Ein neues Bildungswesen für Luxemburg

Beilage: Arbeitsdokument der Union nationale des étudiant-e-s du Luxembourg (UNEL)

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Arbeitsdokument der Union nationale des étudiant-e-s du Luxembourg (UNEL)

forum druckt auf den folgenden vier Seiten ein Ende Februar 2012 vorgestelltes Arbeitspapier der UNEL in quasi vollständiger Fassung als Beilage ab. Der Text illustriert, auf welchem Niveau die Debatte um eine Reform geführt werden kann. Unsere Hoffnung ist, dass dieser lesenswerte Beitrag neue Anstöße für die bisher festgefahrene und verkorkste Diskussion bringen kann.

Schule muss ein Ort der sozialen Integration sein. Es dürfen keine Schüler*innen auf Grund ihrer Herkunft oder des sozialen Statutes ihrer Eltern benachteiligt werden! Die Schule muss die Schüler auf das Leben in einer demokratischen Gesellschaft vorbereiten. Doch das luxemburgische Bildungssystem diskriminiert die Schüler und bringt ihnen nur bedingt die Kompetenzen einer partizipativen Demokratie bei. Es hat versagt. Die Luxemburger Schule ist noch immer nur für die Luxemburger gemacht, und es wird Zeit dass wir der Vielfältigkeit der Bevölkerung Rechnung tragen. Die Schule darf kein Ort der sozialen Reproduktion sein!

Weshalb ein neues Bildungssystem benötigt wird

Es ist kein Geheimnis, dass das luxemburgische Bildungssystem einer Reform bedarf, höchstens die Reichweite und die Form einer solchen Reform sind je nach politischem Lager und gesellschaftlichen Akteuren strittig.

Internationale Studien wie PISA oder PIRLS, aber auch nationale Statistiken zeigen deutlich die Schwächen unseres Bildungswesens: es ist diskriminierend, es reproduziert und verstärkt soziale Ungleichheit. Da diese Ungleichheit nicht nur ein moralisches und politisches Problem ist, hat auch die OECD Luxemburg zu einem besseren Bildungssystem ermahnt. Tatsächlich wird Bildung in einer post-

postindustriellen Gesellschaft immer mehr zum „Standortvorteil“. Es sollte uns jedoch nicht um das Errichten neuer Wissensfabriken gehen, wie es zurzeit schon auf universitärer Ebene geschieht (cf. Lis-

Lis-Richtung sollte allein von den Wünschen und Kompetenzen des Kindes abhängen und nicht durch Nachteile hinsichtlich der sozialen und/oder ethnischen Herkunft beeinflusst werden.

Eine hohe soziale Kohäsion unter Schülern aus verschiedensten Kontexten führt auch später zu einer solidarischeren Gesellschaft

sabon-Strategie). Bevor also Vorschläge für eine umfassende Reform der Sekundarstufe unterbreitet werden, sollte man sich über die Ziele einer solchen Politik im Klaren sein.

Welche gesellschaftspolitischen Ziele erfüllt werden sollten

Auf einer persönlichen Ebene sollte die Schulzeit natürlich so angenehm wie möglich sein und somit einen „schonungsvollen“ Übergang ins Berufsleben erlauben. Die Schulzeit ist eine Zeit, während der ein Kind sich selbst und die Welt entdeckt. Es werden hierbei entscheidende Weichen fürs Leben gestellt. Jede Reform des Bildungswesens muss also zuerst das Individuum respektieren und ihm eine freie Entfaltung ermöglichen. Ein Schüler darf also nicht willkürlich daran gehindert werden, ein Interesse an bestimmten Fächern zu entwickeln oder diese zu erlernen. Die Orientierung in diese oder jene

Gesamtgesellschaftlich betrachtet ist die Schule der Ort, an dem Menschen aus verschiedensten Kontexten zusammen kommen. Es hängt jedoch sehr stark von der Struktur des Bildungswesens ab, wie dieses Zusammenkommen gestaltet wird und wie fruchtbar es für alle Beteiligten ist. An dieser Stelle muss betont werden, welch eine wichtige Rolle die Verschiedenheit der Schüler spielt. Soziale und ethnische Verschiedenheit kann dazu führen, dass Kinder toleranter und verständnisvoller werden.

