Die Betreuung sexuell missbrauchter Kinder und Jugendlicher im Heim
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In unseren Heimen sind Kinder und Jugendliche, die den Behörden in irgendeiner Weise aufgefallen sind. Sie kommen aus Familien, in denen die Eltern infolge eigener psychischer und sozialer Probleme oft in gravierender Weise nicht in der Lage sind, erwachsene Elternrollen einzunehmen.
Die Eltern der Kinder, die in Heimen sind, haben zumeist selbst der elterlichen Fürsorge in ihrer Kindheit entbehrt. Sie sind häufig Erwachsene mit geringem Selbstwertgefühl und geringer Fähigkeit, notwendige Grenzen kindgerecht zu setzen; sie haben wenig glaubwürdige Autorität und wenig Einfühlungsvermögen in kindliche Bedürfnisse. Eheliche Beziehungsschwierigkeiten sind häufig, da beide Partner aufgrund früher emotionaler Defizite nicht in der Lage sind, eine reife partnerschaftliche Beziehung aufzubauen, die auf Vertrauen und Autonomie beruht. Diese Eltern haben also oft Probleme mit Macht und Kontrolle, sowie mit Intimität und Nähe. Ein solches Familiensystem enthält eine hohe Gefährdung für physische, emotionale und sexuelle Übergriffe.
In den Familien, mit denen wir es in der Heimerziehung zu tun haben, sind die Grenzen zwischen den Generationen meistens nicht klar: Die Kinder dürfen nicht richtig Kind sein, da die Eltern nicht richtig Eltern sein können, nicht die notwendige Geborgenheit und Sicherheit vermitteln können. So werden die Kinder schon früh in ihrer Entwicklung überfordert und allein gelassen. Sie übernehmen in der Familie elterliche Funktionen, da die Eltern ihre eigenen
ungestillten Bedürfnisse aus der Kindheit (oft mit geringer Einfühlung in die kindliche Psyche) in der Beziehung zu ihren Kindern befriedigen möchten. Daher sind in unseren Familien emotionale Verwahrlosung und Ausbeutung häufige Problembereiche.
Die beschriebene Familienpathologie ist aber auch typisch für Familien, in denen Kinder sexuell mißbraucht werden: Ausbeutende Erwachsene erkennen das (sexuelle) Selbstbestimmungsrecht des Kindes nicht an, sondern betrachten das Kind als emotionalen Besitz. Sie haben wenig Selbstwert-
Carlo Schmitz
dossier
gefühl und wenig natürliche Autorität: Sie versuchen sich ein Gefühl von Stärke und Kontrolle zu verschaffen, indem sie Macht über das Kind ausüben. Sie sind häufig wenig fähig zum Ausdruck zärtlicher Gefühle und setzen Sexualität an ihre Stelle.
Wenn die Behörden ein Kind aus einem Familiensystem herausnehmen und in ein Heim einweisen, ist das Familiensystem zumeist schwer gestört, nach außen isoliert und nach innen übergriffig. Ich habe diese Beschreibung der Familiensysteme unserer Heimkinder gegeben, um zu verdeutlichen, daß die Kinder, die zu uns kommen, ganz besonders häufig Erfahrungen emotionaler, physischer und auch sexueller Gewalt und Ausbeutung gemacht haben.
Luise Hartwig geht aufgrund ihrer Erfahrungen in der Heimerziehung davon aus, daß die Hälfte bis zwei Drittel der Mädchen, die in Heime eingewiesen wurden, in ihrer Herkunftsfamilie oder dem familialen Umfeld sexuell mißbraucht wurden.
Sexuelle Ausbeutung wird jedoch selten als Heimeinweisungsgrund genannt: Die Kinder werden in der Regel in Heime eingewiesen, weil sie starke Verhaltensauffälligkeiten oder Anzeichen von Verwahrlosung oder körperlicher Mißhandlung zeigen (von Zuhause ausreißen, massive Anpassungsprobleme in der Schule, sozial oder sexuell auffälliges Verhalten: Aggressivität, Autoagressivität, Suizidversuche, starke Depressivität, Drogenprobleme, Prostitution,…). Gerade diese Verhaltensauffälligkeiten können jedoch Anzeichen sein, daß das Kind oder der Jugendliche Erfahrungen mit sexueller Gewalt gemacht hat, über die er nicht spricht. An erster Stelle der Auswirkungen sexueller Gewalterfahrungen stehen Angstträume, Gewaltphantasien (zum Abbau der hohen innerpsychischen Spannung), drohender Realitätsverlust, Weglaufen, Drogen/Alkohol, Aggressionen, Autoaggressionen, Suizidversuche, Pro-
stitution.¹ (35-90% der Prostituierten sind als Kinder sexuell mißbraucht worden.)
