Eine Cinemathek in Luxemburg

Ein Gespräch mit Herrn Fred Junck, Verantwortlicher der kulturellen Abteilung der Gemeinde Luxemburg

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Ein Gespräch mit Herrn Fred Junck, Verantwortlicher der kulturellen Abteilung der Gemeinde Luxemburg.

forum: Was ist, Herr Junck, der Zweck einer Cinemathek in Luxemburg?

F.J. Cinematheken gibt es seit einer Reihe von Jahren in allen industrialisierten Ländern, und obschon Luxemburg ein kleines Land ist, gab es keinen Grund, nicht auch hier eine Cinemathek zu gründen. Es hilft uns nämlich herzlich wenig zu wissen, dass in Brüssel od. London gut funktionierende Cinematheken existieren, denn nicht jeder hat das Glück, wie ich z.B., sich die wertvollen Programme eines Langlois in der ‚Cinémathèque Française‘ anzusehen.

Am Anfang war unsere Cinemathek eine Privatgesellschaft, eine a.s.b.l., aber nach 1-2 Jahren übernahm die Gemeinde Luxemburg die Verantwortung. Diese Entwicklung war notwendig. Denn eine Cinemathek ist in erster Linie ein Filmarchiv, in dem relevante Filme der Filmgeschichte aufbewahrt werden, so, dass sie jederzeit gezeigt werden können. Wo? Nun, in einem Saal, den man nur mit einem Museum vergleichen kann. Statt, dass man Bilder oder andere Zeugnisse unserer Vergangenheit ausstellt, zeigt man Filme. Dies bedingt natürlich eine Reihe von Unkosten, die nur von der öffentlichen Hand getragen werden können. Zweck einer Cinemathek ist, dem Publikum die Möglichkeit zu geben, sich eine eigene Meinung zu bilden über die Filmgeschichte, über die wichtigen Filme, die in den letzten 80 Jahren gedreht wurden. Es gibt darunter nämlich Filme, die schlecht altern, andere, die übergangen wurden, aber mit der Zeit in einem andern Wert erscheinen, ganz anders auf den Zuschauer wirken. Die Filmkunst ist noch jung, hier gibt es nicht die Gewissheiten anderer Kunstgattungen. Dies ist also auch der Zweck einer Cinemathek: all diese Filme immer wieder zu zeigen, damit man sich eine Idee darüber bilden kann, wie sie sich ‚entwickelt‘ haben und ob das, was in den Filmgeschichten steht, auch stimmt. Viele Filmgeschichten sind gänzlich überholt und oft könnte kein Mensch mehr ernsthaft das behaupten, was vor 30 Jahren, wenn auch aufrichtig, vom Autor geschrieben wurde. Für Subjektivität jedoch bleibt immer noch ein grosser Raum. Niemand würde z.B. heute behaupten, Victor Hugo sei

kein grosser Schriftsteller oder Picasso sei kein wichtiger Maler, aber in punkto Film gibt es die krassesten Widersprüche, es gibt haarsträubende Beurteilungen. Eben deshalb ist es wichtig, dass jeder die Möglichkeit hat, sich die Filme selbst anzusehen. Es ist undenkbar, dass jemand sich allein anhand von Büchern über die Filmgeschichte dokumentiert. Er muss sich die Filme anschauen können.

forum: Gibt es in Luxemburg ein grösseres Publikum, das Interesse zeigt an der Filmgeschichte?

F.J. Die Cinemathek hat rund 1000 Mitglieder. Aber darüber hinaus muss man sagen, dass die Filmgeschichte ganz einfach zur Allgemeinbildung gehört. Der Film, das Visuelle, berieselt jeden von uns allerseits. Man kann jedoch schlecht einen Film beurteilen, wenn man nicht weiss, wie diese Kunst entstanden ist, wie es zu diesem Film kam. Man kann sich nicht einfach einen Film etwa eines Jean-Luc Godard ansehen, wenn man nie etwas anderes gesehen hat. Man muss sich dokumentieren. Es gibt ja niemanden, der nicht von der Lawine der täglichen Bilder betroffen wäre. Will man dazu kritische Distanz gewinnen, muss man sich natürlich mit dem Medium auseinandersetzen. Dies kann nicht Sache einer kleinen Zahl von Fachleuten sein, sondern ist eine Frage der allgemeinen Bildung. Selbstverständlich kann man dieses Interesse nicht zwingen, aber Film müsste jeden etwas angehen. Ob auch jeder die Cinemathek besuchen kann oder will, ist natürlich eine andere Frage.

forum: Gerade weil der Film heute zur Allgemeinbildung gehört, müsste er doch auch Eingang in die Schule finden. Hat die Cinemathek schon eine Zusammenarbeit mit den Schulen angestrebt, um auch die Filmgeschichte in die Programme einzubringen?