In Kombination mit der richtigen Pädagogik führt die Verschiedenheit innerhalb der Schule zum Erlernen eines solidarischen Miteinanders, welches im späteren Verlauf der ganzen Gesellschaft zu Gute kommt. Es gilt: eine hohe soziale Kohäsion unter Schülern aus verschiedensten Kontexten führt auch später zu einer solidarischeren Gesellschaft. Die Gesellschaft, in der sich sonst soziale Milieus immer mehr voneinander abgrenzen und in der andere Institutionen wie Wehrdienst und Kirche ihre ursprüngliche Stellung verloren haben², braucht einen solchen Ort des Zusammenlebens. Das Bildungssystem kann nicht alle Probleme der Gesellschaft lösen. Dennoch trägt Schule ein gewaltiges

gesamtgesellschaftliches Potential in sich.

Die Struktur: eine integrierte Ganztagsschule

Um die Schule zu einem Ort des Zusammenkommens zu wandeln, muss zuerst das derzeitige System der sozialen und ethnischen Segregation durch eine integrierte Ganztagsschule ersetzt werden. Auch nach der 6. Klasse sollen die Schüler also weiterhin gemeinsam lernen und entdecken. Bis zur 9. oder 10. Klasse sollten die Schüler eine große Mehrheit ihrer Kurse zusammen besuchen und so gegenseitig von ihren Schwächen und Stärken lernen. In den letzten 3-4 Jahren sollte es dann zu einer Spezialisierung kommen, bei der die Schüler nebeneinander in verschiedenen Zweigen lernen.

Damit eine Gesamtschule nicht zu einer „Gleichmacherei“ führt, wodurch die individuelle Entfaltung unterdrückt würde, müssen die Inhalte flexibel und modular gehandhabt werden. Bei zu großen Niveauunterschieden kann so je nach Fach in verschiedene Kurse differenziert werden. Die Klassen müssen so klein sein (maximal 20 Schüler), dass das Lehrpersonal ein ausreichendes Maß an individueller Betreuung garantieren kann. Durch bessere Pädagogik soll ein gemeinsames Lernen auch nach der 6. Klasse möglich werden.

Die Schüler werden also Einblicke in sowohl technische als auch intellektuelle Fächer bekommen. Durch die größere Kombination beider Bereiche wird schließlich auch der gegenseitige Respekt des zukünftigen Mathematikers gegenüber dem zukünftigen Mechatroniker gefördert. So kann jeder frei seine Vorlieben entdecken und wird nicht willkürlich nach der 6. Klasse auf eine Schiene gedrückt. Im Laufe der Jahre sollten die Schüler ihren Stundenplan immer freier mit Modulen zusammensetzen können. Diese Übertragung von Verantwortung wird bei einer ausreichenden Betreuung zu einer größeren Motivation im Schulalltag führen. Zusätzlich ermöglicht sie eine schrittweise Spezialisierung, die flexibel genug bleibt und verhindert damit, dass die Schüler frühzeitig zu Gefangenen ihrer Orientierung werden.

Das Einführen einer Gesamtschule wird nur in Kombination mit einer Ganztagsschule erfolgreich sein. Die Schulzeiten müssen so verändert werden, dass die Schüler einen Rahmen zum für sie bestmöglichen Unterricht bekommen. So muss in Frage gestellt werden, ob der Unterrichtsbeginn um 8 Uhr allen Schülern zuträglich ist und verpflichtend sein muss. Die Umgestaltung der Unterrichtszeiten hätte die Entzerrung des Lernens zur Folge. Dem Schüler die Wahl zwischen einem frühen Beginn und Ende des Tages oder einer späteren Alternative zu geben, würde Motivation und Lerneffekt steigern.

Das derzeitige System der sozialen und ethnischen Segregation muss durch eine integrierte Ganztagsschule ersetzt werden.

