Es regnet hinein ins Escher Schluechthaus
Kulturfabrik
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Route de Luxembourg, Nummer 116. Die doppeltmenschenhohe Mauer entlang, die Öde des abbrökkelnden Gipsbewurfs unterbrochen von einer klaffenden Toröffnung, wie ein versteinertes Gähnen, durch das ich meine Schritte lenke. Ich trete auf Kopf-stein-pflaster, wie schön das klingt.
Im Schatten des überhängenden Daches steht eine Holztür halboffen. Drinnen weiße Leuchten; die
Kabel sind längs der Wände hochgezogen, Nervenstränge auf der Kalkzeichnung des Innenarchitekturhandwerkers. Hier an diesem gelockerten Eisengitter rasselten einst todgeweihte Kälber, dort an dem rostigen Eisenhaken hingen einst grinsende, bluttriefende Schweinsköpfe …
In der Ecke stehen Instrumente, Musikinstrumente, von der bunten Rockgruppe auf der Fiesta gestern
abend. In der Woche lebt hier einer der Sommerkurse, vielleicht das Collageatelier, vielleicht der Kinderzirkus, stelle ich mir vor. Menschen, die nicht nur Zuschauer sein wollen, treffen sich wohl hier, schlechte Kulturkonsumenten. Auch ich verspüre die Lust, selber Neues zu schaffen, zu gestalten. Ich sage mir, daß diese sonderbare Atmosphäre es ausmacht, dieses Gebäude, das halb verfallen ist, aber auch halb unfertig, wartend, zum Träumen und Schaffen einladend. – Pluck! Ich wische mir den Regentropfen von der Nasenspitze und blicke nach oben. Das halbverfallene Dach ist undicht; mit Löchern in der Decke kann man höchstens im Sommer Kurse und Konzerte machen. Materielle Probleme gefährden das Weiterfunktionieren der Kulturfabrik. Es regnet hinein ins Escher Schluechthaus.
Seit Wochen unternehmen es die Leute von der Kulturfabrik (das ist das Kollektiv, das die Gebäude verwaltet), die Öffentlichkeit über die Probleme des Schluechthaus zu informieren. Bisher spektakulärste Aktion am Samstagnachmittag, 15. September, in der Alzettestraße. Es wurden Arbeiten der Sommerkurse gezeigt, der Kinderzirkus trat auf, und es wurden buntbehalte Dachziegel verkauft für über 15000 F, Geld das für die Reparatur der Dächer benutzt wird. Auch eine Unterschriftenaktion läuft, mit der die Kulturfabrik um Sympathie und Unterstützung wirbt.
Zehn Jahre Kultur im Escher Schluechthaus
Was aber ist die Kulturfabrik, was ist ihre Geschichte? Vor 10 Jahren wurde die "Theater GmbH" gegründet, und nachdem Ed Maroldt das "Konzert zum heiligen Ovid" im alten Escher Schlachthof aufgeführt hatte, wählte die Theater GmbH das Gebäude aus zur Inszenierung von "Rosch oder déi lescht Rees" von Nico Helminger und "Ourescleffer" von Guy Rewenig. 1982 interessierten sich andere kulturelle Initiativen für dieses Gebäude, das soviel Atmosphäre ausstrahlt, und es wurde beschlossen, hier eine permanente Kultur-Fabrik einzurichten.
Koordiniert von der "Asbl Kulturfabrik" wurde das alte Gemäuer am Rande der Minettemetropole in den folgenden Jahren zum regelmäßigen Anziehungspunkt der alternativen und lebendigen Kultur in Luxemburg: Produktionen wie "Matzen am Wanter brennt den Älsbierg" (Theater GmbH), "Fräi Nuecht" (Rewenig/Hoffmann), "Gwyncilla" (Andy Bausch) und "Niwwel iwwert der Biscaya" (Rewenig/Kieffer) sind wohl vielen noch in Erinnerung geblieben.
Obwohl die Escher Gemeindeführung diesen dynamischen Initiativen eigentlich hätte wohlwollend gegenüberstehen müssen, zeigte sie eher Unverständnis. Immer wieder wurde das Nutzungsrecht für das Gebäude in Frage gestellt, und zweimal war die Kulturfabrik in ihrer Existenz bedroht. Einmal sollte der Schlachthof öffentlich versteigert werden, das andere Mal an eine Tankstelle mit Garage vermietet werden. Jedesmal setzte sich die Kulturfabrik ener-
eingesch zur Wehr, beispielsweise als sie das Escher Theater besetzte, und unter dem Druck der Öffentlichkeit wurde endlich eine Konvention ausgehandelt.
In den folgenden Jahren gab es weniger Schwierigkeiten; allerdings hat die Gemeinde noch immer keine klare Stellung bezogen FÜR die kulturellen Aktivitäten im Escher Schluechthaus.
Heute ist die Kulturfabrik im Begriff, neu aufzubrechen. Dieses Jahr gab es 10 Sommerkurse mit etwa 120 Teilnehmern, davon 30 Kinder, über eine Dauer von insgesamt drei Wochen. Das zeigt ein großes Interesse der Escher Leute, aber auch von Leuten aus dem ganzen Minett und aus dem ganzen Land, an einer lebendigen, selbstgestalteten, alternativen Art der Kultur.