Der Vergleich zwischen den möglichen Auswirkungen sexuellen Mißbrauchs und den Einweisungsgründen für Heimerziehung zeigt also eine hohe Übereinstimmung. Bei der Heimeinweisung muß also grundsätzlich die Möglichkeit sexuellen Mißbrauchs in Betracht gezogen werden.
Auch Kinder und Jugendliche, die sich selbst um eine Heimeinweisung bemüht haben, geben sexuelle Übergriffe meist nicht als Grund an. Sie sprechen über körperliche Gewalt und Verwahrlosung, nicht jedoch über sexuellen Mißbrauch. Nach Fegert (1987) vertrauen sich weniger als die Hälfte der Opfer jemandem an, und 70% derjenigen, die sich anvertrauen, erfahren keine Hilfe.
Die Kinder und Jugendlichen schweigen also über den Inzest. Dies hat vielfältige Gründe: Sie haben vielleicht schon erfahren, daß man ihnen nicht glaubt, wenn sie davon erzählen. Die Mutter, die sich in emotionaler und/oder finanzieller Abhängigkeit von ihrem Mann befindet, schützt häufig ihn und geht auf die Versuche des Kindes, ihr vom Mißbrauch zu erzählen, nicht ein. Die Eltern werfen dem Kind vielleicht vor, daß es lügt oder sich Geschichten ausdenkt, um dem Vater etwas heimzuzahlen (insbesondere, wenn das Kind wegen seiner Verhaltensauffälligkeiten bekannt ist: lügt, stiehlt, Drogen nimmt). So werden die Folgen sexuellen Mißbrauchs (abweichendes oder auffälliges Verhalten) dem Kind oder Jugendlichen als Beweise seiner Unglaubwürdigkeit oder eigenen Schuldhaftigkeit ausgelegt.
Vielleicht fühlt das Kind sich auch selbst mitschuldig: Der Täter ist eventuell die einzige Person in der Familie, die dem Kind Zuneigung und Zärtlichkeit zeigt. Wenn Zärtlichkeiten dann zur sexuellen Aktivität werden, gibt das Kind sich die Schuld und entwickelt die Vorstellung, daß der Vater es nicht miß-
in: Kein Anfassen auf Kommando
Manchmal ist kitzeln
toll wie witzeln
ist jedoch
der Witz vorbei,
dann
laß mich frei.
braucht hätte. In Familien, in denen der sexuelle Mißbrauch der einzige Körperkontakt zwischen dem Kind und seinen wichtigen Bezugspersonen ist, wird das Kind unter Umständen alles tun, um sich wenigstens diesen Körperkontakt zu erhalten. Oft droht der Vater dem Kind auch, daß er es mißhandeln wird, wenn es etwas verrät oder daß es dann in ein Heim kommt: "Du kommst in ein Heim, wenn herauskommt, daß du verbotene Dinge mit mir machst." – Auch damit gibt der Täter dem Ofper eine Mitschuld, stellt ihm die Heimeinweisung als Bestrafung und Folge seiner Mitschuld dar. Dies ist eine Überzeugung, die unsere Kinder häufig belastet.
Jüngere Kinder haben oft noch keine Worte für den sexuellen Mißbrauch und können deshalb auch nicht davon erzählen. Sie werden in einer ihrem Alter nicht angemessenen Weise sexuell stimuliert und deshalb überfordert. Sie können diese Überforderung jedoch nicht formulieren, sondern drücken ihr Problem durch Verhalten aus: sexualisierte Verhaltensweisen, Zeichnungen mit altersunangemessenen Wissen über sexuelle Dinge, aber auch unspezifische Zeichen: "Überdrehtsein", Rückzug, Depressivität,… Das sexualisierte Verhalten und die sexualisierte Sprache mißbrauchter Kinder sind ein großes Problem für die Erzieher in Heimen im Umgang mit diesen Kindern und für die übrige Kindergruppe.
