Eine Wachstumsdebatte ohne Grundlage

Es ist schon erstaunlich. Ein jahrzehntelang währendes Dogma wird auf einmal hinterfragt: Das Wirtschaftswachstum, oder zumindest pauschal „das Wachstum“. Sämtliche Parteien lavieren irgendwie herum, sind für weniger, aber auch nicht zu wenig oder für irgendwie anderes Wachstum.Neoklassische Wirtschaftsmodelle behaupten, Geld sei neutral, sein Wesen beeinflusse die wirtschaftlichen Abläufe nicht. Damit geben sie auch zu verstehen, in der Analyse der Wirtschaft bräuchte man dem Geld keine Beachtung zu schenken. Selbst in der aktuellen Diskussion um das Wirtschaftswachstum in Luxemburg hat noch niemand den Zusammenhang zum Geldsystem hergestellt. Und somit wird die wohl am stärksten treibende Kraft hinter dem Wirtschaftswachstum übersehen. Selbst die Grundlagen fehlen.

Das Statec hat keine Daten zu den gesamten Geldvermögen in Luxemburg. Auch nicht zu deren Wachstum. Und daher natürlich auch nicht zum Zusammenhang zwischen Vermögenswachstum und Wirtschaftswachstum. In Luxemburg, wo Privateigentum fast schon heilig ist, scheint dies politisch nicht erwünscht zu sein.

Unter Geld stellt man sich spontan meistens Scheine und Münzen vor. Und die meisten Menschen glauben, die Zentralbanken würden das Geld schöpfen, also erschaffen. Tatsächlich sind es aber die normalen Geschäftsbanken, die dies tun. Wenn eine Bank einen Kredit vergibt, unterschreibt der Kreditempfänger, dass er der Bank die vereinbarte Summe schuldet. Die Bank schreibt ihm diese Summe dann gut und so ist neues Geld entstanden. Die Summe auf dem Konto des Kreditempfängers, bedeutet nichts anderes, als dass die Bank ihm wiederum diese Summe schuldet.

Ein Nullsummenspiel also, bei dem die Bank ganz einfach ihre Bilanz verlängert. Es ist also nicht so, dass die Bank, wie man oft glaubt und wie es in vielen Lehrbüchern beschrieben wird, einem Geld leiht, das jemand anders vorher eingezahlt hat. Nein, bei einem Kredit erschafft die Bank neues Geld.

Guthaben und Schulden sind die zwei Seiten ein und derselben Medaille. Und da Kredite bekanntlich mit Zinsen verbunden sind, und Geld also Kredit ist, ist die Bedingung für die Existenz unseres Geldes eine permanente Umverteilung von den Zinszahlern hin zu den Zinsempfängern.

Die Bank behält einen Teil des Zinsgewinns und gibt einen anderen Teil vor allem an ihre wohlhabenden Kunden weiter, die Einlagen bei ihr haben. Und die Geldvermögen wachsen ständig und durch den Zinseszins exponentiell. Und je mehr Guthaben es gibt, umso mehr Schulden gibt es.

Das niedrige Zinsniveau bremst derzeit das Vermögens- und das damit verbundene Schuldenwachstum. Dennoch kann man in einer langfristigen Betrachtung eine beständig wachsende Schulden- und vor allem Zinslast beobachten. Das bedeutet, dass eine ständig größer werdende Summe an Zinsen aus dem Bruttosozialprodukt heraus finanziert werden muss. Die Wirtschaft muss also wachsen, um die wachsende Zinssumme zusätzlich zu erwirtschaften. Wächst die Wirtschaft nicht, müssen dennoch wachsende Zinssummen gezahlt werden. Dies kann nur durch Einsparungen an anderer Stelle geschehen. “In der unvollständigen Welt, in der wir leben, […] ist die Arbeitslosigkeit der Mechanismus, der die Ansprüche von Lohn- sowie Kapitaleinkommensbeziehern, die in der Summe bisweilen höher als die gesamte Wertschöpfung sind, in Übereinstimmung bringt.”1Um die Schere zwischen jenen, die Ihr Einkommen aus Arbeit beziehen und jenen, die ihr Einkommen aus Vermögen beziehen nicht zu weit auseinandergehen zu lassen, ist man also um Wirtschaftswachstum bemüht. Denn wenn die Summe an Zinsen wächst, die Wirtschaft aber nicht, kommt irgendwann der Moment, wo die gesamte Wirtschaftsleitung aufgebraucht wird, um die Zinsen zu zahlen. Nur wenn Zinssumme und Wirtschaftsleistung gleichmäßig wachsen, bleibt der Anteil der aus der Wirtschaftsleistung heraus zu zahlende Summe prozentual gleich.

