Die Grenzgänger
Eine kulturwissenschaftliche Betrachtung
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Christian Wille
Grenzgänger sind ein populäres Thema in Luxemburg und in der Großregion. Dabei handelt es sich jedoch nicht ausschließlich um grenzüberschreitende Arbeitnehmer, sondern Grenzgänger werden zunehmend auch als Denkfigur in den modernen Kulturwissenschaften entdeckt. Der Beitrag deckt auf, was einen Grenzgänger ausmacht und weshalb sich der Begriff in seinem Facettenreichtum immer größerer Beliebtheit erfreut.
Männlich, jung, gut qualifiziert – so resümierten im Dezember 2011 verschiedene Zeitungen das Profil des Grenzgängers. Anlass war eine aktuelle Studie der Statistischen Ämter der Großregion mit dem ambitionierten Titel Wer sind die Grenzgänger der Großregion? Die Untersuchung geht methodologisch$^{2}$ neue Wege und zeigt in der Tat, dass sich unter den Grenzgängern mehr Männer, Jüngere und gut Qualifizierte befinden als unter jenen, die nicht über eine nationale Grenze an ihren Arbeitsplatz pendeln. Solche und andere Charakteristika helfen, die etablierte Arbeitsmarktberichterstattung zu ergänzen und ein mögliches Grenzgängerprofil zu umreißen. Die Ausgangsfrage wird damit aber nur unzureichend beantwortet.
Wer sind die Grenzgänger tatsächlich? Diese Frage interessiert nicht nur, weil die Großregion heute außergewöhnlich viele Grenzgänger zählt, ebenso scheint der Begriff in Mode gekommen zu sein. „Grenzgänger“ ist eine moderne Wortschöpfung, die auf sprachliche Vorläufer wie „Gehen über eine Grenze“ oder „Grenzgang“ zurückgeht. Zur Bestimmung der jeweiligen „Gangrichtung“ wurde zumeist die Zielregion mitgenannt. So war z. B. ab dem 17. Jh. von Hollandgängern oder später von Sachsengängern und Lothringengängern die Rede.$^{3}$ Zentral erscheint der Grenzgang, durch den sich der Grenzgänger vom Grenzüberschreiter oder Grenzwechsler
unterscheidet. Während Grenzüberschreiter (z. B. Eroberer, Entdecker) eine Grenze eher einmalig verrücken und sich das Jenseitige anzueignen versuchen, siedelt der Grenzwechsler (z. B. Emigranten, Konvertiten) vorübergehend oder dauerhaft auf die andere Seite der Grenze über. Grenzgänger hingegen pendeln unaufhörlich zwischen Dies- und Jenseitigem und lassen die Grenze weitgehend unangetastet. Ihr Merkmal ist der zirkuläre Grenzgang, der zwar eine Überschreitung bzw. einen Wechsel einschließt, aber nach nur kurzer Verweildauer wieder „zurückführt“.
Grenzen als Ressourcen
Über welche Grenzen geht ein Grenzgänger? Zumeist werden nationalstaatliche Grenzen stillschweigend vorausgesetzt, der kollektive Sprachgebrauch zeichnet aber ein vielfältigeres Bild. Laut Zinnecker bildet der mobile Arbeitnehmer, der über eine nationale Grenze pendelt, in der Tat zunächst die „Basisbedeutung“ des Grenzgängerbegriffs.$^{4}$ Ergänzt wird das semantische Feld der nationalen Grenzen durch „[…] Menschengruppen, die in Grenzregionen leben und darauf spezialisiert sind, die Grenzen (vielfach illegal) zu überschreiten und für neue Lebensstrategien zu nutzen.“$^{5}$ Für sie repräsentiert die Grenze eine wichtige Ressource, wie Wagner mit „Schmugglergesellschaft“$^{6}$ anschaulich gezeigt hat. Weiterhin treten im Sprachgebrauch auch Grenzgänger in Erscheinung, die zwischen verschiedenen Stilrichtungen in Kunst und (Alltags-)Kultur changieren. Ihr Gang über Gattungsgrenzen mündet im sog. Crossover von Musik, Theater, Ernährung oder Lebensstilen. Auch Wissenschaftler werden zuneh-
Grenzgänger sind in Bewegung, vereinen Vertrautes und Fremdes, schaffen Unordnung, sorgen für Irritation und repräsentieren Kristallisationspunkte von Wandel und Innovation.
Christian Wille ist wissenschaftlicher Projektkoordinator an der Universität Luxemburg und arbeitet über Raum- und Identitätskonstruktionen in transnationalen Bezügen (www.christian-wille.de).
