Die Musikgesellschaft, ein Spiegelbild der örtlichen Gemeinschaft

Das Musikleben im Eisenerzbecken

Das 19. Jahrhundert war die Blütezeit der Musikgesellschaften. In den Vororten der Hauptstadt sowie in den kleinen Handwerker- und Handelsstädten Luxemburgs entstanden die ersten Vereine, darunter jene in Wiltz (1794), Grevenmacher (1834), Larochette (1836), Vianden (1848), Esch/Sauer (1848), Luxemburg-Clausen (1851) und Grund (1852). 

Mit dem wirtschaftlichen Aufschwung und dem Bevölkerungswachstum infolge des Eisenerzabbaus und des Baus von Eisenhütten entstanden Ende des 19. Jahrhunderts zahlreiche Musikgesellschaften im luxemburgischen Eisenerzbecken, darunter in Esch/Alzette (1871), Niederkerschen (1872), Bettemburg (1878), Rodingen (1881), Niederkorn (1892), Differdingen (1884), Schifflingen (1885), Kayl (1888), Rümelingen (1891), Tetingen (1894) und Düdelingen (1896). 

Die Musikgesellschaften und die Gesangvereine waren zu jener Zeit die wichtigsten Träger und Förderer des kulturellen Lebens. Sie wurden zu einem festen Bestandteil des öffentlichen Lebens – sei es durch gut besuchte Platzkonzerte oder durch ihre Mitwirkung an kirchlichen Festen und öffentlichen Veranstaltungen.

Das Beispiel der Niederkerschener Musikgesellschaft

Stellvertretend für die Musikgesellschaften in der Minett-Region wurde die Gesellschaft aus Niederkerschen zum Gegenstand von Nachforschungen über ihre Mitglieder im Rahmen des 150-jährigen Jubiläums der Gesellschaft. Wer waren diese Menschen, aus welchen sozialen Schichten stammten sie und wer übernahm die Führungsverantwortung?

Im Laufe der 150 Jahre, während denen die Niederkerschener Stadtmusik, die als Fanfare Orania 1872 gegründet wurde, nun schon besteht, hat sich die Gesellschaft stark gewandelt. Diese Veränderungen spiegeln sich auch in der Zusammensetzung der Musikgesellschaft wider. Bis zum Zweiten Weltkrieg waren die Vereine ortsgebundene Vereinigungen und alle Mitglieder lebten fast ausschließlich in der Ortschaft. Daher können wir anhand der Volkszählungen der Jahre 1881, 1922 und 1947 den gesellschaftlichen Stand der Vereinsmitglieder ermitteln. Diese Daten wurden mit den Namenslisten des Niederkerschener Musikvereins aus den Jahren 1881, 1920 und 1947 verglichen. Für die Berufsbestimmung der Musikanten auf den Namenslisten aus den Jahren 1972, 1997 und 2022 wurde auf das kollektive Gedächtnis der älteren Vereinsmitglieder zurückgegriffen.

Der Verein, ein Spiegelbild der Gesellschaft

Die Landwirtschaft spielte nur in den Anfangsjahren des Vereins eine Rolle. Nach dem Zweiten Weltkrieg war Alphonse Guirsch der einzige Landwirt, der im Verein vertreten war. Auch die Dorfhandwerker und die Handwerker im Allgemeinen hatten in den ersten Jahrzenten des Vereins eine Bedeutung, verschwanden jedoch in den letzten fünfzig Jahren nahezu vollständig. Der Aufstieg der industriellen Ära ist ab Ende des Ersten Weltkrieges deutlich erkennbar, bis sie in den 1970er Jahren, als die Eisenindustrie stark abbaute, wieder rückläufig wurde. Den nicht totalen Rückgang in den 1990er Jahren verdanken wir der lokalen Industriezone. Im Gegensatz dazu hat sich der Dienstleistungssektor kontinuierlich entwickelt und ist heute einer der wichtigsten Arbeitgeber für die Vereinsmitglieder. Hier spielt das Bankwesen eine entscheidende Rolle. Ab den 1970er Jahren gewann auch der öffentliche Sektor zunehmend an Bedeutung. Die Musikanten sind in Gemeinden, kommunalen Einrichtungen, staatlichen Dienststellen und im Schulwesen tätig. Zudem ist die Zahl der studierenden Musikanten seit den 1970er Jahren stetig gestiegen, was auf die Verlängerung der Schulzeit und die Tatsache zurückzuführen ist, dass die Schüler früher in den Verein eintreten.

