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Aus dem vorliegenden Dossier ergibt sich, dass die seit Anfang bestehende Entfremdung zwischen Kirche und Arbeiterschaft noch immer weiterdauert. Gewiss hat es sowohl auf Seiten der Kirche wie auch der Arbeiter immer wieder einsichtige und mutige Menschen gegeben, die ein neues Verhältnis zwischen diesen beiden gesellschaftlichen Grössen einleiten wollten. Im grossen und ganzen aber blieb es bei der anfänglichen Distanz und Indifferenz.
Wenn man nun eine Änderung in dieser Beziehung wünscht, kommt man nicht an der Frage vorbei, wie es zu diesem unerspriesslichen Zustand kam, vor allem, welches dabei die Verantwortung der Kirche war. Diese aber lag in deren Unfähigkeit, die Arbeiterschaft als eine neue, bisher noch nicht dagewesene, eine neue soziale Funktion erfüllende Gesellschaftsklasse zu erkennen und zu behandeln. Und zwar bestand dieser Mangel, diese Blindheit für neuentstehende gesellschaftliche Verhältnisse sowohl bei der kirchlichen Hierarchie als auch bei den Laien (abgesehen, wie gesagt, von einigen notablen Ausnahmen). Die Arbeiter wurden angesehen als abgesprungene, in die Stadt gezogene Landarbeiter und Handwerker, die in erster Linie unter moralischem Gesichtspunkt betrachtet wurden: es wurde versucht, sie zu bewahren vor Disziplinlosigkeit, unzüchtiger Promiskuität, aufrührerischem Gebahren und Vernachlässigung der religiösen Pflichten.
Woher aber kam diese folgenschwere Fehleinschätzung der gesellschaftlichen Umwandlung? Zwei Gründe mindestens waren wirksam auf Seiten der Kirche. Erstens war letztere dem traditionellen Gesellschaftsbild verhaftet, und zwar deshalb, weil sie selbst, zumindest was ihre Hierarchie anbelangt, sich mit diesem identifizierte, in ihm eine durchwegs aktive systemerhaltende Rolle spielte. Zum zweiten, und das war nicht weniger wichtig, war sie einem bestimmten Kirchenbild verhaftet das, nach innen gerichtet, die Kirche sah als ein von oben nach unten hierarchisch und autoritär verfasstes Gebilde (dem absolutistischen Staate ähnlich), in dem die Laien das gehorchende, empfangende, unmündige Element darstellten. Nach aussen, auf die Welt und die Gesellschaft gerichtet, beinhaltete dieses Kirchenbild einen bestimmten Auftrag, eine Mission, derzufolge die Kirche zuständig war für die intellektuelle und moralische Bildung der Menschen.
In einem Wort, die Kirche sah sich selbst als eine Institution, die in der Gesellschaft eine leitende Rolle innehatte, und weil sie sich im Besitz der ewigen, unveränderlichen, totalen Wahrheit wähnte, ihr einziges Verhältnis zur Gesellschaft nur als deren Einverleibung in sich selbst verstehen konnte: die gesamte Gesellschaft sollte Mitglied der
Kirche werden, das war der einzig denkbare Idealzustand. (Von dieser Vorstellung stammt wohl auch die Überzeugung her, die Kirche habe die Arbeiterschaft ‚verloren‘, was aber einen doppelten Irrtum darstellt; erstens kann man nur verlieren, was man einmal hatte, die Kirche hat aber die Arbeiter, wie gesehen, nie ‚gehabt‘; zweitens ist es gerade die Frage, ob die Kirche irgendwelche gesellschaftliche Gruppe überhaupt zu ‚haben‘ hat.)
