Die Emanzipation der Väter

Vater-Kind-Familien

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Alleinstehende Väter – früher und heute

Historisch gesehen sind Vater-Kind- Familien nichts Neues: es hat sie zu allen Zeiten gegeben. Dies erscheint auch durchaus logisch, denkt man an die hohe Müttersterblichkeitsquote vergangener Jahrhunderte. Von alleinerziehenden Vätern konnte damals jedoch kaum die Rede sein: Väter aus der Mittel- und Oberschicht ließen ihre Kinder von einer Kinderfrau oder Gouvernante betreuen, während in der Arbeiterschicht die Mutterrolle von der weiblichen Verwandtschaft übernommen wurde. Konnten keine Verwandtschaften helfen, sahen sich die Väter genötigt, schnellstmöglich wieder zu heiraten, um neben ihrer handwerklichen bzw. landwirtschaftlichen Tätigkeit die Versorgung des Haushalts und der Kinder zu gewährleisten.

Heutzutage sind alleinerziehende Väter nicht in erster Linie verwitwet, sondern in der Mehrzahl geschieden bzw. getrennt lebend. 1983 gab es in der BRD 145.000 alleinerziehende Väter (mit 197.000 minderjährigen Kindern), von denen 89.000 geschieden waren oder getrennt lebten; rund 5.000 waren ledig, der Rest verwitwet.(1)

Verglichen mit der Zahl alleinerziehender Mütter (764.000), erscheint die Zahl der alleinstehenden Väter noch ziemlich gering, doch konnte man in den letzten Jahren feststellen, daß ihre Anzahl schneller wächst als die der weiblichen Alleinerzieher: Waren 1971 erst 10% aller Alleinerziehenden Männer, so waren es 1983 bereits 16%. Die Zunahme der alleinerziehenden Väter ist, – in Verbindung mit der beständig steigenden Scheidungsrate -, auf den deutlichen Wandel der Geschlechterrollen und der damit verbundenen Bewußtseinsänderung zurückzuführen, der sich seit Beginn der siebziger Jahre in allen westlichen Industriegesellschaften bemerkbar machte.

Gegen den Muttermythos

Immer mehr Väter geben sich nicht mehr allein mit der herkömmlichen Funktion des Familienernährers zufrieden, sondern möchten an der Kinderversorgung teilnehmen. So beteiligen sie sich z.B. mit zunehmender Selbstverständlichkeit an geburtsvorbereitenden Kursen, interessieren sich für Literatur über die Entwicklung und Erziehung des Kindes; sie halten nicht nur darauf, bei der Geburt ihres Kindes (aktiv) dabei zu sein, sondern nehmen sich häufig auch Urlaub für die ersten

Wochen danach, um mit der Partnerin gemeinsam das Neugeborene zu versorgen.

Wie etliche Studien nachweisen, engagieren sich Väter und Mütter in gleicher Weise, was die Betreuung des Kleinkindes angeht, wenn ihnen hierzu genügend Gelegenheit geboten wird. Aehnlich wie Mütter eignen sich Väter für die Übernahme von Pflegetätigkeiten, und sie erweisen sich in gleichem Ausmaße erfolgreich in der Wahrnehmung solcher Aufgaben.(2)

Im Zuge dieser Entwicklung ist die Forderung nach einer gleichmäßigen Behandlung von Männern und Frauen bei der Sorgerechtsverteilung immer stärker geworden; Forderung die zunehmend in der Wissenschaft unterstützt wird.

Gegenwärtig, so Diplompsychologe Dr. Wassilios Fthenakis, gibt es keine empirische Evidenz, die die Aufrechterhaltung des Exklusivitätspostulats der Mutter-Kind-Bindung rechtfertigen ließe.(3)

Das Familienforscherteam J. Goldstein, A. Freud und A. Solnit hält fest, daß physische Tatsachen allein, wie Zeugung u. Geburt, nicht direkt zu einer Eltern-Bindung führen. Vielmehr entstehen die bindenden Gefühlsbeziehungen eines Kindes zu demjenigen Menschen, der ihm seine Grundbedürfnisse (nach Nahrung, Körperpflege, Geborgenheit…) erfüllt; und folglich muß zwischen biologischer und psychologischer Elternschaft unterschieden werden. Letztere kann sowohl von den biologischen Eltern als auch von Dritten übernommen werden. Der Vater kann also durchaus auch allein eine psychologische Beziehung aufbauen, in der sich das Kind optimal entwickeln kann.(4)