Die Musikgesellschaft spiegelt die soziokulturelle Struktur der Dorfgesellschaft wider. Vor der Entwicklung der Eisenindustrie und als kollateraler Effekt des Eisenbahnbaus lebten die Einwohner des Südens von der Landwirtschaft. Mit der Entwicklung der Montanindustrie in den Nachbargemeinden gewann auch die industrielle Arbeit an Bedeutung, mit einem Höhepunkt in den 1950er und einem Rückgang in den 1970er Jahren. Auch die Entwicklung des Dienstleistungsbereiches ab den 1970er Jahren, insbesondere durch die Ansiedlung ausländischer Banken, zeigt sich in der Zusammensetzung der Musikgesellschaft.

Der Wohnsitz der Musikanten

In den Anfangsjahren bis zum Ersten Weltkrieg waren die meisten Musikanten im Dorf und in der näheren Umgebung beschäftigt. Mit der Zeit wurden die Arbeitswege immer länger und die Musikanten wurden mobiler. Nach dem Zweiten Weltkrieg führte das Busunternehmen Sales-Lentz regionale Linien ein, um die Arbeiter zu den Hütten zu transportieren. Ab den 1970er Jahren kamen die Eisenbahn und zunehmend auch der Privatwagen für die tägliche Fahrt zur Arbeit, meist ins Ballungszentrum der Hauptstadt, zum Einsatz.

Bis zum Zweiten Weltkrieg war die Fanfare Orania eine reine lokale Angelegenheit. Die meisten Musikanten lebten, arbeiteten und verbrachten ihre Freizeit im Dorf. Bis zur Gründung ihrer eigenen Musikgesellschaft im Jahre 1910 mussten die Oberkerschener sich nach Niederkerschen begeben, um ihrem Hobby nachzugehen. 

Eine Analyse der Vereinsmitglieder von 1972 zeigt, dass der Verein damals fast ausschließlich aus Niederkerschener Bürgern bestand. Zwar stammten einige Musikanten aus benachbarten Orten, hatten sich jedoch in Niederkerschen niedergelassen und waren dem örtlichen Musikverein beigetreten ‒ darunter Paul Ehlinger aus Esch, der frühere Präsident Willy Eickmann aus Linger, Leiter der örtlichen Sparkassenfiliale, sowie die Gebrüder Scheerer aus Eischen. 

Die Harmonie Orania anlässlich der Hundertjahrfeierlichkeiten in Differdingen, 1939
© Archiv Gemeng Käerjeng

Der Verein – eine reine Männerwelt?

Die Gründung des Vereins im Jahre 1872 war eine reine Männersache – und das sollte bis in die 1950er-Jahre so bleiben. Die einzige geduldete Frau war Andrée Aubart, die Tochter des Präsidenten. Sie marschierte 1939 bei den Jahrhundertfeierlichkeiten als Marketenderin in einem weißen Plisseerock, mit einem „Schnaps­panzele“ umgehängt, im Umzug an der Spitze des Blasorchesters. Ob sie lediglich ein dekoratives Element der Kapelle war oder auch ein Instrument beherrschte, lässt sich heute nicht mehr feststellen. 

Mitte der 1950er-Jahre traten dann drei Musikantinnen dem Verein bei: die Klarinettistin Lily Hoeltgen, ihre Schwester die Flötistin Jeannie und die Klarinettistin Margot Backendorf. Erst 1972, nach dem Ausscheiden von Emile Hoffmann, tauchten erneut Frauen in der Musikgesellschaft auf. Man könnte den Eindruck gewinnen, dass sich der damalige Dirigent bewusst gegen weibliche Mitglieder gewehrt hatte. Doch spätestens in den 1970er-Jahren wurde die Männerdomäne endgültig aufgebrochen. Heute machen Frauen rund ein Drittel der Mitglieder aus.

Der Wechsel in der Vereinsführung

Bis zum Zweiten Weltkrieg lag die Führung des Vereins in den Händen angesehener Persönlichkeiten und Lokalgrößen, die in Niederkerschen bekannt waren, weil sie eigene Betriebe führten und öffentliche Ämter innehatten. Zu den prägenden Figuren gehörte der spätere Tierarzt und Apotheker, der Student Jean-Pierre Wagner, der 1872 maßgeblich an der Gründung der Musikgesellschaft beteiligt war. Auch der Apotheker Arthur Schambourg unterstützte die Gesellschaft beim Wiederaufbau nach dem Krieg. 