Eine rezente empirische Studie2 hat ergeben, dass das Wirtschaftswachstum maßgeblich vom Wachstum der Geldmenge durch Kreditvergabe an die Realökonomie getrieben wird und dass einem Wachstum der Wirtschaft ein Anstieg der Zinssätze folgt.

Man kann beim Wirtschaftswachstum also zwei Variablen identifizieren. Die Zinsen, die eine auf Wirtschaftswachstum fokussierte Politik „erzwingen“ um den sozialen Frieden zu bewahren und die Geldschöpfung, also die Kreditvergabe, welche das Wirtschaftswachstum und die Zinshöhe beeinflusst. Folgend soll gezeigt werden, wie man diese Variablen regeln könnte.

Neoklassische Wirtschaftstheorien gehen davon aus, dass Geld entweder gespart, also zinstragend investiert oder verkonsumiert wird. So steht es auf jeden Fall dem Wirtschaftskreislauf zur Verfügung und sorgt stets für eine ausreichende Nachfrage.Doch es gibt noch eine dritte Möglichkeit des Umgangs mit Geld. Man kann es horten und solange die Vorteile der Liquidität nutzen. Dieses Geld fehlt dem Wirtschaftskreislauf solange, bis jene die Geld benötigen bereit sind, einen ausreichend hohen Zins zu zahlen, verbunden mit dem Druck einen Überschuss zu erwirtschaften, der es ermöglicht die Zinsen zu zahlen. Das gilt sowohl für einzelne Unternehmen, als auch für die gesamte Volkswirtschaft.

„Hortbares Geld birgt also unter bestimmten Bedingungen ein volkswirtschaftliches Risiko, dessen Folgen nicht der trägt, der es verkörpert und auslöst, sondern – etwas vereinfacht ausgedrückt – die Volkswirtschaft.“3
Und es bleibt festzuhalten, dass nicht nur Schuldner Zinsen zahlen, sondern jeder. Mit den Steuern zahlen wir die Zinsen des Staates und mit unseren Konsumausgaben die Zinsen der Wirtschaft. Daher ist auch die weit verbreitete Meinung, bei niedrigen Zinsen würden die „kleinen Sparer“ oder der „kleine Mann“ verlieren, ein Irrglaube. Selbstverständlich bekommt er zwar weniger Zinsen auf sein Erspartes, gleichzeitig zahlt er aber weniger in den Produktpreisen enthaltene Zinsen. Die Produkte sind dementsprechend günstiger und der „kleine Sparer“ hat nach seinen Konsumausgaben mehr Geld zum Sparen übrig. Laut Helmut Creutz sind nur die Reichen 15% der deutschen Bevölkerung Gewinner des Zinssystems, während der Rest verliert.4

Mit „Freigeld“ die Zinsen drücken, mit „Vollgeld“ die Geldschöpfung regulieren

Die aktuelle Debatte um das Wirtschaftswachstum zeigt jedenfalls, dass ein Zinsgeldsystem wie naturgegeben scheint. Es ist anscheinend völlig selbstverständlich, dass die Wirtschaft Zinsen erwirtschaften muss und dass Einzelne sich Zinsgewinne aneignen können. Dabei ist Geld ja auch eine öffentliche Einrichtung und Zinsen das Resultat einer kollektiven und nicht einer individuellen Leistung. Ohne Wirtschaftswachstum könnte man die Kapitalansprüche nicht zahlen, aber diese müssen anscheinend eben bezahlt werden. Eine Firma, die zu wenig Geld hat, um Löhne und Zinsen zu zahlen, kann Personal entlassen, um Ausgaben zu verringern. Den Kredit muss sie bedienen, sonst ist sie bankrott. Über das, was danach noch übrigbleibt, kann man dann diskutieren. Über Geld und Zinsen spricht man nicht.