Durch ein vielfältiges Freizeitangebot im Laufe der Nachmittage, welches in Kooperation mit den lokalen Vereinen ausgearbeitet werden könnte, wird die Schule nicht nur der negative Ort des „Büffelns“, sondern auch ein Ort, an dem Freizeit unabhängig vom Elternhaus und der sozialen Herkunft frei gestaltet werden kann. Zusätzlich kann die Zeit für individuelle Förderung (Hausaufgabenbetreuung, Nachhilfe) oder Arbeit in Bibliotheken oder Ateliers genutzt werden. Bei einer Verlängerung bis z. B. 17 Uhr „verlieren“ die Schüler somit keine Zeit, sondern ihre Freizeitplanung und das Erledigen der Hausaufgaben wird in die Schulzeit integriert.

Der Vorteil hiervon wäre, dass durch eine solche Regelung auch die Kinder, deren Eltern aus sozialen Gründen keine Zeit oder Geld für eine schulische Gesamtbetreuung nach der offiziellen Schulzeit haben, keinem Nachteil unterliegen. Für alle Eltern würde dieses Modell eine Entlastung darstellen und die Beziehung zu ihren Kindern sogar aufwerten. Zudem entspricht dies der Realität einer Gesellschaft, in der immer öfter beide Partner einer Arbeit nachgehen. Durch ein vielfältiges Freizeitangebot innerhalb und rund um die Schule, würden Kinder aller sozialen Schichten einen freien und direkten

Zugang zu Sport, Kultur und Projekten haben.

Eine solche Umstellung erfordert natürlich erhebliche Neugestaltungen der Infrastruktur und eine Erweiterung des Personals um Pädagogen, Erzieher und weitere Sozialarbeiter. Auch müsste die konkrete Umsetzung schrittweise und mit den nötigen Fortbildungen für das Personal und der Überholung des Lehrplans einhergehen. Wahrlich also ein Mammutvorhaben. Doch diesen Aufwand haben kommende Generationen verdient und er wird sich für alle durch eine gerechtere Schule, die an die Realitäten der Gesellschaft angepasst ist, lohnen.

Die Philosophie: Balance zwischen Reflexion, Wissen und Kompetenzen

Das bisherige Schulsystem ist vorrangig auf Inhalte ausgerichtet. Die Leistungen der Schüler werden zum größten Teil über das Auswendiglernen gemessen. Dieses Überprüfen von Fakten macht nach Auffassung der UNEL keine angemessene Schulbildung aus.

Das neue Kompetenzsystem entfernt sich von diesem lernzielorientierten Unterricht. Vielmehr sollen die Fähigkeiten der Schüler im Mittelpunkt stehen. So soll bewusst näher auf die verschiedenen Lerntypen unter den Schülern eingegangen werden. Die Methodenvielfalt soll den Lernenden verschiedene Wege zum Ziel vermitteln. Allerdings dürfen die Gefahren eines rein kompetenz-orientierten Unterrichts nicht übersehen werden. Ein ausschließlich kompetenzorientierter Unterricht, der jede Form von Inhalt verdrängt, ist nicht möglich. Kompetenzen werden durch die Auseinandersetzung mit Inhalten erlangt.

Ein weiterer Kritikpunkt ist, dass die Output-Orientierung zur Folge haben kann, dass die Schüler nach Kompetenzen eingeteilt oder in nur eine Richtung gefördert werden. Die Differenzierung innerhalb der Kompetenzen hat zur Folge, dass diese einzeln abgeprüft werden müssen. So entstehen künstliche Prüfungsmethoden, wie z. B. Multiple Choice Fragen, um sicherzugehen, dass verschiedene Kompetenzen (wie z. B. Lesekompetenz) einzeln erfasst werden können. Ein Nebeneffekt ist, dass das Prüfen mit Multiple Choice Fragen

zum Ratespiel verkommt. Darüber hinaus wird den Lernenden nicht die Möglichkeit geboten, sich all ihrer Kompetenzen zu bedienen, um eine Fragestellung zu lösen.

In einem Bildungssystem, das auf Überprüfbarkeit ausgerichtet ist, droht die Überprüfungsmethode zur Lehrmethode zu werden. Dies wäre im Fall des Kompetenzsystems eine Verfehlung der eigentlichen Zielsetzung. Die Verwertbarkeit isolierter Kompetenzen schließt aus, dass einzelne Fähigkeiten miteinander verknüpft werden, und verhindert, dass Problemstellungen, Aufgaben oder Übungen vielfältig erschlossen werden. Messbare Kompetenzen, die prüfungsorientiert unterrichtet werden, sollen nicht das Ziel der Schulbildung sein.

