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Als die Ostindische Handelskompanie Mitte des 17. Jhs. beschloss, auf dem langen Seeweg nach Indien eine Erholungsstation für ihre Seeleute an der Südspitze Afrikas zu errichten, verfügte sie über ein Territorium, das sich zwei Völker teilten: die Buschmänner, Höhlenbewohner und Jäger, und die Khoinkoin, Nomaden und Viehzüchter. Die 1652 von Jan van Riebeeck gegründete Siedlung zog zahlreiche Abenteurer an, und die Kompanie sah sich gezwungen, aus Gründen des "Law and Order" einen Einwanderstopp für Weisse zu verhängen, aus Gründen der Rentabilität aber den Sklavenhandel beizubehalten, der die Niederländer mit billigen Arbeitskräften aus Madagaskar und Indonesien versorgte. Durch Gesetze institutionalisiert, verankerte sich die Sklavenhaltergesellschaft mit all ihren Repressionsmechanismen in der Mentalität der Weissen.
Bald aber wurde der Einfluss der Kompanie den weissen Siedlern der Kapkolonie zu gross und immer mehr Buren zogen auf der Suche nach grösserer Unabhängigkeit und neuem Weideland ins Innere des Landes. Dieses Expansionsbestreben führte zu zahlreichen bewaffneten Auseinandersetzungen mit den Einheimischen, und innerhalb eines Jahrhunderts waren die Buschmänner und die Khoinkoin durch Kriege, Epidemien und Alkohol fast vollständig ausgerottet.
Die zweite Generation der weissen Siedler nannte sich "Afrikaaner", um sich von den Niederländern, der Kapkolonie zu unterscheiden und ihre Sprache, das "Afrikaans", entstand aus einer Mischung des Niederländischen mit einheimischen Dialekten, sollte später zur ersten offiziellen Amtssprache Südafrikas werden.
Trotz des Verbotes der Regierung in Kapstadt, mit den "Kaffern" in Kontakt zu treten, lieferten ihnen die Buren erbitterte und siegreiche Schlachten, die ohne Zweifel zur Gründung einer ersten Burenrepublik geführt hätten, wenn sich die Briten nicht 1806 der Kolonie bemächtigt hätten. Mit ihnen hielt eine Liberalisierungspolitik ihren Einzug (Verbot der Sklaverei und Rassendiskriminierung, gleiche Bürgerrechte für Schwarze und Weisse), die 15.000 Buren 1835 zum "Gros-
sen Trek" bewegte: ausserhalb der britischen Kolonie wollten sie im Rahmen einer souveränen Republik ihre Sklavenhaltergesellschaft neu aufbauen. Am 16. Dezember 1838 vernichteten sie einen Zulustamm unter König Dingaan (noch heute ist der 16. Dezember -Dingaans-Tag- südafrikanischer Nationalfeiertag!) und am 14. Februar 1840 konnten sie die erste Burenrepublik, Natalia, ausrufen, in der nur holländische, in Kapstadt geborene Südafrikaner das volle Bürgerrecht hatten. Die Sklaverei wurde wieder eingeführt und die Zwangsansiedlung aller Nicht-Weissen in festgesetzte Gebiete verfügt.
Das rasche Eingreifen der Engländer, das zum 1. Krieg zwischen Buren und Briten führte, verhinderte die Anwendung dieser Massnahmen, und wieder einmal zogen die Buren die Auswanderung der Anpassung vor.
Neben Natalia annektierten die Engländer Gebiete, die ein zweiter Burentrek jenseits des Oranje-Flusses besiedelt hatte und forderten so die Buren zu einer bewaffneten Auseinandersetzung heraus.
A bout portant
Andries Pretorius, dem Bezwinger Dingaans, gelang es, die Briten aus Bloemfontein zu vertreiben und ihnen die Anerkennung der Unabhängigkeit des Transvaal abzutrotzen. In diesem Gebiet, mit der Hauptstadt Pretoria, wurde zum erstenmal die Ungleichheit der Rassen verfassungsmässig verankert und die Sklavereibestimmungen verschärft, war doch der Raub und "Export" von Kafferkindern ein besonders ertragreiches Geschäft.
