Die Vorteile des türkischen Haselbaums

Kostümierte Heimat. Guy Rewenigs Saarbrücker Glossen (30)

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Kostümierte Heimat

Die Vorteile des türkischen Haselbaums

Guy Rewenigs Saarbrücker Glossen (30)

Die Südgemeinde Kayl hat ihren Dorfkern drastisch verschönert. Mit «rustikal-historischem Gepräge», wie die Presse berichtet, wurde das frühere Grubenarbeiterdorf aufgewertet. Die Gemeindeverantwortliche setzten für einmal nicht auf provinzielles Flair, sondern bevorzugten Anleihen aus dem internationalen Katalog der Schönheitsattribute. So wurde ein Skulpturensockel in der südchinesischen Provinz Fudjian aus dem Stein gemeisselt. Das verbindet die kleine Ortschaft vorteilhaft mit den berühmten Steinbrüchen der großen Welt.

Noch auffälliger und sinnträchtiger ist die neue Vegetation auf den Bürgersteigen der Rathausstraße. Hier wurden zwölf türkische Haselbäume der Sorte «Cornylus colurna» gepflanzt. Zitieren wir aus einem Bericht des «Luxemburger Wort»: «Der türkische Haselbaum gilt nach Angaben von Marcel Wilwert, Leiter des technischen Dienstes, als äusserst stadtklimafest. Er widersteht besonders gut möglichen Baumkrankheiten und dem Insektenbefall. Seine Früchte sind essbar. Die regelmässige, breitkegelförmige Krone soll an warmen Sommertagen den Schulkindern, deren Eltern oder einfach nur Spaziergängern kühlen Schatten spenden.»

Bei soviel multikultureller Baumpflege wird einem richtig warm ums Herz, und man möchte sehnsüchtig stöhnen: wären doch alle Einwanderer, Gastarbeiter, Asylsuchende in Luxemburg einfach nur Haselbäume! Die echten Türken zum Beispiel, die sich mitunter nach Luxemburg verirren, haben bei weitem nicht die positiven Eigenschaften der Haselbäume aus ihrer Urheimat. Die echten Türken spenden weder kühlen Schatten, noch sind sie pflegeleicht und wetterfest, auch ihre Früchte sind in

der Regel ungeniessbar. Wenn also Türkisches nicht in Form von Haselbäumen einherkommt, trägt es in der Regel gar nicht zur Stadtverschönerung in den idyllischen Luxemburger Gefilden bei.

Der Bürgermeister der Gemeinde Mamer beispielsweise hat neulich in aller Öffentlichkeit freimütig bekannt, er habe in seiner großen Ortschaft nur insgesamt fünf ausländische Flüchtlinge aufgenommen, weil er sich sorgt um Gleichgewichtsstörungen unter der einheimischen Bevölkerung.

Die echten Türken spenden weder kühlen Schatten, noch sind sie pflegeleicht und wetterfest.

Der gleiche Bürgermeister hat soeben einen jahrelangen, erbitterten Kampf gegen eine riesige Industriemülldeponie auf dem Territorium seiner Gemeinde für sich entschieden. Vielleicht kam der Sieg ein bißchen zu früh. Ausländische Deportierte, so hört man, sind nämlich in der Regel ausgezeichnete Müllsortierer. Das Arbeiten im Müll ist ihnen irgendwie angeboren. Wäre die Mülldeponie gebaut worden, hätte der Bürgermeister sein Herz sperrangelweit öffnen und ein paarhundert, wenn nicht gar tausend kosovo-albanische Flüchtlinge in seinem Bering aufnehmen können.

Soeben haben die luxemburgischen Fußballvereine per Mehrheitsvotum drei portugiesischen Vereinen, die alle statutarischen Aufnahmebedingungen erfüllten, den Eintritt in den nationalen Fußballverband verwehrt. Auch hier liegt der Fehler eher bei den Portugiesen. Wären sie nämlich als portugiesische Eukalyptusbäume aufgetreten,

schattenspendend und wohlriechend, wären sie von den Fußballvereinen mit offenen Armen empfangen worden. Bald gäbe es kein luxemburgisches Fußballfeld mehr, das nicht von langen Reihen majestätischer Eukalyptuspflanzen aus Portugal umsäumt wäre.

Genauso schief gewickelt sind leider die paarhundert Deportierten aus dem Kosovo, die kürzlich in einer leerstehenden Ausstellungshalle auf Kirchberg einquartiert wurden, in unmittelbarer Nachbarschaft eines sehr gestylten und sehr gediegenen Einkaufszentrums. Ein RTL-Journalist fragte in seiner Reportage ganz zu Recht, ob man denn Menschen, die alles verloren haben, unbedingt im Umfeld eines luxusstarrenden Shopping-Zentrums unterbringen müsse? Kriegsgeschädigte brauchen unbedingt einen adäquaten Lebensrahmen, etwa ein Gelände mit Industrieruinen, das sie erfrischend naturgetreu an ihre zerbombten Heimatdörfer erinnern könnte.

Wen wundert es da, daß zahlreiche Geschäftsbetreiber aus dem schönen Konsumtempel ihr Personal per Brief vor der Präsenz der konsumuntauglichen Deportierten warnten und um erhöhte Überwachungsbereitschaft baten? Zugunsten der aufgebrachten Geschäftsleute muß man anmerken, daß sie ins Ambiente des Kossumtempels schon viele Flüchtlinge der internationalen Flora integriert haben. Warum melden sich die Kosovo-Albaner nicht einfach als Zierbäumchen oder exotische Gewürzkräuter an? Sie könnten mitten im Einkaufsparadies wohnen, gehegt und gepflegt, bewundert und ständig bewässert. Warum nur versteifen sich die Ausländer darauf, immer nur in provokanter Menschengestalt in unseren Breitengraden aufzukreuzen?

SR2 Kultur 28/06/99

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