Ein anderes Radio für Luxemburg?

oder Wunder geschehen selten. Gespräch mit Jeannot Schmitz, Präsident von RadAU Lëtzebuerg a.s.b.l.

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oder Wunder geschehen selten

Seit erstem September dieses Jahres ist das neue Mediengesetz in Kraft. Im Radiobereich ist ein öffentlich-rechtliches Programm geplant, vier Regionalradios, welche ausschließlich von Gesellschaften mit beschränkter Haftung betrieben werden können sowie rund 40 Lokalsender (asbl) mit einer Reichweite von 3-5 km. Derzeit senden noch rund 10 Piraten, unter ihnen RadAU Letzebuerg, einziger nicht-kommerzieller Sender. forum wollte wissen, wie es um die Zukunft eines "anderen" Radios bestellt ist und unterhielt sich mit Jeannot Schmitz, Präsident von RadAU Letzebuerg a.s.b.l.

forum: Ein neues Mediengesetz ist in Kraft. Welche Veränderungen ergeben sich für euch hieraus?

j.s.: Das heißt demnächst, daß sämtliche Piratensender ab der öffentlichen Ausschreibung legaler Frequenzen ihre Sendungen einstellen müssen. Als eine neue Gesellschaft, mit der Unterstützung des Atelier Radio UKaWeechelchen, werden wir dann aller Wahrscheinlichkeit nach, eine Anfrage für eine regionale Frequenz stellen. Das Gesetz vergibt diese Frequenzen nur an Gesellschaften mit beschränkter Haftung (Mindestkapital 500.000.-flux.). Mit Sicherheit wird die finanzielle Absicherung als Antragsteller mit ausschlaggebend sein bei der Zuteilung der Regionalfrequenzen. Zusätzlich zum Gesellschaftskapital muß daher auch ein gewisses Startkapital vorhanden sein. Das Projekt RadAU, wie es bislang funktioniert, ist in einem legalen Rahmen nicht mehr möglich. Dies aus mehreren Gründen: Das Gesetz zwingt uns sozusagen, auf finanziellem Plan und damit auch in punkto ZuhörerInnenzahl in eine Konkurrenzsituation, denn es wurde nicht berücksichtigt, neben einem staatlichen und privat-kommerziellen Standbein, die zukünftige Radiolandschaft auf ein drittes unabhängiges privatgemeinnütziges Standbein zu stellen. Sämtliche Regionalradios müssen sich folglich über Werbung finanzieren.

forum: Kannst du kurz erläutern, warum ein werbefreies Radio in Zukunft nicht mehr funktionieren kann, nachdem ihr dies als RadAU während über fünf Jahren fertig gebracht habt und welches denn die finanziellen Voraussetzungen sind, ein Regionalradio zu betreiben?

j.s.: Na ja, es gibt zwar in dieser Hinsicht Optimisten, die daran glauben, daß RadAU mit einigen qualitativen Verbesserungen werbungsfrei weiterfunktionieren könnte, respektiv sich die Werbung gezielt raussuchen könnte, doch ich glaube nicht an Wunder. In

der sogenannten Alternativszene funktioniert erstaunlich viel auf Freiwilligenbasis, mit einer gehörigen Portion Selbstausbeutung und viel Idealismus. Dies ist lobenswert und zeigt, daß es noch Menschen gibt, denen andere Werte als die des Geldes wichtig sind. RadAU hat mehrere Jahre so funktioniert, doch diese Art und Weise bringt auch einen enormen Verschleiß an Menschen und ihrer Kreativität mit sich. Bei dem ganzen organisatorischen und administrativen Kleinkram geht jedem irgendwann die Luft aus. Ein Radio soll 24 Stunden am Tag präsent sein, 365 Tage im Jahr. Damit sind die Grenzen der Freiwilligenarbeit überschritten. Um als Regionalradio Bestand zu haben, braucht es, nach unseren Vorstellungen, ein professionelles Team respektiv Sekretariat von etwa vier Leuten. Wenn wir diese Leute angemessen bezahlen wollen, brauchen wir, inklusive der Funktionskosten, Studiomaterial, usw., insgesamt etwa sechs bis sieben Millionen pro Jahr. Nehmen wir gutgläubig an, etwa eine Million über Spenden, Konzerte, Discos einzunehmen, dann stehen noch etwa sechs Mio. offen, welche über Werbung hereinkommen sollen. Bei einem konkurrenzlos niedrigen Preis von 2.000.- Flux für einen 30-Sekunden-Werbespot brauchen wir dann im Schnitt jeden Tag 10 Werbespots (bei werbefreien Sonntagen), 250 Werbespots im Monat, 3.000 im Jahr! Jedem der halbwegs Realist ist, dürfte deutlich werden, daß bei solchen Bedingungen nicht daran zu denken ist, sich die Werbekunden nach irgendwelchen gesellschaftspolitischen oder moralischen Kriterien selbst aussuchen zu können.