Als in der Zeit von 1853 bis 1866 in der Burenrepublik Transvaal die ersten Gold- und Diamantenvorkommen entdeckt wurden, änderten die Engländer ihre Kolonialpolitik in Südafrika total, um diese Schätze in den Griff zu bekommen. Kurzer Hand annektierten sie den Oranje-Freisstaat, den sie zuvor den Buren abgetreten hatten, ein zweites Mal und sie bemächtigten sich ebenfalls des Transvaal, gegen das Versprechen, die Rassentrennung aufrechtzuerhalten.
Unter Paul "Ohm" KRUEGER, Inkarnation des Buren-tums in all seiner Selbstherrlichkeit und seinem kalvinistischen Sendungsbewusstsein, entwickelte sich ein aktiver Widerstand gegen die englische Politik. 1880 kam es erneut zum Krieg zwischen Buren und Briten, der dem Transvaal 1884 die Anerkennung der vollen Souveränität durch die Briten einbrachte. Krüger wurde Präsident dieser "Südafrikanischen Republik" und es gelang ihm, die Buren in Transvaal, Oranje und in der Kapkolonie im Namen eines neu erwachten Nationalitätsgefühls gegen die Engländer zu mobilisieren. Das Bestreben der burschen Nationalbewegung, ganz Südafrika zu vereinen und die Engländer vollends zu vertreiben, stand natürlich in krassem Widerspruch zu dem britischen Imperialismus, der seine Verkörperung Ende des 19. Jhs. in Cecil RHODES fand, der mit Krüger nur sein Sendungsbewusstsein und seinen Rassismus gemeinsam hatte. Rhodes wollte ein britisches Afrika, vom Mittelmeer bis zum Kap, und um eine Allianz der Buren mit der neuen Kolonialmacht Deutschland zu verhindern, schloss er das Gebiet der Buren durch eine Reihe von Eroberungen ganz ein.
Als 1886 jedoch in der Transvaal-Republik der Goldboom voll einsetzte, wollte Rhodes nicht abseits stehen, liess sich zum Premierminister der Kapkolonie ernennen (gegen antiliberale Zugeständnisse an die Buren in der "Kaffernfrage"), musste aber dann infolge eines misslungenen Putsches gegen Krueger von der politischen Bühne abtreten. Der lautstarke Jubel der Buren und ihrer deutschen Verbündeten provozierte die Engländer zu einem offenen Krieg, der Südafrika -und seine Bodenschätze- ein für allemal britisch machen sollte.
In diesem Krieg standen sich nicht nur Macht und Habgier gegenüber, sondern auch zwei Gesellschaftssysteme: eine bäuerliche, statische Sklavenhaltergesellschaft und eine kapitalistische, dynamische Industriegesellschaft. Da das britische Weltansehen auf dem Spiel stand, vertraute die Regierung in London die Kriegsführung Lord KITCHENER an, der dem Guerillakrieg der Buren durch die Einrichtung von "Concentration Camps" ein rasches Ende setzte: zu Tausenden wurden die Buren mit ihren Familien in primitivsten Lagern interniert, ohne dass jedoch ihr Widerstand hätte vollends gebrochen werden können.
Die Afrikaaner schöpften neue Hoffnung, als in London die Liberalen an die Macht kamen, die die brutale Politik der Konservativen im Burenkrieg scharf verurteilt hatten. Die Ex-Generäle BOTHA und SMUTS verhandelten mit den Engländern, die ihrem Wunsch "Grossüdafrika" zu errichten, jedoch
Nur Weiße sind wählbar.
Niemand sonst.
Am 29. April 1981 fanden in Südafrika Parlamentswahlen statt. Von rund 28 Millionen Menschen, die im Land leben, hatten nur 1,45 Millionen das Stimmrecht. Die Lösung des Problem? Ganz einfach.
Nur Weiße dürfen wählen.
Niemand sonst.
