Was ist Glück? Und wie kann man es erreichen? Seit Menschen denken können, zerbrechen sie sich darüber die Köpfe. Aber wer Rat sucht, findet eher Verwirrung. Fast alles, was sich über kluge Lebensführung und den Umgang mit Gefühlen sagen lässt, wurde von einem weisen Menschen irgendwann auch gesagt; leider behauptete meistens bald darauf ein anderer das genaue Gegenteil. Nach zwei Jahrtausenden Philosophie, mehr als einem Jahrhundert Psychologie und einer Flut von Ratgeberbüchern, Talkshows und Frauenzeitschriften sind wir in Sachen Glück so wenig klug wie zuvor.
So haben wir uns zu unserem Schaden an den Mythos gewöhnt, auf unser Glück hätten wir wenig Einfluss; man könne nicht einmal genau sagen, was das Glück ist. Doch in den letzten Jahren hat sich die Spirale des Wissens weitergedreht. Die Gefühle sind ein Gegenstand der Naturwissenschaft geworden. Diese Forschung verspricht Wege aufzuzeigen, auf denen jeder sein Glück finden kann. Eine Glücksformel kristallisiert sich heraus.
Auf dem Weg zur Glücksformel
Es mag erstaunen, dass man Glück, dieses komplexe, scheinbar überirdische Gefühl, wissenschaftlich erforschen kann. Dabei ist es uns vertraut, dass Menschen das Unglück studieren. Klinische Psychologen kümmern sich um Depressionen und Phobien, und seit ungefähr zwei Jahrzehnten finden auch Hirnforscher immer mehr darüber heraus, wie Wut, Furcht und Niedergeschlagenheit entstehen. Für das Glück aber fühlte sich lange niemand so recht zuständig.
Das hat sich erst in den letzten Jahren geändert: Hirnforscher begannen, ihr Interesse auf die guten Gefühle zu richten. In kürzester Zeit haben sie beeindruckende Fortschritte gemacht. Vieles, was vor kurzem noch Science-Fiction war, ist heute in den Labors Wirklichkeit. Neue Abbildungstechniken erlauben es, das Gehirn beim Denken und Fühlen zu beobachten. Sie machen sichtbar, wie im Kopf zum Beispiel Freude aufkommt, wenn wir an einen geliebten Menschen denken. Und mit den Methoden der Molekularbiologie wird offenbar, was dabei im Inneren unserer zehn Billionen Hirnzellen geschieht. Psychologische Versuche wiederum weisen nach, wie diese Veränderungen der Innenwelt unser Verhalten bestimmen. So fügt sich das Wissen darüber, wie die guten Gefühle entstehen, zusammen.
Mit diesen Werkzeugen werden die Fragen nach dem Glück Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchung: Ist Glück erblich? Vergeht Ärger, wenn man ihn herauslässt? Kann man die Augenblicke der Euphorie verlängern? Macht Geld glücklich? Können wir ein Leben lang in denselben Menschen verliebt sein? Und was ist das höchste Glück?
Das Glückssystem in unserem Kopf
Auf der Suche nach den Antworten bringen uns ziemlich junge Einsichten der Hirnforschung weiter. Die eine betrifft die Teile des Gehirns, die Wohlbefinden erzeugen: In unseren Köpfen sind eigene Schaltungen für Freude, Lust und Euphorie eingerichtet — wir haben ein Glückssystem. So, wie wir mit der Fähigkeit zu sprechen auf die Welt kommen, sind wir auch für die guten Gefühle programmiert. Diese Entdeckung wird unser Bild vom Menschen so prägen, wie es Freuds Theorien vom abgründigen Unbewussten im vergangenen Jahrhundert getan haben.
Die andere, noch überraschendere Erkenntnis war, dass sich auch das Gehirn eines erwachsenen Menschen noch verändert. Bis vor wenigen Jahren glaubten Wissenschaftler, dass das Gehirn, ähnlich wie die Knochen, spätestens am Ende der Pubertät ausgewachsen sei. Doch das genaue Gegenteil trifft zu: Wann immer wir etwas lernen, verändern sich die Schaltkreise in unserem Gehirn, neue Maschen im Geflecht der Nervenzellen werden geknüpft. Mit geeigneten Mikroskopen kann man diese Verwandlungen unter der Schädeldecke sogar sichtbar machen. Wenn Sie diesen Artikel gelesen haben, wird es in Ihrem Kopf anders aussehen als vorher!
