Die Schaubühne als moralinsaure Anstalt

Paradoxien eines Literaturintellektuellen. Zu Rolf Hochhuths literarischer Globalisierungskritik

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Die Schaubühne als moralinsaure Anstalt

Zu Rolf Hochhuths literarischer Globalisierungskritik

1965 hatte Rolf Hochhuth in einem „Spiegel“-Artikel die eigentlich triviale Feststellung getroffen, die Bundesrepublik sei im Grunde immer noch eine Klassengesellschaft. In Ludwig Erhards „Wirtschaftswunderland“ kam dies seinerzeit einem Ausmisten des Augiasstalls gleich. Indes war es der in einem Nebensatz formulierte Zusatz, dass nämlich diese Situation eine Rückkehr zum Klassenkampf erzwinge, welcher Kulturbetrieb und politische Klasse Mitte der 60er Jahre zur heftigen Polemik aufrüttelte.

Patrick Ramponi

Seither hat Hochhuth die Rolle des informierten Nörglers und zielsicheren Provokateurs gleichsam institutionalisiert. Beständig um Kompetenz zur Intervention bemüht, laboriert er an der Irritation gesellschaftlicher Sachverhalte. Nicht nur, dass ihm die „Königsrolle“ des universalen Intellektuellen, wie der Soziologe Pierre Bourdieu sagt, zur Schriftsteller-Existenz geronnen ist. Zugleich erzielt er damit, quasi als „Mehrwert“, den nötigen Distinktionsgewinn im literarischen (und intellektuellen) Feld. Denn kulturpolitisch ist der beharrliche Wortarbeiter und Autor des Stellvertreters, seines dramatischen Welterfolges von 1963, der ihm auf Dauer das nötige kulturelle Prestige verschaffen sollte, längst ins Lehrprogramm der Oberstufe verbannt, geradezu musealisiert. Dort lässt sein Moralstück Schillerscher Provenienz, das in spätkapitalistischen Zeiten – einst von Theodor W. Adorno als unangemessen kritisierte – individuelle Verantwortungsethik predigt, nichts mehr anbrennen. Einmal in den germanistischen Kanon überführt, werden politische Stücke, die eigentlich stören, sowieso sanft anästhesiert. Sie wiegen dort nicht so schwer.

Schlimmer noch ist für das Schicksal eines Autors, der, nebenbei bemerkt, der meistgespielte deutsche Dramatiker ist, wenn er von der akademischen Zunft mehr oder weniger ignoriert wird. Die Anzahl der literaturwissenschaftlichen Dissertationen zu Rolf Hochhuth lassen sich leicht an einer Hand abzählen. Daher die steten reflexartigen Bemühungen, über das Medium der Publizistik, Aufmerksamkeit zu erzeugen. So verarbeitet er in regelmäßigen Abständen einschlägige, politisch kontroverse, mitunter höchst brisante Themen, d.h. Berge von Zeitungsartikeln, zu Dokumentarstücken – von den Befreiungskriegen der sogenannten Dritten Welt über die kriminellen Machenschaften der Pharmaindustrie bis zum Nachwende-Kolonialismus der Treuhand in den „neuen“ Bundesländern. Über die Jahre haben seine hartnäckigen Enthüllungen, die Wirkungskraft seines politischen Theaters und sein unerbittlicher Mut zur Wahrheit sogar einen Ministerpräsidenten und ehemaligen nationalsozialistischen Marinerichter zu Fall gebracht.¹ Doch mehr als die literarischen Arbeiten selbst, ist es der Presserummel, sind es die öffentlichen Wort-Fehden, die Hochhuths Inszenierung als engagierter Schriftsteller garantieren, ihm immer wieder erneut zur Akkumulation und Verwertung des „symbolischen“ Kapitals verhelfen. Rolf Hochhuth, einer der letzten gesellschaftlichen Sachverwalter, braucht zivilgesellschaftliche Öffentlichkeit wie die Luft zum Atmen, auch und gerade in Zeiten, wo letztere dünn wird.

Der Luxemburger Patrick Ramponi studiert neuere deutsche Literaturwissenschaft und Geschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin, wo er an einer Magisterarbeit „Der 60er Peter Weiss. Variationen des Authentischen“ arbeitet. Er ist Autor wissenschaftlicher Publikationen und bei Attac engagiert.