Von den 1,45 Millionen wahlberechtigten Weißen haben 778.371 (52,3%) für die Partei der Buren, die Nationale Partei (NP) votiert, die seit 1948 im Land das Sagen hat. Die NP gewann – wie immer – die überwältigende Mehrheit der Sitze (131 von 165). Im Endeffekt haben 2,7% der südafrikanischen Gesamtbevölkerung darüber entscheiden, wer das Land regiert.
Wachstum der Bevölkerung in Südafrika in den Jahren 1970 bis 2000*)
| | 1970^{1)} | | 1980^{2)} | | 2000^{3)} | |
| — | — | — | — | — | — | — |
| | in 1000 | % | in 1000 | % | in 1000 | % |
| Schwarze | 15.340 | 70,4 | 20.222**) | 72,2 | 34.265**) | 77,0 |
| Weiße | 3.773 | 17,3 | 4.453 | 15,9 | 5.117 | 11,5 |
| Mischlinge Asiaten | 2.051 630 | 9,4 2,9 | 2.554 795 | 9,1 2,8 | 5.118 | 11,5 |
| Insgesamt | 21.794 | 100,0 | 28.024 | 100,0 | 44.500 | 100,0 |
Miserreer © 1983
Quellen: 1) South African Statistics 1980, 2) von Department of Statistics Pretoria Tab. 17
-
- Institute of Rare Relations Survey 1981 5 52
-
Neue Zürcher Zeitung 12.2.1981
-
Prognose
**) einschließlich Homecards
Schwarze
Weiße
Mischlinge
Asiaten
Verteilung des Einkommens
1977 verfügten Weiße (17%) über 68% der Summe aller persönlicher Einkommen. Schwarze* (83%) über 32% der Einkommen.
- einschl. Mischlinge und Inder
Quelle: Norcross The South African Economic Cape
Town 1981: 5-286
Münster © 1983
nicht nachkamen, sondern sich darauf beschränkten, die beiden Kronkolonien Natal und Kap mit den Burenrepubliken Transvaal und Oranje zur "Südafrikanischen Union" zu verschmelzen. Die Engländer sicherten sich die Unterstützung der Afrikaaner und damit die politische Stabilität in Südafrika, indem sie ihnen gestatteten, das Gleichheitsprinzip der Rassen aus der Verfassung zu streichen und das Wahlrecht allein auf die Weissen zu beschränken.
1910 wurde Südafrika ein sich selbst regieren – des Dominion des britischen Empire mit Louis BOTHA als erstem Regierungschef und den Burengenerälen Smuts, Hertzog und de Wet als Minister. Sofort begannen sie die "segregation" oder afrikaans "Apartheid" in die Praxis umzusetzen. 1912 wurde den Schwarzen durch den folgenschweren "Natives Land Act" verboten, ausserhalb der Reservate Bantustan, die 7,3% des Gesamtterritoriums ausmachten, Land zu erwerben. Durch den "Native Urban Areas Act" (1923) wurde ihnen auch in den Städten bestimmte "Locations" zugewiesen, die sie nicht ohne Arbeitsvertrag bewohnen durften. Diese beiden Gesetze bildeten die Grundpfeiler des Apartheid-Systems, gegen die die Schwarzen nur schwach Widerstand leisteten, suchten sie doch anfangs im Rahmen des 1912 gegründeten African National Congress (ANC) in erster Linie den Dialog mit den Weissen. Erst als Unterredungen, Petitionen, Erklärungen in London und erst Recht in Pretoria auf taube Ohren stiessen, kommt es zu militanteren Protestaktionen.
Die erste ethnische Gruppe, die sich widersetzte, waren die Inder, die auch unter die Bestimmungen der Native-Gesetze fielen. Unter dem Einfluss von GANDHI, der 21 Jahre in Südafrika gelebt hatte, griffen sie zum passiven Widerstand, der zur Lockerung einiger gegen sie gerichteten Bestimmungen führte.