Alleinerziehung von Sozialschicht abhängig

Dennoch konnte sich in unserer Gesellschaft aufgrund einer konservativen Familienideologie das Leitbild von der Mutter als Hauptbezugsperson des Kindes aufrechterhalten, und auch die Rechtsprechung steht noch immer unter dem Einfluß der Bindungs-Theorie, nach der die Mutter die einzig Geeignete für die Erziehung der Kinder sei. Dies bedeutet nicht nur, daß die Väter bei der Sorgerechtsverteilung diskriminiert werden, sondern auch, daß die Mütter unter dem ungeheuren gesellschaftlichen Druck sich außerstande sehen, auf das Sorgerecht für ihr Kind zu verzichten (selbst dann, wenn es für sie und das Kind besser wäre).

Im Hinblick auf diese Chancenungleichheit zwi-

Es muß zwischen biologischer und psychologischer Elternschaft unterschieden werden

schen den Elternteilen fordert Uwe Diederichsen,
einer der führenden deutschen Familienrechts-
kommentatoren, es sei an der Zeit, im Bereich des
Sorgerechts "die umgekehrte Gleichberechtigung"
zu verwirklichen.(5)

Ob Väter sich überhaupt um das Sorgerecht für
ihr(e) Kind(er) bemühen oder nicht, scheint
hauptsächlich von ihrer Schichtzugehörigkeit ab-
zuhängen. Dies wird auch in der Statistik verdeut-
licht: unter allen Alleinerziehenden sind Väter mit
höherem Einkommen und Sozialstatus überre-
präsentiert. Zum einen rührt das daher, daß in der
Arbeiterschicht noch viel stärker nach dem klassi-
schen Familienvorbild "Mann verdient Geld/ Frau
versorgt Kinder" gelebt wird. Bedingt durch die
hier vorherrschende Auffassung, laut der eine
Mutter ihre Kinder nicht verläßt bzw. daß die Kin-
der zur Mutter gehören, trauen weder die Frauen
sich sie dem Vater zu überlassen, noch kommen
die Männer auf die Idee, die Kinder für sich zu
beanspruchen. Zum anderen sind Väter aus der
gehobenen Schicht eher in der Lage, nachzu-
weisen, daß sie ihre Kinder angemessen unterhal-
ten können und ihnen obendrein – aufgrund bes-
serer Arbeitsbedingungen sowie der Möglichkeit
flexibler Arbeitszeitgestaltung – genügend Zeit
widmen können.

Meistens wird das väterliche Sorgerecht im Ein-
verständnis mit der geschiedenen bzw. getrennt
lebenden Partnerin übernommen. Nur in 10-15 %
der Fälle wird es erstritten.(6)

Wenig materielle Probleme –

positive Einstellung

Für Männer wie für Frauen bringt der Wechsel von
der Zwei- zur Einelternfamilie in jedem Falle
große Veränderungen der finanziellen und per-
sönlichen Situation mit sich. Im großen und ganzen
darf aber behauptet werden, daß alleinerziehende
Väter insgesamt besser dran sind als allein-
stehende Mütter und dies sowohl was die ökono-
mische als auch die sozio-ökonomische und psy-
cho-soziale Situation angeht. Dabei muß berück-
sichtigt werden, daß wie bereits erwähnt, in der
Gruppe der alleinerziehenden Mütter Frauen aller
sozialen Schichten vertreten sind, die Gruppe der
alleinerziehenden Väter jedoch vorwiegend aus
Männern der höheren Ausbildungs- und Einkom-
mensschichten besteht.