F.J. Dies ist eine wichtige Frage, die schon öfters angeschnitten wurde. Die Cinemathek bietet an, sie gibt Möglichkeiten, bei uns kann man sich dokumentieren. Es ist aber weder unsere Mission noch haben wir das nötige Personal, eine pädagogische Aufgabe zu übernehmen. Wenn das Unterrichtsministerium in den

Schulen Kurse über Film organisieren würde, könnten wir gewissermassen als Ergänzung dienen, weil wir bestimmte Filme zeigen können. Am Ministerium, an den Pädagogen also, uns eine Zusammenarbeit vorzuschlagen. Wir haben ein Werkzeug geschaffen, das eventuell zu organisierende Schulkurse illustrieren kann, das ist das Wichtige.

Ich finde jedoch vor allem wichtig, dass wir jedem die Gelegenheit bieten, sich selbstständig mit dem Film auseinanderzusetzen. Es wurden z.B. noch nie so viele Bücher über den Film veröffentlicht wie in den letzten Jahren, so dass sogar wir Mühe haben, diesem Rhythmus zu folgen. Wer Interesse hat, muss also nicht unbedingt in einem Schulsaal von einem Professor belehrt werden, er kann sich selbst Filme anschauen, Zeitschriften und Bücher lesen.

forum: Das ist schon richtig, aber Sie haben ja vorher selbst gesagt, dass viele Menschen falsch auf Kino reagieren, weil ihnen die Grundbasis des Wissens darüber fehlt, was Kino ist, wie es funktioniert, weil sie z.B. den industriellen Aspekt des Films nicht durchschauen können. Heute ist jeder einverstanden, dass Victor Hugo ein wichtiger Autor ist, weil er irgendwo gelernt hat, mit einem literarischen Text umzugehen, aber er hat nie gelernt, mit dem Kunstwerk Film umzugehen und darin die bleibenden Werte zu erkennen.

F.J. Sie haben recht, doch kann das sich auch nachteilig auswirken. Jemand, der Victor Hugo liest, kann auf Textstellen stossen, die ihm aber auch gar nicht zusagen. Auch läuft dadurch Kultur Gefahr, zu erstarren, weil jedermann annimmt, was man ihm vorsagt und kaum jemand die Wertungen hinterfragt. Beim Film fehlt tatsächlich diese Vermittlung von Gewissheiten, doch ist das wünschenswert? Ich weiss nicht. Stellen Sie sich vor, jemand sagt den Jugendlichen in der Schule, Visconti sei der Victor Hugo des Filmes. Sie glauben das natürlich -doch ist ihnen damit gedient? Doch andererseits haben Sie auch recht, denn viele widersprüchliche Meinungen rühren daher, dass Kino immer noch irgendwie am Rande bleibt und bis jetzt keinen Eingang in die Schule gefunden hat.

forum: Man könnte sich also vorstellen, dass z.B. auf der in den Sekundarschulen neugegründeten Sektion E ein eventueller Kursus über Film von der Cinematheque unterstützt werden könnte?

F.J. Selbstverständlich. Ich könnte mir durchaus vorstellen, dass das Ministerium bei uns anfragt, im Rahmen eines bestimmten Filmkurses gewisse Filme vorzuzeigen. Eine solche Initiative würden wir durchaus begrüssen. Es haben auch bisher schon vereinzelte Lehrer oder Schulen in diesem Sinne angefragt, doch leider fehlte bis jetzt eine systematische Organisation von Filmkursen, vielleicht auch, weil es an Fachkräften fehlt, die solche Kurse animieren könnten. Es genügt dazu nicht, dass man Filmfreund ist, die betreffenden Lehrer mussten schon die nötigen Schulen absolviert haben, damit die Qualität dieser Kurse tatsächlich gewährleistet würde.

forum: Könnten Sie sich vorstellen, dass an die Cinemathek eine "Abendschule" angegliedert würde, die eine systematische Einführung etwa in die Filmgeschichte, in die Filmtechnik bieten würde?

