Erschienen im Selbstverlag

„Ich habe eine Idee, ich mache es selbst.“

Spätestens seit das Internet als Absatzmarkt entdeckt wurde, haben Literaturbetrieb und Literaturmarkt einen grundlegenden strukturellen Wandel erlebt, nicht zuletzt dadurch, dass Produzent und Konsument enger zusammengerückt und z.T. direkt miteinander verbunden sind. Autoren, Künstler und solche, die es werden wollen, müssen längst nicht mehr den umständlichen Umweg über einen Verlag gehen, um veröffentlicht zu werden und potenzielle Leser zu erreichen. Sie stellen ihre Werke direkt ins Netz und generieren über soziale Medien wie Facebook, Youtube, Instagram und Twitter ihre eigenen Leserkreise. Die Entscheidung, was den Leser letztlich erreicht und was nicht, obliegt nicht mehr allein den Kontrollinstanzen des professionellen Literaturbetriebs, sondern immer mehr dem Publikumsgeschmack.

Nichtsdestotrotz ist es für den überwiegenden Teil angehender Autoren immer noch Usus, zunächst die Möglichkeiten des klassischen Verlagsweges auszuloten. Die meisten scheitern aber an dieser Hürde, bevor sie ihr Werk der literarischen Güteprüfung überhaupt unterziehen dürfen, da die Wahrscheinlichkeit bei einem Verlag auch nur in die Vorauswahl zu kommen, sehr gering ist. Hunderte Manuskripte erreichen die Verlage täglich – um den Andrang zu drosseln, weisen bestimmte Verlage schon auf ihrer Internetseite darauf hin, dass unaufgefordert zugesandte Manuskripte ungelesen zurückgeschickt werden. Für Nachwuchs-Autoren ist neben einem festen Stamm an hauseigenen Autoren und strikten Ausrichtungskriterien der Verlage nur wenig Platz im Verlagsprogramm. Selbst ein überdurchschnittlich guter Plot, eine packende Geschichte, handwerkliches Können und stilistische Sicherheit sind noch lange kein Erfolgsgarant. Und genau hier liegt ein weitverbreiteter Irrglaube: Verlage sind keine Institutionen der Literaturförderung, sondern Wirtschaftsunternehmen, die gewinnorientiert arbeiten und eben auch das mögliche Vermarktungspotenzial und die wirtschaftlichen Erfolgsaussichten eines Manuskripts einschätzen und in ihren Auswahlkriterien berücksichtigen müssen. Dabei orientieren sich Verlage und Buchhandlungen an eine genaue Genrezuweisbarkeit – ein weiteres Selektionskriterium, das den Zugang zum konventionellen Literaturmarkt für bestimmte Autor*innen erschwert.

Das Prinzip des Selbstverlages

Digitale Dienstleister bzw. Self-Publish-ing-Plattformen wie Amazon und Books on Demand (BOD)haben hier eine Marktlücke erkannt und genutzt und nicht-professionellen, unabhängigen Autoren neue Wege der Buchherstellung ermöglicht. Ein Luxemburger Autor, der beide Veröffentlichungswege kennt, ist Pierre Heinen.

Seinen Fantasy-Zweiteiler Payla. Die Goldinsel, der an die Werke von J.R.R. Tolkiens The Lord of the Rings und George R. R. Martins A Song of Ice and Fire angelehnt ist, hat er bei Books on Demand im Eigenverlag veröffentlicht – Teil 1 erschien 2009, Teil 2 im Jahr 2014. Zwischen den beiden Eigenprojekten hat Pierre mit seiner Lebensgefährtin Amy Kohn das Prosawerk Codenumm Melusina, ein fiktives und humorvolles Tagebuch aus der Sicht eines der ominösen Bommeleeër, auf traditionellem Wege beim luxemburgischen Verlag Editions Schortgen veröffentlicht. Ende 2017 erschien seine Gedichtsammlung für ewig Frühlingsnacht als reines eBook auf Amazon Kindle Direct Publishing.

