Ein Botschafter für Luxemburgs Kunst und Kultur

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Meine sehr geehrten Damen und Herren!

Die Jurymitglieder haben sich entschlossen, den LIONS-Preis 1994 dem Theatermenschen Frank Hoffmann für sein Engagement und seinen Erfindungsreichtum auf dem Gebiet des Theaters zuzusprechen. Ich möchte mich dafür revanchieren, indem ich der Jury und den Spendern nicht einen Preis – sondern eine hohe Lobpreisung für ihr Engagement und ihren Erfindungsreichtum zolle, gerade Frank Hoffmann als Preisträger ausgewählt zu haben.

Wie wichtig mir der zu Preisende ist, mögen Sie daran ermessen, daß ich die Vorpremiere meiner Inszenierung der französischen Erstaufführung des Stückes "Frühlingserwachen" von Frank Wedekind in Südfrankreich extra um zwei Tage auf gestern Abend vorverlegt habe, um heute hier zu sein.

Dabei wird das Gewicht meiner Anwesenheit nicht unwesentlich dadurch gesteigert, daß ich nach einer Premierenfeier, die – wie es sich nach einer erfolgreichen Premiere gehört – heute morgen um 6.00 Uhr endete, schon eine halbe Stunde später ein Auto bestieg, um rechtzeitig hier zu sein.

1987 in Basel habe ich die erste Inszenierungsarbeit von Frank Hoffmann, der schon einige Zeit ein Geheimtip war, kennengelernt. Da traut sich einer – acht Jahre nach Hans Hollmanns legendärer Aufführung (die zum Berliner Theatertreffen eingeladen wurde und unzählige Preise erhielt) am selben Theater – auf derselben Bühne – noch einmal "Kasimir und Karoline" von Horvath zu inszenieren. Daß es ein ungewöhnlicher künstlerischer und Publikums-Erfolg wurde, sei nur am Rand erwähnt. Bezeichnender ist Folgendes: Jeder kluge Theatermensch, jeder auf seine Karriere bedachte Regisseur, macht einen Bogen um die Inszenierungslegenden seiner Berufskollegen. Den "Prinzen von Homburg" von Kleist hat nach der erfolgreichen Peter-Stein-Inszenierung an der Berlinger Schaubühne 10 Jahre lang kein anderes Theater in Deutschland, der Schweiz und Österreich mehr zu inszenieren gewagt.

Nicht so Frank Hoffmann: Rabenfrech, jugendlich unbekümmert und uneingeschüchtert durch Vorwissen ("Ich komme ja aus Luxemburg – was weiß ich denn, was in einem so winzigen Land wie der Schweiz bisher alles passiert ist!") knallt er auf die-

selben Bretter, auf denen sich nachts noch die Geister der früheren Inszenierung ein Stelldichein geben, eine neue Inszenierung desselben Stückes hin, daß flugs anstelle der alten eine neue Basler Theaterlegende mit diesem Stück geboren wurde. "Sell isch aber fei guat gsi, do ka der Hollmann nimme mit", sagte hinter mir eine Theaterbesucherin, die es wissen mußte.

Und da ich als Theaterleiter auch auf Volkes und nicht nur der Presse Stimme höre, habe ich dann Frank Hoffmann an mein damaliges Theater – ans Staatstheater Kassel – engagiert: für "Zur schönen Aussicht" von Horvath und zwei Uraufführungen.

Nicht, daß das einfach gewesen wäre. Die Bühnen in Darmstadt, Köln, Wuppertal, Frankfurt, Berlin und immer wieder Luxemburg machten es einem nicht leicht, einen Inszenierungstermin mit Frank Hoffmann abzusprechen. Seit ich Intendant am Bonner Schauspiel bin, arbeiten wir indes kontinuierlich zusammen.

Was mich an Frank Hoffmann damals in Basel faszinierte und immer noch fasziniert: daß er neu an egal welches Theater kommt, keineswegs gängige Inszenierungskonzepte umsetzt, und es schafft, aus alteingesessenen und neu hinzugekommenen schweizer, deutschen, österreichischen und gelegentlich luxemburger Schauspielern, alten und jungen, in kürzester Zeit eine verschworene Gemeinschaft zu machen.

