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Guy Bock

Ein Hochofen wandert aus

Der Titel mag etwas sonderbar klingen: Menschen wandern aus, weil sie in ihrem Heimatland keine Perspektive haben oder ihr Glück in der Ferne suchen wollen, aber ein Hochofen?

Und doch, das Bild des Auswanderers ist in Bezug auf Hochofen C (HO C) von Esch-Belval schon anwendbar. Keine Perspektive mehr in Luxemburg? Ein neues Glück, sprich neues Leben in China? Das trifft alles zu.

Doch wie konnte es hierzu kommen? Der Auswanderer ist ja nicht irgendwer gewesen, kein mittelloser Arbeiter, Bauer oder sonst ein armer Schlucker. Immerhin war er für Jahrzehnte das Aushängeschild für Fortschritt „Made in Luxembourg“. Kein offizieller Staatsbesuch, ohne dass die gekrönten und ungekrönten Häupter ihn besuchten und bestaunten. Sogar ein Papst konnte sich diesem Zauber nicht entziehen.

Als er das Licht dieser Welt erblickte, war er mit allem gesegnet, was es an Modernem und Fortschritt so gab. Ihm fehlte im Grunde nur eine vernünftige Gießhallen-Entstaubung. In Zeiten, als mit dem Wort „Handy“ noch niemand etwas anfangen konnte, arbeitete sein Gehirn und Nervensystem schon mit Bits und Bytes, und wir verständigten uns mit ihm über Monitore. Er gehörte damals, wie wir heute sagen würden, weltweit zu den „Top five“ seiner Gattung. HO C war nicht Stand der Technik, er definierte diesen „Stand“.

Es waren also alle Voraussetzungen dafür gegeben, dass HO C ein langes und er-

fülltes Leben vor sich haben konnte. Er arbeitete zur vollsten Zufriedenheit seiner Herren, und seine Betreiber waren mächtig stolz auf seine Leistungen. Seine Zukunft schien abgesichert zu sein, eine eigene Kokerei war geplant und sogar der Bau eines HO D.

In Zeiten, als mit dem Wort „Handy“ noch niemand etwas anfangen konnte, arbeitete sein Gehirn und Nervensystem schon mit Bits und Bytes, und wir verständigten uns mit ihm über Monitore.

Dann ist es aber doch ganz anders gekommen. In seinem 14. Lebensjahr haben seine Herren zum Neujahrstag 1992 den Anfang seines Endes mit einem Theatercoup eingeläutet. Und das kam so:

Der Anfang vom Ende

HO C war mittlerweile in die Jahre gekommen. Es gibt im Hochofen einen Bereich, der von außen nicht repariert werden kann. Es ist dies das sogenannte Gestell, ein riesiger Topf aus Kohlenstoffsteinen, welcher das flüssige Roheisen und die Schlacke aufnimmt. Über die Stichlöcher können das Roheisen und die Schlacke aus diesem Topf ablaufen.

Um diesen Kohlenstoff bei HO C erneuern und den dabei entstehenden Produktionsausfall von drei Monaten ersetzen zu können, sollte sein Schwesterofen B (Hochöfen sind, wie Schiffe, immer weiblich!) in die-

dem Jahr modernisiert und für eine größere Produktion ausgebaut werden.

Es war bereits alles vorbereitet: Paul Wurth hatte den unterschriebenen Auftrag, wichtige Anlagenteile waren aus Termingründen schon im Voraus bestellt worden …, als wir zu Neujahr 1992 zwar die besten Wünsche erhielten, uns im gleichen Zuge aber mitgeteilt wurde, dass der Umbau von HO B storniert wurde. Stattdessen sollte nun nur noch eine minimale Reparatur erfolgen, um diesen Ofen für weitere fünf Jahre funktionsfähig zu erhalten.

Hintergrund dieser überraschenden Kehrtwende der ARBED-Herren war, dass sie das Geld für die Reparatur von HO C und den Umbau von HO B für den Bau von Eisenschrott verarbeitenden Elektroöfen verwenden wollten. Die Argumente waren wie gehabt: Steigerung der Rentabilität und Konkurrenzfähigkeit. Von CO₂-Emissionen redete damals noch niemand.

Diese „Mini-Mills“ seien preiswerter, der Schrottpreis sei niedrig im Vergleich zum Gestehungspreis des Roheisens und überhaupt – die Minette sei nicht mehr ergiebig.