Während die finanzielle Situation der Mütter, und
besonders die der ledigen Mütter häufig alarmier-
end ist, hat die Vater-Kind- Familie kaum Schwie-
rigkeiten in materieller Hinsicht. Sowohl die Un-
tersuchung des EMNID-Instituts als auch die Ana-
lyse der sozialwissenschaftlichen
Forschungsgruppe des Max-Planck- Instituts kom-
men zu dem Ergebnis, daß Familien mit einem al-
leinstehenden Vater als Haushaltsvorstand weder
sozial noch ökonomisch zu den Problemgruppen
gehören. Bernd Buchhofer, Autor der Max-
Planck-Analyse, schreibt hierzu, daß sich die (sub-

jektiv geäußerte) Einkommenslage alleinlebender
Väter mit Kindern im Schnitt sogar besser dar-
stelle, als dies bei "vollständigen" Familien mit zwei
Kindern der Fall sei. Aufgrund der Tatsache, laut
der nur wenige Väter Sozialhilfeempfänger sind –
im Gegensatz zu den Müttern, von denen mehr als
ein Drittel von Sozialhilfe leben! – kann angenom-
men werden, daß die eigenen Einkommensquellen
durchaus ausreichend sind.(7)

Wenngleich Einkommen und sozialer Status allein
nicht ausschlaggebend für die Gesamteinstellung
zu einer Lebenssituation sind, so stellen sie doch
wichtige Voraussetzungen dar. Es mag denn auch
kaum wundern, daß Väter, die allein für ihre Kin-
der sorgen insgesamt eine positivere Einstellung zu
ihrer Situation haben als die Mehrzahl der alleiner-
ziehenden Mütter. Und dies wiederum trägt maß-
geblich dazu bei, daß sie mit der Rolle des Al-
leinerziehers gut zurechtkommen und sich durch
auftauchende Schwierigkeiten nicht so schnell ent-
mutigen lassen.

Mehrfachbelastung und

Rollenkonflikt

Am wenigsten Anpassungsschwierigkeiten haben
die geschiedenen bzw. getrennt lebenden Väter,

in: Spielen und Lernen

die schon lange vor dem Alleinleben mit den Kindern die Möglichkeit hatten, sich emotional mit der neuen Situation auseinanderzusetzen und ihre Aufgabe als Alleinerzieher zu üben. Dagegen haben verwitwete Väter es eher schwer, sich in der neuen Lebenslage zurechtzufinden. Einerseits hatten sie kaum Gelegenheit, sich auf das Leben ohne ihre Partnerin einzustellen, andererseits sind sie durch den Tod der Gefährtin gefühlsmäßig stark belastet und die Bewältigung der Trauer erfordert von ihnen viel Zeit und Kraft.

Wie stark alleinerziehende Väter die praktischen Probleme der Haushaltsführung und Kindererziehung erleben, hängt in jedem Falle von den vorangegangenen Erfahrungen ab. So haben "engagierte" Väter, die schon während der Partnerschaft die Kinderversorgung nicht ausschließlich der Mutter überließen, eher Vertrauen in ihre erzieherischen Fähigkeiten und können den neuen Anforderungen eher gerecht werden. Doch auch Väter, die vorher geringeren Kontakt zu ihren Kindern hatten, können die erforderlichen Fähigkeiten mit der Zeit entwickeln, wenn auch mit größeren Anpassungsproblemen. (8).

Schwerwiegender als organisatorische Schwierigkeiten und die Übernahme sogenannter weiblicher Aktivitäten werden die Probleme erlebt, die aus der andauernden Mehrfachbelastung durch ganztägige berufliche und familiäre Pflichten entstehen. Genau wie die alleinerziehende Mutter gerät der alleinerziehende Vater in einen Rollenkonflikt wenn auch mit anders gelagerten Schwerpunkten. Einerseits wird von ihm verlangt, nach wie vor den Unterhalt der Familie zu garantieren, andererseits aber soll er auch den Haushalt schmeißen, die Kinder versorgen und möglichst "anständig" erziehen. Steckt er beruflich zurück zugunsten familiärer Tätigkeiten, so wird das als unmännlich gewertet und löst Unverständnis und Kritik bei den Arbeitskol-

legen aus; stellt er dagegen das berufliche Weiterkommen in den Vordergrund, so wird ihm vorgeworfen, nur an seine Karriere zu denken und die Kinder zu vernachlässigen.

Wie sie es auch anpacken: immer wieder stoßen alleinerziehende Väter auf Skepsis und Vorurteile und dies nicht nur im Arbeits- und Bekanntenkre is sondern auch in öffentlichen Institutionen wie Kinderkrippen, Schulen, Krankenhäusern usw., wo sie als Ein- Eltern äußerst kritisch beobachtet werden.