F.J. Diese Idee ist nicht zu verwerfen. Doch unsere Abteilung hier ist nicht nur zuständig für die Cinemathek, sondern funktioniert im allgemeinen als "Service culturel". Wir können also nur einen Teil unserer Zeit für den Film verwenden, es fehlt uns also am notwendigen Apparat und an Personal. Wir sind hier 5,

davon 2 Techniker, die Filme vorführen, archivieren und reparieren, eine Sekretärin und ein Beamter, der sich aber vor allem um Ausstellungen u.ä. kümmert. Ich könnte mir allerdings vorstellen, dass ein zusätzlicher, "full-time" beschäftigter Fachmann solche Abendkurse organisieren könnte. Wo ihn allerdings hierzulande finden? Man könnte z.B. anfangs jemanden aus dem Ausland einladen. Die Idee ist sicherlich interessant.

forum: Wie steht es um die Aufgliederung der Finanzen, da ja die Cinemathek nur ein Teil des Service Culturel der Gemeinde ist? Ist die Cinemathek als solche im Gemeindehaushalt aufgeführt?

F.J. Nein. Es gibt einen Artikel "activités culturelles", aber die Cinemathek figuriert nicht spezifisch im Budget.

forum: Wie steht es um die Bedingungen der Archivierung in der Cinemathek? Sind sie Ihrer Meinung nach optimal?

F.J. Nein. Weil ja die Zahl unserer Filme rapide ansteigt, haben wir schon einige Lagerräume, die in der Stadt verstreut sind, Keller, die nicht feucht sind und eine mehr oder weniger konstante Temperatur haben, aber ein fachgerechtes Blockhaus wird in absehbarer Zeit gebaut werden. Im Haushalt ist ein Investitionsplan über mehrere Jahre zu diesem Zweck vorgesehen. Ich muss schon sagen, dass hier auf Gemeindeebene manches geleistet wurde und wird. Nicht so auf nationalem Plan. Eigentlich sollte ja anfangs eine "Cinematheque nationale" gegründet werden, aber der Staat hatte nie Geld …

forum: Welches sind die Bezugsquellen der Cinemathek für ihre Filme?

F.J. Darüber schweigen wir uns aus; das können sowohl andere Cinematheken wie Privatsammler oder Vertriebsgesellschaften sein. Jede Cinemathek ist diskret, was ihre Quellen anbelangt. Weshalb? Nun, der Film litt von Anfang an darunter, dass er Kunst und Handels- und Industrieobjekt zugleich ist. Alle Filme bleiben also, mit ihren Urheberrechtsproblemen u.ä. immer irgendwie Handelsobjekt. Dieses Problem wird vielleicht bald einer Lösung zugeführt werden im Rahmen der Federation der Cinematheken zusammen mit der Organisation der Produzenten, aber solange müssen wir Diskretion wahren.

forum: Können Sie, angesichts Ihrer beschränkten Möglichkeiten mithalten mit den Archiven ausländischer Cinematheken? Ist die Anschaffung relevanter Filme für Luxemburg überhaupt möglich?

F.J. Ich kann nur sagen, dass das, was wir innerhalb

von drei Jahren hier erreicht haben, international anerkannt ist, und dass wir im Ausland womöglich besser angesehen sind als in Luxemburg. Ausländische Spezialisten verstehen nicht, wie es überhaupt möglich war, innerhalb von 3 Jahren soviel zusammenzutragen. Im September findet hier in Luxemburg ein Kongress von Filmkritikern, Filmhistorikern, Filmpädagogen von Universitäten und Lyzeen und Filmfreunden statt. Es ist dies das wichtigste Ereignis des Jahres auf diesem Gebiet. Wir werden ihnen eine Lawine von mehr als 50 Filmen bieten können, mehr, als normalerweise auf solchen Kongressen gezeigt werden, und alles Raritäten, die auch diese Spezialisten nie gesehen haben, auch wenn sie schon 20 und mehr solcher Kongresse miterlebt haben. Wir haben also Filme, die sonst niemand besitzt – auch wenn andere Cinematheken vieles besitzen, was uns fehlt. Es ist dies übrigens nicht eine Frage der Preise, sondern von ‚débrouillardise‘, von Fingerspitzengefühl und Flair. Der Preis eines Filmes liegt zwischen 6000-7000 Franken. Es geht nur darum, ihn zu finden, auch wenn es sich natürlich nicht um neuwertige Kopien handelt. Wenn ein Film in 20 Jahren also etwa dreimal bei uns läuft, hat er seinen Anschaffungspreis schon wieder eingespielt. Eine konkrete Zahl: Die gesamte Jahresaktivität der Cinemathek kommt etwa so teuer zu stehen wie eine Oper, die an drei Abenden im Stadttheater aufgeführt wird. Es ist auch nicht so, dass ein berühmter Film etwa viel mehr kosten würde – die Preise sind ziemlich stabil. Es geht nur darum, die wichtigen Werke, die man haben möchte, zu finden.