Die meisten Kinder und Jugendlichen schweigen jedoch, um die Familie zu schützen: damit der Vater nicht ins Gefängnis kommt, weil die Mutter die Wahrheit nicht aushalten würde,…
Kinder und Jugendliche schweigen also aus verständlichen Gründen über sexuelle Traumatisierungen im Elternhaus. Sie sind dadurch alleine und ohne Hilfe. Sie entwickeln schwere Verhaltensauffälligkeiten und psychische Probleme. Ein Großteil der Kinder in unseren Heimen hat sexuelle Traumatisierungen erfahren, über die wir keine Kenntnis haben. Wir sehen nur Kinder, die z.T. schwer gestört sind und immer wieder in Konflikt mit der näheren und weiteren Umgebung geraten. Oft sind unsere spontanen Reaktionen auf diese Kinder ähnliche wie die, die die Kinder schon oft erfahren haben: Wir geben ihnen zuviel moralische Verantwortung für ihre sozial unangemessenen Verhaltensweisen, nehmen charakterliche Defizite an, schreiben somit den Kindern Schulern. Dabei sind es Kinder und Jugendliche, die "nur" frühe und schwere Träume in ihrem Verhalten ausagieren.
Den in der Heimerziehung tätigen Personen kommt deshalb eine besondere Verantwortung im Umgang mit sexuell mißbrauchten Kindern zu. Unsere Aufgabe ist es, die uns anvertrauten Kinder zu schützen und ihnen zu helfen, ihre Reaktionen auf die Vergangenheit zu bewältigen, zu einer möglichst normalen Entwicklung hinzuführen.
Die Heimeinweisung ist für das Kind zunächst jedoch auch ein Beziehungsabbruch. Mit dem Kind wird wieder etwas gemacht, was außerhalb seiner Kontrolle liegt: Es wird aus seiner Familie herausgenommen und weiß nicht, was es erwartet. Die Ungewißheit ist dann besonders groß, wenn man dem Kind mit Heimeinweisung gedroht hat. Das Kind kann dann die Heimeinweisung als Bestrafung und Schuldzuweisung erleben. Dies erschwert sehr
unsere Bemühungen, das Vertrauen des Kindes zu gewinnen.
Häufig hat das sexuell mißbrauchte Kind das Gefühl, daß es anders als andere Kinder ist. Es fühlt sich verletzt oder beschmutzt. Das sexuell mißbrauchte Kind, das in ein Heim kommt, denkt deshalb oft von sich, daß mit ihm etwas nicht stimmt und es deshalb in eine Institution eingewiesen wurde. Nicht der Täter verläßt die Familie (wie in den USA üblich), sondern das Opfer, es wird mit dem "Makel" belegt, Heimkind zu sein.
In Fällen, wo der sexuelle Mißbrauch offenkundig ist, ist es deshalb wichtig, dem Kind unbedingt zu versichern, daß der Erwachsene die Verantwortung für den Mißbrauch trägt und nicht das Kind, dies aber ohne den Täter vor dem Kind zu entwerten.
In Fällen, wo der sexuelle Mißbrauch nicht offenkundig, sondern nur vermutet wird, ist es wichtig, das Kind nicht zum Reden zu drängen (oder gar gynäkologisch untersuchen zu lassen!), um Gewißheit zu erhalten. Ein solches Vorgehen käme einem erneuten Übergriff gleich. Es ist sehr viel hilfreicher, wenn das Kind spürt, daß der Professionelle mit dem Thema "sexueller Mißbrauch" umgehen kann, bereit und fähig ist, die "Leidengeschichte" des Kindes zu hören und es aufzufangen. Die Frage ist also nicht: "Wie bekomme ich Zugang zum Kind?" – sondern: "Wie mache ich mich für das Kind zugänglich?" – Gerade sexuell mißbrauchte Kinder sind es gewöhnt, die Bedürfnisse und Gefühle ihrer erwachsenen Bezugspersonen genau wahrzunehmen. Sie übernehmen sehr viel Verantwortung für die Erwachsenen. Die Kinder haben deshalb auch ein zuverlässiges Gefühl dafür, was sie mir als erwachsenen Professionellen zumuten können. Sie spüren, ob mich das Thema "sexueller Mißbrauch" ängstigt oder ob ich bereit bin, davon zu hören und damit umgehen kann.