Gerade für Autor*innen, die Alternativgenres jenseits kommerzieller Vorlagen bedienen und trotzdem die Wertigkeit eines gedruckten Buches schätzen, ist die Book-on-Demand-Methode („Buch auf Bestellung“) eine inzwischen beliebte Möglichkeit des Eigenverlags. Die Self-publishing-Plattform Books on Demand (BOD) bietet an, digitale Manuskripte drucken zu lassen, Buchdeckel, Bindung und ISBN-Nummer inklusive –
zu einem Basistarif von neunzehn Euro. Ein Mindestpreis des fertigen Buches, der sich aus der Anzahl der Seiten und der gewählten Papierqualität ergibt, wird vom Unternehmen selbst ermittelt. Die Gewinnspanne, die man als Autor auf jedes verkaufte Exemplar erhalten möchte, legt man selbst fest, wobei es laut Pierre Heinen wenig Sinn macht, ein Self-Publishing-Projekt für 30 Euro anzubieten.

BOD heißt aber auch, dass nur produziert wird, was bestellt wird. Wenn also jemand bei Amazon zwei Exemplare bestellt, werden diese hergestellt. Die Vorteile: Unkomplizierte Abläufe, die Möglichkeit in niedriger Stückzahl zu produzieren ohne selbst Lagerbestände verwalten zu müssen, die Aufnahme in den BOD-Shop, in die Online-Buchhandlungen von Amazon, Hugendubel, Thalia usw. sowie in das „Verzeichnis Lieferbarer Bücher“, was die Möglichkeit eröffnet, in jeder Buchhandlung in Deutschland bestellt zu werden. Die Nachteile: Keinerlei inhaltliche und technische Dienstleistung wie Lektorat, Layout- und Buckdeckelgestaltung, Papierauswahl, Marketing und Vertrieb alles Inklusivleistungen klassischer Verlage, die bei BOD zwar angeboten werden, allerdings als Zusatzleistungen mit Extra-kosten verbunden sind. Kurzum: Der Autor ist für sein Produkt selbst verantwortlich, hat komplette Entscheidungsfreiheit, trägt aber auch die alleinige Verantwortung – zum Beispiel für Rechtschreib- oder Tippfehler, der Mindestvoraussetzung für die Qualität eines jeden Buches.

Veröffentlichen ohne Lektorat?

Pierre Heinen hatte für sein erstes selbstpubliziertes Buch Payla. Die Goldinsel (Teil 1) zwar einen Lektor engagiert; das Ergebnis aber war aus seiner Sicht nicht befriedigend. Beim zweiten Buch hat er sich das Honorar gespart und stattdessen eine Schreibsoftware gekauft – für Pierre die zuverlässigere und nachhaltigere Lösung, immerhin könne man diese immer wieder benutzen, so der Fantasy-Autor. Solche und ähnliche Beispiele zeigen das Maß an Eigenverantwortung- und Initiative, die man als Selbstverleger aufbringen muss, denn selbst kostenpflichtige Serviceleistungen der Self-Publishing-Plattformen werden ohne Gewähr angeboten. Ein professionelles Lektorat wäre zwar die richtige Lösung, für einen Selbstverleger mit überschaubarer Auflagenzahl rein wirtschaftlich gesehen aber keine Option.

Viel wichtiger noch als eine Gewinn-Verlust-Rechnung ist es, sich im Vorfeld über alle Möglichkeiten und Anbieter des Selbstverlags gründlich zu informieren, sich mit anderen Self-Publishing-Autoren, ggf. auch Fachleuten des Literaturbereichs auszutauschen, um fragwürdigen Angeboten nicht auf den Leim zu gehen und risikoärmere Alternativen zu identifizieren. Spätestens beim sog. „Druckkostenzuschuss“ sollte jeder Self-Publishing-Anwärter hellhörig werden. Solche Anbieter werden wahrscheinlich auf eine Mindestauflage von mehreren hundert bis tausend Exemplaren bestehen, bevor sie überhaupt in den Druck gehen, freilich ohne Garantie, dass sich jemals auch Abnehmer für die Bücher finden werden. Die Exemplare müssen dann nicht nur vorfinanziert, sondern anschließend auch selbst gelagert werden. Die Wahrscheinlichkeit auf den selbstveröffentlichten Büchern sitzen zu bleiben, ist groß. Ihre Sichtbarkeit tendiert prinzipiell gegen null, da weder Belegexemplare an die Presse geschickt werden, noch das professionelle Feuilleton oder der kommerzielle Buchhandel selbstverlegte Bücher auf Eigeninitiative bestellen und darüber berichten. Das liegt sicherlich auch an den Vorbehalten des konventionellen Literaturbetriebs gegenüber Selbstverlegern, wo sich neben sehr ambitionierten und wohlrecherchierten Werken viele Genreschnellschüsse tummeln. Wie die meisten hat auch Pierre als Hobbyautor angefangen, mal am Wochenende, manchmal abends geschrieben, wann er Zeit und Lust hatte. Ohne Deadline und einem Verlag, der auf ihn wartet, rechnet er mit ein bis zwei Jahren für die Fertigstellung eines Buches, zumindest wenn man das nebenberuflich verfolgt. Gerade für Payla musste er viele historische Recherchen machen, denn die Geschichte sollte in einem frühen, wenn auch fiktiven Mittelalter spielen.