In letzter Konsequenz bedeutete diese Entscheidung des obersten ARBED-Managements das Ende der Hochöfen in Luxemburg. Das Geld floss nun nicht mehr in die Erhaltung einer Produktionsweise,

Der Betriebsingenieur Guy Bock war von 1993 bis 1997 Obermeister im Hochofenbetrieb „Production de la fonte“ von ProfilARBED Esch-Belval.

welche über 100 Jahre den wirtschaftlichen Reichtum Luxemburgs begründete. Vielmehr wurde auf eine einfachere, billigere und flexiblere Produktion gesetzt, welche weniger Personal und Kapital erforderte.

Anfang 1992 war dies alles noch nicht so klar, zumal der erste Schrottofen in Schifflingen erst noch gebaut werden musste. HO B bekam seine Mini-Reparatur von Mai bis August. Sein Volumen wurde weder vergrößert, noch mit einem zweiten Stichloch versehen, aber immerhin wurden der Kohlenstoff im Gestell und sein gesamtes Mauerwerk erneuert.

Die 7-Millionen-Tonnen-Regel

Aber wie sollte es mit HO C weitergehen? Am 19. November 1993 produzierte er seine 20-millionäre Tonne Roheisen. Ein Grund zu feiern meinen Sie? Mitnichten! Als relativ junger Hochöfner (das sind die Menschen, welche sich um das Wohl der Hochöfen kümmern) war ich doch etwas überrascht, als meine älteren Kollegen mir die „7-Millionen-Tonnen-Regel von Belval“ erklärten. Hatte ich bis dahin geglaubt, dass Hochofen-Betreiben etwas mit Technikverständnis, Wissenschaft und rationellem Denken zu tun hatte, wurde ich eines Besseren belehrt: Hochöfner kochen auch nur mit Wasser, und die 7-Millionen-Regel besagt, dass ein Hochofen nur 7 Millionen Tonnen pro vorhandenem Stichloch hergibt.

HO C hatte drei Stichlöcher, also hatten wir nur noch eine Million Tonnen „Zeit“, bis etwas passieren musste. Der GAU (größter anzunehmender Unfall) beim Hochofen ist ein Durchbruch am Gestell und das unkontrollierte Auslaufen von flüssigem, etwa 1500 °C heißem Roheisen entlang des Hochofenpanzers. Weil immer irgendwo Wasser zur Kühlung vorhanden ist, kommt es zu heftigen Explosionen in der Gießhalle. Bei solchen Explosionen hat es schon Tote gegeben, vom materiellen Schaden ganz zu schweigen.

Arbeiten auf dem „Vulkan“

Die Uhr lief also, und es wurden alle möglichen Vorkehrungen getroffen, um das Schlimmste zu verhindern oder zumindest die Folgen abzumildern. Da niemand so

Demontage von Hochofen C auf Belval (© Francis Gross, Archiv Sand Ed)

recht wusste, wo es zuerst krachen würde, wurde der gesamte untere Bereich des Hochofens peinlichst gesäubert und soweit wie möglich geschützt. Es wurde ein Frühwarnsystem durch Temperaturüberwachung der Mantelkühlung eingebaut, und Not-Aus-Schalter für die gezielte Abschaltung der Kühlkreisläufe wurden installiert. Die Belegschaft war über das Risiko informiert und allen war klar, dass wir auf einem „Vulkan“ arbeiteten.

Um das traditionell schwache Stichloch 2 zu entlasten, wurde die „Mini-coulée“ auf dem anderen Stichloch eingeführt. Hierbei wurde dasselbe Stichloch nach 10 Minuten erneut geöffnet, und Stichloch 2 konnte so „eine Pause machen“. Das Kuriose an der „Mini-coulée“ war, dass sie auf neuesten Versuchen an einem kleinen Labormodell beruhte, wo die Trennung von zwei Flüssigkeiten unterschiedlicher Dichte (Roheisen und Schlacke) im Stichlochbereich untersucht wurde. Diese Theorie funktionierte in der Praxis bei HO C auch tatsächlich und der Ofen wurde garantiert leer.

Inzwischen war der Schifflinger Elektroofen in Betrieb gegangen, und der Hochofenbetrieb brauchte nur noch die Stahlwerke Differdingen und Belval mit Roheisen zu beliefern. Deswegen wurde im Sommer 1994 HO B stillgesetzt. Um trotzdem alle Chancen für ein schnelles Wiederanblasen zu haben, wurde er tiefgeblasen und danach

bis zum Stichloch geleert. Diese Arbeiten erlaubten es, einen großen Teil der Hochofen-Belegschaft weiter zu beschäftigen.