Nicht nur Gedanken, sondern erst recht Emotionen bringen diese Umbauten in Gang. Das heißt: Mit den richtigen Übungen kann man seine Glücksfähigkeit steigern. Wir können unsere natürliche Anlage für die guten Gefühle trainieren, so, wie wir uns eine Fremdsprache aneignen.
Dabei heißt es Abschied zu nehmen von einem vertrauten Bild der Emotionen, das aus dem vorletzten Jahrhundert stammt, und das inzwischen so überholt ist wie der Glaube, die Erde sei eine Scheibe. Es sieht das Gehirn als Dampfkessel, in dem sich negative Gefühle als eine Art Druck aufstauen können und abgelassen werden müssen, um eine gefährliche Überreaktion, ein wortwörtliches „Platzen vor Zorn“ zu vermeiden. „Wein dich aus!“, empfehlen wohlmeinende Freundinnen ihren Bekannten.
Natürlich tut es oft gut, seine Empfindungen einem nahen Menschen anzuvertrauen. Aber es nützt wenig, sich dabei in einen Ausbruch negativer Emotionen hineinzusteigern. Tränen und Wut sind keine entlastenden Sicherheitsventile. Die heutige Neurobiologie sieht diese Affekte viel eher als Teil von Mechanismen, die sich selbst verstärken können: Wutanfälle steigern die Wut eher noch, und Tränen treiben uns tiefer in die Depression. Oft gewinnt die Niedergeschlagenheit ein Eigenleben, das sich von der äußeren Wirklichkeit längst abgekoppelt hat: Wir überzeugen uns immer wieder selbst davon, unglücklich sein zu müssen — eine Übung, die ein jüdischer Witz mit unvergleichlicher Selbstironie auf den Punkt bringt. Telegrafiert der sparsame Moshe in New York an seinen Freund in Jerusalem: „Mach Dir schon einmal Sorgen. Näheres später.“
Gedanken und Gefühle bewusst steuern
Die Abhilfe ist, seine Gedanken und Gefühle bewusst steuern zu lernen. Auf diese Weise ist es möglich, Niedergeschlagenheit und sogar Depressionen zu entgehen. Das ist die optimistische Botschaft mehrerer Untersuchungen mit tausenden Menschen in den USA – eine der größten klinischen Studien, die je durchgeführt worden sind. Der Königsweg gegen das Unglücklichsein besteht darin, Gefühle wie Wut und Trauer nicht zu unterdrücken, aber sich auch nicht länger mit ihnen zu beschäftigen als nötig. Die Natur hat Gefühle als Signale erfunden. Sobald wir nach einem Ärgernis oder einer Enttäuschung unsere Emotion wahrgenommen haben, ist die Botschaft überbracht, der Bote kann schweigen. Wer in diesem Augenblick zur Tagesordnung übergeht, erspart seinem Körper nicht nur eine Stressreaktion – er trainiert auch sein Gehirn zur immer besseren Beherrschung seiner Emotionen, wie Messungen der Hirnaktivität gezeigt haben.
Aber Glück ist, auch neurobiologisch gesehen, weit mehr als nur das Gegenteil von Unglück. Um es zu erreichen, ist es darum hilfreich, die Anatomie seiner Leidenschaften zu kennen. Genießerisches Schwelgen und Freude an der Entdeckung, Liebe und die Lust am Sex haben vieles gemeinsam, und doch kommen sie auf unterschiedlichen Wegen zustande – und dienen verschiedenen Zwecken. Diese elementaren Regungen sind uns angeboren, sie haben sich im Laufe von Jahrmillionen entwickelt; manche von ihnen sind schon bei vergleichsweise simplen Geschöpfen wie Mäusen oder sogar Bienen zu beobachten. Die Leidenschaften sind so tief in Mensch und Tier verwurzelt, dass es sinnlos ist, sie los werden oder auch nur ändern zu wollen. Vielmehr kommt es darauf an, mit ihnen umgehen zu lernen: Wir können unser Leben so einrichten, dass wir aus diesen Programmen der Evolution möglichst viel Freude und wenig Verdruss ziehen.
