Flucht oder nationale Rettung?

10. Mai 1940: Großherzogin Charlotte und die Regierung gehen ins Exil

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  1. Mai 1940: Großherzogin Charlotte und die Regierung gehen ins Exil

Flucht oder nationale Rettung?

Ein wohl überlegter Plan

In der Nacht vom 9. auf den 10. Mai 1940 verdichteten sich die Informationen, dass der deutsche Angriff im Westen erfolgen würde. So leitete Carlo Turk, die von seinem Gärtner, dem Deutschen Willy Maraun, stammenden Informationen an Außenminister Bech weiter, der an diesem Abend in der französischen Gesandtschaft an einem Essen teilnahm. Gegen 22 Uhr 30 waren der französische und der belgische Gesandte so ins Bild gesetzt und Bech suchte Staatsminister Dupong auf. Beide beschlossen, die übrigen Minister und die Großherzogin zu warnen. Die großherzogliche Familie begab sich daraufhin von Schloss Berg nach der Stadt Luxemburg. Gegen ein Uhr traf sie dort ein und beriet mit Bech und Dupong das weitere Vorgehen. Alle waren sich einig, dass man sich dem Zugriff der Deutschen auf jeden Fall entziehen müsse, am besten durch einen Rückzug in Richtung französische Grenze.

Gegen drei Uhr verließen Major Konsbrück und Prinz Jean sowie die Prinzessinnen Marie-Gabrielle und Alix in einem Wagen die Stadt in Richtung Esch. Kurz nach halb vier setzte sich eine kleine Wagenkolonne bestehend aus drei Wagen mit der Großherzogin Charlotte, dem Prinzen Felix, der Großherzogin-Mutter Marie Anne und ihrem Gefolge in Bewegung in Richtung Rodingen. Dort wollte man abwarten, um sicher zu sein, dass es sich nicht um einen falschen Alarm handelte. Dort wollte man auch

die französische Reaktion auf einen deutschen Angriff abwarten. Sollte der französische Gegenangriff die Deutschen aufhalten, was man hoffte, so würde die Großherzogin sich in Lasauvage in der Villa Libotte niederlassen. Im gegenteiligen Fall könnte sie von Rodingen aus nach Frankreich ins Exil gehen.

Im Allgemeinen war in der Bevölkerung und bei den Regierungsmitgliedern die Überzeugung stark, dass Frankreich einen deutschen Angriff in kürzester Zeit abwehren und die deutschen Truppen aus Luxemburg vertreiben würde. Dass dies den französischen militärischen

Plänen nicht entsprach, war niemandem bekannt.

Vom Gendarmerieposten in Rodingen aus hielt die Großherzogin telefonischen Kontakt mit ihren Ministern in der Hauptstadt. Als sie informiert wurde, dass deutsche Luftlandetruppen (Kommando Hedderich) in den Wiesen bei Niederkerschen gelandet waren, begab sie sich zum Grenzposten von Rodingen. Dort traf sie auf eine ganze Reihe von Persönlichkeiten¹, die in der Zwischenzeit Luxemburg verlassen hatten, um gegebenenfalls nach Frankreich fliehen zu können.

Großherzogin Charlotte vor amerikanischen Journalisten, 1943

Gegen sieben Uhr übermittelte Albert Wehrer 2 der Großherzogin die Erklärung der deutschen Regierung, welche ihm der deutsche Gesandte von Radowitz gegen 6 Uhr überreicht hatte. Etwa eine Dreiviertel Stunde später, als ein Zollbeamter meldete, dass deutsche Truppen von Rodingen aus sich auf den Grenzposten zu bewegten, war die Entscheidung gefallen. Die Großherzogin verließ das luxemburgische Territorium und begab sich nach Frankreich ins Exil. Die Wagenkolonne fuhr über Longwy nach Gorcy, wo die Minister Dupong und Bech, denen die Flucht ebenfalls geglückt war, sie einholten.

Damit war ein wohl überlegter Plan zur erfolgreichen Durchführung gekommen. Die Großherzogin war rechtzeitig gewarnt worden und hatte frühzeitig die Stadt und dann das Land verlassen, um den Deutschen nicht in die Hände zu fallen.

Etwas schwieriger hatte sich die Flucht des Wagens mit Major Konsbrück und den Kindern der großherzoglichen Familie gestaltet. Auf ein Haar wären sie von deutschen Soldaten daran gehindert worden, die französische Grenze noch zu erreichen. Von Esch gelangten sie nach Audun-le-Tiche, wo Minister Bodson zu ihnen stieß. Am Abend erreichten sie dann über Aumetz Ste-Menehoulde, wo sich schon die Großherzogin und die Minister Dupong und Bech befanden.