Der ARBED-Fahrplan war nun schon präziser: Das Differdinger Elektrostahlwerk sollte Anfang 1995 fertig gestellt und bis Mai voll betriebsfähig sein. HO C hätte dann seine Schuldigkeit getan und könnte definitiv stillgesetzt werden. Hochofen B würde im Mai übernehmen, bis dann auch der Elektroofen im Werk Belval produzierte.

Auf dem Papier in der Luxemburger Zentrale sah das vielleicht ganz gut aus, vor Ort gab HO C nun aber erste Zeichen, dass seine Zeit abgelaufen war. Im Dezember 1994 kam es zu einem ersten kleineren Durchbruch im Stichlochbereich, welcher einen Produktionsstopp von einer Woche verursachte. HO C wurde so gut wie möglich repariert und wieder in Betrieb genommen.

Ein Hochofen setzt sich still

Sein endgültiges Aus kam drei Wochen später am Donnerstag den 19. Januar 1995 kurz vor Mitternacht.

Diesmal erfolgte der befürchtete Durchbruch unterhalb von Stichloch 2. Flüssiges Roheisen brannte den Panzer durch, kam in Kontakt mit Kühlwasser und es krachte gewaltig. Die Explosionen konnten in den

umliegenden Ortschaften gut gehört werden. Glücklicherweise wurde niemand verletzt, aber die Belegschaft am Ofen war sehr erschrocken und geschockt. Trotzdem griffen die geplanten Maßnahmen, das Wasser konnte abgestellt und das Leck gegen Morgen mit Beton verschlossen werden.

Verantwortung

Im Nachhinein wurde viel spekuliert und darüber diskutiert, ob die ARBED Leben und Gesundheit der Beschäftigten aus Profitgründen aufs Spiel gesetzt hatte. Als Mitverantwortlicher habe ich am Freitagmorgen um 8.00 Uhr in der Krisensitzung einen Joseph Kinsch erlebt, welcher, genauso bleich und geschockt wie wir alle, ohne den Versuch einer Widerrede das definitive Aus für HO C abgesegnet hat. Ich glaube, wir sind damals alle auseinandergegangen mit dem unausgesprochenen Gefühl der Erleichterung: endlich vorbei der Druck und das Leben unter dem Damoklesschwert eines drohenden schweren Unfalls!

Persönlich denke ich, dass HO C uns ein schönes Abschiedsgeschenk gemacht hat. Er hatte den Zeitpunkt seines Ausbruches nach einem Stillstand gewählt. Es war also recht wenig Roheisen vorhanden und er ließ es krachen während des Wiederanblasens, also bei sehr wenig Druck im Ofen.

Und nicht zuletzt: es war kein Personal auf der Gießbühne, weil es nach der abgeschlossenen Reparatur eine „Choucroute“ in den Umkleidekabinen vorbereitete.

Bei Albträumen hilft es mir zu denken, dass ein Hochofen, welcher über Jahre gehegt und gepflegt wurde, etwas zurückgibt. Eines steht jedenfalls fest: HO C war zwar manchmal schwierig, aber niederträchtig war er nie!

„Arbeit ist die beste Medizin“ – so kann man die nächsten Monate für die gesamte Hochofenmannschaft beschreiben. Der Schock über HO C wurde verarbeitet, indem sich alle Kräfte auf die Wiederinbetriebnahme von HO B konzentrierten. Es durfte ja nicht vergessen werden: es fehlten jeden Tag rund 4 500 Tonnen Roheisen. Die Stahlwerke und Walzstraßen von Differdingen und Belval standen still, und die Belegschaft musste Urlaub nehmen.

« Qui risque trop, perdra »

Dies war dann auch die schlimmste Strafe für das ARBED-Management. Der „manque à gagner“ durch den Ausfall von HO C betrug ein Vielfaches dessen, was seine Reparatur gekostet hätte. Im Februar lief HO B wieder auf vollen Touren, trotzdem fehlten jeden Tag 1 500 Tonnen

Roheisen. Und dies in einer Zeit, als die in den Jahren zuvor eher flaue Stahlkonjunktur endlich wieder kräftig angezogen hatte! Die Konkurrenz rieb sich die Hände: ARBED musste Halbzeug teuer einkaufen, um seine Aufträge überhaupt erfüllen zu können. Das hat den Krämerseelen wehgetan, und diese Folter dauerte dann noch Monate, weil das neue Werk in Differdingen auch noch Anlaufprobleme hatte.

