Ereigniskultur, postalisch betrachtet

Kostümierte Heimat. Guy Rewenigs Saarbrücker Glossen (31)

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Kostümierte Heimat

Ereigniskultur, postalisch betrachtet

Guy Rewenigs Saarbrücker Glossen (31)

Am 9. September 1999 wird am Postamt Ulflingen ein Sonderstempel ausgegeben. Liebhaber philatelistischer Besonderheiten haben sich das Datum sicher schon gemerkt. Sie werden keine Strapazen scheuen, um ins kleine Ardennerstädtchen an der Nordspitze des Großherzogtums zu pilgern und sich auf den Tag genau ihren Stempel samt Erstagskuvert abzuholen.

Nun kommt einem natürlich gleich die zentrale Frage in den Sinn: Was passiert am 9. September 1999 Weltbewegendes in Ulflingen? Welches Großereignis möchte die rührige Post mit ihrem Sondereinsatz auf immer und ewig festhalten? Jährt sich im Ardennerwald etwa ein revolutionärer Aufbruch, den es gebührend zu feiern gilt? Gab es in verflossenen Zeiten irgendwann eine spektakuläre Marienerscheinung an einem 9. September? Wurde an diesem Kalendertag einmal irgendein memorabler Sieg davongetragen, kam etwa ein Zeitgenosse zur Welt, der sich in Wort und Tat durch besondere Brillanz auszeichnete? Oder soll die Erinnerung an Furchtbares festgehalten werden, einen gigantischen Blizzard im Altweibersommer zum Beispiel, eine Explosion in der Kleiderfabrik, einen irrsinnigen Verkehrsunfall zwischen sieben erdöltransportierenden Mastodonten?

Weit gefehlt! Die Ulflinger Post hat mit Kommemoration nichts am Hut. Was hier mit einem Sonderstempel weit über die blasse Normalität des Alltags hinausgehoben wird, hat einzig und allein mit dem Datum des 9. September 1999 zu tun. Nicht genug damit, dass sich an diesem Tag die wundervoll magische Zahl Neun-neun-neun-neun ganz von selbst einstellt, das stempellieferende Postamt trägt wundervoll zufällig auch noch die Ordnungsnummer 9900, so dass es hier zu einem echten Jahrtausend-Kumul kommt, nämlich der geradezu unfassbaren Häufung der gleichen Ziffer: abgekürzt setzt

sich das Datum nämlich aus sechsmal 9 zusammen, wenn man die Postamtnummer als logische Beigabe akzeptiert.

Wer dieses umwerfende Ereignis nur oberflächlich interpretiert, wird vielleicht auf den Gedanken kommen, hier seien ein paar Postamte der eigenen amtlichen Zahlenbesessenheit zum Opfer gefallen. Wer tagtäglich immer nur numeriert und kodifiziert, Postleitzahlen kombiniert, Kontonummern exploriert, Briefmarkenpreise addiert, Postpaketversandpreise eruiert, der wird mit der Zeit ungewollt ein Opfer der postalischen Kabbalistik, und kann am Ende die Welt nur mehr mit überdandidelten Zahlenspielereien erfassen.

Das Ulflinger Postamt möchte ein Zeichen setzen wider die garstige Schnelllebigkeit unserer Zeit.

Gehen wir also in die Tiefe und erklären wir, was die wackeren Zahlenjongleure im Ulflinger Postamt mit ihrer Sonderstempelaktion tatsächlich ins öffentliche Bewusstsein stanzen möchten. Das Datum vom 9. September 1999 kommt erwiesenermaßen in einem ganzen, langen Jahrtausend nur genau einmal vor. Allein diese zeitliche Dimension rechtfertigt den Sonderstempel. Das Ulflinger Postamt möchte ein Zeichen setzen wider die garstige Schnelllebigkeit unserer Zeit, es denkt in Jahrtausendkategorien und versetzt so gleichermaßen unserem Wahn, alles immer nur ruckzuck zu konsumieren, einen kräftigen Fußtritt. Ein einziges, nie mehr wiederkehrendes Jahrtausenddatum gegen die Vielzahl beliebiger Daten, die postmoderne Menschen für wichtig erachten, und die doch allesamt nur flüchtige Markierungen ebenso flüchtiger Gelüste und Befriedigungen sind. Dabei beweisen die Ulflinger Postbeam-

ten auch noch einen bewundernswerten Mut zur Abstraktion: indem sie bewusst das konkrete Datengetümmel verlassen und mit einem Datum auftrumpfen, dessen Bedeutung ausschließlich in der eigenen Zahlenkombination liegt und in sonst gar nichts, erteilen sie allen kleinbürgerlichen Terminkalendern, die überlaufen vor wichtigtuerischen Daten, geradezu eine metaphysische Abfuhr.

Sobald wir uns mit der faszinierenden Vielschichtigkeit des Ulflinger Sonderstempels angefreundet haben, sollten wir nicht mehr lange zögern und uns reisebereit machen für den 9. September 1999. Sicher wird die Luxemburger Eisenbahngesellschaft unsere Pilgerfahrt nach Ulflingen großzügig unterstützen und nur Zugwagen mit den Nummern 9 und 99 einsetzen, in denen den Sonderstempelreisenden nur die Plätze 9 oder 99, und bei wirklich sehr langen Wagen, auch die Plätze mit der Nummer 999 angewiesen werden. Zur Stärkung und zur Eindämmung unserer Emotion könnten wir unterwegs genau 9 Bierchen zu uns nehmen, die -wer weiß- an diesem unvergesslichen Tag gewiss zum Sonderpreis von 9,99 Franken das Neuntel angeboten werden. Ideal wäre natürlich, wenn wir am Ulflinger Postschalter um genau 9,09 Uhr vorstellig wurden, und der stempelverabreichende Postbeamte in genau 9 Sekunden sein Werk vollbracht hätte. Jedenfalls wird uns schon gleich am Ulflinger Bahnhof eine grandiose Überraschung erwarten: wir werden herzklopfend nachzählen und feststellen, dass der Name «Ulflingen» aus exakt 9 Buchstaben besteht! Spätestens zu diesem Zeitpunkt sind wir endgültig Teilhaber eines Events von biblischen Ausmaßen geworden. Wäre es nicht jammerschade, wenn eine solche Sensation nicht mindestens mit einem Sonderstempel gewürdigt würde?

SR2 Kultur 30/08/99

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