Die Flucht der Regierungsmitglieder war nicht so reibungslos abgelaufen wie die der Großherzogin. Jeder Minister war auf eigene Faust mit seiner Familie zwischen halb fünf und fünf aufgebrochen. Bech und Dupong waren mit den beiden Regierungswagen mit viel Glück nach Esch gelangt und hatten dort die Grenze überschritten, nachdem sie in Helfenterbrück bis gegen sechs Uhr abgewartet hatten, um sicher zu sein, dass der deutsche Einmarsch erfolgt war. Minister Margue, der nicht über einen eigenen Wagen verfügte, sondern im Taxi flüchtete, wurde schließlich von den Deutschen im belgischen Grenzgebiet überholt und musste nach Luxemburg zurückkehren. Minister Krier gelang es auf abenteuerlichen Umwegen durch Belgien, sich dem deutschen Zugriff zu entziehen und in Paris zu seinen Kollegen zu stoßen.

Paris wurde zur ersten Etappe eines Exils, von dem man aber noch annahm, dass es von kurzer Dauer sein werde. Noch am 10. Mai hatten die luxemburgischen Gesandten in Paris und Brüssel im Auftrag der Regierung ein Hilfeersuchen an Frankreich und Großbritannien gerichtet. Beide Regierungen reagierten positiv auf die luxemburgische Bitte, konnten aber militärisch nichts ausrichten. Die vordringenden deutschen Truppen lösten eine gewaltige Fluchtbewegung der Zivilbevölkerung aus. Etwa 50000 Luxemburger wurden nach Frankreich evakuiert und zogen als Flüchtlinge schließlich bis nach Südfrankreich. Ihre Flucht endete mit der französischen Kapitulation.

Die Enttäuschung vieler Luxemburger über die französische Kapitulation und das Gefühl von der Landesfürstin und der Regierung im Stich gelassen worden zu sein, führten nicht dazu, dass die Handlungen der Großherzogin kritisiert wurden. Man suchte die Verantwortlichen in den Reihen der Regierung.

In Luxemburg selbst richteten die Deutschen eine Militärverwaltung ein, die die von Generalsekretär Wehrer und Regierungsräten gebildete Regierungskommission als Ansprechpartner akzeptierte.

Dennoch wurde Luxemburg ab dem 16. Mai als „feindliches Land“ behandelt und die Regierungskommission zur Verwaltungskommission heruntergestuft.

In den ersten Tagen und Wochen hatte niemand gesicherte Informationen über den Aufenthalt der Großherzogin und der Regierung. Es stand fest, dass sie Luxemburg verlassen hatten, man wußte aber nicht wohin sie sich schließlich begeben hatten. Gerüchte besagten, dass sie in Paris seien, andere meinten die Großherzogin sei in der Schweiz.

Offiziell hieß es: „Unsere Regierung hat sich zeitweilig zur Aufrechterhaltung der Landessouveränität aus der Hauptstadt entfernt.“ 3 In der Sondernummer des Tageblatt vom 10. Mai 1940 heisst es nur lakonisch: „Die großherzogliche Familie hat das Land verlassen.“ 4 Gleichzeitig wurde aber auch als „Berichtigung“ die teilweise falsche Information abgedruckt: „Großherzogin Charlotte soll in Fischbach weilen. Die übrigen Mitglieder der großherzoglichen Familie, Prinz Felix, Erbgroßherzog Jean und die Prinzessinnen haben sich nach Frankreich begeben.“

Zweifel

Unter dem Datum des 16. Mai 1940 wurde noch eine Nummer der kommunistischen „Volksstimme“ gedruckt, die aber wohl nicht mehr erschien. Dort kann man unter dem Zwischentitel: „Was die KPL will“ unter anderem lesen: „… Die geflohene Dynastie und die geflohenen Regierungsmitglieder sind im Zuge dieser Entwicklung [Neuwahlen und Bildung einer wahrhaften Volksregierung] auszubürgern, weil sie als Verräter an Land und Volk gehandelt haben.“ 5

Inwiefern diese Meinungen im Volk wirklich verbreitet waren, ist heute nur schwer festzustellen. Unumstritten ist, dass die Vorbereitungen zur Flucht nur wenigen Betroffenen bekannt waren. Geheimhaltung muss als unerlässliche Bedingung des Erfolges der Flucht angesehen werden. Insofern konnte Wehrer wahrheitsgemäß behaupten, keine schriftlichen Anweisungen der Regierung zu besitzen.

Etwa ab Mitte Juni 1940 finden wir erste Anzeichen für einen Versuch, die Großherzogin zur Rückkehr nach Luxemburg zu bewegen. Wehrer hatte wohl in Gesprächen mit den deutschen Militärs den Eindruck gewonnen, dass diese die Rückkehr der Großherzogin als Voraussetzung für die Erhaltung der luxemburgischen Unabhängigkeit ansahen. Er richtete dann eine entsprechende Anfrage an das Reichsaußenministerium, erhielt aber keine Antwort.