Nun hat Hochhuth ein Stück vorgelegt, das sich selbst an die literarische Spitze der Globalisierungskritik katapultieren will, was freilich, wegen Mangel an Konkurrenz, kein besonders aufwendiger Akt ist. McKinsey kommt (dtv 2003) will nichts Geringeres, als den globalen Raubtierkapitalismus nach Art der USA und die Massenarbeitslosigkeit made in Germany an den Pranger zu stellen. Neoliberale Globalisierung soll endlich auf ihren theatralen Begriff gebracht werden. Es geht um Konzernfusionen, die im politökonomischen Manager-Jargon „feindliche Übernahmen“ heißen, um „Wegrationalisierungen“ zwecks maßloser Profitmaximierung, um zynische Bosse, die Nationalstaaten wegen Steuererleichterungen mit „Standortflucht“ erpressen und um euphemistische Medienberater, welche die einlullende Begleitmelodie zum „Entlasser-Skalpell“ spielen. Letztere sind in den Augen Hochhuths besonders anrüchig, da sie als lohnschreibende Akademiker mit Dreiteiler und Designer-Turnschuhen das genaue Gegenteil der Spezies ‚engagierter Schriftsteller‘ verkörpern. Für die Anbiederung an die „globalisierte Herrenschicht“ fand Julien Benda bereits in den zwanziger Jahren die treffende Formulierung der „trahison des clercs“.$^{2}$

Über allem thront „McKinsey“, die Allegorisierung des Neoliberalismus, die „Metapher“$^{3}$ globaler Konzernherrschaft und des „Terrors der Ökonomie“ (V. Forrestier). Die Beraterfirma wird inszeniert als ein Heer von blassen Bürokraten in Nadelstreifenanzügen – wie überhaupt bei Hochhuth alles personalisiert wird: die oben böse, die unten anständig und gut, die arbeitslose „Enkelin“ und „Intellektuelle“ natürlich betont „jung“ und „schön“. Altherren-Dramatik, die sich bisweilen, wie in der Gerichtsszene des fünften Aktes, auf das Niveau von TV-„Richterin Barbara Salesch“ herab lässt. Dazu gibt es deftige Merksätze, die weniger von „penibler Recherche“ („Süddeutsche Zeitung“) zeugen als von Stammtisch-Gepolter, was Hochhuth dann noch „dem Volk aufs Maul schauen“ nennt.

Politische Themenwahl und die anklägerische Fokussierung der Banken und multinationalen Konzerne als die Triebfedern der neoliberalen Konterreformen für sich genommen sind sicherlich verdienstvoll. Aufklärung und Agitation im bürgerlichen Theaterbetrieb prinzipiell auch. Doch ein Wirtschaftsdrama, das der komplexen Skrupellosigkeit des globalen Kapitalismus, seiner Repräsentations- und Profitlogik mit moralischen Standpauken und einer gnostischen Weltanschauung beikommen will, ist nicht nur nicht auf der darstellerischen Höhe der Zeit, sondern gleitet ab ins Voluntaristische, mitunter in durchaus reaktionäre Beschwörungen des National-

Hochhuth 1965

staates und autoritärer Arbeitsvorstellungen aus deutscher Gründerzeit.

Statt Kritik am Kapitalverhältnis und der Durchökonomisierung aller Lebensbereiche wird hier gnadenlos dem Arbeitsfetisch gehuldigt, die sozialetische Märke vom „guten“ Kapitalismus gepredigt, der, einmal das „Recht auf Arbeit“ tief in der bürgerlichen Verfassung verankert, der „Diktatur“ des Weltmarktes zu trotzen vermag. Kein Wunder, dass dieser Mann, weit entfernt vom „guten alten Klassenkampf“ (Berliner tip), von der „Revolution von oben“ schwafelt. Das Recht auf Arbeit wird unter Umständen zum freiwilligen Arbeitszwang – im Dienste der nationalautoritären Gemeinschaft.

Hochhuths Globalisierungsstück bietet alles in allem eine krude Mischung aus preußischem Sozialismus und Zeitgeist-Antiamerikanismus der dummen Kerle. Leider bewegt sich der „reaktionäre Racheengel“$^{4}$ weniger in der Tradition Brechts, Piscators und des proletarisch-revolutionären Theaters der 1920er Jahre denn in den konservativ-revolutionären Fußstampfen Ernst von Salomons.