Die Krux mit dem Vertrieb

Seine beiden fertigen Romane sind dann aber erstmal im hauseigenen BOD-Shop erschienen, der zurzeit über 30 000 Titel anbietet. Angesichts dieser Zahlen ist es nahezu unmöglich aus der Masse herauszustechen. Zwar ist BOD regelmäßig auf Buchmessen wie z.B. der Frankfurter Buchmesse vertreten und bietet seinen Autoren gegen eine Gebühr an, ihre Bücher dort vorzustellen – ob sich das für sie lohnt, müssen sie jedoch selbst entscheiden. Dieses eigentlich kaum aufzuholende Defizit gegenüber dem klassischen Buchmarkt versuchen die Selbstverleger in mühsamer Eigeninitiative und aufwendiger Öffentlichkeitsarbeit auszugleichen, die aber oft nicht weit über den Familien- und Freundeskreis und die eigene Facebook- oder Internetseite hinausgehen. Pierre Heinen hat beim ersten Band seines Fantasy-Zweiteilers anfangs noch einige Exemplare an die einheimische Presse geschickt, erhielt darauf aber keinerlei Resonanz und hat dann auch nicht weiter insistiert. Pierre hat jeweils zwischen 50 und 100 Exemplare seines Fantasy-Zweiteilers verkauft – auch wenn der Autor zugibt, nicht sehr viel Zeit in Werbung und Vertrieb gesteckt zu haben. Gerade für den Fantasybereich ergeben sich Gelegenheiten dazu vor allem auf Messen und Conventions wie beispielsweise der Luxcon, dem zentralen Ereignis der Self-Publishing-Szene in Luxemburg. Dort kommen Autoren und Autorinnen aus Luxemburg und der Großregion zusammen und stellen ihre Werke vor. Die Altersspanne der Autoren reicht von etwa 16 bis 60 Jahren, Männer und Frauen sind gleichermaßen vertreten. Pierre Heinen war selbst auch ein paar Mal dort und hat seine Bücher verkauft.

Doch er kennt auch den konventionellen Literaturbetrieb und weiß, dass der Name des Autors, vor allem aber das Genre des Buches nach wie vor eine große Rolle spielen. Eine Erfahrung, die er bei seinem Buch Codenumm Melusina um die Bommeleeër-Thematik machen konnte. Da das Buch während des noch laufenden Prozesses veröffentlicht wurde, war die Aufmerksamkeit der Medien groß – kaum vergleichbar mit der Thematik des Payla-Zweiteilers. Fantasyliteratur im Stile von George R. R. Martin existiere zuhauf, die Bommeleeër-Geschichte aber war eine Thematik, die Luxemburg bewegte.

Pierre Heinen schmiedet mittlerweile Pläne für ein neues Projekt. Es soll ein gesellschaftskritischer Roman mit Luxemburg-Bezug werden, bei dem er wieder den Weg des Selbstverlages gehen möchte. Man habe bei aller Eigenverantwortung trotzdem einfach mehr Freiheiten, so der schreibbegeisterte Autor.

(Mit Pierre Heinen sprachen Samra Cindrak und Yves Steichen)

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