Im erweiterten Sinn sind Grenzgänger seit Jahrhunderten bekannt, z. B. als Schamanen oder Künstler zwischen Wirklichkeit und Wahnsinn.
mend als Grenzgänger herausgefordert, wenn es gilt das Denken in traditionellen Wissenschaftsdisziplinen zu überwinden, ohne diese aufzugeben. Inter- oder Transdisziplinarität sind nur zwei Spielarten des akademischen Grenzgangs.
Die Liste der Gänge(r) über mögliche Grenzen ließe sich in weiteren Bereichen fortsetzen, wie etwa im Sport, Tierreich oder in Wirtschaft und Politik. Was macht den Grenzgänger nun aber aus? Zunächst ist er unaufhörlich in Bewegung und überschreitet anhaltend eine Grenze, wobei diese nicht verrückt wird bzw. nur vorübergehend an Bedeutung verliert. Denn der – wie auch immer geartete – Grenzgänger schafft weder Staatsgrenzen noch Gattungsgrenzen oder Disziplinengrenzen ab. Er ist vielmehr auf sie angewiesen, schöpft er seine Identität doch aus dem Hier-und-Dort. Der Grenzgänger verbindet Dies- und Jenseitiges einer Grenze und richtet sich „im Grenzübertritt“ ein. So entfalten sich neue Räume, die sich der eindeutigen Zuordnungen des Hier- oder-Dort sperren. Solche Zwischenräume des Crossover oder der Transdisziplinarität irritieren und faszinieren zugleich. Der Grenzgänger bringt also die vertrauten Ordnungen in Unordnung und sorgt für Begegnung und kreativ-produktiven Austausch. Damit repräsentiert er keine defizitäre Erscheinung des ambivalenten Sowohl-als-auch, sondern eine Ressource für Wandel und Innovation.
Konjunktur des Grenzgängers
Grenzgänger im engeren Sinn sind keine neuen Erscheinungen, wie „Hollandgänger“ oder andere Vorläufer zeigen. Auch im erweiterten Sinn sind sie seit Jahrhunderten bekannt, z. B. als Schamanen oder Künstler zwischen Wirklichkeit und Wahnsinn. Dennoch setzt sich der Begriff erst im 20. Jh. durch, insbesondere in seinen letzten Jahrzehnten.⁷
Dies kann mit der wachsenden Durchlässigkeit von Staatsgrenzen und der entsprechenden Mobilitätsoptionen erklärt werden, ebenso wie mit der wissenschaftlichen Beschäftigung mit Grenzen als Kontaktzonen, die in den 1980er Jahren einsetzt.
Eine Internetabfrage illustriert exemplarisch die jüngste Popularität des Begriffs, wenngleich für die angezeigte Konjunktur teilweise die fortschreitende Entwicklung von Kommunikationstechnologien verantwortlich ist.
| Internetabfrage* des Wortes „Grenzgänger“ | 5.11.2004 | 9.10.2009 | 3.1.2012 |
| — | — | — | — |
| Anzahl der Suchergebnisse | 92 900 | 517 000 | 1 650 000 |
- jeweils Suchmaschine google.de, eigene Abfrage.
Auch Zinnecker sieht im Grenzgang ein sich durchsetzendes Merkmal des modernen Lebens. Er spricht von einer Veralltäglichung des Grenzgangs und prognostiziert eine wachsende Auflösung von „gesellschaftlichen Grenzzäunen“. Gemeint ist der zivilisatorische Alltag, der Grenzen als niedrigschwelliges Angebot bereithält: der sündige Gang zum Kühlschrank, das Krankfeiern im Büro, der Mundraub im Einkaufszentrum, die Schwarzfahrt im Bus u.v.m.⁸ Reuter und Wiesner zeigen weiter, dass die wissenschaftliche Beschäftigung mit Grenzlagen und Mischphänomenen noch vergleichsweise jung ist, aber der Grenzgänger zunehmend als Denkfigur bemüht wird: „[…] durch den Rezeptionserfolg poststrukturalistischer und postmoderner Ansätze [ist] die Figur des Grenzgängers wiederentdeckt worden, allerdings nicht als problematisches Einzelschicksal, sondern als Signatur der Zeit.“⁹ Auch Krämer thematisiert den Grenzgänger als zeitgenössisches Phänomen bzw. als „eine spezifische moderne Lebensform“. Der Soziologe fokussiert auf die Orts-
bezogenheit menschlichen Lebens, „[…] die in den bisherigen Gesellschaften den Normalfall ausmacht; [sie] wird […] zwar vom Grenzüberschreitenden nicht aufgegeben, jedoch relativiert.“¹⁰ Damit wird grenzüberschreitende Mobilität angesprochen, durch die geographisch entfernte Orte bedeutsam werden und sich der gelebte Raum neu konfiguriert. Grenzgänger sind Agenten solcher Konfigurationsprozesse und kreieren „Räume der Grenze“ als Orte des Hier-und-Dort.
