Eine größenwahnsinnige Fehlplanung
Das französische Nuklearprogramm
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Das französische Nuklearprogramm
Eine größenwahnsinnige Fehlplanung
Wir sind ja inzwischen ausreichend darüber informiert, dass die westlichen Kernkraftwerke tod(!)-sicher sind und wir alle strahlend und kerngesund bleiben (oder werden?). Von der Seite her also kein Problem. Auch unsere Nahrung, die ja nur mehr aus in Fleisch verpackten Becquerels oder in Milch schwimmenden Jodpartikelchen besteht, ist völlig einwandfrei, denn es hat ja schon schliesslich immer eine gewisse Radioaktivität gegeben. (Um objektiv und wissenschaftlich argumentieren zu können, müsste man wohl über die Werte verfügen, die vor den Tests für die Atombomben von Hiroshima und Nagasaki bestanden haben). Worüber sich also Sorgen machen, wenn wir alle einer strahlenden Zukunft entgegengehen?
Man kann die Nuklearproblematik auch einmal von einem nüchternen wirtschaftlichen Standpunkt betrachten. Sind die Zentralen denn überhaupt alle notwendig, damit unsere Lichter weiterhin brennen? Die Fehlplanung des grössten europäischen
(Dessin de KONK.)
in: Le Monde
Nuklearprogramms, nämlich Frankreichs, soll an Hand einiger Zahlen illustriert werden. (Sämtliches Zahlenmaterial stammt aus "L’événement du jeudi" vom 8. Mai 1986).
Nach der ersten Erdölkrise von 1974 entschloss sich die Regierung Messmer, sechs KKW-Bauphasen pro Jahr in Auftrag zu geben, um für den für 1990 errechneten Verbrauch von 560 Mrd kWSt gerüstet zu sein. 1979 muss diese Hochrechnung revidiert werden und der Verbrauch für 1990 wird auf 350 Mrd kWSt festgesetzt. 1981 brechen die Sozialisten ihr Wahlversprechen, das Nuklearprogramm einzufrieren, und geben sechs (statt der geplanten neun) Phasen für 1982 und 1983 in Auftrag. Stärker als ideologische Beweggründe waren wohl der Druck der EDF und der Atomlobby. Die damalige Opposition RPR und UDF warfen den Sozialisten natürlich vor, nicht den gesamten Plan zu verwirklichen. 1983 werden die für 1990 erwarteten Verbrauchsmengen erneut gesenkt: auf 330 Mrd kWSt. Erst im Januar dieses Jahres beschliesst Laurent Fabius, bis 1989 nur einen Abschnitt pro Jahr bauen zu lassen. Um die Industrien zu entschädigen, die sich auf grössere Aufträge verlassen hatten, müssen Subventionen von 10 Mrd FF jährlich gewährt werden. Aber damit nicht genug: schon lange hat Frankreich mehr KKWs, als es braucht. "Sur une base de 330 mrd’s de KWh en 1990, 130 mrd’s peuvent être couverts par l’hydraulique ou le thermique classique. Si alors pour le reste, les centrales nucléaires en service tournent 4 900 heures par an, ce qui est peu, nous disposons de douze centrales de trop". (Jean Tassard, Nuklearspezialist der CFDT).
Die Rechnung für die französische Allgemeinheit steigt um 120 Mrd FF an, ohne die 25 Mrd, die der "schnelle Brüter" "Superphénix" kostet, von denen alle 18 Monate einer fertiggestellt werden soll.
Eine bittere Rechnung wird hinzukommen: im Moment führt die Industrie noch die Aufträge aus der Zeit des Atomboms aus. Was aber wird geschehen, wenn die mageren Jahre kommen? Die Gewerkschaften rechnen mit einer Arbeitsplatzeinbusse von 70 000 Einheiten.
Als eine weitere Fehlkalkulation erwies sich die Spekulation, KKWs in Dritt-Welt-Länder zu verkaufen. Ihre hohe Verschuldung erlaubt derartige Investitionen nicht, wie auch ihre Stromnetze eine solche Power-Zufuhr wohl kaum verkraften dürften.
So versucht man in Frankreich selbst eine steigende Nachfrage zu fördern. Auf Druck der EDF (213 Mrd Schulden) werden Neubauten mit Elektroheizungen ausgerüstet. Stromgrossverbraucher wie Eisenindustrie haben selbst wirtschaftliche Probleme und können sich nur schwer einen Umbau auf Strom leisten. Die Industrien der Zukunft (Elektronik) brauchen hingegen nur wenig Elektrizität.
in: Atomix
Aber auch das europäische Ausland ist zäh, wenn es heisst französischen Atomstrom zu kaufen. In der Tat will man Energieabhängigkeit vermeiden. Das, was die Franzosen für sich selber lauthals fordern, die Unabhängigkeit, erbost sie bei anderen Ländern.
"Absurde, cette histoire de surplus électrique qu’il faut absolument ‚fourguer‘? Elle souligne en tout cas une nouvelle fois nos défauts bien français: fascination pour la technologie, désintérêt pour les problèmes de marché, refus des grandes citadelles étatisées de tenir compte des critiques qui leur sont adressées, et de décider ‚démocratiquement‘. Et ce dernier point vaut aussi pour la sécurité." (Patrice Piquard, EDJ, S.17).
Ein Wort zur Sicherheit, denn auch sie ist ja ein wirtschaftlicher Faktor. Obschon die Sicherheitsvorkehrungen an den sowjetrussischen KKWs die Hälfte des Kostenpunktes der gesamten Anlagen ausmachen (laut Presseagentur NOVOSTI) und obschon ja angeblich in den westlichen Zentralen im allgemeinen und in den französischen im besonderen nie etwas passieren kann, wurden dennoch nach dem Unfall in Three Mile Island einige Änderungen an den Schalttafeln der französischen Atomzentralen vorgenommen. 1979 deckte die CFDT auf, dass in zehn älteren Zentralen an hunderten von wichtigen Bauteilen Risse aufgetaucht seien, die man aus Kostengründen aber nicht ersetzt, sondern nur repariert hätte und die man im Auge behalten würde. ("On les surveille…")
Desweiteren sollen ca. 20 % der Winkelstücke in den primären Leitungssystemen defekt sein. Im Gegensatz zu den russischen Zentralen verfügen die französischen KKWs natürlich über einen Betonmantel über dem Reaktor. Ist er aber ein 100%iger Schutz, wenn sogar die EDF in ihren Schulbeispielen es für möglich hält, dass ein terroristischer Anschlag ihn sprengen könnte? Aber das wird ja wohl auch nicht passieren, nicht wahr? sbb
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