Ideen, wie man dies ausbauen könnte, gibt es genug; doch mit Ideen allein flickt man keine Dächer und restauriert man keine Häuser. Es müssen endlich die Grundlagen für ein dauerndes Funktionieren unter guten Bedingungen geschaffen werden. Einerseits müssen die Gebäude instandgesetzt und mit Infrastruktur versehen werden. Wenn, wie längst gefordert, das Schluechthaus als "Monument Industriel" klassiert wird, wird die Erhaltung der Gebäude gesetzlich gewährleistet. Andererseits muß endlich ein stabiles Statut und ein definitives Nutzungsrecht für die Kulturfabrik geschaffen werden, in deren Rahmen neue Initiativen sich langfristig engagieren können.
Ein Gesamtkonzept für das Schluechthaus
Nächstes Stichdatum ist der 9./10. November mit dem Hierschfest. Auf dem Programm sind Konzerte und Filme, Ateliers und Ausstellungen, sowie eine Retrospektive über die Geschichte des Schlachthauses. Daneben wird die Kulturfabrik den Entwurf eines Gesamtkonzeptes für das Escher Schluechthaus vorstellen.
Über die dringend notwendigen Reparaturen hinaus sind viele Neuerungen im Gespräch. Es besteht großes Interesse an Kursen das ganze Jahr über, für die es in Esch und auch landesweit viele Interessenten gibt. Verschiedene Künstler würden gerne ein Atelier hier einrichten, und auch die CCI (bekannt durch das Projekt "Jardin de Wiltz"), die geistig Handikapierten helfen, ihre Kreativität zu entdecken, wäre interessiert daran, einen Raum zu übernehmen. Desweiteren wird an eine Wiederaufnahme des Kinobetrie-
9 novembre 18.30 h
Inauguration
Présentation de la maquette du nouveau projet de la Kulturfabrik
Parution de la brochure ‚Bordangs Louis spécial‘
Visite guidée : 10 ans d’activités culturelles Alt Escher Schluechthaus
Vernissage de l’exposition ‚Aus der Küche…‘ installation de Georgette Schosseler
Verre de l’amitié au Foyer du Théâtre
22.00 h
Revival Disco
Entrée 100.— Nuit blanche
10 novembre 15.00 h
Parte ouverte des ateliers : Collage Fotokollektiv Sculpture Coopération CCI Wiltz, etc.
Exposition ‚Aus der Küche…‘
Petite restauration 18.00 h
Exposition 10 ans d’affiches culturelles Kulturfabrik Schluechthaus
Exposition historique L’Ancien Abattoir d’Esch Plans de construction et photos
Films : Courts-métrages de Andy Bausch, Jany Thiltges et Claude Waringo
Videos : Billerfabrik, Jhang Kayser
20.00 h
Concert Waiting for GM
Elvis just left the building
Kwizatz Haderach
Nazz Nazz
Entrée 250.— Nuit blanche
bes gedacht, – in Esch gibt es überhaupt kein Kino mehr. In Verbindung mit dem Theatersaal und dem Konzertsaal sowie einem ebenfalls geplanten Bistro könnte hier ein kultureller und sozialer Knotenpunkt entstehen.
Wahrscheinlich liegt die Zukunft der Escher Kulturfabrik in einer Art autonomen Kulturzentrum mit nationaler Bedeutung, wo verschiedene Bereiche lebendiger Kultur einander begegnen können. Dort könnten so unterschiedliche Aktivitäten wie Erwachsenenbildung und Diskussion gesellschaftlicher Probleme oder Jazzkonzerte und Austausch fremder Kulturen ihr gemeinsames Haus finden.
Klare Unterstützung erwünscht
Der Bedarf an einem solchen Haus ist klar; schließlich gibt es nichts dergleichen im kleinen Großherzogtum. Ideen und Handlungsbereitschaft gibt es ebenfalls zur Genüge. Von den politisch Verantwortlichen allerdings wäre finanzielle, aber auch tatkräftige Unterstützung erwünscht.
Das Kulturministerium hat seine Sympathie zum Ausdruck gebracht; die Kulturfabrik hofft nun auf eine den Bedürfnissen entsprechende Hilfe, sowie die Fürsprache im Sinne einer Klassierung als "Monument Industriel".
Das Verhalten der Escher Gemeindeverantwortli-
chen ist unklar. Man fragt sich, warum gerade die Gemeinde Esch nicht mit Begeisterung diese kulturelle Initiative aufgreift und ausbaut. Noch immer aber wird gemunkelt, die Gemeinde wolle das Schluechthaus stückchenweise verhökern, an Garagen, an Werbefilmfritzen oder an den Cactus. Neuerdings soll sogar die Publiux hier einen Unterstand für ihre landschaftsverschandelnden Stellwände gemietet haben.
Wann wird endlich die seit Jahren von Freiwilligen geleistete kulturelle Arbeit gewürdigt? Mehrere Säle und Gebäude wurden mit Elektrizität, Heizung und notwendiger Einrichtung versehen in jahrelanger Arbeit und auf Kosten der Leute von der Kulturfabrik. Es wäre jetzt wohl an der Gemeinde, dies alles abzusichern. Denn gerade jetzt könnte aus dem alten Gebäude, "in dem im Sommer Kurse und im Winter Konzerte stattfinden" ein permanentes Gesamtkulturzentrum mit größerer Infrastruktur gemacht werden.
Dieser Tage bläst ein kalter Wind durch die Löcher im Dach des Schluechthaus. Viele Stunden am Tag und oft abends bleiben die Mauern leer. Wird dies sich bald ändern? Am 9. und 10. November wird hier ein Vorgeschmack dessen zu atmen sein, was hier entstehen kann.
raym.
Skizze für ein neues Projekt
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