Deshalb ist es eine wichtige Hilfe für das Kind, wenn ich mich als Professioneller mit meiner eigenen Betroffenheit und Unsicherheit gegenüber dem Inzestabu auseinandersetze. Es schadet dem Kind nur, wenn ich das Thema anschneide und dann in Angst gerate. Ich nehme dem Kind den Schutz weg, und es erlebt wieder einen Erwachsenen, der ihm nicht helfen kann.
Auch unabhängig davon, ob der sexuelle Mißbrauch jetzt explizit Thema ist, gibt es Dinge, die ich im Umgang mit "grenzverletzten" Kindern beachten sollte:
Kinder, die aus Familien kommen, in denen es wenig Regeln gibt, die die Intimsphäre abgrenzen und schützen, können auch in Beziehungen zu anderen Menschen solche Vorstellungen nicht einbringen: Sexuell mißbrauchte Kinder gehen oft in sexualisierter Weise auf Erwachsene zu, wenn sie Zärtlichkeit wollen. Dies kann beim Erwachsenen Verhaltensunsicherheit und ein Gemisch von Gefühlen (Scham, Gefühle von Bedrohtsein, Angst, Ärger,…) auslösen. Es ist wichtig, daß der Erwachsene hier seine Grenzen klar setzt, sich nicht auf einen Körperkontakt einläßt, den er nicht will (z.B. sich nicht an den Busen "grappischen" oder zwischen die Beine greifen läßt). Dabei sollte man daran denken,
Die Kinder, die in Heime kommen, haben ganz besonders häufig Erfahrungen emotionaler, physischer und auch sexueller Gewalt und Ausbeutung gemacht.
daß diese Kinder gelernt haben, daß Nähe immer etwas mit Sexualität zu tun hat. Sie wollen ihre Beziehung zu anderen nicht sexualisieren, wissen aber nicht, wie man eine engere Beziehung ohne Sexualität aufbaut. Ein Inzestopfer versucht deshalb vielleicht auch auf jede erdenkliche Art und Weise, den anderen, den es mag, dazu zu bringen, seine sexuellen, physischen und psychischen Grenzen zu überschreiten, manipuliert zu werden und zu manipulieren. Die Kinder testen deshalb immer wieder die Grenzen des betreuenden Erwachsenen. Es ist eine große Anforderung für ihn, klar zu bleiben, "sicherer Erwachsener" zu sein. Dies beinhaltet natürlich auch, daß ich als betreuender Erwachsener meine nicht-sexuellen Bedürfnisse nach Körperkontakt auch nicht am Kind befriedige: Etwa "Küßchen" oder Umarmungen vom Kind als Beweise seiner Zuneigung erwarte, obwohl das Kind das nicht will. Das Kind muß lernen, daß es ein Recht hat, selbst zu bestimmen, wann und welchen Körperkontakt es will.
Ein weiteres großes Problem in der Heimerziehung sexuell mißbrauchter Kinder ist, daß sie nicht nur gegenüber Erwachsenen sexualisiertes Verhalten zeigen, sondern auch gegenüber anderen Kindern. Die geschieht aus verschiedenen Gründen und in unterschiedlicher Art und Weise: Zum einen gilt der schon beschriebene Sachverhalt, daß ein Kind, das in einem Familiensystem aufgewachsen ist, in dem alles sexualisiert wurde, erfahren hat, daß das Ausdrücken von Sexualität eine primäre Form des Kontakts ist.
Ein anderes Motiv, weshalb Kinder und Jugendliche sexuelle Gewalt über andere Kinder ausüben, ist das
in: "Wenn ich darüber reden könnte…"
Es gibt Dinge, für die sind nur die Erwachsenen verantwortlich. Ein Kind hat da gar keine Schuld.
Motiv, das der erwachsene Täter ihnen gegenüber hatte: die Ausübung der Macht. Sie wiederholen etwas, was sie selbst erfahren haben, diesmal aber in der Rolle des Täters und verschaffen sich so ein Gefühl von Kontrolle und Stärke. Ein Kind, das unter dem Druck der Selbstbehauptung in der Kindergruppe steht, greift u.U. auf Muster zurück, die es von zuhause kennt: Ausübung von Herrschaft und Kontrolle über andere und Befriedigung von Bedürfnissen nach Nähe und Zärtlichkeit über erzwungene Sexualität.