forum: Haben Sie präzise Kriterien, nach denen Sie Filme heraussuchen? Versuchen Sie, die Cinemathek auf einen bestimmten Aspekt der Filmgeschichte zu spezialisieren?

F.J. Nein. Ich beschäftige mich seit über 20 Jahren mit Film, ich glaube deshalb in etwa zu wissen, welche Filme eine Rolle spielten, was in unser Programm passt, obwohl der seduktive Aspekt nicht zu unterschätzen ist, der einem verschiedene Filme wichtiger erscheinen lässt als andere. Wir kaufen allerdings auch Werke auf, die wir persönlich nicht gut finden. Ich bin z.B. kein Godard-Fanatiker, doch er war wichtig in den sechziger Jahren und wir haben deshalb eine ganze Reihe von Godard-Filmen. Das einzige Kriterium unserer Auswahl ist die Relevanz eines Filmes und die Rolle, die er auf irgend eine Weise in der Filmgeschichte spielte.

forum: Wie stehen der ‚Service culturel‘ und die Cinemathek den ‚Ciné-Clubs‘ gegenüber? Von den Objektiven her gibt es ja zweifellos Gemeinsamkeiten.

F.J. Nicht so sehr wie Sie vielleicht annehmen. So wie ich die Sache sehe, erfüllt ein Ciné-Club die Funktion einer ‚Salle d’Art et d’Essai‘. Da wir ja nur 5 kommerziell geführte Filmsäle haben, haben viele Filme keine Chance, je in Luxemburg gespielt zu werden, weil sie vielleicht ein potentielles Publikum von nur 500 Leuten erreichen können, also kommerziell uninteressant sind, obschon es bemerkenswerte Werke sind. Die Ciné-Clubs führen also solche Filme vor, vor allem ja auch rezente Werke. Ein wichtiger Aspekt in diesem Zusammenhang ist nämlich, dass viele Leute älteren Filmen gegenüber sehr misstrauisch sind, weil sie glauben, ein alter Film könne keinen Wert mehr haben, einen Stummfilm z.B. könne man nicht mehr mit heutigen Kriterien messen, weil die Technik sich zu stark weiterentwickelt habe. Ich habe das nie verstanden. Sieht man nämlich über gewisse technische Mängel hinweg, bleibt ein guter Film etwa aus der Stummfilmzeit genauso lebendig wie

damals. Das Misstrauen rührt teilweise daher, dass Filme, die stark zeitbezogen sind (also keine Kostümfilme sind) schon durch die Kleidung der Schauspieler irgendwie entfremdend wirken und auch eng an die Realität jener Zeit anknüpfen. Vielen Leuten kommen solche Geschichten dann als nicht mehr ‚zeitgemäss‘ und überholt vor. Kurz, wir zeigen also ältere Filme, selten solche, die weniger als 10 Jahre alt sind. Das hat auch rechtliche Ursachen, weil wir jüngere Filme, die noch im Vertrieb sind, nicht zeigen wollen, auch, um eine unnötige Konkurrenz zu vermeiden. Um es noch einmal kurz zu sagen: die Cinemathek ist mit einem Museum zu vergleichen, das Vergangenes beleuchtet, ein Ciné-Club hingegen zeigt rezentere Filme, ähnlich einer ‚Salle d’Art et d’Essai‘, deren es auch in einer Stadt wie Luxemburg, genau wie überall im Ausland unbedingt geben müsste. Diese Lücke füllt der Ciné-Club. Ausser der Tatsache, dass wir Filme zeigen, haben wir also mit dem Ciné-Club nichts Gemeinsames, weil unsere Orientierung anders liegt.