Die Kirche ging also von einem statischen Kirchen- und Gesellschaftsbild an die Arbeiterklasse heran und war dementsprechend unfähig zu erkennen, dass und welche gesellschaftliche Revolution vor ihren Augen sich abspielte. Welche Lehren können und müssen aus dieser traurigen Geschichte gezogen werden? Eine erste Schlussfolgerung scheint der Kirche unterdessen klar geworden zu sein: sie muss die Gesellschaft als eine sich ständig wandelnde Wirklichkeit ansehen, und immer wieder die Anstrengung einer Analyse auf sich nehmen. Dies hat sie zumindest versucht in den verschiedenen seit Rerum Novarum (1891) erschienen Sozialenzykliken, während des 2. Vatikanischen Konzils, sowie auf den einzelnen Dizesansynoden. Wichtig ist, dass diese Erkenntnisbemühung ununterbrochen weitergeht und keine wissenschaftlichen Instrumente dazu von vorneherein verschmäht.
Vielleicht liesse sich auf diese Weise vermeiden, dass einige gesellschaftliche Gruppen wie die Jugend und vor allem die Frauen, die nun tatsächlich eine Hauptstütze der Kirche bildeten, ‚verloren‘ gehen, nur weil die Kirche wiederum unfähig ist, ihre neue Lage, neuen Problemen, neuen Ziele und Werte zu sehen, kritisch zu würdigen und anzuerkennen.
Eine andere Lehre aber muss noch gezogen werden, zu der nur Ansätze erst vorhanden sind, die nicht durch Zufall übrigens aus der Arbeiterpastoral
stammen: Die Kirche muss ihr eigenes Bild und das Verständnis ihrer Rolle in der Gesellschaft unbedingt überdenken. Die Geschichte hat gezeigt, dass es nicht nur faktisch nicht möglich war, die Arbeiter in die Kirche zu locken, sondern darüberhinaus, dass dies auch gar nicht wünschenswert ist. Die Mission der Kirche besteht nicht darin, den ganzen Teig zu bilden: Sauerteig zu sein ist ihr Auftrag. Nicht also hat sie sich die gesamte Menschheit einzuverleiben, sondern sie hat dafür zu sorgen, dass das lebendige, dynamisierende Andenken an Jesus von Nazareth, sein Leben und seine Lehre, in der Welt wach bleibt. Sie hat die ständige heilbringende Gegenwart Christi in der Welt zu verkünden und vorzuleben. Ihr Verhältnis zur Gesellschaft ist nicht das einer Einverleibung, sondern eines Angebotes.
So haben die JOC und die Arbeiterpriester ihr Engagement in der Arbeiterschaft auch verstanden. (So wirkten auch die mehr oder weniger kleinen, christlichen Gemeinschaften der jungen Kirche). Solches gilt aber nicht nur gegenüber der kirchenfremden Arbeiterklasse, sondern für die ganze Kirche. Anstatt alle noch verfügbaren Energien zu mobilisieren, um die herkömmliche kirchliche Organisation und den sonntäglichen offiziellen Kult aufrecht-zuhalten, bzw. neue Initiativen und
Gruppen unbedingt ins Prokrustesbett dieser traditionellen Institutionen zu pressen, täte die Kirche besser daran, ihre haupt- und nebenamtlichen Kräfte auf den Aufbau lebendiger Gemeinschaften zu verwenden, welche durch ihr tatsächliches Zusammenleben und Feiern ein ansteckendes Zeugnis geben könnten.
Im Augenblick bestehen noch eine Reihe von Institutionen (Pfarrei, Massenkult, Verbände usw.) welche nur noch leere Hülsen sind. Nicht als ob sie keine wertvollen Dienste geleistet hätten. Aber sie sind unterdessen, gesehen den Wandel der Gesellschaft und der Ansichten über den kirchlichen Auftrag, nicht nur überflüssig sondern geradezu schädlich geworden: sie beschlagnahmen fast alle Kräfte und verhindern dazu noch die Entstehung neuer Wirkweisen.
Eine Rückbesinnung auf die Lebens- und Wirkungsweise der jungen Kirche, auf die schmerzliche Geschichte zwischen Kirche und Arbeiterschaft und auf die neuen Formen von Kirchlichkeit, die in Ländern der Dritten Welt erprobt werden, müsste uns Grund genug sein, umzudenken und selbst neue Formen kirchlichen Wirkens zu (er)finden, welche auch in die Zukunft hinein die frohe Botschaft der Welt zu vergegenwärtigen vermögen.
Hubert Hausemer
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