Das hängt damit zusammen, daß er die Schauspieler liebt. Seine ausgesuchte sensible Höflichkeit schließt ihm die Herzen und Sinne der Leute auf, er vertraut auf sie. Daß er dabei insgeheim von einer Hartnäckigkeit ist, die man sonst nur im Schwabenlande, wo ich herkomme, nicht aber im liebenswürdigen Luxemburg vermutet, habe ich als Intendant öfter zu spüren bekommen: wie offen er auch bei der Stückauswahl ist – keine Macht der Welt (und welche Macht wäre größer als die eines deutschen Intendanten, eines der letzten Feudalherren in unserer Gegenwart) kann ihn davon überzeugen, eine einmal zusammen mit seinen Schauspielern auf den Proben gefundene theatralische Lösung wieder zu ändern. Das schätzen Schauspieler und Intendanten – Opportunisten mögen wir nicht.

Wie arbeitet Frank Hoffmann als Regisseur?

Jeder kluge Theatermensch, jeder auf seine Karriere bedachte Regisseur, macht einen Bogen um die Inszenierungslegenden seiner Berufskollegen. Nicht so Frank Hoffmann.

Leseproben mag er eigentlich nicht. Man merkt ihm die Ungeduld an; am liebsten möchte er sofort auf die Bühne gehen und mit den Schauspielern probieren.

Das verwundert zunächst, ist er doch vom Studium her Literaturwissenschaftler und Philosoph, war fünf Jahre lang wissenschaftlicher Assistent an der Universität Heidelberg, wo er 1983 über Genet auf dem Hintergrund der Philosophie Foucaults promovierte.

Doch im Laufe der Probenarbeit wird seine Methode verständlich. Er möchte die Schauspieler nicht mit dramaturgischen und konzeptionellen Analysen beengen, sondern sie öffnen, sich einem Text unbefangen mit ihrer Phantasie zu nähern – über Körperhaltungen, Improvisationen, Assoziationen – über das Spiel. Das Spiel, die Probenarbeit, ist seine Leidenschaft. Dabei vergißt er die Zeit; manchmal arbeitet er von morgens bis nachts ohne Unterbrechungen.

Frank Hoffmanns Theater begann auf der Studentenbühne: er spielte, schrieb Stücke und inszenierte. 1981 wurde er Assistent von David Mouchtar-Samurai, zwei Jahre später führte er bereits selbst Regie. Mit Schillers Fragment "Demetrius", einer seiner ersten Luxemburger Arbeiten, wurde er 1984 zu den Mannheimer Schillertagen eingeladen. Die Kritik feierte ihn als "eigenwilliges junges Talent". Seitdem hat er in Basel, Darmstadt, Köln, Kassel, Frankfurt, an der ehemaligen Freien Volksbühne in Berlin-West und am Schauspiel Bonn gearbeitet – und kehrt immer wieder aus Liebe zu seiner Heimat an seinen theatralischen Ursprungsort zurück.

Frank Hoffmann hat inzwischen mehr als 50 Stücke auf die Bühne gebracht. Er gehört nicht zu den Regisseuren, die sich ausschließlich für Klassiker interessieren. Goethe, Schiller, Kleist, Ibsen und Shakespeare hat er zwar inszeniert und sich an der klassischen Form gerieben. Doch immer wieder stellt er sich der Herausforderung von zeitgenössischen Texten, die formal und ästhetisch neue Wege beschreiten. Eine besondere Vorliebe hat er für die lateinamerikanische Dramatik entwickelt. Er hat Rodrigues und Cabrujas (und diesen gleich zweimal) inszeniert und die Uraufführung eines Stückes von de la Parra in Paris. Ihn reizen Texte von Autorinnen. "Sie sind offener, lassen mehr Zwischenräume für Phantasie." So war einer seiner größten Erfolge die Uraufführung von Gundi Ellerts "Lenas Schwester" bei mir in Kassel 1990, wofür ihn Kritiker in der Umfrage von "Theater heute" neben seinen Kölner Arbeiten zum Nachwuchsregisseur des Jahres nominierten. Am Schauspiel Bonn inszenierte er in deutscher Erstaufführung von der Holländerin Judith Herzberg "Tohuwabohu" und "Die Donau" der amerikanischen Autorin Maria Irene Fornes.