Über viele Jahre hinweg führten einflussreiche Notare den Verein: Jean-Nicolas Schumacher und sein Sohn Nicolas-Léon Schumacher standen ihm zusammen insgesamt 26 Jahre vor (1878-1881 und 1881-1904). Anschließend übernahm die Leitung der Brauerei die Geschicke der Musikgesellschaft: zunächst Brauereibesitzer Léon Bofferding (1904-1919) gefolgt von Brauereidirektor Théophile Aubart (1919-1945). Jean-Nicolas Schumacher und Théophile Aubart waren beide zugleich langjährige Bürgermeister von Niederkerschen, der erste von 1858 bis 1893 und der zweite von 1919 bis 1945.

© Carlo Schmitz

Nach dem Zweiten Weltkrieg veränderte sich die Struktur der Vereinsführung grundlegend. Die neuen Vorsitzenden brachten zwar weiterhin eine hohe berufliche Kompetenz mit, waren jedoch überwiegend als Angestellte in der Industrie, im Bankwesen und im öffentlichen Dienst tätig. Jean-Baptiste Origer (1948-1967) arbeitete als Meister im Hüttenwerk Hadir in Differdingen, Alex Conter (1979-1985) als Beamter im Hüttenwerk und Paul Mahowald (2001-2015) als Ingenieur bei der ARBED. Willy Eickmann (1985-2001) leitete die örtliche Filiale der Sparkasse, Paul Wampach, der derzeitige Präsident, war Abteilungsleiter bei der Banque Générale. Emile Ehlinger (1967-1979) wirkte als Lehrer in Niederkerschen. 

Eine Vereinsstruktur aus dem 19. Jahrhundert

Die Vereinsstatuten stammten aus dem Jahr 1872 und wurden im Laufe der Zeit nur geringfügig angepasst – in ihrem Kern sind sie bis heute unverändert. Sie entstammen aus einer Zeit, in der die Dorfgemeinschaft eine zentrale Rolle spielte und das tägliche Leben sich hauptsächlich im Dorf ereignete. Dies begann sich nach dem Ersten Weltkrieg zu verändern, als viele Nieder­kerschener eine Anstellung in den Hüttenwerken fanden. In den 1970er-Jahren pendelten immer mehr Bewohner zur Arbeit in die Hauptstadt und heute sind längere Arbeitswege zur Norm geworden.

Früher war der Verein für viele Mitglieder ein lebenslanger Begleiter. So wurden etwa Alex Conter sowie Erny und Roger Scheerer 1980 für 45 Jahre aktive Vereins­tätigkeit geehrt.1 Nach ihrer aktiven Zeit blieben sie als Ehrenmitglieder auf Lebenszeit mit der Gesellschaft verbunden.

Bis 1965 übernahm der Verein selbst die Nachwuchsförderung und Ausbildung junger Musiker und konnte auf eine stabile Basis von etwa zwanzig Jungmusikern zurückgreifen. Seit 1965 erlernen die Jugendlichen ihr Instrument in der kommunalen Musikschule. Diese bietet heute jedoch eine Vielzahl von Ensembles und Orchestern an und stellt somit eine indirekte Konkurrenz zum Verein dar. Infolgedessen ist die Zahl der Nachwuchsmusiker auf weniger als ein Dutzend gesunken.

Das Freizeitangebot für Jugendliche ist heute nahezu unbegrenzt ‒ von der Playstation über ein 24-stündiges Fernsehprogramm bis hin zu zahlreichen Sportvereinen. Hinzu kommen der lange Schulalltag und die verbrachte Zeit in den Betreuungsstrukturen, die das regelmäßige Üben und Musizieren zusätzlich erschweren. Diese Entwicklungen haben dazu geführt, dass das Durchschnittsalter der Vereinsmitglieder, das bis in die 1970er-Jahre bei etwa 34-35 Jahren lag, inzwischen auf
46 Jahre angestiegen ist.  

In Zukunft wird es unter diesen Bedingungen nicht einfacher werden, junge Menschen für das gemeinsame Musizieren im Verein zu begeistern, die Mitglieder langfristig zu halten und eine ausgewogene Balance zwischen musikalischer Qualität und geselligem Vereinsleben zu finden. Ebenso bleibt es eine Herausforderung, das Vereinsleben sowie die Konzertprogramme für Musikanten als auch für das Publikum attraktiv zu gestalten. 


Jean Reitz arbeitet als unabhängiger Experte und Historiker. Er hat sich auf die Konzeption von größeren historischen und kunsthistorischen Ausstellungen spezialisiert und begleitet verschiedene Museen bei der Neugestaltung ihrer Ausstellungen.


1 „Auszeichnungen bei der Harmonie Municipale Bascharage“, in: Luxemburger Wort vom
24. Januar 1980, S. 9.

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