Eine bioethische Überlegung

Gewalt in der Gentechnik oder Gentechnik als Gewalt?

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Eine bioethische Überlegung

Die Entwicklungen der letzten Jahre im Bereich der Gentechnik (u.a. menschliches Klonen, Keimbahntherapie, Erzeugung von Mischwesen), werfen die Frage auf, in wie weit man von der genetischen Manipulation als von einer „wertfreien“ Wissenschaft, im Sinne Max Webers, sprechen kann.

Man kann sich sogar die Frage stellen, ob Gentechnik sowohl in ihren Verfahren wie ihrem Wesen nach nicht gewaltsam ist, weil sie den Lebewesen die Freiheit abspricht „Sosein“ zu dürfen wie sie sind, sie unwiderruflich in ein vorprogrammiertes Leben hineinzwängt, und ihnen ein Dasein und ein Wirken nach Maß aufzwingt – wobei Wirtschaft und Mode das Muster des Programms liefern.

Das Leben aus dem Tod zu schöpfen, ist im Grunde methodischer Ansatz aller modernen Naturwissenschaften. Meist studieren sie das Leben gerade in seiner Antithese, dem Tod oder im Akt des Tötens. Dies bezeugt zum Beispiel die Entwicklung von Anatomie und Chirurgie im Untersuchen des toten Leibes und jene von Physiologie, Pharmazie und Kosmetik durch Verstümmeln lebendiger Wesen, um deren Funktionen zu ergründen. So nahm man bis heute mit wenigen Ausnahmen auch bei Experimenten an Tieren und selbst Menschen mit Leid verbundene Schäden und oft sogar einen qualvollen Tod in Kauf. Bei Pflanzen sah man Vernichtung und Schaden der Versuchsobjekte und der Umwelt überhaupt als selbstverständlich an.

Schon vorhandene alternative Forschungsverfahren werden von der mainstream-Wissenschaft gar

nicht zur Kenntnis genommen oder totgeschwiegen. Auch Gentechnik, die in der Biochemie der 50er Jahre wurzelt, ist eine aus der zersetzenden, todbringenden Erkenntnismethode geborene Wissenschaft. Hier jedoch geht es nicht mehr nur um die Methode. Vivisektion, etwa beim Zerlegen von Embryonen, sowie Leiden und Tod werden nicht mehr nur als unerwünschte, gegebenenfalls notwendige Folgen einkalkuliert, sondern sind die Voraussetzung der Technik selbst. Damit das Verfahren überhaupt wirksam werden kann, benötigt es die Tötung, Zergliederung und Vermischung unzähliger lebendiger Wesen von allen Gattungen. Gewalt scheint zum innersten Wesenskern der Gentechnik zu gehören. Natürlich muss man sich damit auseinandersetzen, was man eigentlich unter Gewalt verstehen will, und wo sie dementsprechend anfängt.

Spinozas Definition der Freiheit und des Zwanges kann hierzu einen Ausgangspunkt liefern. „Frei“ ist für Spinoza, was aus der „bloßen Notwendigkeit seiner Natur besteht“. „Gezwungen“ ist, was von „etwas anderem zum Dasein und zum Wirken bestimmt wird“. Unfrei sein, in seinem Dasein und Wirken von Außen gezwungen sein, heißt der Gewalt unterliegen. Gewalt ist ein Antonym von Freiheit und die unmittelbare Konsequenz des Zwanges, wenn nicht ihr Synonym. Gentechnisch manipulierte Lebewesen – Pflanzen, Mikroorganismen, Tiere und Menschen – können sich nicht „aus der bloßen Notwendigkeit ihrer Natur“ entwickeln. Ihre Natur, und oft auch die ihrer Nachfahren, wird vom Forscher irreversibel verändert. Sie sind unfrei, weil sie ihr Dasein und ihr Wirken einer äußeren Bestimmung verdanken. Ihre Existenz entspringt einem Zwang, sie entstehen aus der Vergewaltigung ihres Erbapparates, d.h. ihres innersten Lebenskerns. Den manipulierten Wesen wird eigentlich das Recht auf ihre Autonomie, auf ihr eigenes Dasein und Wirken abgesprochen. Gewalt kann also auch unter diesem Gesichtspunkt als wesentliche Bestimmung der Gentechnik angesehen werden.

Daran ändert auch nichts, wenn das mittel- oder langfristige Ziel der Manipulationen die Befreiung von Leid und Tod für die Menschheit wäre; außer man bekennt sich zur Gewalt als Mittel zum Fortschritt der Zivilisation.

Friederike Migneco

Die nächste forum-Ausgabe erscheint
am Freitag 1. März 2002
und enthält ein Dossier zum Thema
Gentechnik und Bioethik.
Redaktionsschluss ist der 15. Februar.

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