Eine finanzielle Hilfe von seiten des ‚Service Culturel‘ dem Ciné-Club oder anderen Vereinen gegenüber gibt es nicht. Eventuelle Subsidien werden von der zuständigen Subsidienkommission der Gemeinde verteilt. Wir sind allerdings zuständig für andere Hilfestellungen, z.B. für Saalprobleme. Die Gemeinde hat mit hohem Kostenaufwand den Saal ‚Vox‘ instandgesetzt. Auch wenn er, was das Gemüner anbelangt, immer noch alt wirkt, so sind die technischen Bedingungen doch erstklassig. Trotzdem sind die Mietkosten lächerlich gering, was aber nicht verhindert, dass es diesbezüglich Reklamationen gibt. Ich verstehe nicht, wieso ein Verein, der doch ziemlich viel Geld einnimmt, plötzlich Probleme sieht, wenn es darum geht, 1000 oder 1700 F Miete zu zahlen. Vielleicht springt man auch hierzulande etwas leichtfertig mit dem Begriff ‚association sans but lucratif‘ um.

forum: Wie steht es um das kommerzielle Kino in Luxemburg? Hier gab es ja vor allem um die ‚taxe d’amusement‘ der Gemeinde lange Kontroversen.

F.J. Von dieser Gemeindetaxe, die seit 1921 aufgehoben wird, redet man intensiv schon seit wenigstens 20 Jahren: Als ich diese Stelle übernahm, begann ich mich damit auseinanderzusetzen, weil auch ich finde,

dass sie nicht mehr zeitgemäss ist in einer Branche,
die viel stärker als früher in Schwierigkeiten steckt
und auch vor allem des Begriffes wegen: ich bin da-
gegen den Film als simple Belustigung anzusehen.
Auf diesen Aspekt werde ich noch zurückkommen. Es
gibt jedoch administrative Schwierigkeiten, eine Taxe
abzuschaffen, die schon so lange besteht; sie speist
das "Office Social", von dem eine Reihe Leistungen ab-
hängen, die "repas sur roues" usw. Im Fall einer Ab-
schaffung der Taxe stellt das Fehlen dieser Geldquelle
natürlich Probleme. Darüber hinaus muss man sich fra-
gen, auch wenn es im Augenblick absolut wünschenswert
ist, die Taxe abzuschaffen, ob das auch in Zukunft
immer so bleiben wird. So haben wir als Lösung ins Au-
ge gefasst, die Taxe bestehen zu lassen, sie den Kinos
unter bestimmten Bedingungen zurückzuzahlen. Dieses
Jahr sind zu diesem Zweck 3 Millionen im Haushalt
eingeschrieben, es wurde eine Expertenkommission be-
stimmt, zu der ein Steuerspezialist gehört, ein Ar-
chitekt, ein Vertreter des "Office Social" und ich
selbst. Es gibt hier noch eine ganze Menge Schwierig-
keiten zu lösen, denn die Probleme sind ziemlich kom-
plex. Doch wir sind drauf und dran, eine Formel zu
erarbeiten, nach der die Gelder gerecht verteilt wer-
den können. Die Summe ist ja bekannt, aber die Ver-
teilung auf die einzelnen Säle und Besitzer ist nicht
so einfach. Wir werden aber natürlich noch in Laufe
dieses Jahres eine Lösung finden. Ich glaube schon,
dass sie jeden zufriedenstellen kann, auch und vor
allem das Publikum, denn die Gelder müssen gezielt
eingesetzt werden für den Komfort und das Aussehen
der Säle sowie die technischen Einrichtungen.
Doch ich möchte noch auf etwas anderes zurückkommen.
Kino wurde während 50 Jahren und mehr weitgehend an-
gesehen als Unterhaltung für die breite Masse und
deshalb gibt es nach dem elitären Konzept von Kunst,
das auch heute noch hierzulande seine Vertreter hat,
noch immer ein gewisses Misstrauen dem Film gegenüber.
Eine gewisse Kategorie von Leuten schätzen noch immer
das Theater oder andere Kunstgattungen höher ein und
darunter leidet Kino noch heute. Ich verstehe eine
solche Haltung nicht, die nur darauf gründet, dass
der Film eine populäre Kunstgattung ist, was man z.B.
von der Malerei nicht sagen kann. Auch Theater war
vielleicht seinerzeit populär, ist aber heute viel
elitärer geworden.

forum: Wieviel Zuschauer finden sich denn durchschnitt-
lich in einer Vorführung der Cinemathek ein?