Freigeld

Es sieht also so aus, dass die Wirtschaft nur dann mit Geld versorgt wird, wenn gleichzeitig über Zinsen eine Umverteilung stattfindet, die das Problem wiederum verschärft. Doch die Vertreter der sogenannten Freiwirtschaft, begründet von Silvio Gesell, sind überzeugt, eine Lösung gefunden zu haben, die das Problem bei der Wurzel packen soll. Die Idee: Die Vorteile des Jokers sollen kostenpflichtig sein. Wer sie nutzen möchte und also Liquide bleiben will, soll dafür eine Gebühr zahlen. Schließlich kennt unsere Wirtschaft nur ein Tauschmittel, jedoch zahlreiche Wertaufbewahrungsmittel. Wer also auf Kosten der Allgemeinheit dieses Tauschmittel aufbewahren möchte, sollte die Kosten selber tragen. Dies solle in Form einer Demurrage, also einer Haltegebühr erfolgen. Dadurch sollen die Vorteile der Liquidität durch Kosten ausgeglichen werden und die Geldbesitzer gedrängt werden, ihr Geld dem Wirtschaftskreislauf zur Verfügung zu stellen, ohne dafür Zinsen zu verlangen, denn schließlich würden sie sich so die Demurrage, also die Haltegebühr sparen. Die Zinsen würden gegen Null tendieren, die Umverteilung würde dadurch gestoppt und der Druck auf die Wirtschaft, stetig wachsende Zinssummen durch ein Wachstum der Wirtschaft zu erwirtschaften würde entfallen.

Die EZB hat sich übrigens bei ihrer Entscheidung negative Leitzinsen einzuführen auf die Ideen Silvio Gesells berufen. Ein „Freigeld“, wie von der Freiwirtschaft gefordert, ist der Euro dadurch jedoch nicht, da man ja auf Scheine ausweichen und diese horten kann. Gut möglich, dass die Entscheidung die Fünfhunderter Scheine abzuschaffen, dem Zweck dient, das Horten in Schließfächern teurer zu machen.
Vollgeld

Die Geldschöpfung durch Kreditvergabe der Geschäftsbanken erfolgt, wie es für Privatunternehmen Usus ist, vornehmlich gewinnorientiert. Der US Ökonom Irving Fischer sah in der zu hohen Geldschöpfung der Geschäftsbanken die Ursache für den Börsenkrach von 1929 und die darauffolgende Wirtschaftskrise und schlug daraufhin das Konzept des 100% money vor. Dieses sah vor, dass Banken nur Kredite in dem Ausmaß vergeben dürfen, in dem sie auch über Zentralbankgeld (also Scheine und Münzen) verfügen. Seine Idee wurde im Laufe der Zeit weiterentwickelt und umgewandelt. Joseph Huber etwa schlug ein System vor, bei welchem alles Geld von der Zentralbank herausgegeben würde und bezeichnete dies als Vollgeld. Richard A. Werner bemerkte, dass Krisen eine starke Steigerung der Geldschöpfung durch Kredite für spekulative Zwecke vorausging.

Er schlug daher vor, dass die Zentralbanken über die Höhe der Geldschöpfung durch Kreditvergabe sowie über den Verwendungszweck (Realökonomie oder Spekulation) der Kredite bestimmen sollte. Den verschiedenen Varianten des Vollgeldes ist gemein, dass die Geldschöpfung den Zentralbanken ganz oder größtenteils überlassen werden soll. In der Schweiz wurde diesen Juni über die Einführung des Vollgeldes abgestimmt. Sämtliche Banken, Wirtschaftsverbände und Parteien machten Stimmung gegen dieses „radikale Experiment“ und 74% der Wähler lehnten den Vorschlag ab. Es bleibt der Verdienst, dass in der Schweiz eine relativ breite Debatte über die Geldschöpfung stattfand. Im restlichen Europa blieb dies quasi unbemerkt. In den Gründerjahren der USA, war es noch ein zentrales Thema. So soll Thomas Jefferson um 1780 gesagt haben:

„Wenn das amerikanische Volk jemals privaten Banken erlaubt, die Währung zu kontrollieren, dann werden die Banken zuerst durch Inflation, dann durch Deflation das Volk all seines Eigentums berauben, bis die Kinder obdachlos auf dem Kontinent aufwachen, den ihre Vorväter eroberten. Die Geldschöpfung sollte den Banken weggenommen und dem Volk zurückgegeben werden, dem sie rechtmäßig gehört.“

Englands Zentralbank, die Bank of England, bietet seit kurzem auch Finanzinstituten, welche keine Banken sind, die Möglichkeit, ein Konto bei der Zentralbank zu führen. Es ist theoretisch ein erster Schritt in Richtung eines Vollgeldes und theoretisch könnte auch jeder Bürger über ein solches Konto verfügen – jedoch, es ginge gegen das Mandat der Zentralbank. Die Blockchain Technologie könnte ein solches System vereinfachen. Das Pfund, sowie alle anderen Gelder könnten von den Zentralbanken als gesetzliches Zahlungsmittel via Blockchain herausgegeben werden. Die digitalen Gelder wären, anders als das von den Geschäftsbanken geschöpfte Giralgeld, ganz einfach eine digitale Version der von den Zentralbanken herausgegebenen Münzen und Scheine. Konsequenterweise arbeitet die Bank of England, ebenso wie die Schwedische Riksbank an einem Krypto-Pfund, beziehungsweise einer Krypto-Krone, genannt e-krona. Auch das Rifkin Strategiepapier für Luxemburg sieht eine Blockchain-Version des gesetzlichen Zahlungsmittels vor.

Der Witz an der ganzen Sache ist, dass mit einem Vollgeld das Geldsystem auf die Weise funktionieren würde, wie ohnehin die meisten Menschen glauben, dass es funktioniere. Nämlich, dass Zentralbanken das Geld erschaffen und Banken dann Kredite auf Basis von Zentralbankgeld geben, welches vorher eingezahlt wurde.

Um das Wirtschaftswachstum steuern zu können, müsste man also ein Vollgeld einführen, mit dem man die Kreditvergabe und damit das Wachstum beeinflussen könnte, sowie dieses Vollgeld als Freigeld konzipieren um nicht aufgrund der Zinslast wachsen zu müssen um die sozialen Ungleichheiten in Grenzen zu halten und somit aus dem Wirtschaftswachstum eine freie Entscheidung zu machen.

Andere Geldformen und Parallelwährungen als Lösungsbeitrag

Wenn man an historisches Geld denkt, so stellt man sich für gewöhnlich alte Gold- oder Silbermünzen vor. Abgesehen davon, dass die Vorstellung, diese Münzen hätten ihren Wert aufgrund des Edelmetalls, nur ein Mythos ist5 – der aufgeprägte Wert war stets höher als der Metallwert – entgeht einem dabei, dass die Geschichte des Geldes viel reicher an Alternativen ist als die vielfältigen Münzen. So etwa Kerbhölzer, welche während mehreren Jahrtausenden existierten und dem alltäglichen Zahlungsverkehr dienten. Die ältesten sind mehr als 10.000 Jahre alt und in den Alpen wurden sie vor allem in der Almwirtschaft noch bis ins 20. Jahrhundert genutzt. Das Prinzip ist einfach: In ein flaches längliches Holzstück wurden Symbole geritzt, welche Schuldverhältnisse dokumentierten. Das Holz wurde der Länge nach in zwei Teile getrennt, der Gläubiger und der Schuldner erhielten ihr jeweiliges Stück. Zu einem bestimmten Zeitpunkt traf man sich und die Schulden wurden beglichen, etwa durch Sachleistungen oder z.B. durch Münzgeld. Dabei bedurfte es meist nicht viel Münzgeld, denn zwischen zwei Personen bestanden oft vielfältige Schuldverhältnisse (mal war der Eine Gläubiger, mal der Andere), die sich gegenseitig aufhoben. Manche gehen davon aus, dass aus diesen Treffen die großen Messen entstanden sind, die ursprünglich dazu dienten, die Schulden auszugleichen. Denn schuldet z.b. Person A Person B 100 Euro und Person B schuldet Person C 100 Euro und C schuldet wiederum Person A 200 Euro, so kann man die Schulden ausgleichen indem Person C ganz einfach 100 Euro an Person A gibt. Kerbhölzer waren also ein System gegenseitiger Kreditvergabe und das direkt zwischen den Marktteilnehmern. Nicht die Banken erschufen diese Form von Geld, sondern die Marktteilnehmer selbst. Und die Kredite wurden nicht von einer Bank vermittelt, sondern ebenfalls von allen Marktteilnehmern. Dieses System gab es in vielen Formen, etwa auf Papier notiert oder auf lokalen Märkten mit Kreide auf den Boden notiert. Und noch heute kennt man die Ausdrücke „etwas auf dem Kerbholz haben“ oder „in der Kreide stehen“. Beide bedeuten, Schuld auf sich geladen zu haben.

