Eine Kulturpolitik, die an die Realität unserer Gesellschaft angepasst ist

Jonk Sozialiste Lëtzebuerg (JSL)

47,7% Ausländer, über 170 verschiedene Nationalitäten, 180.000 Grenzgänger. Diese Zahlen sollten selbst den weniger Kulturaffinen die Relevanz und Dringlichkeit einer sinnvollen Kulturpolitik verdeutlichen. Zumal in Zeiten des aufkeimenden Populismus mit ausländerfeindlicher Gesinnung darf die „Nationalkultur“ nicht zu einem monopolistischen Argumentationsinstrument für Nationalisten verkümmern. Stattdessen muss die kulturelle Vielfalt besonders in Luxemburg vom Kindesalter an im Alltagsleben eines jeden Einwohners Fuß fassen. Zu diesem Zweck ist vornehmlich die Schulbildung ein nützliches Werkzeug, das bisher bedauerlicherweise zu wenig, bzw. falsch genutzt wird. Obwohl Schulfächer wie Kunst, Musik oder Ethik sicherlich zu einem abstrakten Kulturverständnis beitragen, fehlt dort doch meist der Bezug zum Alltag. Impressionismus, Dadaismus und Kubismus gewähren den Zugang zu einer Hochkultur, gemäß ihrer Definition als hegemonial übergeordnete „Elitenkultur“ – nicht jedoch zu einer Populärkultur im Sinne einer jedermann betreffenden, lebensweltlichen Alltagskultur. Schon in den 1970er Jahren hat man sich darum bemüht, den Kulturbegriff auf neue, alltägliche Ausdrucksformen auszuweiten.

Kunst und Kultur für alle und nicht nur für wenige

Das Aufwachsen in einem multikulturellen Umfeld erfordert Verständnis und Toleranz für unterschiedlichste Lebensweisen. Die künftige Politik muss sich daher bemühen, eine Kulturpolitik zu gestalten, die alle sozialen Schichten mit einbezieht. Dabei sollten unter anderem die unterschiedlichen Traditionen, Religionen und Werte vermittelt und in interaktiver Zusammenarbeit der Schüler erarbeitet und diskutiert werden. Durch die kritische Auseinandersetzung mit Unterschieden und Ähnlichkeiten zwischen den Kulturen soll ein holistisches statt engstirniges Weltbild gefördert werden.

Eine Kulturpolitik, die an die Realität unserer Gesellschaft angepasst ist

Diese Umstrukturierung der kulturellen Schuldbildung initiiert einen weitläufigen Prozess: Ein besseres gegenseitiges Kulturverständnis der vielfältigen Landesbewohner fördert die Zusammenarbeit, die Zusammenkunft und das Zusammenleben aller. Jeder Bürger muss aus dem Kulturangebot einen Nutzen ziehen können. Das Ziel soll nicht einzig und allein ein passiver Konsum sein, sondern zur Emanzipation des Menschen beitragen. Das MUDAM
oder die Nuit des Musées sind an und für sich schöne Ideen, sprechen allerdings ein sehr spezielles Publikum an und bedienen wieder einzig die Hochkultur. Aktuell ist in diesem Zusammenhang auch die Wahl von Esch-Alzette zur europäischen Kulturhauptstadt 2022 und das dadurch entstandene Projekt Esch 2022 zu erwähnen. Die Organisatoren haben auf der offiziellen Website den Vorsatz formuliert, die hiesige Kultur in der Öffentlichkeit prominenter darzustellen und das Selbstverständnis derjenigen zu stärken, die sich als „Bürger zweiter Klasse“ verstehen. Esch 2022 scheint demnach im Sinne einer Aufwertung der Populärkultur zu agieren. So löblich dieses Projekt auch klingt, so ephemer könnte jedoch sein Charakter und – falls vorhanden – sein Effekt sein. Es erweckt den Anschein, als wolle die Regierung in einem Jahr nachholen, was sie in den letzten Jahrzehnten in der Kulturpolitik versäumt hat. Esch 2022 muss unbedingt zu einer Dezentralisierung beitragen und die Industriekultur in den Vordergrund stellen. Die Industrie hatte damals eine regelrechte Migrationswelle nach Luxemburg ausgelöst und prägt dadurch unsere Kultur bis heute enorm.

Austausch kultureller Erfahrungen anstelle von Imageaufbesserung

Die Kulturpolitik, die das Land braucht, ist eine, die alle Bürger zur Partizipation anregt und in einem kontinuierlichen Prozess zur Erfahrung und dem Verständnis der Populärkultur beiträgt. Die Mittel, um dies zu realisieren, sind vielfältig. Von internationalen Street-Food-Märkten bis hin zu symbolischen Feierlichkeiten rund um nicht-einheimische Traditionen und Feiertage gibt es einiges, was auch bildungsferne oder sozial schwache Schichten einbinden kann – und für einen Austausch unterschiedlicher gesellschaftlicher und kultureller Erfahrungen sorgt.

Auch wenn die aktuelle Politik bisher vermeintlich die Kultur fördert, so scheinen die bisherigen Projekte primär aus wirtschaftlicher Perspektive zur Imageaufbesserung gestaltet zu sein. Nicht umsonst stehen kulturelle Gebäude wie die Philharmonie oder das MUDAM auf dem Kirchberg, inmitten europäischer Institutionen. Unsere Kultur sollte nicht nur zur Schau gestellt werden, um von Luxemburgs Image als Finanzplatz abzulenken – sondern um die Bürger zu verbinden.

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