Im Gegenteil, es sollte die Möglichkeit genutzt werden, die Kompetenzen aufeinander aufbauend zu unterrichten. So sind sie nicht etwa als einzelne Faktoren, an denen die Schüler gemessen und verglichen werden, zu sehen, sondern es handelt sich um Fähigkeiten, die sich gegenseitig bedingen und aufeinander aufbauen.

Die Schule muss ein Ort sein, an dem die Lernenden sich als selbständig handelnde Personen ausprobieren können. Dieser Teil des Handelns kommt jedoch im bisherigen Bildungssystem zu kurz. Es muss mehr Raum zur direkten Umsetzung erworbener Kompetenzen und Inhalte geschaffen werden.

Es muss also gewährleistet werden, dass die Schule es sich zur obersten Priorität macht, den Schülern den Raum zu geben, sich nicht nur als Lernende für ihr späteres Berufsleben zu sehen, sondern sich als aktiven Teil der Gesellschaft zu begreifen, der zu selbständigem Handeln fähig ist.

Für Mehrsprachigkeit, gegen Diskriminierung

Im luxemburgischen Kontext ist die Sprachenpolitik, und somit auch der Sprachenunterricht, kein Nischenthema, sondern eine höchst politische Frage. Je nach Gestaltung des Sprachenunterrichts ist das Bildungswesen mehr oder weniger diskriminierend gegenüber nicht luxembur-

gisch-sprachigen Bevölkerungsgruppen. Gleichzeitig muss ein Sprachenunterricht aber auch auf die vielsprachige Realität der Arbeitswelt vorbereiten.

Die UNEL versteht die Vielsprachigkeit Luxemburgs als ein wichtiges Gut. Alle Schüler müssen also die Schule mit einer ausreichenden Basis in den vier folgenden Sprachen verlassen: Deutsch, Englisch, Französisch, Luxemburgisch. Doch besonders für das Luxemburgische muss betont werden, dass nur die Sprachkenntnisse abgefragt werden dürfen, die auch unterrichtet wurden. Im Moment wird Luxemburgisch jedoch stillschweigend vorausgesetzt

Im Moment wird Luxemburgisch stillschweigend vorausgesetzt und somit zum Segregationsmittel degradiert.

und somit zum Segregationsmittel degradiert. Eine aktive Vermittlung des Luxemburgischen muss also in das Bildungswesen eingebaut werden. Alle Schüler sollten in mindestens einer Fremdsprache ein sehr gutes Niveau erreichen. Zur Vorbereitung auf eine universitäre Laufbahn sollten zwei der drei Fremdsprachen kompetent beherrscht werden.

Der Sprachenunterricht soll modular gehandhabt werden, so dass eine zeitweilige Schwäche in einer Sprache nicht zur schulischen Deklassierung führt. Doch auch die Methoden des Sprachenunterrichts müssen konsequent modernisiert werden. So darf sich der Sprachenunterricht nicht nur auf die Grammatik und die Feinheiten der Rechtschreibung konzentrieren, sondern muss auch andere Bereiche wie z. B. die Analyse und das Verständnis von Texten abdecken.

Lernmethode: student-centred learning

Eine Schule die versucht jedem Schüler die Möglichkeit zu geben, das Beste aus sich heraus zu holen, muss nicht nur strukturell, sondern auch pädagogisch reformiert werden. Bereits jetzt werden hier und dort in der Luxemburger Bildungslandschaft neue Methoden im Unterricht

angewendet. Eine wahre Reform des Bildungswesens muss die Erneuerung der Pädagogik von Anfang an zu einem ihrer Kernthemen machen.

Die UNEL fordert deshalb, dass der Schüler mehr im Mittelpunkt des Unterrichts stehen soll, sprich, dass die Lehrmethode des „Berieselns mit Wissen“ ein Ende hat. Indem die Schüler sich selbstständig mit einem Thema befassen und seine möglichen Anwendungen kennenlernen, bekommen sie einen realen Bezug dazu. Diese Art von Verständnis kann nicht durch stupides Büffeln von abstrakten Texten ersetzt werden (welches im Gegenteil zu einer dauerhaften Abschreckung führen kann).