Mit dem Beginn des 20. Jhs. taucht eine neue Bevölkerungsschicht in Südafrika auf: der weisse Proletarier. Der verlorene Burenkrieg, die Industrialisierung und der Geburtenüberschuss zwangen viele ehemalige Burensöhne, ihr Glück
in den Städten, vor allem in Johannesburg, zu suchen, wo man nur Englisch sprach und wo qualifizierte Arbeitskräfte gebraucht wurden. Den ungelernten Hinterwäldern blieb nur "Kaffern"-Arbeit übrig, und das Mythos von der Ueberlegenheit des weissen Mannes geriet ins Wanken. Die Schuld daran gaben sie den Farbigen, den Juden und den Kapitalisten, und so entwickelte sich in den Zöger Jahren "die bursche Spielart des Faschismus". 1922 verbuchte sie die ersten Erfolge: die Rassenschranken in der Industrie wurden verschärft, die Schwarzen vom Streikrecht und später auch aus den Gewerkschaften ausgeschlossen. Die Facharbeiterbereiche wurden allein den Weissen vorbehalten.
1924 wurde James HERTZOG, überzeugter Afrikaaner und Partisan der Rassentrennung Premierminister. Unter seiner Amtszeit wurde die Bevölkerung der Bantustans durch das "Banto Verwaltungsgesetz" noch mehr entrechtet, und der "Immorality Act" von 1927 verbot ausserehelichen Geschlechtsverkehr zwischen Weiss und Schwarz.
Auch Hertzogs nationalistische Politik war von Erfolg gekrönt: ab 1931 erhielt Südafrika die vollständige Unabhängigkeit innerhalb des Commonwealth und somit waren die Afrikaaner Herr im Lande. Hertzog konnte es sich nun leisten, mit dem britisch-liberalen Smuts eine Koalitionsregierung einzugehen und 1934 schlossen die beiden ihre Parteien zur "United Party" zusammen. Damit hatte Hertzog nach Auffassung des rechten Flügels des Burenlagers Verrat an der Afrikaaner-Nation begangen, die nur aus reinrassigen Buren bestehen sollte. Die "Gesuiwerte" (gesäuberte) Partei unter MALAN wurde die Keimzelle der heutigen südafrikanischen Regierungspartei. Zusammen mit dem geheimen "Afrikaaner Broederbond" wollten sie die von Gott verfügte Vorherrschaft der Afrikaaner nicht nur über die Schwarzen, sondern auch über die Engländer durchsetzen. Feindbild, Rassenwahn, Vokabular waren weitgehend identisch mit dem der Nationalsozialisten in Deutschland, durch deren Erfolge sie mächtigen Auftrieb erhielten.
Wieder kam es zu einer Reihe von Gesetzen, die die Lage der Nicht-Weissen verschlimmerten und 1936 die "All African Convention" als Opposition auf den Plan riefen: die Schwarzen verloren das beschränkte Wahlrecht, über das sie noch in der Kapkolonie verfügten und die Fläche der Reservate wurde auf 13% des Territoriums heraufgesetzt.
Der zweite Weltkrieg stellte Südafrika wieder vor das alte Dilemma, das sich schon 1914 gestellt hatte: neutral oder mit England? Hertzogs Neutralitätslinie unterlag, und so musste er Smuts ein letztes Mal den Platz räumen. Militärische Misserfolge der südafrikanischen Kontingente im Einsatz gegen Rommel waren begleitet von einem offenen Paktieren der radikalen Rechten mit dem Feind. Die Regierung liess Tausende von Nazisympathisanten – unter ihnen auch den Journalisten John Vorster – internieren. Trotzdem Hitlers Niederlage die faschistischen Strömungen etwas dämpfte, brachten die Wahlen 1949 die bursche National-Partei unter Malan an die Macht, die mit einem verschärften Apartheid-Programm in den Wahlkampf gegangen war. Mit 16,7% der Bevölkerung beanspruchten sie, "dass Südafrika des weissen Mannes Land ist und dass der Weisse in diesem Land der Herr bleiben muss" (Senator Verwoerd, 1948).
Ihr Programm – ob man es Apartheid oder euphemistisch "getrennte Entwicklung" nennt – bestand aus drei Teilen: Rassentrennung – Entrechtung
aller nicht-Weissen -Aufbau eines Polizeistaates.