Von Kammerpräsident Reuter ging eine zweite, mit Wehrer nicht abgesprochene

Initiative aus, Kontakt mit der Großherzogin und der Regierung aufzunehmen, mit dem Ziel, sie zur Rückkehr nach Luxemburg zu bewegen. Wehrer wie Reuter machten einen Unterschied zwischen den Handlungen und dem Verhalten der Großherzogin und den Aktionen der Regierung. Reuter forderte sogar die Demission der Regierung, damit in Luxemburg eine verfassungsmäßige neue Regierung gebildet werden könne. Die auf Gerüchten beruhenden Unterstellungen, diese Regierung solle unter Reuters Vorsitz gebildet werden und Erbgroßherzog Jean solle an die Stelle seiner Mutter treten, erwiesen sich als nicht fundiert. Wehrer, wie auch die Abgeordneten, argumentierten in ihren Schreiben an deutsche Stellen, dass „die Großherzogin niemals die Absicht hatte, das Land zu verlassen“. Schnell entstand so die Meinung, dass die Minister, insbesondere Bech, die großherzogliche Familie gezwungen hätten, das Land zu verlas-

sen. Die Enttäuschung vieler Luxemburger über die französische Kapitulation und das Gefühl von der Landesfürstin und der Regierung im Stich gelassen worden zu sein, verstärkten sich zusehends. Dabei fällt auf, dass die Handlungen der Großherzogin nicht kritisiert wurden, man suchte die Verantwortlichen in den Reihen der Regierung.

Die Rechtfertigung

Als die Großherzogin am 5. September ihre erste Rede über die BBC halten konnte, griff sie diese Kritik auf und antwortete darauf.

„Dir wusst we‘ gären ech bei iech bliwe wär, fir mat iech d’Suergen an d’Léd ze délen, de‘ di Deitsch den 10. Mè iwert onst klengt Land bruocht hun.

D’Wuel an d’Zo’konft vum Land hun et ânescht gewollt. Et ass nô länger Iwerléong dat mir ons zu dém Schrött

entschloss hun vun iech fortzegoen. Et wör dät è schwe’ren, mä no’twendege Schrött. An trotzdém ech wëss, dat me‘ we‘ è Letzeburger net domat averstän wor, an trotzdém onse Feind meng Ofwiesenhét vun dohém op all Art a Weis exploite’ert, wor dé Schrött mir nach kén Ableck léd! En huet mir an der Regierung erlåbt, an aller Freihét virun der ganzer Welt, bei allen freien Natio’nen, fir d’Rechter an d’Interessen vun onsem Land anzetrieden.“⁶

Nach 1945 wurde die Exilregierung vielfach kritisiert und attackiert, aber kein Wort der Kritik ging an die Adresse der Großherzogin. Kaum jemand stellte die Entscheidung ins Exil zu gehen in Frage. Alle hatten verstanden, dass nur dort die Unabhängigkeit Luxemburgs erfolgreich verteidigt werden konnte. Nur von London und Montréal aus konnte Luxemburg als Mitglied der Alliierten seine internationale Stellung behaupten.

Die Großherzogin Charlotte wurde schließlich zur Symbolfigur des Widerstandes. Mit dem Ruf „Vive Charlotte“ auf den Lippen starben zahlreiche Resistenzler unter deutschen Kugeln.

Paul Dostert

Chargé de direction du Centre national de Documentation et de Recherche du Conseil national de la Résistance

Weil nicht jeder selbst wählen kann, ist Ihre Entscheidung umso wichtiger.

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¹ Richter Georges Schommer, Advokat Fernand Loesch, Bankier Alfred Lévy.
² Wehrer war Generalsekretär der Regierung und luxemburgischer Gesandter in Berlin.
³ Luxemburger Wort, 10. Mai 1940.
⁴ Tageblatt, 10. Mai 1940: Extrablatt: Zur Lage.
⁵ Die Volksstimme. Wochenblatt für die Interessen des schaffenden Volkes, 6 (1940), Nr. 19, 16. Mai 1940. Das uns vorliegende Exemplar trägt die Spuren des Korrektors und dürfte nie erschienen sein.
⁶ Emile Haag/Emile Krier: La Grande-Duchesse et son Gouvernement pendant la deuxième guerre mondiale. 1940 l’année du dilemme. Luxembourg 1987, p. 248s. Document 44: Allocution de la grande-duchesse Charlotte à la BBC, 5 septembre 1940. Diese Rede wurde viermal am gleichen Tag ausgestrahlt.

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