Post Mortem

Doch zurück zu Hochofen C. Nach dem Ausbruch versuchte die Neubauabteilung noch erfolglos die Hochofensau abzustechen. Das ist das flüssige Roheisen, welches sich unterhalb der Stichlöcher im Gestell befindet, also sozusagen um den „fonds de marmite“. Zu dem Zweck wurde ein „Bett“ angelegt, um die geschätzten 1 000 Tonnen Roheisen aufzufangen. Leider dauerte die ganze Operation fast eine Woche, und die Hochofensau hatte sich in dieser Zeit verfestigt. Es dauerte bis Ende 1997, als der letzte Luxemburger Hochofen also schon längst stillgelegt war, bis endlich die Sau freigelegt wurde.

Die nächste Etappe war dann, HO C zu löschen und zu leeren. Ein erster Versuch schlug fehl. Als der Panzer bei Stichloch 2 entfernt wurde, um eine Öffnung für den Schaufelbagger zu schaffen, kam uns brennender Koks entgegen. Daraufhin gingen wir radikaler vor: HO C wurde kurzerhand „ersäuft“ durch Einfüllen von Wasser bis auf 13 Meter über der Formenebene. Am 3. Mai erlebten wir dann ein unvergesslich bizarres Schauspiel: Ein armdicker Wasserstrahl schoss aus HO C von der Formenbühne bis hin in die Schlackenhalde!

Mitte Mai konnte der Panzer geöffnet werden und die eigentlichen Ausräumarbeiten begannen. Wir konnten nun endlich in das Innere des Hochofens gelangen. Was uns am meisten interessierte, war natürlich der Zustand und die restliche Wanddicke der Kohlenstoffsteine im Gestell. Wir hatten uns zwar nicht wirklich viel Rest-Wandstärke erwartet, aber die Erkenntnis, dass von den ursprünglich 1 400 Millimeter starken Kohlenstoffsteinen nur noch einige wenige Zentimeter übrig geblieben waren, verursachte doch eine Gänsehaut.

Der Stichloch-Pilz

Hier nun aber noch eine lustige Geschichte über die Suche nach dem Stichloch-Pilz. Für Hochöfner ist das Stichloch eine sehr sensible und auch geheimnisvolle Zone. Um das Stichloch zu schließen, braucht man rein rechnerisch etwa 5 bis 6 Liter Stopfmasse. Im Betrieb müssen aber 80 bis 100 Liter eingedrückt werden. Wo geht diese Masse hin? Verbrennt sie? Niemand weiß etwas Genaues, und so wurde die Idee eines „Pilzes“ im Innern des Hochofens geboren. Mit dem erkalteten HO C hatten wir nun zwei Stichlöcher, welche sozusagen eingefroren waren. Und wir hatten Zeit, um etwas „Archäologie“ zu betreiben. Unser Stopfmasselieferant war begeistert von der Idee, und so verbrachten zwei junge Ingenieure einige Tage mit „archäologischen“ Ausgrabungen in HO C. Sie fanden einen recht großen Pilz sowie Spuren vergangener Abstiche und veröffentlichten einen Fachartikel darüber. HO C hat damit auch seinen kleinen Beitrag zur Erforschung des Hochofenprozesses geleistet.

Der Verkauf

HO C war im Juli 1995 soweit aufgeräumt, dass er künftigen Kaufinteressenten gezeigt werden konnte. Sein Verkauf schien damals eine gute Option zu sein, auch weil Verschritten einfach zu schade war. Das Geschäft machte der Saarbrücker Joseph Byck, welcher als Mittelsmann zwischen ARBED und Kunming Iron&Steel Group Co Ltd (KISCO) fungierte.

Am Anfang dieses Geschäftes soll ein gutes Essen beim Chinesen Xi-Xi in Saarbrücken gewesen sein. Zwischen Frühlingsrolle und Pekingente unterhielten sich Joseph Byck und der Geschäftsführer des Xi-Xi, welcher ein Verwandter des Vizepräsidenten von KISCO war. KISCO wollte eine Mitteleisenstraße, Joseph Byck brachte HO C ins Gespräch …

Über Einzelheiten, wie etwa den genauen Verkaufspreis, wurde nie etwas bekannt. Beide Seiten dürften aber zufrieden gewesen sein: ARBED konnte sich den Abriss von HO C ersparen, wahrscheinlich der teuerste Schrott auf der Welt, und KISCO erstand sehr preiswerte und modernste Hochofentechnik.