1949 wird die Eheschliessung zwischen Weiss
und Nicht-Weiss verboten (Strafe: 7 Jahre Gefäng-
nis, 1950 werden alle Bürger in Rassengruppen
klassifiziert (white, coloured, Bantu) und die-
se Klassifizierung wird in die Pässe eingetragen,
die man immer bei sich tragen muss. Die KP wird
verboten und 1951 wird der Zuzug der Afrikaner
in die Städte noch erschwert. Mischlinge und Inder
werden von den allgemeinen Wahllisten gestrichen
und erhalten eigene Vertretungen. 1953 wird der
Protest gegen die Gesetze mit Gefängnis bestraft
und das "Bantu-Erziehungsgesetz" schafft ein ge-
sondertes Schulprogramm für die Afrikaner. Durch
die Einführung der "Petty-Apartheid" wird die Ras-
sentrennung auch in den öffentlichen Einrichtungen
(Parks, Bibliotheken, Kinos, öffentliche Transporte)
durchgesetzt.
All diese Massnahmen waren nur ein bescheidenes
Vorspiel für die Politik, die 1959 in die Praxis
umgesetzt wird: durch die Zwangsansiedlung aller
Nicht-Weissen in die "Homelands" werden riesige
Gefängnisse geschaffen, die die Bantus nur verlas-
sen durften, um Arbeit zu suchen. Ausserhalb die-
ser Homelands hatten sie keinerlei Recht auf
Grundbesitz oder politische Mitsprache. Damit wur-
den die Schwarzen zu Gefangenen und Fremden in ih-
rem eigenen Land. Nach und nach entstanden 9 Home-
lands, die aus 82 Landfetzen bestehen, von denen
einige nur ca. 500 km² gross sind und wirtschaft-
lich natürlich nicht existenzfähig sind. Die Nicht-
Weissen, die im "weissen" Gebiet wohnen, müssen
in Townships, strategisch angelegten und leicht
abzuriegelnden Stadtvierteln leben, die aus ge-
normten Baracken ohne Strom- und Wasseranschluss
bestehen. 5-9 Personen leben auf 30 m². In eine
Township ziehen darf man nur mit Arbeitserlaubnis
und die Familie darf man erst nach mehrjährigem
Arbeitsaufenthalt nachkommen lassen. (Soweto,
South-West-Town bei Johannesburg hat für geschätz-
te 1,25 Mio Einwohner zwei Kinos, keine Buchhand-
lung, 39 Telefone.) Hoffnungslosigkeit und vom
Staat geförderter Alkohol-Konsum führen zu einer
ständig wachsenden Kriminalität.
1970 wird der Apartheid dann ein letzter legaler
Pfeiler gegeben: alle nicht-weissen Einwohner der
"weissen" Gebiete werden zu Staatsbürgern eines
der neun Homelands gemacht, auch wenn sie es nie
gesehen haben und sind somit auf dem "weissen" Ge-
biet ausländische Gastarbeiter, ohne deren Hilfe
die südafrikanische Wirtschaft allerdings zusam-
menbrechen würde.
Um die Millionen dieser Entwurzelten und Entrech-
teten unter Kontrolle zu halten, werden insgesamt
46 Sicherheitsgesetze verabschiedet: Einsatzmög-
BEREICHE DER APARTHEID
sozialer Bereich
- Einteilung der Bevolkerung nach Rassen (Population Registration Act v. 1950)
- Verbot der Ehe zwischen Angehörigen verschiedener Rassen (Mixed Marriage Act v. 1949)
- Verbot der Geschlechtsbeziehungen zwischen Angehörigen verschiedener Rassen (Immorality Act v. 1950)
- Trennung der Wohnbereiche nach Rassen (Townships) (Group-Areas Act v. 1950)
- Minderwertige Erziehung für Nicht-Weisse (Bantu-Education Act v. 1953)
- Trennung eines grossen Teils von Dienstleistungen (Züge, Busse, Restaurants, Krankenhäuser u.Schulen) nach Rassen
politischer Bereich
- Kein Wahlrecht für Schwarze im eigenen Land (Bantu Authorities Act v. 1951)
- Eingeschränkte Menschenrechte und Grundrechte "Sicherheitsstaat" (Terrorism-Act v. 1967)
- Schaffung sog. Homelands für Schwarze ("Hungerländer") (Natives Land-Act 1913 u. 1937)
wirtschaftlicher Bereich
- System der Wanderarbeit-Zuzugskontrolle
- So gut wie keine Eigentumsrechte im "weissen" Gebiet
- Verbot des Besitzes an Produktionsmitteln im "weissen" Gebiet
- Eingeschränktes Streikrecht für Schwarze (Native Labour Act v. 1953)
- Reservierung besserer Arbeitsplätze für Weisse (Mines and Works Act v. 1913). Seit 1979 abgebaut.