Hochhuth heute

Ästhetisch belanglos, wurde McKinsey kommt dennoch zum Politikum. Seiten wurden geschwärzt, Fernseh-Interviews gegeben, Revolutionsdrohungen ausgesprochen, Standpunkte zugespitzt und insgesamt über 500 Artikel publiziert – all dies wegen eines holprigen Sonetts, das unter dem Titel „Warnung“ vermeintliche Morddrohungen gegen den Vorstandssprecher der „Deutschen Bank“ richtet: „Die ‚FAZ‘ lehrt A.’s rechtlose Opfer als ‚Umbau‘ tarnen! / ‚Tritt‘ A. nur ‚zurück‘ wie Geßler durch – Tell? Schleyer, Ponto und Herrhausen warnen.“ Ein peinlicher Schwall bildungsbürgerlicher Anspielungen in Versform, der – obwohl literarisch völlig missglückt (ist das wirklich ernst gemeint?) – die Aura des Klassikers mit Provo-Slang der Post-68-Ära verquirlt.

Empörung trifft auf Empörung. Michael Rogowski, dem Präsidenten des Bundesverbandes deutscher Industrieller, blieb das Wort „Klassenkampf“, mit dem er Hochhuth als Befürworter von „Terrorismus und Guillotine“ beschuldigte, beinahe im Halse stecken. Zur Farce geriet die Szenerie dann vollends als die Deutsche Bank juristische Schritte gegen Hochhuth ankündigte, diese aber im letzten Moment unterließ, aus Angst vor schlechter Presse, da besagter Josef Ackermann wegen Veruntreuung vor Gericht stand und Hochhuths Polemik als misslicher

Medienverstärker störte. So ist es nur als bittere Ironie anzusehen, wenn Ackermann und Co in arroganter Siegerpose im Mannesmann-Prozess eben jene kritikwürdige Personalisierungsdramatik nachträglich bestätigen, durch die McKinsey kommt doch ästhetisch und politisch so misslungen ist. Spätkapitalistische Konzernwirtschaft zeigt sich vielleicht doch – Adorno widerlegend – in der „Ideologie des Besonderen“⁵, in personeller Verkörperung durch Manager in Nadelstreifen mit astronomischen Verdiensten und „Abfindungen“.

Höchst bezeichnend immerhin, dass die kapitalistische Elite einem literarischen Angriff nur auf dem Feld der Justiz zu entgegnen wagt, es dann doch im letzten Augenblick unterlässt. Hatte dort etwa McKinsey seine Finger im Spiel? Vielleicht kramten ja aufmerksame postindustrielle Medienberater der Deutschen Bank in ihren literaturgeschichtlichen Karteikarten und stießen auf folgenden ‚Präzedenzfall‘ aus alten fordistischen Zeiten: Als 1972 F.C. Delius’ satirische Festschrift Unserer Siemenswelt erschien, wo nichts anderes angestellt wurde, als den Industrie-Kapitalismus des westdeutschen Wohlfahrtsstaats am Beispiel einer Firma sprachkritisch zu attackieren, sah sich die Siemens-AG veranlasst, einen dreijährigen, aufwändigen Prozess gegen Autor und Verlag zu führen. Der Tübinger Rhetorik-Professor Walter Jens hatte dazu damals aus der Perspektive des literarischen Feldes treffend angemerkt: „Ein Siemens-Konzern, der vor Gericht gehen muss, bestätigt die Wirksamkeit von Literatur.“

Gleichwohl bleibt der fahle Geschmack des moralinsaaren Bekenntnishaften, um nicht das im deutschen Literaturstreit von 1991 kreierte, zugegeben: hässliche Wort der „Gesinnungsästhetik“ zu bemühen.⁶ Was Hochhuth in seinem Fünfakter allerdings an den politischen Horizont malt ist eine verelendungstheoretisch grundierte Desperado-Politik, der Aufstand der vom Shareholder-Value-Kapitalismus Entrechteten. Da können auch die seltenen politischen Lichtblicke, etwa die Gründung einer Arbeitslosenpartei oder die ‚ungehorsame‘ Besetzungsaktion im Gerichtssaal mit Attac-Fahnen, nichts dran ändern. Wenn die Demonstranten am Ende rufen: „Diesem Europa ohne sozialrevolutionäre Idee erklären wir den Krieg!“, dann ahnt man, was in der Manier des Arbeiterbewegungs-Agitprop-Theaters der zwanziger Jahre aus dem Drama hätte werden können. Aber die dort auf der Bühne verlautbaren, man müsste mal wieder „ein paar Mollis schmeißen“, frei nach Jakob Burkhardt, der neben Bismarck und Schiller Hochhuths als angestaubter Gewährsmann für alles herhalten muss, „Richter in eigener Sache“ werden und

nach der Kalaschnikow greifen, sind bloß triste Widergänger von Kleists Michael Kohlhaas. Meilenweit entfernt von der ästhetisch radikaleren Devise des Rivalen Heiner Müllers, dass die eigentliche Aufgabe der Literatur darin bestehe, „die Wirklichkeit, so wie sie ist, unmöglich zu machen“.⁷ Hochhuths globalisierungskritische Dramatik aber bildet sie im besten Falle ab, im schlechten als trostloses Zerrbild im Seifenoperformat.