Hochofen-Arbeiter (KISCO und Paul Wurth Beijing)

Die Demontage

Ende Februar 1996 kamen die ersten Chinesen. Es waren etwa 80 Ingenieure, Techniker und Dolmetscher von KISCO, welche die Demontagearbeiten organisierten. Sie mieteten einige Häuser in Esch. In der Zwischenzeit wurde ein Containerdorf bei Portal 4 in Beles errichtet. Hier wurden die etwa 300 Männer der chinesischen Demontagefirma untergebracht. Das Containerdorf verfügte über sanitäre Einrichtungen, eine Küche mit Speisesaal und Koch sowie einen Arzt mitsamt Krankenstation.

In den ersten Monaten hatte man von außen nicht wirklich bemerkt, dass hier ein Hochofen auseinandergenommen wurde. Doch die Chinesen gingen sehr zielstrebig und planmäßig vor. Zuerst wurden alle elektrischen Kabel und dünne Rohrleitungen entfernt. Hierbei wurden alle Schieber, Steckverbindungen und sonstige Verbindungsmittel abgetrennt und gesammelt.

Wir hatten uns irgendein System mit Nummern, Etiketten und Verpackungskisten erwartet, aber dem war nicht so. Vielmehr war HO C vor allem Organspender. Abmontiert und auseinandergeschraubt wurde nur der Stahlbau, z. B. die „Tour carrée“ mit ihren Bühnen sowie die Gießhalle. Alle mechanischen Teile wie Pumpen, die beiden Turbogebläse, der Gaswäscher mit Dreifach-Venturi, Schieber und Armaturen, Hydraulikanlagen, Stichlochmaschinen usw. wurden abgebaut und versandt. Ganz zimperlich waren die Chinesen dabei nicht, so wurden die Materialbunker des Paul-Wurth-Gichtverschlusses einfach in der Mitte durchgebrannt und das Getriebe mitsamt der Materialschurre abgebaut.

Suche nach dem Stichloch-Pilz (© Guy Bock, Archiv Sand Ed)

Dass auf Belval überhaupt etwas passierte, wurde für Außenstehende erst sichtbar, als der MaxiMum-Kran in Aktion trat. Mit einem Ausleger, welcher HO C um gut 30 Meter überragte, beherrschte dieser Riesenkran für einige Wochen die Skyline von Esch/Alzette. Und veränderte diese mit jedem Tag. Woche um Woche wurde HO C kleiner und verschwand schließlich ganz aus dem Escher Stadtbild.

Die Chinesen wollten natürlich keine Luft nach China transportieren, und so wurden die mächtigen Gasleitungen und sonstige großvolumige Gefäße vor Ort in Stücke gebrannt und verschrottet.

Im November 1996 verließen die letzten Chinesen Belval. Zurück blieb von HO C nur der Unterofen, die massiven Betonfundamente und das Mauerwerk der Winderhitzer.

Der Transport nach China erfolgte per Schiff ab Antwerpen im Dezember. Die Teile kamen dann erst im Februar 1997 in der auf 2 000 Meter über NN gelegenen Stadt Kungang in der chinesischen Südprovinz Yunnan an. KISCO betreibt hier fünf kleinere Hochöfen mit einem Nutzvolumen von 300 Kubikmetern.

Hochofen N6 im chinesischen Kungang (KISCO und Paul Wurth Beijing)

HO C in China wiederauferstanden?

Es gehört wahrscheinlich zu den Mechanismen nationaler kollektiver Verdrängungsarbeit, wenn solche Mythen entstehen. Ein zweites Leben für Hochofen C in China? Auf die Gefahr hin, dass ich die Gefühle von so manchen Nostalgikern verletze: Der Hochofen in Kungang ist nicht HO C!

KISCO hat die unglaubliche Leistung erbracht, in kurzer Zeit (23 Monate) einen der größten Hochöfen von China zu bauen. Dies mit Anlagen, Technik und nach den Plänen von HO C.

Der neue Hochofen Nummer 6 (N6) ist zum einen kleiner und hat ein Nutzvolumen von nur 2 000 m³ (HO C hatte immerhin 2 465 m³). N6 hat auch nur 26 statt der 30 Blasformen von HO C und keine Notformen mehr. In China mussten darum ein ganz neuer Hochofenpanzer und neue Gasfangrohre gebaut werden. Die Silhouette von N6 erinnert aber doch noch ein bisschen an HO C.