- Ungleicher Lohn für gleiche Leistung (vor allem im Staatssektor)
in: MISEREOR ’83, Werkmappe 1, S.24
lichkeit des Militär im Innern des Landes, will-
kürliches Festnahmerecht der Regierung, Verhängung
des "Bann" über Regimekritiker (totale körperli-
che Isolation, Aufenthaltsverbot, kein brieflicher
Kontakt), beliebige Verlängerung der Haftstrafen.
Trotz – oder vielleicht gerade wegen – dieser Ver-
schärfung der Massnahmen organisiert sich der Wi-
derstand der Schwarzen: nach dem 2. Weltkrieg wur-
de aus dem bisher nur formaldebattierenden ANC
eine militantere Organisation. Ihr Präsident Al-
bert Luthuli (Friedensnobelpreis 1961) weckt
auf unermüdlichen Reisen das politische Selbstbe-
wusstsein der Schwarzen und fordert sie im Rahmen
einer Kampagne des zivilen Ungehorsams auf, die
Gebote der Rassentrennung zu übertreten. 1959 löst
sich der militante Flügel des ANC und gründet un-
ter Führung von Robert Sobukwe den Panafrican Con-
gress (PAC), der das Ende der weissen Herrschaft
in Südafrika anstrebt, wenn auch anfangs nur mit
Methoden des gewaltlosen Widerstandes. Als Protest
gegen die Passgesetze fordert Sobukwe am 21. März
1960 die Schwarzen auf, sich ohne Referenzbücher
festnehmen zu lassen. Im Ghetto von Sharpeville
eröffnet die Polizei das Feuer auf die Demonstran-
ten und tötet deren 69. 20 000 Verhaftungen fol-
gen: Luthuli wird verbannt, Sobukwe kommt in Haft.
In der angespannten Lage nach Sharpeville lässt
Ministerpräsident Verwoerd die Weissen abstimmen, ob sie sich aus dem Commonwealth lösen und eine vollkommen unabhängige Republik werden wollen. Er erringt zwar nur eine knappe Mehrheit von 52%, die aber ausreicht, um den letzten Traum der Nationalisten zu verwirklichen: Südafrika vom Rest der Welt loszulösen und somit die Möglichkeit zu bekommen, alle internationalen Proteste ausser Acht zu lassen. 1960 wird Südafrika Republik und tritt aus dem Commonwealth aus. Sofort schlägt die Opposition zu: Nelson Mandela, der neue Führer der afrikanischen Opposition wird 1962 zu lebenslangem Zuchthaus verurteilt, die Straflager werden ausgebaut und zahlreiche Hinrichtungen vorgenommen. Die Ermordung Verwoerds durch einen Weissen zieht eine neue Lawine von Gesetzen nach sich: Straffreiheit für alle, die Demonstranten in Sharpeville erschossen haben, Zensur, Ausweitung der Bannungsbestimmungen, Legitimation willkürlicher Polizeiaktionen, Arbeitslagerstrafen für Verstösse gegen das Passgesetz.