Als diese demokratische Form der Geldschöpfung in England am 16. Oktober 1834 durch eine Steuerreform abgeschafft wurde, wurde eine große Menge an Kerbhölzern im Hof des Parlamentsgebäudes verbrannt, woraufhin dieses ironischer- oder passenderweise ebenfalls Feuer fing und größtenteils abbrannte.

Regionale Initiativen als Labor

Heute werden alternative Geldkonzepte nahezu ausschließlich in kleinen regionalen Alternativen ausprobiert und gelebt. Das Modell gegenseitiger Kreditvergabe wird von den sogenannten Lets, also local exchange trade systems, angewandt. Für gewöhnlich basieren sie auf Zeiteinheiten, das heißt, dass die Teilnehmer sich gegenseitig Dienstleistungen anbieten und die dafür aufgewendete Zeit gutgeschrieben bekommen. Diese Zeitgutschriften können sie bei anderen Teilnehmern wiederum „ausgeben“. In einer zentralen Bilanz wird dem Leistungserbringer die Zeit gutgeschrieben und der Leistungsempfänger geht dementsprechend ins Minus.

In einem weit größeren Rahmen aber in einer weniger puristischen Form bietet die genossenschaftliche Schweizer WIR-Bank ein solches System an. Der WIR Franken, welcher den gleichen Wert wie der Schweizer Franken hat und von gut 30.000 Schweizer KMU’s genutzt wird, wirkt antizyklisch. Wenn der Schweizer Franken nur langsam zirkuliert und die Unternehmen nur schwer an Bankkredite kommen, nimmt die Aktivität im WIR System zu. Rollt der Schweizer Franken wieder, nimmt die Aktivität ab. Damit ist der WIR Franken einer der Gründe, warum die Schweizer Wirtschaft so stabil ist.
In Luxemburg gibt es nur den Beki, das Regionalgeld des Kantons Redingen, als einziges alternatives Geldsystem. Camille Gira besaß den Mut es zu initiieren. Es wird vom 2012 gegründeten Verein De Kär verwaltet und im vergangenen Jahr zirkulierten im Durchschnitt 178.000 Beki zwischen den zirka 100 Betrieben, die sich am System beteiligen. Der Beki verfolgt klare Ziele. Er soll regional zirkulieren, um die regionale Wirtschaft zu unterstützen; er soll den sozialen Zusammenhalt, bürgerliches Engagement und kurze Warentransportwege durch verstärktes regionales Zusammenarbeiten fördern. Die Nutzer sollen motiviert werden, bei den lokalen Betrieben einzukaufen und vor allem sollen diese sich untereinander gegenseitig stärken, um der Konkurrenz von Amazon und Co widerstehen zu können. Der Trick ist dabei ganz einfach. Wenn Unternehmen ihre Beki in Euro eintauschen wollen, müssen sie eine fünfprozentige Gebühr zahlen. Um diese zu vermeiden, sind die Betriebe bemüht, ihre Beki bei anderen Betrieben der Region auszugeben. So entsteht ein Kooperationsnetzwerk, in dem einer den anderen stärkt.Der Beki wird von seinen Nutzern herausgegeben, indem sie ihre Euro gegen Beki eintauschen. Über die im System verbleibende Summe bestimmen die Nutzer und unter diesen natürlich vor allem die Unternehmer, die die Beki in Euro zurückwechseln, wenn sie zu viele davon haben. So gibt es nie zu viele Beki im System. Der Beki wird von einem Verein verwaltet, in dem jeder Bürger Mitglied werden kann und in dem die Regeln und Funktionsweisen des Beki demokratisch bestimmt werden.Neben der Geldschöpfung durch die Nutzer, wird beim Beki durch die Rücktauschgebühr eine indirekte Form der Demurrage, also einer Haltegebühr, auch noch Umlaufimpuls genannt, angewendet. Diese erinnert die Betriebe stets daran, ihre Beki möglichst rasch wieder auszugeben, um nicht zu viele davon anzuhäufen und die Gebühr zahlen zu müssen. Denn der Beki muss rollen.
Und theoretisch ist das Modell dadurch auch geeignet, das Problem der Zinsbelastung zu lösen: Unternehmen, welche Beki in Euro tauschen möchten, könnten diese einer Bank geben, welche dann tatsächlich diese Beki als Kredit verleihen könnte.

