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Ein sehr guter Bekannter von mir hatte bei den kürzlich abgehaltenen Gemeindewahlen kandidiert. Es war dies sein erster Auftritt auf der politischen Bühne. Prompt war er denn auch von Forum-Mitarbeitern angemacht worden, seine Erfahrungen während den vier Wochen Wahlkampf schriftlich festzuhalten.

Romain Hoffmann

Mein Freund und Lebensgefährte, auf Anhieb nicht gewählt, hat nach dem Verlust seiner politischen Unschuld keinen Bock mehr auf persönliche Worte. Ich solle doch für ihn einspringen, bat er mich. Hier also, sinngemäß, seine Eindrücke:

  • Politische Beweggrunde für eine Kandidatur sind nicht gefragt. Farbe bekennen, scheint als Gewähr zu reichen.
  • Gruppendynamische Prozesse sind nicht ausgeschlossen.
  • Das Wirtshaus als Zentrum des politischen Geschehens hat sich erneut bewährt.
  • Trinkfestigkeit ist also ein nicht zu unterschätzendes Atout. Gepaart mit Cleverness (z.B. "Mini" trinkenstatt "Fiederweissen"), wird sie gar zur Wunderwaffe.
  • Das Aufstellen eines Wahlprogrammes ist nicht schwer, der Druck etwas teurer und das Austeilen am muhsamsten.
  • Die Wahlsprüche der anderen Listen beleben die Fantasie. Die eigenen tun es (meistens) nicht.
  • Das Wahlvolk seinerseits interessiert sich am meisten für die Fotos der neuen Kandidat(inn)en.
  • Eine Wahlversammlung gilt als erfolgreich, wenn unter mehr Leute sitzen als oben. Es gibt also noch eine Klassengesellschaft!
  • Am besten diskutiert es sich unter Kandidat(inn)en der selbst oder unterschiedlicher Couleur.
  • Wahlkampf ist wie Roulette-Spiel nach dem "rien ne va plus". Oder wie ein Luftballon, der nach Bekanntgabe der Resultate platzt.
  • Es gibt definitiv ein Leben nach dem Wahltag!

So weit, so gut. Eine persönliche Anmerkung sei mir erlaubt. Mir fällt immer öfter auf, wie unsere Politiker allein gelassen werden, wie sie die Suppe auslöf-

feln müssen, die wir ihnen eingebrockt haben. Jeder Berufsstand findet seine Anliegen bei mindestens einer Partei bestens aufgehoben: die Kirchenorgelspieler bei der CSV, die Religionslehrer bei der LSAP, der Mittel-, Hoch- und Kopfstand bei der DP, die Zahnärzte bei den Grünen, sowie eine nicht unwesentliche Zahl anderer bei einer nicht minder großen Zahl anderer: die COPE-Arbeiter bei der KPL, Jhemp Bertrand bei der LP, usw. Usf. Nur die Politiker gehen leer aus. Niemand nimmt sich ihrer an. Deshalb habe ich meinem sehr guten Bekannten die Gründung einer VKP (Vereinte-Kandidaten-Partei) und folgenden Aufruf vorgeschlagen:

"Kandidaten aller Parteien, vereinigt Euch!
Wehrt Euch
gegen den zunehmenden Druck von der Straße,
gegen überflüssige Fragen von eh unmündigen Bürgern,
gegen den Numerus clausus in den Gemeinderäten,
gegen dicke Luft und klares Wasser im Sitzungssaal,
gegen Streß und sexuelle Belästigung am zukünftigen Arbeitsplatz,
gegen die 6-Jahre-Fristenlösung,

gegen die Bevormundung durch den Innenminister, gegen jede ausländische Einmischung.

Kämpft

für die Gleichstellung von Mehrheit und Opposition, für die Herabsetzung Eurer wöchentlicher Arbeitszeit,

für die Fortschreibung Eurer Privilegien,

für die Schaffung redefreier Zonen,

für die Zulassung der Bierdeckel zur Spesenabrechnung,

für die Anerkennung der Wahlgeschenke als "utilité publique",

für gleichen Lohn bei ungleicher Stimmenzahl,

für die Verbesserung Eurer Sitzbedingungen.

Gemeinsam seid Ihr stark!

Verschenkt keine Stimme an andere Listen!"

Mein Freund hat sich Bedenkzeit geben lassen. Ganz Politiker, der er jetzt ist, will er mein Angebot zuerst prüfen (lassen) und sehen, ob es parteipolitisch opportun ist.

Affaire à suivre, donc.

J.P. Boulanger

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