McKinsey kommt liefert Kathederweisheiten eines Oberlehrers, keine Spur jedoch des dringend notwendigen politästhetischen Laboratoriums, geschweige denn die „Skizze“ zur Revolution, die Hochhuth einst im Vorwort zu seinem Stück Guerillas (1970) vom Theater einforderte. Zur Erinnerung sollte er vielleicht noch einmal in den Text schauen und das damals, als junger Mann formulierte poetologische Programm nachlesen, das bis heute nichts an Aktualität eingebüßt hat: „Politisches Theater kann nicht die Aufgabe haben, die Wirklichkeit – die ja stets politisch ist – zu reproduzieren, sondern hat ihr entgegenzutreten durch Projektion einer neuen.“⁸

Da kann auch die zweifellos gut gemeinte, ansonsten aber recht phantasielose Inszenierung am Brandenburger Stadttheater (Regie: Oliver Munk) nicht mehr rausholen. Wenn etwa eine ganze Szene im Austrinken einer Flasche Wodka ersäuft, dann ist sogar schlechtestes Dorftheater erbaulicher. Wo gehobelt wird, fallen bekanntlich Späne. Hochhuths dramatis personae allerdings neigen bisweilen, wie der Autor selbst, zur Argumentation mit der Kettensäge. Geisterstunde in den tristen Industriebrachen Brandenburgs, einer Region mit über zwanzig Prozent Erwerbslosigkeit. Auch das Theater wird nach dieser, vielleicht – dank Hochhuth – erfolgreichsten Saison nach der Wende seine Türen schließen müssen und das Schauspielerkollektiv den Sparmaßen und „Auslagerungen“ im öffentlichen Kulturbereich zum Opfer fallen. Die Beraterfirma McKinsey war so dreist und hatte für ihre Mitarbeiter im Vorfeld eine ganze Vorstellung gebucht.

In Zeiten eines Funktionswandels der literarischen Intelligenz, wo der Geltungsbereich des Intellektuellen sich eher auf ästhetische Belange zurückgedrängt sieht, hält Hochhuth im Tauschgeschäft am Markt der symbolischen Güter unbeirrt an seiner althergebrachten Währung fest: die moralische Autorität, gepaart mit der nötigen Portion Narzissmus – Garant für die Abhebung von der mittelmäßigen Mitwelt und altklage Vorträge zu Bismarcks Sozialpolitik vor CDU-Veteranen im großbürgerlichen Berlin-Zehlendorf. So anachronistisch diese Haltung auch vor dem Hintergrund einer Informationsgesell-

schaft, die Intellektuelle in kollektive Medienverbünde und Rezensionskartelle einspannt und zu Entertainment des Publikums degradiert, erscheinen mag, so erfolgreich scheint sie sich als Diskursstrategie im Fall Hochhuth zu behaupten. Die Flut der Artikel, der Verrisse, die medialen Plattformen – zuletzt inszenierte sich der Autor fürs Fernsehen auf dem „roten Sofa“ des ZDF während der Leipziger Buchmesse – sprechen für sich.

Rolf Hochhuth ist bekennender Moralist. Moralisten fokussieren gesellschaftliche Verhältnisse als Personen und begreifen Sozialität in erster Linie als zwischenmenschliches Beziehungsgeflecht. Alle Moral, so Niklas Luhmann, beziehe sich auf die einzige Frage, „ob und unter welchen Bedingungen Menschen einander achten bzw. missachten“.⁹ Hochhuths Personalisierungsdramatik und sein geradezu naives Urvertrauen in die Geschichtsmächtigkeit großer Figuren, kurz: seine idealistische Ethik des Individuellen ist intelligenzsoziologisch der Ausdruck einer Dialektik von Autorität und Gegen-Autorität. Paternalistische Regierungsmodelle, wie sie die Bundesrepublik Adenauers, Kiesingers und auch Helmut Kohls auszeichnete, benötigten starke Gegenfiguren wie Böll, Grass und Hochhuth. Dabei war die Beschimpfung als „Pinscher“ seitens der Herrschenden die vielleicht höchste Auszeichnung, die einem damaligen oppositionellen Schriftsteller verliehen werden konnte. Jenseits der „formierten Gesellschaft“ (L. Erhard) aber, so konstatierte einmal Hans Magnus Enzensberger, sind solche Rollenzuschreibungen überflüssig geworden. Ja, es hat eine spätmoderne „Vergesellschaftung solcher Rollen“¹⁰ stattgefunden und das, was Hochhuths Kritik am zerstörerischen Globalkapitalismus motiviert, haben politische Organisationen und soziale Bewegungen wie Attac längst im sozialen Raum effektiver zum Ausdruck gebracht. Aufklärungsrolle und Bildungsfunktion sind damit erfolgreich ausgefüllt. Das Paradoxe an der Lage des Literaturintellektuellen ist, dass er in die feldfremde Rolle des „moralisierenden Ersatzpolitikers“¹¹ gedrängt wird, diese aber dann auch, wie der 73-jährige Rolf Hochhuth demonstriert, bereitwillig bedient. Die Literatur aber, solange sie nur moralisiert und inhaltliche Reproduktionsarbeit leistet, kann dem lediglich hinterher hinken.