Am wohl verbreitetsten ist der Irrglaube, Glück habe etwas mit träger Entspannung zu tun. Aber die Natur hat uns nicht eingerichtet, träge zu sein, und bestraft uns dafür mit unangenehmen Gefühlen. Glück findet in der Gegenwart statt: Bewegung, Sex, genaue Wahrnehmung, Tätigkeit, Vielfalt im Leben haben den nachweisbar stärksten Einfluss darauf. Diese Faktoren heben das Wohlbefinden weit mehr als jeder äußere Umstand wie Geld, Status oder Annehmlichkeiten. Damit ist Glück viel weniger eine Frage der Lebenssituation als eine Folge bestimmter Gewohnheiten, die sich jeder aneignen kann.
Die Bedeutung des Glücks für ein gelingendes Leben
Freude sei der Übergang des Geistes in einen Zustand größerer Vollendung, schrieb der niederländische Philosoph Baruch Spinoza. Trauer hingegen sei der Übergang in einen niedrigeren Zustand.1 Die Neurobiologie gibt ihm recht: Negative Stimmungen schränken den Menschen ein, gute Gefühle dagegen erweitern seine Möglichkeiten. Dabei wirkt Freude nicht nur auf den Geist, sondern zu allererst auf den Körper. Neue Forschungsarbeiten werfen ein Licht auf Verbindungen zwischen Leib und Seele, die Wissenschaftler lange übersehen haben. Andauernde Angst und Niedergeschlagenheit bergen eine Gefahr für die Gesundheit, weil sie Stress bedeuten. Gute Gefühle dagegen wirken Stress und dessen gesundheitlichen Folgen entgegen. Sie regen sogar das Immunsystem an.
Erst recht fördern sie die Leistungen des Geistes. Denn im Gehirn sind Gedanken und Gefühle zwei Seiten derselben Medaille: Glückliche Menschen sind kreativer. Wie viele Studien zeigen, lösen sie Probleme besser und schneller. Glück macht klug, und zwar nicht nur für einen Augenblick, sondern auf Dauer. Positive Emotionen lassen die Nervenverbindungen im Gehirn wachsen. Die Freude geht mit neuen Verknüpfungen in unseren Köpfen einher — ein Vorgang, der inzwischen sogar molekularbiologisch untersucht ist und dessen Verständnis weitreichende Folgen für die Organisation von Schulen und Unternehmen haben wird. Das Gehirn werde von Spaß angetrieben, sagen die Amerikaner zu Recht: „The brain runs on fun.“
Und schließlich sind glückliche Menschen auch nettere Menschen, wie psychologische Experimente zeigen. Sie sind aufmerksamer und eher bereit, das Gute in anderen zu sehen. Sie setzen sich mehr für das Gemeinwohl ein und schaffen es bei Verhandlungen besser, allen Beteiligten zu ihrem Recht zu verhelfen. Glück ist also ein Lebensziel und zugleich ein Weg zum besseren Leben.
Dass es möglich ist, das Glück der Menschen zu vermehren, haben die Weisen schon vor mehr als zweitausend Jahren geahnt. Heute besteht im Licht der Neurowissenschaften, denen wir so tiefe Einsichten in unser Fühlen und Erleben verdanken, wie man sie in der Antike allenfalls den Göttern zugeschrieben hätte, kein Zweifel mehr: Glück kann man lernen.
Dieser Beitrag basiert auf dem erstmals 2002 erschienenen und 2014 erweiterten Buch Die Glücksformel oder Wie die guten Gefühle entstehen (S. Fischer Verlag). Die jüngste Ausgabe erschien 2018 bei Bassermann, seit diesem Jahr gibt es zudem eine Hörbuch-Fassung.
- Baruch de Spinoza, Von den Festen und Ewigen Dingen, übertr. u. eingel. v. Carl Gebhardt, Heidelberg, Carl Winter Verlag, 1925, S. 234.
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