Mann dieses harten Kurses ist John Vorster, der durch seine unnachgiebige Politik eine neue Opposition auf den Plan ruft, die "Black People’s Convention" (BPC), stark beeinflusst von der Black-Power-Bewegung in den USA und zu keinerlei Kompromiss mit den Weissen bereit. (Ehrenpräsident der BPC wird Steve Biko, der am 12. September 1977 nach vier Jahren Bann im Gefängnis umkommt.) Als 1976 in den schwarzen Oberschulen Afrikaans als teilweise Lehrsprache eingeführt werden soll, kommt es zum blutigen Aufstand der Schüler in Soweto, bei dem 200 Demonstranten – meist durch Schüsse in den Rücken – getötet werden. Aufstände in den Ghettos und den Homelands bringen das Apartheid-System ins Wanken und können nur mit Mühe unterdrückt werden, führen aber zu der Bildung der "Black United Front", in der sich militante Schwarze der Städte und Homelands zusammenschliessen. Die Unruhen, die auf den Aufstand in Soweto folgen, bringen die Regierung dazu, die Unabhängigkeitspolitik gegenüber den Homelands zu beschleunigen: 1976, vier Monate nach Soweto, wird der Transkei als erstem Homeland die Unabhängigkeit verliehen, die aber von keiner anderen Nation anerkannt wird. Als zweites Homeland wird Bophuthatswana 1977 unabhängig, gefolgt von Venda (1979) und der Ciskei (1981).
Laut Regierung sollen die verschiedenen ethnischen Gruppen in den Homelands angesiedelt werden, aus denen sie stammen. Effektiv ist die Zuweisung in ein Homeland absolut willkürlich und geschieht al-
allein im Sinn einer "Teile-und-Herrsche-Politik", die so Reservoirs billiger Arbeitskräfte schafft, in die sie darüberhinaus Arbeitslose, Kranke und alle die, die gegen das Passgesetz verstossen, abschieben kann. Geführt werden die Homelands von gesetzgebenden Versammlungen, die offiziell zwar gewählt, in Wirklichkeit aber grösstenteils von der Regierung benannt werden. Wirtschaftlich sind die Homelands absolut lebensunfähig, reichen die landwirtschaftlichen Produkte nicht einmal aus, um die Bevölkerung zu ernähren. Das Pro-Kopf-Einkommen schwankt zwischen 35,83 Rand pro Monat (ca. 1570 FL) in der Ciskei und 19,19 Rand (ca. 900 FL) in Venda. Wohnungsnot und mangelnde Hygiene führen zu hoher Kindersterblichkeit (ca. 100 Kinder pro Tag), zu Epidemien (1982: 13 137 Cholerafälle) und zu wachsender Jugendkriminalität, gefördert durch die bewusst praktizierte Auflösung der Familien. Ca. eine halbe Million Menschen wurden seit 1975 zwangsumgesiedelt und nur die Blindheit der weissen Politiker, verankert in einem jahrhundertalten Rassismus und in einer grenzenlosen Selbstüberschätzung, führt zu immer ausgedehnteren Apartheid-Massnahmen, die ohne Zweifel auf lange Sicht sich gegen ihre Autoren wenden müssen.
"Die Apartheid hat das Glück der Schwarzen zerstört und jetzt, langsam, aber sicher, zerstört sie auch das Glück der Weissen" (der liberale Politiker Alan Paton nach Soweto, 1976).
Simone BALDAUFF-BECK
BIBLIOGRAPHIE:
Südliches Afrika. Geschichte, Wirtschaft, politische Zukunft. Ein kritisches Handbuch, hrg. von Peter Ripken, = Reihe "Politik" 76, Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 1978
Heinrich Jaenecke, Die weissen Herren. 300 Jahre Krieg und Gewalt in Südafrika, = Goldmann – Sachbuch 11230, Hamburg 1979
Rolf Seelmann-Eggebert, Das Kap der Stürme. Südafrikas Weg in die Krise, Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 1978
Gisela Albrecht, Soweto oder Der Aufstand der Vorstädte. Gespräche mit Südafrikanern, = rororo aktuell 4188, Hamburg 1977
Politische Inhaftierung in Südafrika. Ein Bericht von amnesty international, Baden-Baden 1978
Südafrika heute. Zahlen, Daten, Argumente, hrg. v. Evangelischen Missionswerk, Hamburg 1982
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