Zwischen Bemitleidung und Einsamkeit

Nichtsdestoweniger werden Väter, die ihre Frau durch Tod, Scheidung oder Trennung "verloren" haben, von einer Welle guter Ratschläge und Hilfsangeboten überrollt. Diese werden von den meisten Vätern jedoch weitgehend abgelehnt, aus Angst ein Opfer des Mitleids zu werden oder in Abhängigkeit zu geraten. Durch diese ablehnende Haltung verfestigen sie selbst leider ihre Außenseiterstellung und setzen sich damit der Gefahr der Isolierung aus. Gerade alleinerziehende Väter haben es ohnehin schon recht schwer, den Kontakt zu ihrem bisherigen Freundeskreis aufrechtzuerhalten, da sich Aktivitäten, die hier als typisch männlich gelten, häufig nicht mit der Rolle des Alleinerziehers vereinbaren lassen.

Während Frauen daran gewöhnt sind, ihre Kinder z.B. zu Freizeitaktivitäten oder zum Treff mit Freundinnen mitzunehmen, ist es für Männer nicht üblich, auf diese Weise soziale Kontakte zu pflegen. Hinzu kommt, daß Männer auch unter Freunden -, infolge ihrer eigenen geschlechtsspezifischen Erziehung, in der Gefühlsäußerungen unterdrückt wurden -, Schwierigkeiten haben,

Am Beispiel Pflege-Urlaub

(Ein)Elternfeindliches Luxemburg

In verschiedenen europäischen Ländern haben Eltern bei Erkrankung ihrer Kinder Anspruch auf Pflege-Urlaub:

Schweden: bis zu 60 Tagen Urlaub bei 90prozentigem Lohnausgleich für ein Elternteil, pro Kind und pro Jahr.

Norwegen: 10 Tage bezahlter Urlaub für beide Elternteile. Alleinerziehende: 20 Tage. Altersgrenze des Kindes: 10 Jahre

Belgien: 8 Tage bezahlter Urlaub für beide Elternteile. Altersgrenze: 21 Jahre

Frankreich: 6 Tage bezahlter Urlaub für beide Elternteile. Bekommt ein Teil seinen Urlaub nicht bezahlt, hat der andere Recht auf 2 mal 6 Tage. Altersgrenze: 16 Jahre

BRD: 5 Tage bezahlter Urlaub für beide Elternteile. Altersgrenze: 8 Jahre

Luxemburg: 0 Tage Urlaub, weder bezahlt noch mit Lohnausgleich, weder für beide Elternteile noch für Alleinerzieher. Lediglich die Gemeinde Luxemburg zeigt sich großzügig und gewährt ihrem Personal 1/2 (einen halben) Tag bezahlten Urlaub…

emotionale Probleme offen zuzugeben und zu besprechen. Auch werden Alleinerzieher wohl nur selten männliche Gesprächspartner finden, mit denen sie sich ernsthaft über Haushalt und Kinder unterhalten können. So gesehen, sind die alleinerziehenden Väter von Vereinsamung bedroht und psychisch stark belastet, wenn auch weniger als alleinstehende Mütter. Auch bedürfen sie wohl einer

großen Portion Mut und Selbstvertrauen, um sich mit ihren Kindern, trotz aller Diskriminierungen und Gefühlen der Isolation, neben den "Normal-Familien" als echte und ernstzunehmende Familie zu behaupten.

S.B.

Anmerkungen:

  1. Behr/Häsing: "Ich erziehe allein" Reinbek 1986 S. 84

  2. Fthenakis: Ehescheidung: Konsequenzen für Eltern und Kinder, München 1982 S. 39

  3. idem, S. 51

  4. Goldstein/Freud/Solnit: Jenseits des Kindeswohls, Frankfurt a.M. 1974, S. 22-24

  5. Lamprecht: Kampf ums Kind, Reinbek 1982, S. 75

  6. idem S. 79

  7. Behr: Junge Kinder in Einelternfamilien Bundesminister für Jugend, Familie u. Gesundheit, Bonn 1981 S. 18

  8. Fthenakis: Ehescheidung, S. 120

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