Die sexuell mißbrauchten Kinder in unseren Heimen laufen also Gefahr, wiederholt Opfer oder aber Täter zu werden. Es ist nachgewiesen, daß jugendliche Täter immer auch (in 100% der Fälle) mißbraucht worden sind. (35-60% der erwachsenen Täter haben selbst Mißbrauch erfahren.) Es gibt dabei geschlechtsspezifische Unterschiede: Die weiblichen Opfer werden viel seltener Täter, statt dessen häufig erneut Opfer. (2/3 der Täter sind Männer, etwa 1/3 sind Frauen.) Es werden zwar nach neuesten Untersuchungen genauso viele Jungen wie Mädchen mißbraucht. Die Jungen verarbeiten den Mißbrauch jedoch aggressiver; während die Mädchen oft mit Depressivität und psychosomatischen Beschwerden (z.B. Magersucht oder Adipositas: durch Unattraktivität dem Mißbrauch ein Ende setzen), Autoagressivität (z.B. sich in die Arme schneiden,…) reagieren.
Mißbrauchte Jungen zeigen also oft verstärkt aggressives Verhalten, während Mädchen eher autoaggressiv reagieren. Dies bringt u.U. Probleme für die Koedukation im Heim mit sich.
Für mißbrauchte Jungen ist die Angst vor Homosexualität ein wichtiges Thema. So hatte z.B. ein Jugendlicher, der zu mir in die Therapie kam, aufgrund eines erlebten sexuellen Mißbrauchs durch einen anderen, älteren Jugendlichen im Heim, Angst, homosexuell zu sein, da er beim Mißbrauch auch sexuelle Lustgefühle erlebt hatte. Besonders in der Pubertät entstehen solche Ängste vor Homosexualität. Für mißbrauchte Jungen paßt es nicht zum männlichen Selbstbild, passives Opfer sexueller Gewalt gewesen zu sein. Sie haben dann oft das Gefühl, "kein richtiger Mann" mehr zu sein und mißbrauchen dann eventuell andere Kinder und Jugendliche, um in Identifikation mit dem Täter sich wieder "als richtiger Mann" zu fühlen.
In der Lebensgruppe, in der das Kind im Heim lebt, muß es deshalb feste Regeln geben. Jedes Kind muß erfahren, daß es das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung hat und zu den sexualisierten Kontaktangeboten anderer "nein" sagen kann. Dazu sind Erwachsene notwendig, die es schützen, eventuell durch Herausnahme des jugendlichen "Täters" und seine Verlegung in eine andere Gruppe, in der die Machtverhältnisse ausgewogener sind. Bei der Zusammenstellung der Lebensgruppen im Heim ist deshalb eine ausgewogene Machtstruktur wichtig. Fast alle unsere Kinder haben Selbstwertprobleme und Schwierigkeiten sich adäquat zu wehren. Nur für einen Teil der Kinder endet mit der Heimerziehung die sexuelle Ausbeutung, da die Kinder wenig Fähigkeiten haben, sich zu schützen.
"nein" zu sagen. Sie müssen lernen sich zu schützen.
Hilfreich hierfür ist auch eine gute Sexualaufklärung und -erziehung. Sie vermittelt den Kindern Informationen über Sexualität und eine Sprache für Sexualität und unterstützt so die Entwicklung sexueller Selbstbestimmung. Sexualpädagogik darf dabei nicht einfach Sexualkontrolle sein. Dies führt zu weiterer Entmündigung und zur Verstärkung von Ohnmachtsgefühlen.
Außerdem kann es sinnvoll sein, korrigierend am Geschlechtsrollenverständnis der Kinder und Jugendlichen zu arbeiten, um männliche Selbstdefinition über Ausübung von Gewalt und weibliche Selbstdefinition über "Opfersein" zu verhindern. Männliche Erzieher können ein Modell für gewaltfreies und dennoch männliches Verhalten sein.
In diesem Zusammenhang ist es auch wichtig, wie in der Institution Männer und Frauen miteinander umgehen, da sie als wichtige Bezugspersonen für die Kinder und Jugendlichen Modellfunktion haben.