Der Schuldner müsste diesen Kredit in Euro zurückzahlen. Dabei stellt die fünfprozentige Gebühr die Marge dar: Sagen wir, der Schuldner erhält 1000 Beki und muss 1000 Euro zurückzahlen. Der Kredit wäre zinsfrei, die Bank könnte sich 25 Euro behalten und dem Unternehmen 975 Euro auszahlen, welches dadurch die Umtauschgebühr um die Hälfte verringert hätte. Doch dies bleibt bislang ein Gedankenspiel. Da der Beki das einzige Regionalgeld in Luxemburg ist, wäre es für Banken schwierig ausreichend (hohe) Kredite zu vergeben um die hiermit verbundenen Fixkosten zu decken. Doch anstatt das Experiment Beki zu begrüßen, zu untersuchen und Lehren daraus zu ziehen, möchte der luxemburgische Staat anscheinend am liebsten gar nichts aufkommen lassen, was irgendwie nach Alternative im Bereich des Geldes klingt. So wurde unter anderem den Gemeinden des Kantons Redingen vom Innenministerium verboten, Beki zu akzeptieren mit der Begründung, der Beki sei kein Zahlungsmittel, sondern ein Kredit, eine Forderung auf Euro. In der Konsequenz würde dies natürlich bedeuten, dass Gemeinden (und wohl auch der Staat) ausschließlich Scheine und Münzen annehmen dürften, da das von den Geschäftsbanken per Kredit erschaffene Giralgeld natürlich auch ein Kredit, eine Forderung auf Euro, darstellt. Würde dies von heute auf Morgen umgesetzt, wäre unser Geldsystem wohl spätestens Übermorgen zusammengebrochen.

Aber die Leser dieser Zeilen sollen beruhigt sein: Vor dem Gesetz sind manche gleicher als andere und die Begründung des Innenministeriums gilt nur für den Beki, nicht aber für Banken. Und das zeigt wohl auch, wie weit wir davon entfernt sind, uns mit Alternativen ernsthaft auseinanderzusetzen. Und man braucht sich nicht der Illusion hinzugeben, irgendeine Partei würde sich bei den kommenden Wahlen für eine Änderung des Geldsystems oder zumindest für Parallelwährungen, mit denen man zumindest Teile der Wirtschaft von der Wachstumslogik befreien könnte, einsetzen. Die Wachstumsdebatte kann also kommen: Jeder blamiert sich so gut er kann, und wer am lautesten schreit, hat recht, der Autor dieser Zeilen eingeschlossen.

 

1 Prof. Hans Helmut Kotz, Präsident der Landeszentralbank Niedersachsen (2001)
2 Kang-SoekLeea, Richard A.Werner : Reconsidering Monetary Policy: An Empirical Examination of the Relationship Between Interest Rates and Nominal GDP Growth in the U.S., U.K., Germany and Japan, 2018.
3 Suhr zitiert nach Kennedy, 1995, 83f: Kennedy, Magrit (1995): Frauen tragen die größte Last – Zur Reform der Geld- und Bodenordnung, in: Zukunftsfähige Wirtschaft, Beiträge zur 4. Internationalen Tagung der INWO in Bern 1995, INWO Schweiz 1995
4 http://helmut-creutz.de/pdf/grafiken/e/creutz_059.pdf
Mitchell Innes Alfred, What is MoneyY? The Banking Law Journal, May 1913.

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