Zur Seinsfrage der Grenzgänger
Grenzgänger sind in Bewegung, vereinen Vertrautes und Fremdes, schaffen Unordnung, sorgen für Irritation und repräsentieren Kristallisationspunkte von Wandel und Innovation. Kurzum: Sie stellen infrage und schaffen Neues. Dies deutet bereits an, dass es nicht ausreicht, Grenzgänger von „Außen“ zu beschreiben, wie etwa anhand von Grenzsettings oder sozio-demographischen Daten. Vielmehr müssen die – wie auch immer gearteten – Grenzgänger von „Innen“ heraus verstanden werden, um die Seinsfrage zu bestimmen. Dafür müssen sie im Hier-und-Dort aufgesucht werden, um die produktiven
Logiken von Crossover, Transdisziplinariät oder „Räumen der Grenze“ offenzulegen. Die grenzüberschreitenden Pendler in der Großregion sind somit nach den kreativen Aushandlungsprozessen und den dahinter liegenden Logiken zu befragen, die z. B. im Kontext von Identitäten, Sprachen, Kulturen und Wahrnehmungen hervortreten. Dies würde wichtige Elemente für die Seinsfrage der Grenzpendler liefern und Rückschlüsse ermöglichen auf „den Grenzgänger“ als allgemeines Gegenwartsphänomen. ♦
1 Vgl. auch im Folgenden: Statistische Ämter der Großregion / IUL (Hg.): Wer sind die Grenzgänger der Großregion? Charakteristiken und Determinanten der beruflichen Mobilität. Luxemburg, 2011 (in deutscher und französischer Sprache).
2 Zu erwähnen ist das gewählte Wohnortprinzip, nach dem Grenzgänger als Auspendler (in ein Land der Großregion) in ihrer Wohnregion betrachtet wurden, sowie die genutzten Daten der europäischen Arbeitskräfteerhebung und des Mikrozensus (dt. Bundesländer). Bisherige Studien stützen sich weitgehend auf die von den jeweiligen regionalen statistischen Ämtern ausgewiesenen Daten, die Grenzgänger zumeist als Einpendler in ihrer Arbeitsregion beschreiben.
3 Vgl. Schneider, Reinhard: „Die Grenzgängerthematik in historischer Perspektive“. In: Schneider, Reinhard (Hg.): „Grenzgänger“. (Veröffentlichung der Kommission für saarländische Landesgeschichte und Volksforschung, Bd. 33), Saarbrücken, Kommissionsverlag, 1998, S. 9-20.
4 Vgl. auch im Folgenden: Zinnecker, Jürgen: „Grenzgänger. Denkweise und Lebensweise der (Post)Moderne?“ In: Gebhardt, Winfried / Hitzler, Ronald (Hg.): Nomaden, Flaneure, Vagabunden. Wissensformen und Denkstile der Gegenwart. Wiesbaden, VS Verlag, 2006, S. 140-156, S. 141.
5 Kohl, Ines: „GrenzgängerInnen“. In: Kreff, Fernand / Knoll, Eva-Maria, Gringrich, Andre (Hg.): Lexikon der Globalisierung. Bielefeld, transcript-Verlag, 2011, S. 133-137, S. 133.
6 Vgl. Wagner, Mathias: Die Schmugglergesellschaft. Informelle Ökonomien an der Ostgrenze der Europäischen Union. Eine Ethnographie. Bielefeld, transcript-Verlag, 2011.
7 Vgl. Zinnecker, Jürgen: Grenzgänger. Denkweise und Lebensweise der (Post)Moderne? In: Gebhardt, Winfried / Hitzler, Ronald (Hg.): Nomaden, Flaneure, Vagabunden. Wissensformen und Denkstile der Gegenwart. Wiesbaden, VS Verlag, 2006, S. 140-156, S. 148.
8 Idem, S. 154.
9 Reuter, Julia / Wiesner, Matthias: „Soziologie im Zwischenraum: Grenzen einer transdifferenten Perspektive“. In: Allolio-Näcke, Lars / Kalscheuer, Britta (Hg.): Kulturelle Differenzen begreifen. Das Konzept der Transdifferenz aus interdisziplinärer Sicht. Frankfurt am Main, Campus, 2008, S. 129-143, S. 131.
10 Krämer, Hans Leo: „Grenzgänger aus soziologischer Sicht“. In: Schneider, Reinhard (Hg.): „Grenzgänger“. (Veröffentlichung der Kommission für saarländische Landesgeschichte und Volksforschung, Bd. 33), Saarbrücken, Kommissionsverlag, 1998, S. 35-44, S. 43.
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