F.J. Das ist unterschiedlich. Das Luxemburger Publi-
kum ist recht konservativ. Zeigen wir einen Film ei-
nes heute noch aktiven, bekannten Regisseurs, etwa
eines Bunuel, kommen sehr viele Zuschauer. Unbekann-
tere Filme sind natürlich weniger besucht. Die Neu-
gier und die Freude am Entdecken fehlt. Als Durch-
schnitt kann man jedoch 70-80 Zuschauer angeben.

forum: Welche Informationen liefern Sie der Presse
über die Cinemathek?

F.J. Wir haben eine Broschüre herausgegeben mit un-
serem Jahresprogramm, mit Informationen und Auszügen
aus Kritiken. In dieser Form wird sie allerdings
nicht mehr erscheinen, wir geben jetzt ein monatli-
ches Informationsblatt heraus, das an die Presse und
an unsere Mitglieder verschickt wird. Doch auch hier
bei uns kann man sich dokumentieren, wir sind durch-
aus aufgeschlossen, auch z.B. jemandem, der eine The-
se schreibt, weiterzuhelfen mit Büchern oder dadurch,
dass wir ihm Filme zeigen. Auch Journalisten haben
sich dazu schon eingefunden, und falls sich in Zukunft
Journalisten auf diese Weise für ihre Artikel doku-
mentieren wollen, sind wir durchaus bereit, syste-

Herr Junck geht im nebenstehenden Interview
auf Zielsetzung und Finanzen des Ciné-Club
80 ein. Fairerweise wollen wir dazu die Be-
merkungen der Angesprochenen abdrucken.

"Wir sind uns wahrscheinlich mit jederman
einig, dass die Kinemathek in der Luxembur-
ger Kulturszene eine Lücke gefüllt hat.
Zieht man aber in Betracht, dass das Publi-
kumsinteresse von Herrn Junck etwas über-
schätzt wird (was allerdings nichts an der
Wichtigkeit und Daseinsberechtigung der Ki-
nemathek ändert), so wäre es doch vielleicht
angebracht, das investierte Geld, z.B. im
Bereich der Filmzerziehung so anzulegen, dass
es einer weitaus grösseren Anzahl von poten-
tiellen Filminteressierten zugute käme. Auf
Filmzerziehung war Herr Junck aber seit jeher
kaum ansprechbar,

was ihn auch dazu veranlasst, den Ciné Club
80 als "Cinéma d’Art et d’Essai" einzustufen
und die doch wichtigen Bemühungen auf dem
Gebiet der Filmzerziehung einfach nicht zur
Kenntnis zu nehmen.

Viel bedauerlicher allerdings erscheint uns,
dass Herr Junck nicht daran vorbeikam den
Ciné Club 80 auf unkorrekte Art und Weise
anzurempeln.

Stellen wir zwei Unterstellungen ins rechte
Licht:

Wir haben den Mietpreis des Vox nie als un-
fair oder zu hoch bezeichnet, sondern nur
die Unterstützung der Gemeinde Luxemburg be-
mängelt, welche sich deutlich in 2 Zahlen
widerspiegelt: 1979/80 haben wir (einschliess-
lich "taxe d’amusement"!) 80 000 fr an
die Stadt abgegeben, dagegen nur 5 500 (Sub-
sid) eingezogen. Diese mangelhafte Unterstüt-
zung wurde übrigens vom Schöffenrat bedauert
und eine diesbezügliche Lösung wurde ausge-
arbeitet und steht kurz vor der Unterzeich-
nung.

Herr Junck scheint diese Einstellung seiner
Vorgesetzten mehr als zu bedauern, was ihn
dann auch zu der unüberlegten Unterstellung
führt, der Ciné-Club 80 sei keine a.s.b.l.,
hätte also zum Zweck, Gewinne zu erzielen.
Von jemandem welcher, genau wie wir, auf dem
Gebiet des Films arbeitet, mutet es recht
armselig an, wenn er Leuten, die nebenberuf-
lich und unentgeltlich eine wenigstens gleich-
wertige Arbeit verrichten, unterstellt, sich
am Ciné-Club zu bereichern. (Uebrigens wird
jedes Jahr der Presse und der Subsidienkom-
mission der Gemeinde eine genaue Abrechnung
unterbreitet.)

Vom Koordinator des städtischen Kulturdien-
stes erwartet man eigentlich eher Entgegen-
kommen und Unterstützung.

Der Vorstand des
Ciné-Club 80"

matisch hier oder im Vox die Filme unseres Program-
mes zu zeigen.

forum: Herr Junck, wir danken Ihnen für dieses Ge-
spräch.

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