russen bezahlen in Moskau (schwarz gekauft) für 1 $ 4,5 Rubel, was etwa dem innersowjetischen, realen Tauschwert entspricht.
in: Le Monde, 3/2/82
Kaum war der neue Verrechnungsmodus eingeführt, zwang man uns viele neue Lieferverträge auf. Ganze Produktionseinheiten bedeutender Unternehmen sind daraufhin voll auf Export in die UdSSR umgestellt worden. Wir zählten zu den grössten Getreide-, Fleisch- und Kohlelieferanten der UdSSR; teilweise musste sogar noch im Westen gegen Dollars Getreide eingekauft und der UdSSR gegen schwache Transfer-Rubel verkauft werden. So fehlten in den eigenen Jahresbilanzen vier bis sechs Mio. t Getreide. Im Herbst 1980 lieferten wir der CSSR und der DDR Getreide zur Verarbeitung. Als ich erfuhr, dass unsere Waggons ständig leer zurückkamen, war ich nicht mehr überrascht. Nach einem Besuch des sowjetischen Energieministers begann bei uns der Mangel an Kohle. Unseren Kraftwerken lieferte man schlackenreiche Kohle nach (weil die gute Kohle in die UdSSR ging), deren Leistungsfähigkeit um 15% bis 17% tiefer liegt. Dieser Prozentsatz entspricht genau unserem heutigen Energiedefizit. Der Besuch des UdSSR-Chemieministers hatte Mangel an Kunstdünger zur Folge und der des Gesundheitsministers den Mangel an Medikamenten. Und nach dem Besuch des Kriegsministers liessen die elektronischen Betriebe bei Warschau und Breslau die ursprünglichen Wirtschaftspläne fallen und stellten auf Waffenexport um. Polen muss zudem z. B. für Schiffslieferungen nach der UdSSR Kredite mit Laufzeiten von 10 bis 15 Jahren ohne jeden Teuerungsausgleich gewähren, seine Importe aber in harter Währung bezahlen. Vom ganzen Handel mit der UdSSR bleibt nichts anderes als ein gigantischer Währungsverlust, der unsere Wirtschaft zugrunde gerichtet hat!»
M. I. St. Gallen
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