Wir sollten dem Kind also immer ausdrücklich erlauben, sein Recht auf sexuelle Selbstbestimmung in Anspruch zu nehmen und es immer dafür loben, wenn es dies getan hat (z.B. auch ohne gekränkt zu sein respektieren, daß das Kind gerade nicht will, daß wir ihm z.B. über die Haare streicheln wollen). Das Kind entscheidet wer wann es wo anfaßt.
Im Heim muß eine Atmosphäre sein, in der offen über Sexualität gesprochen werden kann. Informierte Kinder sind nicht so leicht zu überreden, eine sexuelle Handlung mitzumachen, und falls sie sexuell ausgebeutet werden, wissen sie was ihnen geschieht. Alle diese Bemühungen sind jedoch wenig glaubwürdig, wenn wir Besuchsregelungen zustimmen, die wahrscheinlich machen, daß der Mißbrauch auch nach der Fremdplazierung an den Wochenenden zuhause weitergeht. Wenn wir starke Gründe haben anzunehmen, daß ein Kind zuhause sexuell ausgebeutet wird, sollten wir die Besuche so gestalten, daß das Kind geschützt ist: Besuche des Kindes zuhause mit Begleitperson, Besuche der
Eltern im Heim. Wir sollten niemals ein Kind gegen seinen Willen nach Hause zu Besuch schicken.
Besonders problematisch ist die Situation für uns, wenn wir einen Mißbrauch vermuten, die Eltern ihr Kind zurück nach Hause nehmen wollen und das Kind nicht über Gerichtsbeschluß plaziert wurde, sowie der Sorgeberechtigte gleichzeitig möglicherweise Täter ist. Hier müssen wir sehr vorsichtig und überlegt vorgehen.
Würden wir versuchen, einfach eine Offenlegung des Mißbrauchs zu erreichen, so brächte dies in den meisten Fällen erneute Traumatisierungen des Kindes mit sich und würde eine weitere Arbeit mit dem Kind unmöglich machen.
Viele unserer Kinder in Heimen haben also Erfahrungen mit sexuellem Mißbrauch gemacht. Sie sind deshalb darin beeinträchtigt, selbstbewußte, Grenzen setzende und respektierte Erwachsene zu werden. Erwachsene, die nicht viel Selbstwertgefühl haben, wenig fähig sind, Grenzen zu setzen und wenig respektiert werden, sind in Gefahr, erneut Opfer oder Täter zu werden. So reproduziert sich der Mißbrauch in der nächsten Generation. Wir, die wir in Heimen mit der Erziehung sexuell mißbrauchter Kinder zu tun haben, tragen deshalb eine besondere Verantwortung, unsere Kinder so zu stärken, daß sich dieser Kreislauf nicht ständig neu reproduziert.
Karla Baltes, Diplompsychologin, Jongenheem / Esch-sur-Alzette
Literatur:
Fegert, Jörg Michel: Sexueller Mißbrauch von Kindern, in: Praxis Kinderpsychologie und Kinderpsychiatrie 36 (1987) 5, S. 164-170.
Hartwig, Luise: Sexuelle Gewalterfahrungen von Mädchen, Juventa Verlag, Weinheim und München, 1990.
Anmerkungen:
1 Hildebrand, Eva: Therapie erwachsener Frauen, die in ihrer Kindheit inzestuösen Vergehen ausgesetzt waren. in: Sexueller Mißbrauch von Kindern in Familien, Hrsg.: Backe L., Leick N., Merrick J., und Michelsen N., Deutscher Ärzte-Verlag, Köln 1986, S. 52-68.
2 Marquill, Carl: Der Täter. Persönlichkeitsstruktur und Behandlung, in: Sexueller Mißbrauch von Kindern in Familie, Hrsg.: Backe L., Leick N., Merrick J., und Michelsen N., Deutscher Ärzte-Verlag, Köln 1986, S. 118-186.
3 Saller, Helger: Wie begegne ich einem betroffenen Kind, das mich ins Vertrauen zieht, in: Kazis, Ch. (Hrsg), Dem Schweigen ein Ende, Lenos Verlag, 1988, S. 171-189.
Erwachsene, die nicht viel Selbstwertgefühl haben, wenig fähig sind, Grenzen zu setzen und wenig respektiert werden, sind in Gefahr, erneut Opfer oder Täter zu werden. So reproduziert sich der Mißbrauch in der nächsten Generation.
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