¹ Kaum zu überbieten ist die bittere historische Farce, die sich am 23. Mai, dem 55. Jahrestag der Verkündigung des deutsche Grundgesetzes, im Berliner Reichstag abspielte: NS-Marinerichter Hans Filbinger, den u.a. Hochhuths Stück „Juristen“ damals zum Rücktritt vom Amt des baden-württembergischen Ministerpräsidenten zwang, wählt, von der CDU als Wahlmann für die Bundespräsi-

Die Literatur aber, solange sie nur moralisiert und inhaltliche Reproduktionsarbeit leistet, kann lediglich hinterher hinken.

dentenwahl nominiert, wählte den ehemaligen IWF-Generaldirektor Horst Köhler ins höchste Amt der Bundesrepublik Deutschland. Hochhuth hatte zuvor in einem Leserbrief an den „Spiegel“ empört Stellung bezogen: „Dies alles [die Tatsache, dass Filbinger noch in britischer Kriegsgefangenschaft einen Matrosen wegen Desertion hat hinrichten lassen] weiß haargenau auch der neue Präsident. Was muß er für eine nichtswürdige Auffassung von unserem höchstem (!) Staatsamt haben, dass er sich von dem Gangster Filbinger in dieses Amt einführen läßt. Hoffen wir, dass nicht wenige unserer Abgeordneten die Konsequenz aus dieser ekelhaften Brandmarkung des deutschen Volkes ziehen – und die Gegenkandidatin wählen.“ Zit. nach: http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,300680,00.html (23.5.04)

2 Julien Benda: La Trahison des Clercs, Paris 1927. Eine auszugsweise deutsche Übersetzung erschien erst 1948 unter dem Titel: „Der Verrat des Geistigen“ in der Literarischen Revue 3, 1948.

3 Vgl. dazu: Nikolaus Piper: McKinsey als Metapher. Rolf Hochhuth, der Mord und der Kapitalismus, in: Süddeutsche Zeitung, vom 17. Februar 2004.

4 Jürgen Roth: Reaktionärer Racheengel, in: konkret, Heft 3, März 2004, S.45.

5 Theodor W. Adorno: Offener Brief an Rolf Hochhuth, in: Walter Hinck (Hg.): Rolf Hochhuth – Eingriff in die Zeitgeschichte. Essays zum Werk, Reinbek b. Hamburg 1981, S. 25.

6 Vgl. dazu Karl Deiritz/Hannes Krauss (Hg.): Der deutsch-deutsche Literaturstreit oder „Freunde, es spricht sich schlecht mit gebundener Zunge.“ Analysen und Materialien, Hamburg/Zürich 1991.

7 Heiner Müller: Zur Lage der Nation, Berlin 1990, S. 21.

8 Rolf Hochhuth: Guerillas. Tragödie in 5 Akten, Reinbek b. Hamburg 1970, S. 20.

9 Niklas Luhmann: Soziale Systeme. Grundriss einer allgemeinen Theorie, Frankfurt a.M. 1985, S. 318.

10 Hans Magnus Enzensberger: Das empfindliche Ungeheuer. Eine Wahlkampf-Unterhaltung aus dem Jahre 1987 mit Hellmuth Karaseck, in: Ders.: Mittelmaß und Wahn. Gesammelte Zerstreuungen, Frankfurt a.M. 1988, S.239.

11 Klaus R. Scherpe: Die Wende von 1989. Moral, Ästhetik und Politik der literarischen Intelligenz, in: Ders.: Stadt-Krieg-Fremde. Literatur und Kultur nach den Katastrophen, Tübingen/Basel 2002, S. 289–313, hier: S. 303.

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