N6 wurde am 24. Dezember 1998 angeblasen und soll in sehr kurzer Zeit die Produktion von HO C übertroffen haben. KISCO setzt reicheres Erz ein und produziert somit auch viel weniger Schlacke. Laut Angaben von KISCO produziert N6 zwischen 1,4 und 1,8 Millionen Tonnen pro Jahr. HO C hatte 1989 mit 1,66 Millionen Tonnen sein bestes Jahr.

Für KISCO war der Bau von N6 ein Riesenerfolg. Das Werk hat nun eine Kapazität von 7 Millionen Jahrestonnen und gehört damit zu den 500 Großbetrieben von China. Für KISCO ist N6 der „Number 1 Blast Furnace of South-West China“. So gesehen ist HO C in einem gewissen Sinne in China doch wiederauferstanden: Er war hier in Luxemburg schon einmal die Nummer 1, und diese Geschichte hat sich nun in China wiederholt.

N6: Wie geht es weiter in China?

Den Kollegen von Paul Wurth Beijing sei Dank für diese letzten Nachrichten: N6 soll im März dieses Jahres für 105 Tage stillgesetzt werden. Seine Reparatur soll eine weitere Hochofenreise von fünf bis sechs Jahren garantieren. Er ist nun immerhin fast zwölf Jahre in Betrieb und dürfte so langsam die 20-Millionen-Tonnen-Grenze erreichen. Die Chinesen haben ohnehin schon bewiesen, dass sie extrem lernfähig sind, jetzt übernehmen sie sogar die „7-Millionen-Tonnen-Regel“ von Belval. Auf einem Vulkan möchte eben niemand arbeiten.

Dies dürfte dann allerdings die letzte Reise von HO C gewesen sein. KISCO plant das bestehende Werk in Kungang im Jahre 2017 zu schließen und rund 20 km weiter in der Stadt Caopu ein neues Werk zu errichten. HO C kann dann in die wohlverdiente Rente gehen.

In Luxemburg gestrandet …

Die Geschichte von HO C ist, zumindest aus technischer Sicht, eine „success-story“. Doch menschlich gesehen gab es auch Verlierer. Einer von ihnen ist ohne Zweifel Wengua Du, und seine Geschichte ist eine echte Tragödie.

Wengua Du machte am 14. Juli 2006 in Luxemburg Schlagzeilen als er einen Brandanschlag auf einen CFL-Zug verübte. Es wurden fast vierzig Menschen verletzt, viele davon recht schwer. Wengua Du wurde 2008 „wegen Brandanschlags und versuchten Mordes“ zu 16 Jahren Gefängnis verurteilt.

Mit HO C verbindet Wengua Du, dass er einer der chinesischen Ingenieure war, welche die Demontage von HO C organisierten. Er kam im Juli 1996 nach Belval, war zuständig für Rohrleitungsbau und Betriebsgase. Er arbeitete in China für eine Zulieferfirma von KISCO, hatte Baustellenerfahrung und war viel in China herumgereist. Bei HO C musste er die Entscheidung treffen, welche Teile für KISCO brauchbar waren.

Wengua Du war 26 Jahre alt, als er nach Luxemburg kam. Er hat mir erzählt, dass er hier rund 1 000 Euro im Monat verdiente, das Zehnfache seines Lohnes in China. Der Grund, warum er in Luxemburg blieb? Nichts Politisches, aber er hatte schwere Meinungsverschiedenheiten mit seinem Chef. Und Luxemburg gefiel ihm.

Allerdings konnte er hier in Luxemburg nicht in seinem Beruf weiterarbeiten. Als Küchengehilfe, Koch, Restaurant-Wirt versuchte er sich durchzuschlagen. Dann ging er Pleite, hatte Schulden und geriet immer weiter an den Rand der Gesellschaft. 2006 wollte er sein Leben mit einer Amok- und Verzweiflungstat beenden. Wengua Du ist ohne Zweifel ein Täter, welcher großes Leid verursacht hat. Er war aber auch Opfer der Verhältnisse. Es ist leichter für einen Hochofen auszuwandern, als für einen Chinesen in Luxemburg Fuß zu fassen.

Wengua Du sitzt in Schrássig, seine Frau hat sich scheiden lassen und seine 13-jährige Tochter lebt in Brüssel. Ich war sein einziger Besucher seit einem Jahr. ♦

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