In einem neuen System, indem die Ganztagsschule im Mittelpunkt steht, macht die UNEL sich für mehr differenziertes, interaktives und gestalterisches Lernen in Gruppen stark. Um bestmögliche Resultate zu erzielen gilt es, die Gruppen ausgeglichen zu gestalten, sprich sowohl starke wie auch schwache Schüler in eine Gruppe zu platzieren, wo dann der Stärkere dem Schwächeren helfen soll. Der Konkurrenzkampf wird so abgeschafft und die Solidarität zwischen den Schülern gefördert.

Zu dem Konzept des schüler-orientierten Lernens gehört natürlich auch eine möglichst offene und vertrauliche Schüler-Lehrer-Beziehung. Es scheint selbstverständlich, dass sich jeder Schüler umso besser im Rahmen seiner eigenen Kapazitäten entwickeln kann, je individueller er betreut wird. Eine Möglichkeit dies umzusetzen, ist das Tutorat (oder parrainage), welches sowohl von Lehrern wie auch Schülern übernommen werden sollte. Das Tutorat besteht darin, einem Schüler eine Anlaufstelle zu bieten, die vor allem wichtig ist, um sich in der neuen Schule einzuleben und z. B. Hilfe bei der Umsetzung von Projekten leistet. Das Tutorat sollte jedoch nicht auf das erste Schuljahr beschränkt werden, da es auch später hilfreich ist. Älteren Schülern sollte im Laufe der Jahre mehr Verantwortung zugesprochen werden, um später selbst das Tutorat eines Jüngeren zu übernehmen. Die gleiche Idee weiterführend müsste jede Schule auch gratis Nachhilfekurse anbieten, um

sich, wenn nötig, spezifischer mit Schülern zu beschäftigen.

Neue Formen der Evaluation

Wenn dieser neue Ansatz des student-centred learning Einzug halten würde, könnte man sich auch des veralteten und kontraproduktiven Mittels des Redoublement entledigen. Tatsächlich beruht die Methode des Durchfallens auf der Idee, dass alle Schüler, die am Ende eines Jahres nicht in die gewünschte Schablone passen, einfach nur das Jahr wiederholen müssen, um das nötige Wissen anzuhäufen. In der Fachliteratur sind die kontraproduktiven Effekte des Durchfallens mittlerweile belegt und nationale Statistiken zeigen, dass die durchgefallenen Schüler keineswegs durch das alleinige Wiederholen der Inhalte ihre Schwächen aufarbeiten. Stattdessen verlängert das Durchfallen die Schulzeit willkürlich um ein Jahr, brandmarkt die Schüler dauerhaft für ihre Schulzeit, entreißt sie dem sozialen Umfeld ihrer Klasse und vermittelt das Gefühl vom Scheitern, welches zu verstärkten Lernhemmungen führen kann. Doch wie könnte ein System ohne Durchfallen funktionieren?

Zahlreiche Beispiele im Ausland (aber auch im Inland) belegen, dass die Schule nicht im Chaos versinkt, wenn man auf das „pädagogische Mittel“ des Redoublement verzichtet. In einem System, das die Mittel hat, individueller auf Schüler einzugehen, könnten diese auch in Phasen der Lernschwäche begleitet werden, ohne dass man einfach eine Extrarunde einlegt. Durch eine etwas flexiblere Struktur kann ein Schüler, der sich gerade auf Kriegsfuß mit den Sprachen befindet, auch weiterhin Fortschritte in Mathematik machen und somit das Motivationsfundament legen, um sich doch wieder in die Sprachen zu „knien“.

Die Abschaffung des Durchfallens sollte jedoch nicht mit der Einführung einer „Kuschelpädagogik“, in der alles erlaubt ist, verwechselt werden. Die Prüfungen sind dann nicht mehr reine Pflichtaufgabe den Lehrern gegenüber, sondern werden zum wichtigen Instrument der Selbstverortung. In diesem Zuge muss also auch die Evaluation der Schüler überarbeitet werden.