forum: Kann man ein solches Projekt denn überhaupt als realistisch ansehen? Die Konkurrenz auf dem Werbemarkt wird ja ziemlich groß sein.

j.s.: Mit Sicherheit wird der Druck größer. RTL wird seine Preise wahrscheinlich senken müssen. Mittelfristig wird wohl die Hälfte der neuen Radios bank-

Ein Radio soll 24 Stunden am Tag präsent sein, 365 Tage im Jahr. Damit sind die Grenzen der Freiwilligenarbeit überschritten. Um als Regionalradio Bestand zu haben, braucht es ein professionelles Team.

rott erklären. Selbstverständlich kann man nun auch eine andere Rechnung machen und massiv bei den Personalkosten einsparen. Dann kommen wir wieder über kurz oder etwas länger in die gleiche Situation, in der sich RadAU heute befindet: sinkende Qualität bedingt durch Arbeitsüberlastung.

forum: Das hört sich nicht gerade optimistisch an, wie sieht eure Lösung nun aus? Welches kann die Eigenart eines "anderen" Radios sein?

j.s.: Die Lösung heißt, das Experiment, den Drahtseilakt zwischen Kommerz und Unabhängigkeit zu wagen, sich einer Konkurrenz zu stellen. Nach meiner persönlichen Auffassung ist das Projekt "RadAU" mit diesem neuen Mediengesetz gestorben. Wir müssen uns verstärkt darum kümmern, wie wir Inhalte, Informationen vermitteln wollen und uns stärker an den effektiven Hörgewohnheiten orientieren. Es genügt nicht, Sendungen zusammenhanglos aneinanderzureihen. Unsere Pluspunkte sollen eine stärkere Einbindung der sozio-kulturellen Organisationen, vieler freiwilliger MitarbeiterInnen sowie eine kritische und differenzierte Berichterstattung sein. Ein entgültiges Konzept steht noch nicht, auch will ich nicht zuviel verraten, inhaltliche Schwerpunkte liegen aber zum einen im Bereich der Musikfarbe, wo besonderen Wert auf Variation, spezifische und experimentelle Musiksendungen gelegt werden soll, ein weiterer Schwerpunkt ist die Förderung der Kommunikation und Kreativität mittels eines gezielten Ausbildungsprogramms für Jugendliche, z. B. Radiokurse zur Geschichte und Kultur Luxemburgs oder zu verschiedenen sozialen Gruppen.

forum: Diese Anliegen werden wohl auch von einem öffentlich-rechtlichen Programm aufgegriffen. Inwiefern besteht da noch die Notwendigkeit, ein "anderes" alternatives Privatradio aufzubauen?

j.s.: In Kurzfassung, aus der einfachen Überlegung heraus, daß wir unsere Anliegen, dort wo möglich, selbst in die Hand nehmen und sie nicht nur nach dem Parteienproporz besetzten Gremien überlassen. Wenn man sich in Erinnerung ruft, daß kürzlich von den Regierungsparteien noch darüber debattiert wurde, ob das öffentlich-rechtliche Programm die RTL-Nachrichten nun übernehmen soll oder nicht, kann man sich vielleicht ausdenken, wie weit es mit der Unabhängigkeit dieses Programmes her sein wird.

forum: Das neue Mediengesetz sieht bei den privaten Antragstellern z. B. vor, mehreren eine Frequenz zu teilen zu können. Könnt ihr euch vorstellen eine Frequenz mit jemand anderem teilen zu müssen. Ausländische Erfahrungen haben gezeigt, daß dies oft mehr Probleme schuf als löste.

j.s.: Also am liebsten wäre uns, eine Frequenz mit dem LW teilen zu müssen. Das könnte ganz belebend sein… Ganz im Ernst. Man kann nicht zwei Radios mit verschiedenen Konzepten auf eine Frequenz setzen. Dies führt nur zu unproduktiven Auseinandersetzungen, da schaltet im wahrsten Sinne des Wortes einer den anderen aus und am Ende hört niemand mehr zu. Wenn zwei Antragsteller sich aber freiwillig auf ein gemeinsames Konzept einigen können, warum soll man es dann nicht tun.

forum: Vielen Dank für das Gespräch.

Man kann nicht zwei Radios mit verschiedenen Konzepten auf eine Frequenz setzen.

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