Seine Inszenierungen tragen eine unverwechselbare Regie-Handschrift. "Zerstückelt die zerstückelte Welt aufarbeiten, das Geschlossene theatralisch auf-

brechen, das Andere freisetzen, gegen das Gleiche denken, umdenken. Spielen." – das ist sein Theater-Credo. Dennoch ist er kein Stückezertrümmerer. Texte theatralisch aufzubrechen, heißt für ihn nicht, sie zu dekonstruieren. Er erzählt weiterhin Geschichten, aber er erzählt sie verschlungen, sprunghaft, in Facetten aufgefächert und aus ihren gewohnten Zusammenhängen gelöst. Hoffmann liebt es, mit den Kategorien von Raum und Zeit zu spielen und die Bedeutungsräume eines Textes durch starke Bild-Erfindungen, durch gestische und akustische Zeichen zu erweitern. Schauspieler können sich in seinen Arbeiten wunderbar entfalten. Er treibt sie oft in eine extreme Körpersprache, ein Mittel, um innere Gefühle und Leidenschaften zu visualisieren. Er hat ein sicheres formales Gespür für den Rhythmus einer Aufführung, er läßt sich oft Zeit beim Erzählen, hält inne, verweigert sich der Schnellebigkeit der Wahrnehmung unserer Zeit. Er nimmt sein Publikum als Partner sehr ernst, indem er ihm die Freiheit zurückgibt, aus einem Angebot von Deutungsmaterial selbst auszuwählen. Lösungen bietet das Theater Frank Hoffmanns nicht an, dafür aber einen ausgeprägten Humor. "Angesichts der Katastrophe zu lachen, ist eine große Kunst."

Gigantisch sein Einsatz für Luxemburg und die Luxemburger Kunst: für die Schauspieler aus Luxemburg, für Komponisten, Autoren – nicht wenige sind ja heute hier. Ich habe zusammen mit dem Büchnerpreisträger und Dramatiker Tankred Dorst das Festival "Bonner Biennale – Neue Stücke aus Europa" gegründet – das weltweit größte Festival, das ausschließlich zeitgenössische Theaterstücke in der Originalsprache aufführt. Unter 39 europäischen Ländern zwischen Lissabon und dem Ural, dem Polarkreis und Sizilien die 26 bemerkenswertesten Stücke auszuwählen, ist nicht einfach. Im Juni 1994 war Luxemburg mit "Eisefresser" von Guy Rewenig auf Letzeburgerisch auf der Biennale in Bonn – dank des Einsatzes und der Inszenierung von Frank Hoffmann.

Nicht eingegangen bin ich auf die wissenschaftlichen und schriftstellerischen Arbeiten von Frank Hoffmann zum Theater. Ich gehe davon aus, daß sie hier im Saal jeder gelesen hat und daß ich Ihnen infolgedessen nichts Neues darüber berichten könnte.

Was ist die Konzeption für die Kultur in einem vereinigten Europa? Das Eigene im Fremden bewahren, die Vielfalt in der Einheit zu erhalten. Frank Hoffmann arbeitet aus diesem Geist. In ihm hat Luxemburgs Kultur und Kunst einen unschätzbaren Botschafter in Europa.

Dr. Manfred Beilharz

Intendant Schauspiel Bonn

und Ko-Direktor Bonner Biennale

Er schafft es, aus alteingesessenen und neu hinzugekommenen schweizer, deutschen, österreichischen und gelegentlich luxemburger Schauspielern, alten und jungen, in kürzester Zeit eine verschworene Gemeinschaft zu machen.

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