Wichtig bei der Reform der Bewertung der Schüler ist es, diese endlich mehr in den Evaluationsprozess mit einzubinden. Durch das Lernen von Selbstevaluation und gegenseitiger Evaluation durch Schüler entwickeln diese ein Verständnis dafür, was wirklich von ihnen verlangt wird und wie man zu Schlüssen über ihre Leistungen kommt und erhöht das Verständnis und die Transparenz des Verfahrens. Zusätzlich müssen weitere Anstrengungen unternommen werden, die Evaluation so weit wie möglich zu „objektivieren“. Dies heißt, dass allen Schülern im Vorfeld von Prüfungen die Bewertungskriterien vorliegen müssen. Die Kriterien sollen auch

Im Moment wird Luxemburgisch stillschweigend vorausgesetzt und somit zum Segregationsmittel degradiert.

vorab mit den Schülern diskutiert werden. Eine weitere wünschenswerte Neuerung wäre die Einführung einer positiven Bewertung. Um ein positiveres Gefühl bei den Schülern zu wecken und sie zum Studieren zu er- statt zu entmutigen, wäre eine Ergänzung oder gar komplette Ersetzung des momentanen Notensystems durch eine positive Notenbewertung (d. h. Punkte werden vergeben für jede richtige Feststellung und Überlegung, anstatt sie für falsche abzuziehen) nötig.

Werte und Demokratie: Laizität und politische Bildung

Die UNEL verurteilt das aktuelle, vom Staat gewollte, Monopol der katholischen Kirche auf den Religionsunterricht als undemokratisch, da er die Möglichkeit bietet zu missionieren und Kinder in einem Alter zu indoktrinieren, in dem sie kaum die Fähigkeiten haben, das Gepredigte kritisch zu hinterfragen.

Die UNEL schlägt vor, in der Schule den Religionsunterricht und die morale laïque durch einen Kurs zu ersetzen, der die Schüler in verschiedene politische, philosophische und religiöse Lehren und ihre geschichtliche Entwicklung einführen soll, sowie durch einen Staatsbürgerkundekurs (instruction civique). Die Schule nimmt

eine zentrale Rolle in der Vermittlung demokratischer Werte ein. Diese können jedoch nicht trocken auswendig gelernt werden. Sie müssen in einem problem- und gesellschaftsorientierten Unterricht präsentiert und im Schulalltag gelebt werden. Diese Fächer könnten aktuelle Problematiken behandeln und den Schüler aktiv mit Hilfe von Projekten einbinden und dazu auffordern, sich eine Meinung über politische, moralische oder philosophische Probleme zu bilden. Diese müssen selbstständig von den Schülern unter der Betreuung der Lehrer und eventuell eines Experten von Außen erarbeitet werden. Es sollte eine demokratische Diskussionskultur vermittelt werden und die Schüler zu Partizipation animiert werden.

Gelebte Demokratie: die Schülervertretung

Eine demokratische Beteiligung der Schüler am Leben der Schule muss gewährleistet sein und von früh auf gefördert werden. Maulkorbbestimmungen und Einschränkungen von demokratischen Grundrechten wie Versammlungsfreiheit, Meinungsfreiheit (z. B. Zensur von Schülerzeitungen) und Streikrecht müssen in diesem Sinne unterbunden werden.

So hatte der Schülerstreik vom Dezember 1996 die Einführung demokratisch gewählter Schülerkomitees und die Schaffung einer nationalen Schülerkonferenz zur Folge. Beide Gremien jedoch haben immer noch mit Problemen zu kämpfen: sie haben nur beratende Stimme, d. h. sie können nicht aktiv die Gestaltung und Leitung der Schulen mitbestimmen. ♦

1 Anmerkung der Redaktion: In ihrem Arbeitspapier betont die UNEL: „Es sollte bei jeder Reform des Bildungswesens daran gedacht werden, dass die Gleichheit zwischen Männern und Frauen ihren Anfang in der Schule nimmt und deshalb hier eine wichtige Rolle spielen muss“. Aus Gründen der Leserlichkeit behandeln wir im folgenden „Schüler*innen“ als „Schüler“.

2 Ein Verlust, dem die UNEL keineswegs nachtrauert, der jedoch in die Analyse mit einfließen muss.

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